Vorwort.

Vorwort.

Ihr lieben jungen Leser alle!

Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr sicher in recht stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein scharen werdet, ein wenig auf diese Bekanntschaft vorbereiten darf. Verständige Knaben und sinnige Mädchen wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht davonlaufen, nicht wahr?!

Mein Erstes sei, Euch – soweit Ihr's schon verstehen könnt – auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht dies Büchlein zustande gekommen ist; wollen Eure Eltern sich auch ein wenig heransetzen und mit zuhören, so ist mir's um so lieber.

Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß im Einverständnis mit den übrigen deutschen Prüfungsausschüssen und mit vielen andern Männern und Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut meinen, Umschau unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren Schönheit auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben gar kostbare Stücke der Art gefunden, ja, manch Eines sieht aus, als sei es eigens für Kindeshand und Kindesherz erschaffen. Da halten wir es nun nicht nur für eine unsererschönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst bequem zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu eine unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, Euch wenigstens ahnen zu lassen, um welch große Sache es sich dabei handelt. – Ein Bild muß mir helfen:

Siehst Du dort den kühnen Reiter?! – – Ob er seine edle Kunst wohl einst auf hölzernem Kinderpferdchen erlernt hat?! – – Du lachst mir hell ins Gesicht! – Auf ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein Vater gesetzt! nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! – behüte! es that's doch sein Vater! – Aber lebendig war's! und der Knirps hat gejauchzt in hellem Vergnügen! – – Aber schon derKnabemerkte bald, daß das Reiten eine gar ernsthafte Lust sei, die mit ernster, fleißiger Übung erkauft sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute demManne, der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog, mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser Herz höher schlagen fühlten. Was meinst Du?derwürde sich doch wohl um keinen Preis auf einen elenden Droschkengaul setzen?!! –

Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß Du mich verstehst! – Wohlerfahrene Männer führen Klage, daß große Kreise unseres Volkes die Lust an seinen Dichtern verlernt haben, daß unabsehbar Viele an elendem Zeug, das sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß sie an dem wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß unsere Jugend, zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so helläugig anblickt, dereinst nicht solchem Irrtum verfalle. Wir meinen, daß auch die rechte Freude am Kunstwerk eine »ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will, und darummöchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir wollen Euch dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten Jugendschriften entrücken und Euch vor echte Kunstwerke stellen und Euch aufgeben: Genießet sie mit ernsthafter Freude! – Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch Euch einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch Ihr Euch vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt habt das Schöne zu schätzen! –

Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's »Pole Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher Absicht folgt als diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. Der Dichter und sein Verleger – das ist jener Mann, der eines Schriftstellers Werk als Buch herrichten läßt und dieses in die Welt hinaus sendet – sind in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf unsere Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen die Auswahl freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt nach unsrer und zu Eurer Herzenslust. Wir waren dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den vielen Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr gehören, in denen der Dichter aus seiner eignen Kindheit, aus seiner geliebten Waldheimat erzählt.

Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, das Ihr in der Hand haltet, zustande gekommen ist, und ich könnte nun von Euch Abschied nehmen, müßte ich nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die ich Euch gestellt, in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht gemerkt! –Genieße diese kleinen Kunstwerke mit ernsthafter Freude!so heißt Deine Aufgabe. – O, habkeine Angst: das Reiten zu erlernen ist viel, viel schwerer! – Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:

Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich schon manches Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt wohl, in einer Angst und Hast hin zum Ende! und dann womöglich gleich noch ein zweites! und ein drittes! – Nein, nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig, als ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, so bitte Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, daß Eins von ihnen Dir die eine oder andere vorlese; dann wirst Du merken, wie Du selbst Dir die übrigen vorlesen mußt.

Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn Du mit der letzten Geschichte zuende bist, wieder die erste aufschlägst und gewahr wirst, wie Dir jede nun noch viel besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat Dich Deine Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich jetzt hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und in das Empfinden des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird Dir gar sein, als wärest Du selbst der kleine Peter Rosegger.Das, mein braver Junge! mein liebes Mädchen! das ist der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! – Wenn Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben – in diesem AugenblickDeineWelt! – immer klarer und greifbarer sich vor Dir ausbreiten siehst: das Haus, den Wald, die Berge, die Thalweide …; wenn Du jetzt die Menschen in dieser Welt – in diesem AugenblickDeineLieben,DeineBekannten! – leibhaftig um Dich wandeln siehst: den Vater, die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, den Meisensepp, die Drachenbinderin und ihren Knecht …; wenn Dir jetztDeinHerz zuckt, als hörtest DuDeinenVater aufschluchzen umDich, als lägestDu selbstin bittrer Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz, dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe erfüllt, und Du hast davon keine Mühe, sondern nur edle Freude gehabt! Dann wirst Du denkleinenPeter ins Herz geschlossen haben, wie ich dengroßen, und ihm aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt Dir und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:

»Grüß Gott!«

Hamburg, im Oktober 1899.

Im Auftrage des HamburgerPrüfungsausschusses für Jugendschriften.

W. Lottig.


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