Chapter 2

Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (ZuSeite 30.)

Abb. 20. Der nördliche Kreuzarm des Mainzer Domes. (ZuSeite 30.)

Frankfurts Lage.

Unter den oberrheinischen Städten, die die Wiege großer Zeitereignisse waren und in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielten, ragen noch heute besonders zwei hervor: Frankfurt am Main und Mainz. Zwar liegt Frankfurt, wo wir unsere Wanderungen durch das Land am Rhein beginnen wollen, abseits von diesem Strome. Aber an allen Vorteilen, die derselbe als Völkerstraße darbietet, hat die Stadt teilnehmen können, und so kann sie doch, obschon nur am Unterlaufe eines bedeutenden Nebenflusses, des Mains, gelegen, als eine Rheinstadt gelten. Die eigentliche Fortsetzung des großen Grabens der Oberrheinischen Tiefebene, dem der Rheinstrom folgt, bildet nicht das enge Rheintal, sondern die fruchtbare Landschaft der Wetterau, die sich nördlich von Frankfurt ausdehnt. Von dort aus öffnen sich bequeme Verbindungen nach Norden nach dem Hessenlande und nach Nordosten nach Thüringen hin und dadurch nach dem nördlichen und nordöstlichen Deutschland. So bildet Frankfurt die Brücke vom Rhein, der großen Verkehrsader des südwestlichen Deutschland, zu dem übrigen Deutschland, und dieser wichtigen Lage verdankt es die hervorragende Rolle, die es in der Vergangenheit spielen konnte und auch in der Gegenwart auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs zu behaupten vermag. Durch diese Gunst übertrifft seine Lage selbst die des benachbarten Mainz, das von der von Süden nach Norden laufenden Verkehrsstraße durch den Rheinstrom getrennt ist. Warum gerade die durch Frankfurts Lage bezeichnete Stelle am Main für eine Niederlassung bevorzugt wurde, lag in örtlichen geographischen Verhältnissen begründet. Es war nicht bloß das zufällige Vorhandensein einer Furt, die der Stadt den Namen „Villa Franconofurd“: Furt der Franken gab, entscheidend. Ausläufer des Vogelsberges, die nur bei Frankfurt bis an den Main heranstreichen, und eine kleine Bodenerhebung auf dem linken Mainufer sicherten auch eine bequeme Benutzungdieser Furt, während an anderen Flußstellen ein mehr oder weniger breites Überschwemmungsgebiet Hindernisse bereitete. Am Mainufer, von wo aus Frankfurt noch immer sein eigenartigstes Gesamtbild (Abb. 4) mit den beiderseitigen Gebäudereihen, mit dem stattlichen, alles überragenden Dom und den niedrig den Fluß überspannenden Brücken entfaltet, wird uns die Situation, die die Gründung der Niederlassung veranlaßte, klar. Recht bedeutend senken sich von der verkehrreichen Zeil aus die zum Main hinführenden, meist sehr engen Gäßchen. In dem Flusse aber schwimmen noch heute mehrere kleine Inseln, auf denen jetzt die alte Mainbrücke ruht, die Furtstelle bezeichnend, wo die fränkischen Heere den Main zu überschreiten pflegten. Die königliche Pfalz, die in der Frankenzeit zu Frankfurt errichtet wurde, wird zuerst im Jahre 793 als Winteraufenthalt Karls des Großen erwähnt. Ludwig der Fromme ließ daselbst 822 eine neue Kaiserpfalz,aula regia, erbauen, vermutlich an der Stelle, die jetzt der sog. Saalhof einnimmt. Dadurch wuchs das Ansehen der Stadt bedeutend, 876, beim Tode Ludwigs des Deutschen, galt sie als Hauptstadt des ostfränkischen Reiches. Von der fränkischen Zeit an wurden in Frankfurt die deutschen Kaiser gewählt, und die Goldene Bulle KarlsIV.bestimmte, daß die Bartholomäuskirche, d. i. der Dom, als Wahlstätte dienen sollte. Später mußte auch Aachen seinen Rang als Krönungsstadt an Frankfurt abtreten. So wurde die freie Reichsstadt, die durch Messen zugleich als Handelsplatz mächtig aufblühte, die wichtigste Stadt im Deutschen Reiche, der erst später Wien als ständiger Kaisersitz den Rang ablief (Abb. 3).

Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (ZuSeite 31.)

Abb. 21. Gutenberg-Denkmal in Mainz. (ZuSeite 31.)

Frankfurts Vergangenheit.

Wir begrüßen es dankbar, daß Frankfurt die Stätten der Erinnerung an seine frühere Größe und Bedeutung so treu bewahrt hat, daß wir heute noch aus dem Kaisersaal (Abb. 5) auf den Römerberg, den wichtigsten Platz im alten Stadtteil, hinabschauen können, wie es der neugewählte Kaiser tat, wenn er sich nach beendetem Festmahl auf dem Balkon der festlich versammelten Volksmenge zeigte. In dem angrenzenden Wahlzimmer, das die Kurfürsten zu ihren Vorberatungen benutzten, während der eigentliche Wahlakt in der Wahlkapelle des Domes stattfand, hält noch heute der Magistrat der Stadt Frankfurt seine Sitzungen ab. Der Kaisersaal wurde 1411 vollendet und 1838 bis 1853 neu hergestellt. Er ist mit dem überlebensgroßen Bilde Karls des Großen, den Brustbildern der übrigen Karolinger und den großen Kaiserbildern von KonradI.(911 bis 918) bis FranzII.(1792 bis 1806), mit dem die Herrlichkeit des alten DeutschenReiches aufhörte, geschmückt. Das Wahlzimmer wurde 1731 bis 1732 umgebaut. 1896 bis 1898 wurde das Haus zum Römer (Abb. 6), das diese historisch denkwürdigen Räume enthält, nebst zwei angrenzenden Häusern mit einer neuen, etwas zu gleichartigen spätgotischen Fassade in hoher Giebelform versehen. Die drei Häuser liegen in einer Gruppe von zwölf Häusern, die man heute insgesamt mit dem Namen „Römer“ zu bezeichnen pflegt. Von den übrigen, zum Teil sehr eigenartigen Gebäuden verdienen besonders das Haus Frauenstein, das eine bemalte Fassade im Stil des achtzehnten Jahrhunderts hat, und das neben ihm an der Ecke der Wedelgasse gelegene Salzhaus (Abb. 7), dessen schmaler Giebel ganz aus Holz geschnitzt ist, genannt zu werden. Vom Römerberg, auf dem, wohl auf die Kaiserwahl hindeutend, der Justitiabrunnen steht, lenken wir unsere Schritte durch eine Straße, die den Namen Markt führt, zum Dom hin. Es ist ein historischer Weg, den wir schreiten. Im Geiste sehen wir den Zug der Kurfürsten sich zur Wahlkapelle im Dom bewegen und grüßen den neuen Kaiser, dem die festliche Menge zujubelte. Dieses Zurückschweifen in vergangene Zeiten wird uns leicht, ja zum Bedürfnis beim Anblick der altertümlichen Häuser, die links und rechts vom Markt noch stehen blieben als stumme Zeugen jener Geschehnisse, dort rechts das Eckhaus „Zum großen Engel“, das aus dem Jahr 1562 stammt und halb im gotischen, halb im Renaissancestil erbaut ist, links ein burgartiges Gebäude, genannt das „Steinerne Haus“, das schon 1464 errichtet wurde und mit Fries, Ecktürmchen und Madonnenstatue geschmückt ist, dann wieder rechts der Tuchgaden, wo die Frankfurter Metzgerzunft, alter Überlieferung gemäß, dem nach der Krönung vorüberziehenden Kaiser den Ehrentrunk darbringen durfte.

Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (ZuSeite 31.)

Abb. 22. Haus „zum Boderam“ am Markt in Mainz. (ZuSeite 31.)

Frankfurt.

An dem Dome (Abb. 8) fällt uns besonders das unverhältnismäßig weit vorstehende Querschiff auf. Das kurze, dreischiffige Langhaus, ein gotischer Hallenbau, stammt aus den Jahren 1235 bis 1239. Die übrigen Teile des Bauwerks sind alle jünger, meist aber, wie auch das Langhaus selbst, Erneuerungsbauten älterer Gebäudeteile. Schon 870 ließ Ludwig der Deutsche an derselben Stelle eine Kirche, die er als Salvatorkirche weihen ließ, erbauen. Dieselbe wurde 1239 nach dem Umbau, von dem das Burghaus herrührt, dem heiligen Bartholomäus geweiht. Die Wahlkapelle stammt aus dem Jahre 1355. Am 15. August 1867 wurde der Dom durch Feuer stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung erhielt auch der bis dahin unvollendete Turm seine eigenartige Bekrönung, eine achtseitige Kuppel,die in eine Spitze ausläuft, wie es ein alter Entwurf zeigte.

Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (ZuSeite 32.)

Abb. 23. Gymnasium in Mainz. (ZuSeite 32.)

Beim Anblick dieser alten Gebäude in der enggebauten Altstadt kommt uns deutlich zum Bewußtsein, was Frankfurt in politischer Hinsicht dem früheren Deutschen Reiche gewesen ist. Die Stadt, die die deutschen Kaiser aus ihren Mauern hervorgehen sah, schenkte dem deutschen Volke auch den größten Dichter. Im „Großen Hirschgraben“ steht, vom Roßmarkt schnell zu erreichen, das Goethehaus (Abb. 9). Es ist ein für frühere Zeiten stattliches Gebäude, aus dem Erdgeschoß, zwei etwas vorgebauten Stockwerken und einem aufgesetzten Giebelhaus bestehend. Tausende Besucher aus allen Ländern der Erde durchwandern alljährlich diese durch einen großen Geist geweihten Räume, in denen der Dichter seine glückliche Jugendzeit verlebte und die ersten Werke schuf, die ihn so früh berühmt machten. Aus „Dichtung und Wahrheit“ sind wir mit den inneren Räumen schon ziemlich vertraut. Es ist das Verdienst des „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen Vereinigung, daß das denkwürdige Haus uns als ein deutsches Nationalheiligtum erhalten blieb. Dasselbe wurde seit seiner Neugestaltung im Jahre 1884 stilgemäß wie zu Goethes Jugendzeit wieder eingerichtet. Alles heimelt uns so merkwürdig an. Nun erst glauben wir dem großen Dichter näher zu sein. Wir schauen in das Antlitz des strengen Vaters und der ebenso lebensfrohen als lebensklugen Mutter, der Frau Rat, aus deren Munde wir die Worte zu vernehmen glauben, „daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechtes sie auch gewesen sei“. Sie war der gute Schutzgeist des Goetheschen Hauses. Es war ein schöner Gedanke, der bei den großen Festlichkeiten, die bei Gelegenheit des 150. Geburtstages des Dichters veranstaltet wurden, auftauchte, auch der herrlichen „Frau Rat“ ein Denkmal zu setzen, nachdem ihrem großen Sohne auf dem benachbarten Goetheplatze schon 1844 ein solches (Abb. 10) errichtet worden war. Die Frankfurter Bürgerinnen, die deutschen Frauen griffen ihn mit Begeisterung auf, im stillen flossen die Mittel und bald kann an seine Verwirklichung gedacht werden. Durch eine solche Ehrung wird sich die deutsche Frauenwelt selbst ein Denkmal setzen. Wenn wir den Hof des Goethehauses durchschreiten, gelangen wir zu einem Neubau, in dem 1897 das Goethemuseum eröffnet wurde.

Das neuere Frankfurt blüht mächtig wieder auf. Die letzte Volkszählung ergab eine Bevölkerung von rund340000 Einwohnern. Noch immer ist dieStadt einer der bedeutendsten Handelsplätze Deutschlands, besonders ein wichtiger Geldmarkt (Abb. 11). Ein lebhafter Verkehr flutet durch die Zeil, die Hauptgeschäftsstraße Frankfurts, und prächtige Schauläden locken unsere Augen. Die Fortsetzung der Zeil bildet nach der einen Seite hin die Neue Zeil, nach der anderen, vom Roßmarkt ab, die schöne Kaiserstraße, die zum Hauptbahnhofe hinführt. Prächtig sind auch die Anlagen, die an Stelle der früheren Festungswerke getreten sind. Ihnen folgend, gelangen wir an dem schönen Eschenheimer Turm (Abb. 12) vorbei zu dem großartigen Opernhause (Abb. 13). Mehr lockt den Fremden wohl noch der berühmte Palmengarten (Abb. 14), der weiter außerhalb seitwärts von der Bockenheimer Landstraße liegt. Hinter dem großen, am Eingang gelegenen Blumenparterre, auf dem vom zeitigen Frühjahr an bis in den späten Herbst hinein ein ununterbrochener Blumenflor in kunstreichen Zeichnungen und vielfarbigen Mustern einen entzückenden Anblick darbietet, erhebt sich das im Jahre 1879 in deutschem Renaissancestil erbaute Gesellschaftshaus, in dem täglich zweimal Konzerte der Palmengarten-Kapelle stattfinden. Unmittelbar an das Gesellschaftshaus, nur durch große Glasscheiben getrennt, schließt sich das Palmenhaus (Abb. 15) an. Eine ideal aufgebaute tropische Landschaft zeigt sich unserem überraschten Auge. Wir bewundern die stolzen Palmen, die malerisch hängenden Farnkräuter und nicht weniger den so frischgrünen eigenartigen Rasen. Wenn sich das abendliche Halbdunkel in diesen seltsamen Raum schleicht, so fühlen wir uns, traumverloren auf einer Bank sitzend, in eine andere Welt versetzt, in die bisher nur die Phantasie uns trug. Plötzlich zuckt das elektrische Licht hell auf, und ein neuer magischer Zauber durchdringt den Raum. Seltsam stehen die Pflanzengestalten da, und eigenartige Schattenbilder decken den Boden. Dieser Tropentraum ist mit das Schönste, das Frankfurt uns mitgibt auf den weiteren Reiseweg.

Abb. 24. Kreuzaltar in der Peterskirche zu Mainz. (ZuSeite 32.)

Abb. 24. Kreuzaltar in der Peterskirche zu Mainz. (ZuSeite 32.)

Mainz.

Wo der Main in den Rhein einmündet, an der Innenseite des Knies, das letzterer an dieser Stelle macht, liegt die alte Stadt Mainz. Ihr Gesamtbild (Abb. 18) und die Eigenart und Wichtigkeit ihrer Lage überschauen und erkennen wir am besten, wenn wir auf der stattlichen, schönen Rheinbrückestehen, die nach dem gegenüberliegenden Kastell hinführt. Unter uns rauschen die Wogen des majestätischen Stroms, der soeben seine Vereinigung mit seinem bedeutendsten Nebenflusse vollzogen hat. Noch hat sich ihr Wasser nicht vermischt. Neben dem grünen Rheinwasser ziehen die dunklen Fluten des Mains dahin. Erst wo der Rhein am Binger Loch sich in ein enges Felsenbett zusammendrängen muß, findet die eigentliche Vermählung der beiden Gewässer statt. In herrlicher Lage steigt vor uns das Häuserbild von Mainz, mit der großen Stadthalle im Vordergrund, auf. Majestätisch, mit beherrschender Hoheit, reckt sich der Dom aus ihm hervor. Heller Sonnenglanz liegt auf den Dächern und Türmen der Stadt, auf der weiten Ebene, die rings sich ausdehnt, und auf den grünen Gehängen des Taunus, dessen Höhen im Nordwesten emporsteigen, und das ganze Bild mit Häusern, Türmen, Rebengehängen, Brücken und Schiffen spiegelt sich in den breiten Wasserflächen der beiden Ströme, über deren leicht bewegte Wellen überall ein helles Glitzern huscht. Das ist das „Goldene Mainz“, das in der Römerzeit und im Mittelalter so glanzvoll strahlte, und das nach seinem Niedergange auch in der Gegenwart neuen Glanz zu entfalten beginnt.

Abb. 25. Homburg vor der Höhe. Gesamtblick von der Ellerhöhe aus gesehen.Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft in Steglitz-Berlin. (ZuSeite 35.)

Abb. 25. Homburg vor der Höhe. Gesamtblick von der Ellerhöhe aus gesehen.Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft in Steglitz-Berlin. (ZuSeite 35.)

In der Römerzeit hatte Mainz fast noch eine größere Bedeutung als Köln. Es konnte wie dieses sich nähren von einer fruchtbaren Umgebung, es beherrschte weithin nicht bloß das Rheintal, sondern auch das Maintal, und ein wichtiger Punkt war es ferner deshalb, weil es ziemlich in der Mitte der langen römisch-germanischen Grenzlinie, wo die beiden Schenkel derselben in einem stumpfen Winkel zusammenstießen, lag und einen starken Stützpunkt darstellte, der vor Angriffen durch zwei breite Stromläufe geschützt war. Bereits die Kelten hatten die Wichtigkeit dieser Lage erkannt, und eine größere keltische Niederlassung bestand schon, als Drusus daselbst ein stehendes Winterlager errichtete. Diese römische Festung war eine der größten am Rhein. Sie faßte zwei Legionen, also, wenn wir die Auxiliartruppen hinzurechnen, eine Truppenzahl von etwa20000 Mann.Moguntiacumscheint das Hauptquartier des Drusus gewesen zu sein. Denn die römischen Soldaten setzten daselbst ihrem geliebten Feldherrn ein Denkmal, das in den Urkunden Drusilek, im Volksmunde aber Eigelstein genannt wird. Noch ragt die kegelförmige Ruine dieses Römerdenkmals auf der Zitadelleempor. Vor demselben fand in römischer Zeit alljährlich als Totenfeier eine Leichenparade statt. In der Nähe steht noch ein anderes Denkmal, der Ehrenbogen, der dem Germanicus (gest. 19 n. Chr.), dem Sohn des Drusus, errichtet wurde.

Abb. 26. Das Schloß zu Homburg vor der Höhe.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 35.)

Abb. 26. Das Schloß zu Homburg vor der Höhe.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 35.)

Abb. 27. Das Saalburg-Kastell. Wiederaufgebaut. Porta Praetoria. (ZuSeite 36.)

Abb. 27. Das Saalburg-Kastell. Wiederaufgebaut. Porta Praetoria. (ZuSeite 36.)

Eine bedeutende römische Ansiedelung konnteMoguntiacumerst werden, als die römische Grenzlinie nach der Eroberung des Taunuslandes weiter nach Norden vorgeschoben wurde und die Stadt nunmehr auch die nötige Sicherheit und Ruhe für andere Ansiedler bot. Die Erbauung desCastellum Mattiacumauf der rechten Seite an der Stelle, wo heute Kastel liegt, rückte Mainz in die zweite, ja nach Errichtung des Limes oder Pfahlgrabens (vgl. eine spätere Stelle in diesem Abschnitt) sogar in die dritte Verteidigungslinie. Über den Rhein wurde eine feste Brücke geschlagen, deren steinerne Pfeiler auf einem Pfahlrost ruhten und eine hölzerne Brückenbahn trugen. Als im Jahr 1880 an der nämlichen Stelle der Bau der neuen festen Rheinbrücke begonnen wurde, stieß man auf die Eichenpfähle, die von den Römern in den Strom gesenkt worden waren. Es war ein glücklicher Gedanke, aus diesen Resten ein geschichtliches Andenken zu gestalten. Es wurde aus ihnen ein Pfeiler der alten Römerbrücke rekonstruiert, der im Hofe des erzbischöflichen Schlosses Aufstellung fand. Nach Fundstücken konnte auch festgestellt werden, daß das großartige Bauwerk während der Regierungszeit des Kaisers Domitian um das Jahr 89 n. Chr., und zwar durch die vierzehnte und zweiundzwanzigste Legion aufgeführt wurde. Als im dritten Jahrhundert die germanischen Stämme der Alemannen und Franken ihre verheerenden Einfälle in das Römergebiet unternahmen, wurde die Brücke zum Schutze der Stadt Mainzzum Teil abgebrochen. Unter Diokletian fand aber ihre Wiederherstellung statt. Ihre endgültige Zerstörung fällt wohl in die Zeit nach Valentinian.

Abb. 28. Nauheim.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 28. Nauheim.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 29. Kronberg.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 29. Kronberg.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Mainz war Sitz des römischen Statthalters von Obergermanien und daher auch der Verwaltung mit zahlreichen Beamten. Die Zivilisten, die Händler und der Troß des Heeres wohnten vor der Stadt. Auch die entlassenen Soldaten, die sog. Veteranen, schlugen daselbst ihr Heim auf, nachdem sie sich mit eingeborenen Frauen verheiratet hatten. Die Kolonie, die auf diese Weise heranwuchs, erhielt erst unter Diokletian, nach 293, Stadtrechte und ward von da abCivitasgenannt.

Abb. 30. Friedberg.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 30. Friedberg.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

So fluten die Erzählungen der ältesten Geschichte von Mainz durch unsern Geist, wie dort unten die Wogen des Stromes sich drängen, die da kommen und gehen und keine dauernde Gestalt annehmen, oder wie die Rheinnebel aus dem Strome aufsteigen, die den Glanz des Goldenen Mainz verdunkeln wollen. Vierhundert Jahre dauerte die Herrlichkeit der Römerherrschaft, dauerte auch die Herrlichkeit des römischen Mainz. Die über den Limes, über den Rhein drängenden Germanen legten es in Trümmer. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht dann das Mainz des Mittelalters, fast glänzender noch als das der Römerzeit, auf. Zwar melden glaubwürdige Nachrichten, daß die Anfänge des Christentums bis ins vierte Jahrhundert, bis zum Jahre 368 zurückreichen. Aber erst im achten Jahrhundert gewann das christliche Mainz wieder eine beherrschende Stellung in der neu sich bildenden Kulturwelt. Der heilige Bonifatius (Winfried, gest. 755) erhob das dortige Bistum zu einem Erzbistum und verlieh dem neuen Erzbischof zugleich das Primat über ganz Deutschland. Durch das ganze Mittelalter hindurch behielt die Stadt eine hohe, besonders politische Bedeutung. Ihre zentrale Lage in dem damaligen Deutschland ermöglichte es den Erzbischöfen von Mainz, die zugleich zu den sieben Wahl- oder Kurfürsten des Deutschen Reiches gehörten, enge Beziehungen nach allen Seiten zu unterhalten. Ihr Einfluß war unter den deutschen Fürsten daher sehr groß. Die Stadt selbst wußte sich die Rechte einer freien Reichsstadt zu sichern. Im Jahre 1254 wurde in ihren Mauern der deutsche Städtebund zur Sicherung des Landfriedens gegründet. Derselbe umfaßte während seiner kurzen Blütezeit über 100 Städte von Basel bis zum Meere. Mainz war sein Haupt. Der Handel der Stadt blühte mächtig auf, ihr Reichtum wuchs, und mit Recht hieß sie das „Goldene Mainz“. Zwei Jahrhunderte dauerte diese Zeit der Hauptblüte. 1462 verlor Mainz seine meisten Rechte. Die frühere freie Reichsstadt wurde jetzt den Erzbischöfen untertan, und über ihr thronte, Gehorsam fordernd, die kurfürstliche Burg.

Abb. 31. Schloß Friedrichshof.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 31. Schloß Friedrichshof.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Die strategische Wichtigkeit der Lage von Mainz am Zusammenflusse von Rhein und Main machte die Stadt zu einem Zankapfel der Völker. In Kriegszeiten ward sie fast niemals verschont. Im Dreißigjährigen Kriege eroberten nacheinander die Schweden (1631), die Kaiserlichen (1635) und die Franzosen (1644)dieselbe. Ihre starken Festungswerke wurden von letzteren auch 1688 eingenommen, und 1792 wurde sie von ihnen ohne Kampf zum dritten Male besetzt. Nach der französischen Herrschaft, von 1816 bis 1866, war Mainz deutsche Bundesfestung. Im neuen Deutschen Reiche hat Mainz zusammen mit Köln die Sicherung der Rheinlinie übernommen. So ist es noch heute ein Waffenplatz ersten Ranges und seiner Geschichte treu geblieben bis zur Gegenwart.

Abb. 32. Königstein.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 32. Königstein.Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (ZuSeite 38.)

Abb. 33. Soden.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Abb. 33. Soden.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Am Rheinufer hat Mainz sich in jüngster Zeit durch Anlagen bedeutend verschönert. Die Rampe der prächtigen Brücke, das unterhalb derselben sich erhebende alte kurfürstliche Schloß (Abb. 16), ein aus rotem Sandstein aufgeführter, umfangreicher Bau, der schon 1627 begonnen, aber erst 1754 vollendet wurde, ferner die riesige Stadthalle und die nach dem Rhein sich öffnenden Torbauten gebender Rheinpromenade einen malerischen Rahmen und Schmuck. Die Konzerte, die an mehreren Abenden der Woche in der Stadthalle (Abb. 17) abgehalten werden, locken besonders in der Sommerzeit zahlreiche Spaziergänger zu der Rheinpromenade hin. Vielbesucht sind auch die „Neuen Anlagen“, die weiter oberhalb, am Sicherheitshafen und an der Eisenbahnbrücke, am Rheinufer auf einer kleinen Anhöhe geschaffen wurden. In umgekehrter Richtung gelangt der Spaziergänger zu den großen Hafenanlagen von Mainz, dem Zollhafen, dem Allgemeinen Hafen und einem zweiten Sicherheitshafen, der zugleich als Floßhafen dient. Gleich Mannheim, Cöln und Ruhrort ist Mainz heute wieder ein wichtiger Stützpunkt der Rheinschiffahrt.

Abb. 34. Eppstein im Taunus, vom Malerplatz aus gesehen.Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (ZuSeite 39.)

Abb. 34. Eppstein im Taunus, vom Malerplatz aus gesehen.Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (ZuSeite 39.)

Aus der Rheinpromenade führen uns zahlreiche, quer zum Rhein laufende Gassen in die unansehnliche, enggebaute, aber doch wieder interessante Altstadt von Mainz. Bald stehen wir auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Dom (Abb. 19und20). Gewaltig ragt der Bau mit den sechs Türmen vor uns auf, in dessen einzelnen Teilen eine seltsame Stilmischung, die von so vielen Jahrhunderten erzählen will, zum Ausdruck kommt. Unter den drei großen romanischen Domen von Mainz, Speier und Worms ist er der älteste. Schon im Jahr 978 begann der Erzbischof Willigis seinen Bau, dicht neben einer älteren Kirche. Noch am Tage der Einweihung, im Jahre 1009, wurde das Werk ein Raub der Flammen. Durch Erzbischof Bardo wurde der Dom wiederhergestellt. Aber eine gewaltige Feuersbrunst zerstörte ihn 1081 von neuem. Die hölzerne Decke wurde nun, um die Feuersgefahr zu vermindern, durch eine steinerne ersetzt. Das Langhaus erhielt damals seine heutige Form. Dohme nennt es in seiner „Deutschen Baukunst“ ein „Werk, gewaltig in den Massen, einheitlich in der Gesamterscheinung, aber einfach, wie es Bauten zu sein pflegen, in denen der Architekt noch mit den konstruktiven Gedanken ringt“. In den Kämpfen des Erzbischofs Arnold mit der Bürgerschaft (1155 bis 1160) wurde der Dom von der letzteren als Festung benutzt. Wieder zerstörte dann im Jahre 1191 ein Brand seine oberen Bauteile. Mit der Reparaturwurde eine großartige Erweiterung des Baues verbunden. Das westliche Querschiff mit dem Hauptchor und der achteckigen Kuppel, sowie der Kapitelsaal wurden angefügt. Die Zeit der Gotik erdachte für das bis dahin romanische Bauwerk noch einen herrlichen Schmuck: Sie umgab das Langhaus mit einem gotischen Kapellenkranze, wodurch dasselbe aus einem dreischiffigen in einen fünfschiffigen Bau umgewandelt wurde, schmückte den Dom mit einer glänzenden Fensterarchitektur und mit Ziergiebeln und gab Türmen und Dächern ein mehr gotisches Gepräge. Noch viele Wandlungen, zum Teil wieder durch Brandschäden veranlaßt, hat der wundervolle Bau durchgemacht, der durch alles, was die Jahrhunderte beigefügt oder in ihrem Sinne verändert haben, eins der interessantesten Bauwerke für die Geschichte der Baukunst geworden ist. Aus dem verwüsteten Zustande, in dem ihn die französische Zeit hinterlassen hat, ist er mit großen Opfern gerettet worden, so daß er nun wieder in einer Vollendung dasteht, wie ihn keine Zeit seit den Tagen des höchsten Glanzes gesehen hat.

Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im Taunus.Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (ZuSeite 39.)

Abb. 35. Malerisches Motiv von der Burg in Eppstein im Taunus.Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt a. M. (ZuSeite 39.)

Vom Dome wandern wir weiter zu dem nahe gelegenen Gutenbergplatz, auf dem seit dem Jahre 1837 ein Denkmal (Abb. 21) des Erfinders der Buchdruckerkunst steht, das von Thorwaldsen in Rom modelliert wurde. Zwischen den Jahren 1450 und 1455 stellte Gutenberg in Mainz zuerst gedruckte Bücher mit Metallbuchstaben her. Wie seine Erfindung nach mancher Richtung in Dunkel gehüllt ist, so läßt sich auch nicht bestimmt sagen, ob so viele Häuser in Mainz mit vollem Grund mit der Ausübung der neuen Kunst in Verbindung gebracht werden.

Mainz besitzt viele historisch oder architektonisch interessante Gebäude. Hingewiesen sei auf den Holzturm und den Eisenturm, die von der alten Stadtbefestigung noch übrig geblieben sind, auf das Haus „zum Boderam“ (Abb. 22)am Markt, auf das alte Gymnasium (Abb. 23), den ehemaligen Kronberger Hof, der zwischen 1604 und 1626 erbaut wurde, auf den ehemaligen Knebelschen Hof, der sich durch einen reichen Renaissance-Erker im inneren Hof auszeichnet, auf die frühgotische St. Stephanskirche, die als doppelchörige Hallenkirche von 1257 bis 1328 auf einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut wurde, sowie auf die doppeltürmige Peterskirche, die in der französischen Zeit, insbesondere der heutige Kreuzaltar (Abb. 24), dem Kultus der Göttin der Vernunft diente. Diese letztere Kirche erhebt sich unmittelbar an dem großen, baumgeschmückten Schloßplatze, und vor uns liegt das schon erwähnte kurfürstliche Schloß (Abb. 16), dessen ausgedehnte Räume seit 1842 als römisch-germanisches Zentralmuseum dienen und eine hochbedeutende Sammlung römischer und germanischer Original-Altertümer enthalten. Beim Durchwandern der Säle und beim Betrachten der interessanten Fundstücke wird die ganze Geschichte der Stadt Mainz und des rheinischen Landes noch einmal in uns wach. Die prächtige, mit schönen Anlagen geschmückte Kaiserstraße, in die wir durch einen nordwestlichen Ausgang des Schloßplatzes einbiegen, aber zaubert uns das Bild des neuen Mainz (90000 Einw.) vor, wie es sich nach dem Hinausschieben des engen Festungsgürtels zu gestalten begonnen hat. Prächtige Gebäude fesseln den Blick, und am Ende der Kaiserstraße taucht der Hauptbahnhof vor uns auf.

Abb. 36. Schloß Biebrich.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Abb. 36. Schloß Biebrich.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Abb. 37. Wiesbaden, vom Neroberg gesehen.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 39.)

Umgebung von Mainz.

Nachdem wir in den beiden Städten Frankfurt und Mainz, die die Ausgangspunkte unserer Rheinwanderung bilden sollen, Umschau gehalten haben, wollen wir einen Blick auch in das sie umgebende Land werfen, um den Boden, auf dem sie erwuchsen, genauer kennen zu lernen. Es ist ein weites, meist flaches, stellenweise aber hügeliges Land, das sie umbettet. Fruchtbare Äcker dehnen sich meist vor uns aus; stellenweise aber trat an die Stelle des Ackerbaues die Gemüsezucht, für deren Erzeugnisse die beiden Städte eine gute Absatzquelle bilden, so südwestlich von Mainz, wo auch eine bedeutende Spargelzucht betrieben wird; große Obstanlagen schaut ferner das Auge, die uns schon verraten, daß wir uns in der Gegend befinden, wo der beste Apfelwein herkommen soll; auch Rebenschmuck fehlt nicht der Landschaft, in der hier und da große, wohlhabende Dörfer auftauchen, und deren Bild endlich vervollständigt wird durch dunkle Kiefernwaldungen,die zwar selten, in weiten Abständen voneinander erscheinen und meist die niedrigen Anhöhen bedecken, diese von weitem schon als Sandhügel kennzeichnend. Bei schönem, klarem Wetter braucht der Blick nicht bei diesen nahen Bildern zu verweilen. Er schweift in die nebelige Ferne, wo rings sich die Linien von höheren Erhebungen abzeichnen. Im Nordwesten säumt der hohe Zug des Taunus, der „Höhe“, wie man im Lande sagt, den Horizont, von Norden streichen die Ausläufer des Vogelsberges, der gewaltigsten Basaltmasse Deutschlands, heran, im Osten grüßen des Spessart waldbedeckte Höhen, im Südosten erscheinen des Odenwaldes liebliche Abhänge, im Südwesten läßt das freundliche Bergland der Pfalz den Blick weiter schweifen, einerseits nach dem hochgewölbten Donnersberg und anderseits nach dem Soonwald des Hunsrück, und nur im Süden bleibt der Horizont frei, dem Rheine den Lauf zu diesem schönen, reichen Lande öffnend. Rings also Höhen und in der Mitte ein eingesenktes, ein eingesunkenes Land, ein Becken, das nach der ziemlich in der Mitte gelegenen Stadt Mainz das Mainzer Becken genannt wird. Diese Bezeichnung drückt nicht bloß, den plastischen Bau der Landschaft anzeigend, einen geographischen Begriff aus, sondern ist zugleich ein geologischer Begriff. Das „Tertiärbecken von Mainz“ reiht sich den Tertiärbecken von Wien, von Paris und London mit ihrer reichen Kulturentwicklung würdig an. Die Süßwasserbildungen, die in dem seichten Meeresbecken entstanden, sind meist fruchtbare Bodenarten. Am wichtigsten sind die Mergelschichten, die die glücklichste Bodenmischung darstellen, indem sie sowohl den nötigen Sandgehalt, der sie locker macht, als auch den nötigen Tongehalt, der sie wasserhaltig, und endlich auch einen bedeutenden Kalkgehalt, der sie fruchtbar macht und ihre schnelle Erwärmung fördert, besitzen. Andere Bodenarten sind die Taunusschotter, die weniger fruchtbar sind, aber dem Weinbau genügen, Geschiebelehm, der als Ackerboden wertvoll ist, Sand, der nur stellenweise dem Anbau dient, und Löß, der wieder von großer Fruchtbarkeit ist. Der Sand, der bei Mainz und Darmstadt auftritt, ist echter Flugsand. Dünenzüge sind erkennbar. Auch das Auffinden von dreikantigen Steinen, deren Form nur durch Windwirkung entstanden sein kann, beweist den Dünencharakter. Nach oben gehen die Dünenzüge allmählich zu dem feineren Löß über. Aus diesen Erscheinungen müssen wir folgern, daß Deutschland im späteren Diluvium teilweise, wenigstens im nördlichen Teile der Oberrheinischen Tiefebene, Steppencharakter hatte. Auf den höherenAbhängen schlossen sich an die Steppe Waldgebiete an; denn im Löß werden neben echten Steppentieren auch andere Tiere in Überresten gefunden, deren Leichen durch Wasserfluten angeschwemmt wurden.

Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Abb. 38. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Das Mainzer Becken.

Verlassen wir hiermit das Bild früherer Erdzeiten, die noch nicht lange hinter uns liegen, und wenden wir uns der Betrachtung des heutigen Bildes der Landschaft zu! Von allen Randgebieten des Mainzer Beckens lockt uns keines so wie der Rheingau, der sich so sonnig zu den Füßen des hochragenden Taunuszuges bettet, über den der warme Hauch der südlichen Winde weht, und wo noch mehr die Glutstrahlen der Mittagssonne helfen, ein goldenes Weinland, vielleicht das gepriesenste auf Erden, zu schaffen. Und zu den Vorzügen, die Windeshauch und Sonnenschein der reich gesegneten Landschaft bringen, gesellt sich ein dritter, der dieselbe nicht minder berühmt gemacht hat. An vielen Stellen sprudeln aus dem Erdboden warme Quellen, die schon von den Römern als Heilquellen benutzt wurden, und die in unserer Zeit das Land der Reben zum Ziele von Tausenden machen, die entweder Genesung suchen oder in den zahlreichen, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens ausgestatteten Badeorten nur ein angenehmes und genußreiches Leben suchen.

Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Abb. 39. Königliches Theater in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Für den Besuch der zahlreichen Badeorte, die am Südabhange des Taunus oder auf dem Taunus selbst, anmutig in die Täler gebettet, liegen, ist teils Frankfurt, teils Mainz der geeignetste Ausgangspunkt. Als solcher kommt für einige auch Höchst (16000 Einw.), die erste Station der schon 1839 eröffneten Taunusbahn von Frankfurt nach Mainz, wo sich die großartigen Höchster Farbwerke befinden, in Betracht.

Homburg vor der Höhe.

Das vornehmste unter den Taunusbädern ist Homburg vor der Höhe (10000 Einw.) (Abb. 25), das in jüngster Zeit auch ein Lieblingsaufenthalt des deutschen Kaisers WilhelmII.geworden ist. Das dortige Schloß (Abb. 26), das seit 1866 für die preußische Königsfamilie eingerichtet ist und bis zu diesem Jahre Residenz der Landgrafen von Hessen-Homburg war, wurde 1680 bis 1685 vondem Landgrafen FriedrichII.aufgeführt und 1820 bis 1840 umgebaut. Das glanzvoll eingerichtete Kurhaus stammt aus den Jahren 1841 bis 1843, wurde aber 1860 bedeutend vergrößert. Es enthielt früher auch ein vortrefflich geordnetes Saalburg-Museum mit zahlreichen Fundstücken von der etwas mehr als eine Stunde entfernten Saalburg und anderen römischen Taunuskastellen, sowie mit einem Modell jenes berühmten Kastells, von dem später noch die Rede sein soll, und eines römischen Wachtturmes. Die wertvolle Sammlung befindet sich jetzt in der Saalburg selbst. Glänzende Festsäle und die Gartenterrasse hinter dem Kurhause sind die Sammelplätze der eleganten Welt. Schöne Promenaden und der große Kurpark laden zu Spaziergängen ein. Die eisenhaltigen salinischen Trinkquellen, die besonders gegen Unterleibsleiden wirksam sind, treten an der Brunnenallee schäumend zutage. Die bedeutendste unter ihnen, die Elisabethquelle, ist kochsalzreicher als der Kissinger Rakoczy. In ihrer Nähe liegen inmitten eines herrlichen Blumenflors zwei Trinkhallen, ferner der Musikpavillon und das Palmenhaus. 1887 bis 1890 wurde in italienischem Renaissancestil das große, luxuriös ausgestattete Kaiser Wilhelm-Bad erbaut.

Abb. 40. Das Rathaus in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Abb. 40. Das Rathaus in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Die Saalburg.

Eine elektrische Bahn führt uns bequem von Homburg zu der 420müber dem Meere gelegenen Saalburg. Dort grüßt uns ein lebenswahres Bild der Römerzeit. Das in seiner ganzen Anlage freigelegte Römerkastell ist wieder in seiner früheren Gestalt hergestellt worden. Es bildet ein Rechteck von 221 × 146m, mit einem Flächeninhalt also von über32000qm. Die Ecken sind abgerundet. Vier Tore führten in das Kastell. Auf der Südseite öffnet sich uns die 8,2mbreitePorta decumana. Eine 3mhohe Mauer und zwei Spitzgräben umgeben die Anlage. Am 11. Oktober des Jahres 1900 wurde durch Kaiser WilhelmII., der ein hohes Interesse für den Wiederaufbau der Saalburg bekundete, der Grundstein zum Hauptgebäude in der Mitte, zumPraetorium(Abb. 27), unter Veranstaltung eines glanzvollen Festes gelegt. Vor diesem Bau, der als Limes-Museum dient, wurde dem ersten Erbauer der Saalburg, dem römischen Kaiser Antoninus Pius, ein Denkmal errichtet.

Der Limes.

Die Saalburg bildete ein Glied der 542kmlangen Befestigungslinie, mit welcher die Römer den unterjochten Teil Germaniens umzogen, um das Land vor den Einfällen der übrigen germanischen Stämme zu schützen, des Pfahlgrabens oder Limes. Derselbe begann bei Kehlheim an der Donau, lief als rätischer Limes von dort nach Lorch bei Stuttgart und als obergermanischer Limes über Miltenberg am Main, über den Taunus und über Ems und endete am Rhein bei Rheinbrohl. Er bestand aus einer Grenzmarkierung, aus einem Erddamm mit aufgesetzter Mauer und davorliegendem Graben und aus etwas zurückliegenden Wachttürmen und Kastellen. Die Grenzmarkierung bestand entweder nur aus Steinen oder streckenweise auch aus Palisadenreihen. Ursprünglich war wohl nur diese Anlage, die man einenlimes perpetuusnannte, vorhanden. Die Palisaden bildeten ein Annäherungshindernis und für die Patrouillen einen Schutz. Als später der Erdwall angelegt wurde, verlor die Grenzmarkierung ihre Bedeutung. Die Wachttürme waren anfangs Holz-, später Steintürme. Sie lagen gewöhnlich 30mhinter dem Erdwall und etwa 750m, also auf Signalweite, voneinander. Kastelle waren überall dort angelegt, wo ein Flußlauf die Befestigungslinie kreuzte. Am rätischen Limes waren sie, weil dort die Bodenform eine günstige war, selten, um so zahlreicher am obergermanischen. Bisher sind etwa 70 Kastelle bekannt. Die größten hatten einen Innenraum von etwa60000qmund eine Besatzung von 1000 Mann, die mittleren waren20000 bis35000qmgroß und mit 500 Mann belegt, die kleinsten maßen nur 5000 bis 8000qmund hatten nur eine kleine Besatzung. Alle hatten die Aufgabe, Flußtäler und Straßen zu sperren. Sie waren also Sperrforts und als solche festungsmäßig mit Türmen versehen und mit Ballisten, d. h. Wurfgeschützen ausgerüstet. Die Besatzung mußte imstande sein, kleine Feindesscharen zurückzuweisen, größere aber so lange aufzuhalten, bis die Legionen herankamen.

Abb. 41. Das Kurhaus in Wiesbaden.Nach einer Photographie von Hofphotograph Karl Schipper in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Abb. 41. Das Kurhaus in Wiesbaden.Nach einer Photographie von Hofphotograph Karl Schipper in Wiesbaden. (ZuSeite 40.)

Auf das Verhalten der unruhigen, kriegs- und wanderlustigen germanischen Volksstämme übte die Anlage des römischen Pfahlgrabens eine bedeutende Wirkung aus. Der Grenzverkehr wurde scharf überwacht, und bewaffnete Überschreitung der Grenzlinie war verwehrt. Die Bewegung des germanischen Volkes wurde dadurch vorläufig zum Stillstand gebracht. Da es aber für die in starker Vermehrung begriffene Bevölkerung an weiteren Weideplätzen bald fehlte, waren die Westgermanen gezwungen, von der Viehzucht zum Ackerbau überzugehen und feste Siedelungen anzulegen. So nahm die Not den zum Nomadenleben neigenden Germanen in eine harte und um so nützlichere Schule. Erst als seßhafter Ackerbauer konnte er die zivilisatorischen Elemente in sich aufnehmen und verbreiten (Mommsen).

Kronberg. Altkönig. Feldberg.

Von der Saalburg aus würde uns der Pfahlgraben zum Fuße des Feldbergs, der höchsten Erhebung (880mhoch) des Taunus, hinführen. Es hat einen gewissen Reiz, so einen Patrouillengang römischer Soldaten nachzuahmen. Genußreicher ist aber die Besteigung des Feldbergs von dem westlicher gelegenen Kronberg aus. Darum kehren wir nach Homburg zurück und statten von dort noch mittelst der Eisenbahn dem Städtchen Friedberg (Abb. 30) und dem Badeorte Nauheim (Abb. 28) einen Besuch ab.

Nach Kronberg (Cronberg,Abb. 29) führt von Frankfurt eine Eisenbahnlinie, die bei Rödelheim von der Homburger Bahn abzweigt. Das Städtchen liegt, umgeben von Obstpflanzungen und Kastanienwäldern, an einem Hügel und wird von dem im dreizehnten Jahrhundert erbauten Schloß überragt. Der weit sichtbare Turm bietet eine prächtige Aussicht dar. Wir schauen hinab auf die zahlreichen zierlichen Landhäuser, die meist Eigentum Frankfurter Familien sind, zum Teil die Frankfurter Malerkolonie bildend. Nordöstlich grüßt uns das Schloß Friedrichshof (Abb. 31), der ehemalige Witwensitz der Kaiserin Friedrich.


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