Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich?
Verhältnismäßig wenig Verstöße werden gegen die Regeln der Kasuslehre begangen; im allgemeinen herrscht eine erfreuliche Sicherheit darüber, welchen Kasus ein Zeitwort oder ein Eigenschaftswort zu sich zu nehmen hat. Bei einer kleinen Anzahl von Zeitwörtern schwankt aber doch der Sprachgebrauch: der eine verbindet sie mit dem Dativ, der andre mit dem Akkusativ. Es sind das namentlich die Zeitwörterheißen,lassen,lehren,angehen,dünken,kostenundnachahmen.
Mit der berüchtigten Berliner Verwechslung vonmirundmichhat dieses Schwanken nichts zu tun,sondern es hängt meist damit zusammen, daß in den Begriff dieser Verba sinnverwandte Zeitwörter hineinspielen, die teils mit dem Dativ, teils mit dem Akkusativ verbunden werden. Aber nur in den seltensten Fällen hat das Schwanken eine Berechtigung. Beinachahmenhandelt sichs eigentlich nicht um ein Schwanken, sondern um zwei verschiedne Bedeutungen des Wortes: es ist ein großer Unterschied, ob man sagt: ich ahmedichnach, oder ich ahmedirnach. Mit dem Akkusativ bedeutet esnachmachen(dich), mit dem Dativnachstreben(dir). Wenn SchülerdemLehrer nachahmen, so kann das sehr lobenswert sein; wenn siedenLehrer nachahmen, so kann ihnen das unter Umständen eine Stunde Karzer eintragen.[112]Schwer ist es, beikosteneine Entscheidung zu treffen;kostenist ein Lehnwort, entstanden aus dem lateinischenconstare. Die Verbindungconstat mihiist aber gar nicht maßgebend, dennkostenist ursprünglich im Sinne vonaufwenden machengebraucht worden. Der Akkusativ überwiegt denn auch in der guten Schriftsprache. Bei allen übrigen der genannten Verba hat der Dativ überhaupt keine Berechtigung. Sätze wie: laßmirdas einmal sehen – das gehtdirnichts an u. ähnl. gehören nur der niedrigsten Volkssprache an.Heißenverträgt den Dativ der Person nur ausnahmsweise: wer hatdir dasgeheißen? (wie: wer hat dir dasgeboten,befohlen,aufgetragen?). Im allgemeinen verlangt es, wielehren, den Akkusativ der Person. Aber gerade fürlehrenundheißenverliert die ganze Frage mehr und mehr an Bedeutung, denn in der lebendigen Sprache werden diese Wörter überhaupt kaum noch in solcher Verbindung gebraucht. In Mitteldeutschland gebraucht das Volklehrenmit einem Akkusativ der Person fast gar nicht mehr, sondern nurlernen; man sagt nicht bloß: wo hast dudas gelernt? sondern auch: wer hatdir das gelernt? Undauch wo man wirklich nochlehrensagt, setzt man doch den Dativ der Person dazu. Bei Uhland heißt es noch richtig und sauber: Wer hatdich solche Streich’gelehrt? Das Volk aber sagt: Ich werdedir Moreslehren. Und in einem Bibelspruche wie: Herr,lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen – wounsnatürlich der Akkusativ ist –, wird es sicherlich jetzt von den meisten als Dativ gefühlt.
Ganz lächerlich ist die Unsicherheit und der Streit darüber, ob es heißen müsse: ichversichre diroder: ichversichre dich, der Hutkleidet dich, oder: erkleidet dir, eslohnt der Müheoder: eslohnt die Mühe.Versichernist unzweifelhaft ein transitives Zeitwort; man versichert sein Leben, seinen Hausrat, seine Ernte. Man kann auch sagen: ichversichre dichmeiner Freundschaft (Goethe: ich fahre fort,dichmeiner Liebe zuversichern), wiewohl das schon etwas gesucht klingt. Aber zu sagen: ichversichre dich, daßich nichts davon gewußt habe – und das für richtig zu halten oder gar zu verteidigen, kann doch nur einem Sophisten einfallen oder einem Menschen, der wirklich –mirundmichnicht unterscheiden kann. Daß es schon im achtzehnten Jahrhundert so vorkommt, hat gar nichts zu sagen; der Akkusativ ist eben vernünftigerweise mehr und mehr gewichen. Wenn aufversichernein Objektsatz folgt, so ist doch der Inhalt dieses Satzes das Objekt der Versicherung; diese Versicherung aber gebe ich nichtdich, sondern gebe siedir.Versicherntritt dann vollständig in eine Reihe mitbeteuern,erklären,sagen,melden,mitteilen,berichten,[113]lauter Zeitwörtern, die mit dem Dativ der Person und einem Objekt der Sache verbunden werden. Im Passivum fällt es gar niemand ein zu sagen:ich bin versichertworden, daß, sondern jeder sagt:mir ist versichert worden, daß. Also kann auch im Aktivum das richtige nur sein:ich versichre dir, daßich nichts davon gewußt habe. Wenn neuerdings namentlich in Kreisen, die für vornehm gelten möchten, mit einer gewissen Absichtlichkeit wieder der Akkusativ gebraucht wird (ich versichreSie), so ist das eine Modedummheit, durch die sich der gesunde Menschenverstand und ein natürliches Sprachgefühl nicht werden irremachen lassen.
Kleidenmit dem Dativ zu verbinden wäre keinem Menschen eingefallen, wenn nicht die sinnverwandten intransitiven Zeitwörterpassen,sitzenundstehendazu verführt hätten. Weil man sagt: der Hutpaßt dir,sitzt dir,steht dir, so sagte man auch: erkleidet dir. Richtig ist natürlich nur: erkleidet dich.
In der Redensart: eslohnt der Mühe(oder: es lohnt nicht der Mühe) istder Mühegar nicht der Dativ, sondern der Genitiv (statt:fürdie Mühe,wegender Mühe). Die Redensart hat etwa denselben Sinn wie: es istder Mühe wert(oder: es ist nicht der Mühe wert). Zu sagen: eslohntnichtdie Mühe– ist also nichts als eine Ausweichung aus Unwissenheit.
Ganz unsinnig wird jetzt die Redensartsich Rats erholengebraucht, z. B. dort kannst dudiram bestenRats erholen! Dassichin dieser Redensart ist ebenfalls nicht der Dativ, sondern der Akkusativ,Ratsein frei angeschlossener Genitiv; es heißt: icherhole mich Rates. Noch Benedix schreibt 1866 in den Zärtlichen Verwandten richtig: bei mir allein mußt dudich Rats erholen. Der Fehler wird auch nicht besser, wenn man stattRatssagtRat: in Einzelheitenerholte ich mir Ratbei besonders sachkundigen Personen, denn dann hat daserholen gar keinen Sinn mehr; es genügt dann, zu sagen:hole dirbei mirRat, so gut wie: hole dir bei mir Geld. Wenn man die Redensart nicht mehr versteht und nicht mehr richtig anzuwenden weiß, warum gebraucht man sie dann noch? (Vgl. auchdünkenS. 53.)
Ein süddeutscher Provinzialismus ist es,verdenkenso wiebeneidenzu verbinden: wer kannihn darumverdenken? In gutem Deutsch wird es verbunden wieverargen,verübeln: ich kanndir dasnichtverdenken.