VI. Das Rheintal von Coblenz bis Bonn.

Abb. 116. Neuenahr, von der Thomashöhe gesehen.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 120.)

Abb. 116. Neuenahr, von der Thomashöhe gesehen.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 120.)

Mosellandschaft und -orte.

Die zahlreichen Biegungen der Mosel hatten ferner zur Folge, daß, bei der Hauptrichtung des Flusses nach Nordosten, stets nur die wechselnde Talseite mit Reben bepflanzt werden konnte. Auf der andern, mit ihren Abhängen mehr nach Norden gerichteten — bald ist’s die linke, bald die rechte — blieb der Wald bestehen. Meistens sind es Lohhecken, die diese bekleiden. So entsteht ein Wechsel der Belaubung. Auf die kahlen und in sehr gleichmäßigem Grün erscheinenden Weinberge folgen wechselvoller beleuchtete und gefärbte Waldpartien, auf diese wieder Weinberge und so fort: entschieden ein landschaftlicher Vorzug gegenüber dem Rheintal, wo auf weiten Strecken die Rebenanlagen bis zur Ermüdung im Landschaftsbilde immer wiederkehren. Die stärkere Bewaldung hat auch zur Folge, daß die Moselberge gerundeter erscheinen als die Berge des Rheintales, dessen schroffe Formen durch die Weinberge nur wenig gemildert werden.

Abb. 117. Der Rolandsbogen mit Blick auf den Drachenfels. (ZuSeite 123.)

Abb. 117. Der Rolandsbogen mit Blick auf den Drachenfels. (ZuSeite 123.)

Unter den Moselorten sind manche, die auf ein hohes Alter zurückschauen können, wie Pfalzel (vonPalatiolum), wo Adela, die Tochter des Frankenkönigs DagobertII., ein Frauenkloster gründete; Riol (vonRigodulum), wo nach dem Bericht des Tacitus der römische Feldherr Cerealis die Treverer besiegte; Neumagen (vonNoviomagus), wo in der Nähe der Kirche eine Festung Constantins lag, die der Dichter Ausonius erwähnt:

„Drauf sah ich an des Belgerlandes GrenzenDie Prachtburg Constantins Neumagen glänzen.“

„Drauf sah ich an des Belgerlandes GrenzenDie Prachtburg Constantins Neumagen glänzen.“

„Drauf sah ich an des Belgerlandes Grenzen

Die Prachtburg Constantins Neumagen glänzen.“

Burg Cochem.

Enkirch, schon 690 alsVilla Ancarachagenannt; Cochem (Cuchuma), das im zehnten Jahrhundert als Reichslehn des Aachener Pfalzgrafen erwähnt wird; Treis (Trisvilla); Carden (Caradona) (Abb. 104), wo im vierten Jahrhundert der heilige Kastor in einer Höhle gelebt haben soll u. a. Von den zahlreichen Burgen seien als die schönsten oder in Sage und Geschichte am meisten genannten außer der Marienburg noch erwähnt die Burgen von Cobern, Burg Thurant bei Alken, die in einem engen Seitental gelegene Ehrenburg (Abb. 107), die Reichsburg Beilstein (Abb. 108), die Festung Montroyal auf dem Trabener Berg, derenSchleifung 1697 durch den Ryswycker Frieden verfügt wurde, und vor allem die turmreiche, in neuer Schönheit wieder hergestellte Burg Cochem (Abb. 109). Letztere gehörte von 866 bis 1140 den Pfalzgrafen bei Rhein und war bis 1294 Reichsburg. Die Franzosen zerstörten den herrlichen Bau im Jahre 1689. Lange lag sie in Trümmern, bis der Geheime Kommerzienrat Ravené sie nach alten Plänen und Ansichten 1868 bis 1878 neu aufführen ließ und dadurch dem Moseltal seinen hervorragendsten Schmuck wiedergab. Andere Moselorte sind noch alsWeinorte berühmt geworden, wie Graach, Erden, Zeltingen (Abb. 110), Lieser, Winningen usw. In einem Seitental der Mosel liegt inmitten einer herrlichen Waldespracht das Bad Bertrich (Abb. 111).

Abb. 118. Schloß Drachenburg und Zahnradbahn nach dem Drachenfels.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 123.)

Abb. 118. Schloß Drachenburg und Zahnradbahn nach dem Drachenfels.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 123.)

Das Neuwieder Becken.

Wieder ladet ein stattlicher Dampfer, die „Hansa“, zur Rheinfahrt uns ein, zur Fahrt von Coblenz nach Bonn, der rheinischen Musenstadt. An dem Denkmal Wilhelms des Großen gleiten wir vorüber, und der Stadt Coblenz, ihrer ehrwürdigen Kastorkirche, dem hochragenden Kühkopf und dem trotzigen Ehrenbreitstein senden wir die letzten Grüße zu. Die freie Ebene säumt nun auf der linken Seite den Strand des stolzen Stromes. Etwa eine Stunde weit treten die Höhen zurück, um in dieser Entfernung nordwärts den Strom zu begleiten. Rechts aber bleiben sie ihm noch eine Strecke weit so nahe, daß sie sich in seinen Fluten spiegeln können. Eine grüne Rheininsel, Niederwerth mit dem gleichnamigen Örtchen, verdeckt den Blick nach Osten, wo sich das Städtchen Vallendar an den Strom schmiegt. An ihrem Nordende weichen auch die Höhen auf der rechten Rheinseite zurück, und weicher Strand begleitet auf beiden Seiten den zu größerer Breite anschwellenden Strom. Wir blicken frei über die inmitten des Rheinischen Schiefergebirges eingebrochene Scholle des Neuwieder Beckens. Nordwärts aber nähern sich wieder die beiderseitigen Höhen, um von neuem den Rhein zu umklammern.

Abb. 119. Brückenbogen über den Rhein bei Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 124.)

Abb. 119. Brückenbogen über den Rhein bei Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 124.)

Die qualmenden Hochöfen der Kruppschen Concordiahütte ziehen in der rechtsseitigen Ebene unsern Blick auf sich, und an das rechte Stromufer drängtsich der Ort Engers, dessen früheres, 1758 erbautes kurtrierische Schloß seit 1863 als Kriegsschule dient. Links aber wird das Dorf Urmitz sichtbar, ein den Archäologen wohlbekannter Ort, mit dem sie sich in jüngster Zeit wieder in erhöhtem Maße beschäftigt haben.

Abb. 120. Zollhäuschen auf der Bonner Rheinbrücke.Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (ZuSeite 125.)

Abb. 120. Zollhäuschen auf der Bonner Rheinbrücke.Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (ZuSeite 125.)

Wo waren Cäsars Rheinbrücken? Urmitz.

Es handelt sich wieder um die Frage, wo Cäsar seine beiden Brücken über den Rhein geschlagen hat. Es ist eine alte Kampffrage. Nicht weniger als etwa zwanzig Orte haben sich auf der 320kmlangen Rheinstrecke von Mainz bis Xanten, wie Nissen schreibt, zur Auswahl angeboten. „In Engers überschaut der Fremde vom Römerturm die lachende Landschaft und hält im Gasthof zur Römerbrücke Rast, in Bonn freut er sich der Huldigung, die 1898 dem ersten rheinischen Brückenbauer zuteil geworden ist, sieht ein Steinbild, das den großen Imperator darstellen soll, liest eine Inschrift, die in bedenklichem Latein das Gedächtnis des Brückenschlages von 55 v. Chr. erneuert.“ Der um die Altertumsforschung im Rheinland hochverdiente Oberst von Cohausen verlegte die erste Brücke, die im Jahre 55 v. Chr. geschlagen wurde, nach Xanten, die zweite, zwei Jahre später erbaute nach Neuwied, indem er in der Stellepaulum supra eum locum quo ante exercitum traduxerat, facere pontem instituit“ in Cäsars „Bellum gallicum“ den beiden ersten Worten „ein wenig oberhalb“, nämlich von der Stelle des ersten Brückenbaues, einen sehr dehnbaren Sinn gab. In dem großen Werke NapoleonsIII.über die Feldzüge Cäsars ist Bonn als Brückenstelle angenommen worden, und hierauf gründet sich die Ehrung des römischen Feldherrn an der Bonner Rheinbrücke. Andere, wie General von Peucker und General Wolf, traten für Köln ein, wieder andere, wie Professor Ritter 1864 und Professor Klein 1888, nahmen die erste Brücke für Bonn, die zweite für Neuwied in Anspruch. In neuester Zeit glaubt nun Koenen, der unermüdliche Durchforscher unseres Heimatbodens nach Spuren der Vergangenheit, wenig unterhalb von Urmitz und dem Urmitzer Wörth Cäsars Rheinfestung ermittelt und in ihrer Ausdehnung und Anlage genau festgestellt zu haben. Es handelt sichum eine Festungsanlage von fast 4kmUmfang, die auf einer erhöhten, von den Fluten nicht erreichbaren Bimssandsteinablagerung errichtet war. In dem Rahmen derselben waren früher schon viele römische und vorrömische Funde gemacht, u. a. zahlreiche Kesselgruben der Bronze-, Hallstatt- und La Tène-Zeit, sowie ein großes vorrömisches Gräberfeld, das Totenwohnungen besonders aus jenen Perioden barg, entdeckt worden. Es handelt sich also um eine im früheren Völkerleben wichtige Örtlichkeit. Innerhalb der großen Festungsanlage hat Koenen ferner eins der fünfzig Drusus-Kastelle von quadratförmiger Gestalt nachgewiesen. Welche Gründe berechtigten ihn aber, jene als die Cäsarsche Brückenfestung zu deuten? In dem Füllwerk der Festungsgräben fanden sich Gefäßscherben aus allen Perioden der vorrömischen Zeit, keine aber, die bis in die Augusteische Zeit hineinreichen. Die jüngsten Scherben zeigen den Typus, der in der Zeit der Eroberung Galliens durch Cäsar herrschte. Im Rheine wurden gegenüber der Mitte des Lagers Reste von Pfählen gefunden, desgleichen etwas (1270m) unterhalb, wohin Koenen den Bau der ersten Brücke verlegt. Die Cäsarsche Brückenfestung hat, nach der Beweisführung Koenens, bis nach dem unter Augustus erfolgten Bau der Coblenzer Straße bestanden; denn diese biegt, wo sie jene erreicht, nach Westen aus. Nach völliger Beruhigung des linken Rheinufers war eine große Rheinfestung nicht mehr nötig. Das kleine Drusus-Kastell übernahm an dieser Stelle die Sicherung der Rheingrenze, und jene wurde aufgegeben. Die Entscheidung der Frage, wo Cäsar über den Rhein gegangen ist, hat große Wichtigkeit für die Feststellung der alten Grenzen der germanischen Völkerschaften, in deren Gebiet der Kriegszug führte. Ob aber Koenens Forschungen dem Streit ein Ende machen werden, ist noch nicht gewiß. Allgemein scheint man sich aber jetzt der Ansicht anzuschließen, daß jedenfalls in der Gegend des Neuwieder Beckens, also zwischen Coblenz und Andernach, die Stellen zu suchen sind, wo Cäsar den Rhein überschritt.

Der Rheindampfer trägt uns an der interessanten Örtlichkeit, um die sich jetzt der wissenschaftliche Streit dreht, vorbei. Wir sehen im Geiste die Cäsarsche Pfahlbrücke, die uns auf der Schulbank schon so viel Kopfzerbrechen machte. Wo einst römische Legionen lagerten, sind jetzt zahlreiche Arbeiter tätig im Dienste einer eigenartigen Industrie. Sie stechen den Bimssand, den einst die Vulkane der Eifel als Aschenregen entsandten, ab, untermischten ihn mit Kalkmilch und formen aus der Masse weiße Bimssandsteinziegel, die bei Bauten im Rheinland jetzt viel Verwendung finden. Die Steine sind viel leichter als die gewöhnlichen Ziegelsteine und sollen den Gebäuden eine gleichmäßige Temperatur geben. Durch den Abbau der Bimssandsteinschichten für die zahlreichen Ziegeleien, die zwischen Coblenz und Andernach, sowie auch auf der rechten Rheinseite in Betrieb gesetzt wurden, und die jährlich über hundert Millionen Ziegel fertig stellen, sind schon viele wertvolle, besonders vorgeschichtliche Funde gemacht worden — den Namen Urmitz können wir in den meisten Museen lesen —, und auch Koenen verdankt ihnen die Entdeckung der Cäsarschen Rheinfestung und des Drusus-Kastells.

Weißenturm. Neuwied.

Am linken Rheinufer folgt der langgestreckte Ort Weißenturm, hinter dem sich, seitwärts von der Landstraße, auf einer Anhöhe das Denkmal des französischen Generals Hoche in Gestalt eines Obelisken erhebt. Rechts aber wird, unterhalb zweier Kruppscher Hüttenwerke, das Stadtbild von Neuwied (fast20000 Einwohner) sichtbar. Schon der Name deutet das junge Alter der betriebsamen Stadt an. Einst lag an ihrer Stelle ein Ort namens Langendorf. Im Dreißigjährigen Kriege war er völlig verödet. Da lud 1653 der Graf Friedrich von Wied zahlreiche Ansiedler „ohne vnterschied der Religion und ohne einigen Pfenning zu zahlen“ zur Ansiedelung an dieser Stelle, die, inmitten einer fruchtbaren Ebene, am Ufer des Rheinstromes und am Ausgange des Wiedtales, als eine günstige gut erspäht war. Und ein blühendes Gemeinwesen ist dort entstanden, in dem Protestanten, Katholiken, Herrnhuter, Mennoniten und Juden, im Sinne des Gründers, friedlich nebeneinander wohnen. Auch in der Gegend von Neuwied sind, bei dem OrteNiederbiber, die Reste eines römischen Kastells, und zwar eines der größten am Rhein, aufgedeckt worden. Es maß 255min der Länge und 187min der Breite. Kein römischer Schriftsteller nennt den Namen dieses Kastells. Bei den Ausgrabungen wurden manche wertvolle Funde gemacht, die in einem Nebengebäude des fürstlichen Schlosses zu Neuwied aufbewahrt werden. Als das wertvollste Fundstück wird uns ein silbernes Kohortenzeichen gezeigt. Von Neuwied, seinem Schloß und dem schönen Parke, der dieses umgibt, können wir nicht Abschied nehmen, ohne der gottbegnadeten Dichterin Carmen Sylva, der Königin von Rumänien, zu gedenken, die dort geboren ist und von dort die schönen Rheinbilder schaute, die so manche poetische Stimmung weckte.

Abb. 121. Rheinischer Humor in den Bildhauerarbeiten der Bonner Rheinbrücke.Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (ZuSeite 125.)

Abb. 121. Rheinischer Humor in den Bildhauerarbeiten der Bonner Rheinbrücke.Aus der Festschrift der Stadt Bonn. (ZuSeite 125.)

Andernach.

Unterhalb der Stadt Neuwied strömen dem Rhein zwei starke Bäche zu, von links die muntere Nette, von rechts die Wied. Aber kaum hat er diese, noch im ruhigen Laufe durch die Ebene, aufgenommen, da nähern sich wieder die Berge, um von neuem in ein felsiges Bett ihn zu zwingen. Auf der letzten Uferfläche, die die Berge noch frei ließen, erwuchs die alte Stadt Andernach (8000 Einwohner) (Abb. 112). Vielleicht befand sich schon eine keltische Ansiedelung daselbst. Die Römer hatten mit scharfem Blick den wichtigen Punkt am Eingange des zweiten engen Abschnittes des Rheintales erspäht und legten eins der fünfzig Drusus-Kastelle dort an, das sieAntunnacum,Antonaconannten. Dann ward Andernach ein fränkischer Königshof und im Mittelalter freie Reichsstadt, bis es, durch Gewalt gezwungen, dem Erzbistum Köln einverleibt wurde. Und von Kriegeswehr spricht auch das heutige Bild der Stadt noch zu uns. Schon von weitem grüßt uns der hohe, unten runde, oben achteckige Wartturm, der von 1451 bis 1468 erbaut wurde und 1880 in seiner schönen Form wiederhergestellt worden ist. Näher kommend, erblicken wir aber noch viele Gebäude, die das Mittelalterübrig gelassen hat: die alte Bastei, das Rheintor, die Trümmer des kurkölnischen Schlosses und am unteren Ende, einsam am Rheinufer stehend, den alten Kranen, die Stelle bezeichnend, wo schon die Römer die bei Niedermendig gebrochenen Mühlsteine verluden, und wo auch heute die im weiten Umkreise gewonnenen vulkanischen Produkte zur Verladung gelangen. Mauern umgeben noch den größten Teil der Stadt. In dem altertümlichen Rathause, einem spätgotischen Bau aus dem Jahre 1564, werden römische und fränkische Altertümer aufbewahrt. Den schönsten Schmuck Andernachs aber bildet die der heiligen Genoveva geweihte, viertürmige Pfarrkirche. Sie ist ein spätromanischer Bau aus dem Jahre 1206. Das mit einer Säulchengalerie geschmückte Chor ist jedoch etwas älter und stammt schon aus dem Jahre 1120. Wie der Besucher Andernachs von den altertümlichen Gebäuden der eng gebauten Stadt gefesselt wird, so kehrt er befriedigt auch von dem nördlich, am Eingang des Rheintales aufsteigenden Kranenberg, auf den seit einigen Jahren eine Zahnradbahn führt, zurück. Zu seinen Füßen lag das eigenartige Stadtbild von Andernach; weit schweifte der Blick über die fruchtbaren Gefilde des Neuwieder Beckens; in der Ferne winkte Coblenz, durch das Silberband des Rheinstroms mit der Nähe verbunden, und nordwärts konnte er diesen in seinem engen Tal, das sich am späten Nachmittage allmählich in eine dunkle Schlucht verwandelt, bis Remagen hin verfolgen.

Abb. 122. Das Bröckemännche der Bonner Rheinbrücke. (ZuSeite 125.)

Abb. 122. Das Bröckemännche der Bonner Rheinbrücke. (ZuSeite 125.)

Hammerstein. Rheineck.

Die Rheintalstrecke von Andernach bis Bonn kann sich an Schönheit mit der Strecke von Bingen bis Coblenz nicht messen; nur für den letzten Abschnitt, in dem die Sieben Berge vor uns auftauchen, gilt dieses Urteil nicht. Aber der landschaftlichen Reize bleiben noch genug, um eine genußreiche Stromfahrt zu bereiten. Trotzig ragt auf der rechten Rheinseite der gewaltige Grauwackenfels vor uns auf, der einst die stolze Burg Hammerstein trug, in der Kaiser HeinrichIV.auf der Flucht vor seinem Sohne HeinrichV.sich im Jahre 1105 eine Zeitlang aufhielt. Im Dreißigjährigen Kriege hausten abwechselnd Schweden, Spanier, Kurkölner und Lothringer in derselben. Schon 1660 wurde sie auf Veranlassung des Erzbischofs von Köln zerstört, und zwar recht gründlich; denn nur noch geringe Trümmerreste bedecken die Bergeskuppe. Günstiger war das Schicksal der Burg Rheineck, die uns von der linken Talwand grüßt, sobald das Schiff an den beiden freundlichen Rheinorten Brohl und Rheinbrohl, von denen jener links, dieser rechts das Ufer säumt, vorübergleitet. Zwar wurde sie zweimal, 1689 von den Franzosen und 1692 von kurkölnischen Truppen zerstört. Aber der stattliche, 20mhohe Bergfried hielt trotzig stand und blickt noch heute stolz in die Fluten des Rheines hinab. Längst, seit 1548, ist das Geschlecht von Rheineck ausgestorben. Ein Herr von Bethmann-Hollweg ließ jedoch 1832, unterdem Schirm des alten Bergfrieds, einen neuen Bau aufführen und diesen im Innern durch Steinle mit Fresken schmücken. Auch schräg gegenüber auf einem Bergabhange der rechten Rheinseite, über dem Orte Hönningen, der durch seinen Hubertussprudel und den in der Nähe erbohrten Arienheller Sprudel bekannt geworden ist, erwuchs in neuer Pracht ein stolzer Bau, Schloß Arenfels oder Argenfels. Sein erster Erbauer, Heinrich von Ilsenburg, benannte es nach seiner Gemahlin, einer Gräfin von Are. 1849 kam es in den Besitz des Grafen Westerholt, der es durch keinen geringeren als den berühmten Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner prächtig erneuern ließ.

Goldene Meile.

Indem wir unsern Blick auf die beiden Schlösser richteten, bemerkten wir kaum, welche große Veränderung mit dem Rheintale vor sich ging. Aus der engen Felsenspalte, die bei Andernach sich schloß, bei Rheinbrohl aber wieder öffnete, hat der Strom sich glücklich herausgewunden. Nun kann er wieder zwischen weichen Strand sich betten, nun lachen ihm wieder grüne Wiesen, mit Obstbäumen besetzte Fluren. Eine kleinere Ebene hat sich zwischen Rheinbrohl und Hönningen auf der rechten Rheinseite gelagert, eine größere zwischen Niederbreisig, das Hönningen gegenüber liegt, und Remagen auf der linken Seite. Jene ist etwa 1km, diese 2 bis 3kmbreit. Die schnellfüßige Ahr, die infolge ihres eiligen Laufes viel Schlamm und Gerölle mit sich führt, hat die größere Ebene abgelagert. Durch ihre Anschwemmungen wurde der Rhein immer mehr nach Osten gedrängt. Indem er aber diese Biegung machte, wurde er veranlaßt, das rechte, felsige Ufer anzunagen, am linken, dem toten Ufer dagegen seine Schwemmstoffe abzulagern. So halfen Ahr und Rhein gemeinsam, die schöne fruchtbare Ebene an der Ahrmündung, die Goldene Meile genannt, aufzubauen, über die mit Wonne unser Blick hinüber nach den beiden Städtchen Sinzig (über 3000 Einw.) und Remagen (3800 Einw.) (Abb. 113) schweift. Am rechten Ufer aber grüßt uns das alte Städtchen Linz (3600 Einw.).

Abb. 123. Arndt-Denkmal in Bonn. (ZuSeite 126.)

Abb. 123. Arndt-Denkmal in Bonn. (ZuSeite 126.)

Sinzig. Linz.

Sinzig, das wahrscheinlich das römischeSentiacumist, liegt nicht am Rhein, sondern in halbstündiger Entfernung an dem schon etwas erhöhten Fuße der linksseitigen Höhen. Malerisch tritt besonders die Kirche mit ihrem achteckigen Hauptturme, der an der Chorseite von kleinen Türmchen flankiert ist, hervor. Sie giltfür eine der schönsten Kirchen am Rhein. In spätromanischem Stile erbaut, zeigt sie noch die vorherrschende Verwendung der Rundbogen. Der Bau wurde 1220 geweiht. Das Innere der Kirche ist ausgemalt. Kunsthistorischen Wert hat ein Flügelbild im nördlichen Kreuzarm, von einem altkölnischen Meister herrührend, das auf Goldgrund Christi Kreuzigung, seine Himmelfahrt und den Tod Mariä darstellt. Auch die Stadt Linz, die gleich Andernach zum Teil noch von Mauern und Türmen umgeben ist, besitzt eine aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stammende romanische, dem St. Martin geweihte Kirche, die jedoch in späterer Zeit einen gotischen Turmhelm und anderen gotischen Schmuck erhielt. Über Linz erhebt sich der Donatus- oder Kaiserberg, der einen schönen Blick ins Rheintal und das auf der anderen Seite sich öffnende Ahrtal darbietet. Mehr locken den Fremden aber noch die großartigen Basaltsteinbrüche bei Dattenberg — der Ort ist bekannt durch seinen Rotwein —, ebenso auf dem Minderberg. Er bewundert dort die Pracht der Basaltsteinsäulen und ist erstaunt über die schöne, smaragdgrüne Färbung des Wassers, das sich in den Vertiefungen der Steinbrüche ansammelt und überraschende Spiegelbilder der infolge langsamer Erkaltung so regelmäßig gegliederten, bis zu 7mlangen und 20cmdicken Basaltsäulen zeigt. Der Geologe, der ihn dieses Wunderwerk der Natur schauen läßt, führt ihn auch zu den Rheinkiesablagerungen, die in bedeutender Höhe über dem jetzigen Spiegel des Stromes verraten, wo dieser einst seine Fluten durch das noch nicht so tief ausgenagte Tal bewegte.

Abb. 124. Kriegerdenkmal in Bonn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 124. Kriegerdenkmal in Bonn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 128.)

Remagen. Apollinariskirche.

In Remagen gesellen wir uns den zahlreichen Touristen zu, die dort den Rheindampfer verlassen. Das Ahrtal mit seinen malerisch sich türmenden Felsen, mit seinem zum Irrlauf gezwungenen Flusse, mit seinen Burgruinen auf den Bergen und seinen Dorfidyllen in des Tales Nischen, mit seinen Geschichten und Sagen, mit seinen heilkräftigen Quellen ist ihr und unser Ziel. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges benutzen wir, um die alte Stadt Remagen und ihre Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. In dem Orte haben wir wieder eins der fünfzig Drusus-Kastelle vor uns. Auf der Peutingerschen Karte, der Nachbildung einer alten römischen Straßenkarte aus dem Mittelalter, ist Remagen alsRigomagusaufgeführt. „Wertvoll für die früheste Geschichte der Stadt,“ soschreibt Kollbach, „ist ferner ein in der Nähe aufgefundener römischer Meilenstein, welcher uns nicht nur die Zeit des Straßenbaues unter den Kaisern Markus Aurelius und Lucius Verus verkündet, sondern auch genau die Entfernung von hier bis Köln als30000 Schritte angibt.“ Interessante römische Funde wurden zu Remagen beim Bau der jetzigen Landstraße, im Jahre 1763, gemacht. Dieselben wanderten, weil der Ort damals zur Pfalz gehörte, nach Mannheim. Neuen Aufschluß über das römischeRigomagusergab in neuester Zeit der 1900 begonnene Neubau der alten Pfarrkirche. Es war längst bekannt, daß diese inmitten des Drusus-Kastells stand. Durch die vorgenommenen Nachgrabungen wurde die Nordmauer desselben am Deichweg freigelegt. Eine gleich gut erhaltene oberirdische Festungsmauer aus der römischen Zeit ist in der Rheinprovinz kaum noch irgendwo erhalten. Ein aufgefundener römischer Ziegelstein trug die AufschriftRICOM, die den Gedanken nahe legt, daß der Name des Kastells nichtRigomagus, sondernRicomagushieß. Auch auf mächtige Schuttmassen stieß man bei jener Gelegenheit. Kaum ein zweiter Ort am Rhein hat so schwere Schicksale, so zahlreiche Belagerungen und Zerstörungen in Kriegszeiten erdulden müssen wie Remagen. Es wurde 1198 von den Truppen Philipps von Schwaben verbrannt, 1475 von den Burgundern erobert, 1632 von den Schweden erstürmt, 1633 von den Spaniern zurückerobert, im selben Jahre aber von den Schweden zusammengeschossen, wobei der Kirchturm und 200 Häuser zerstört wurden. Kein Wunder, daß nach solchen schlimmen Zeiten der Ort am Ende des Dreißigjährigen Krieges nur noch 60 Häuser, wohl richtiger gesagt Hütten zählte. Und dennoch blieben uns noch einige interessante, mittelalterliche Baureste erhalten, so das 1246 geweihte gotische Chor der alten Pfarrkirche und der seltsame, schon viel gedeutete und doch vielleicht noch nicht richtig erklärte, reich mit Skulpturen geschmückte Torbogen, der neben dem Pfarrhause steht. In der Talfurche des Lützerbaches, der in den aussichtsreichen Viktoriaberg eingeschnitten ist, sind noch Reste einer unterirdischen römischen Wasserleitung erhalten. So plaudert, wie dieser Bach, fast jede Örtlichkeit eine Geschichte. Aus der frisch blühenden Gegenwart, die aber Remagen die frühere Bedeutung noch nicht wiederzugeben vermochte, stammt die zierliche, von vier schlanken Türmchen flankierte Apollinariskirche (Abb. 114), die der Graf Fürstenberg-Stammheim 1839 durch den Dombaumeister Zwirner in gotischem Stile aufführen ließ.

Abb. 125. Beethoven-Denkmal in Bonn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 125. Beethoven-Denkmal in Bonn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 126. Das Münster in Bonn. (ZuSeite 128.)

Abb. 126. Das Münster in Bonn. (ZuSeite 128.)

Das Ahrtal.

Nicht gar zu schnell führt uns der Eisenbahnzug von Remagen durch das Ahrtal. Wir lassen die wechselnden Bilder an uns vorübergleiten, und erst dort, wo die neben uns rauschende Ahr in der engsten Felsenwildnis sich zu verlieren scheint, in deren Mitte malerisch auf schroffem Felskegel die Burgruine Altenahr vor uns auftaucht, machen wir halt, um rückwandernd dann des Tales Schönheit voll zu genießen. Drei völlig verschiedene Talstücke des Ahrlaufes können wir unterscheiden. Die oberste Strecke entfaltet noch nichts von der wilden Schönheit, die das Ahrtal so berühmt gemacht hat. Nur wenig hat der junge Fluß in dem Grauwacke- und Kalkgestein, das er zuerst durchfließt, sein Bett vertieft. Grüne Wiesen säumen ihn, und die Talgehänge prangen in dichtem Waldkleide. Erst bei Altenahr, wo die Ahr in eine mehr schieferartige Grauwacke eintritt, ändert sich plötzlich das Talbild. Dieses Gestein bot dem mit starkem Gefälle gegen die Felsen anstürmenden Flusse, der inzwischen auch durch zahlreiche Bäche seine wilde Kraft verstärkte, nur geringen Widerstand dar. So ward die Landschaft durch tiefe Furchen zerrissen. Auf eine großartige Felsenlandschaft schauen wir von der Burg Altenahr, dem Stammsitz des Grafengeschlechts von Are, deren Bau bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichen soll, oder vom Weißen Kreuz (Abb. 115) herab. Wohl zehnmal sehen wir die Ahr hinter den schroffen Felswänden, die entweder mit zierlichem Buschwerk bewachsen oder bis hoch hinauf mit Reben geschmückt sind, verschwinden und wieder hervorkommen. Bis Walporzheim reicht der enge Teil des Ahrtales. Noch an vielen Punkten entfaltet dieses mittlere Talstück seine eigenartige Schönheit. Zuweilen verbreitert das Tal sich etwas, und ein größerer Rebengarten nimmt uns auf. Dann aber treten die Berge in malerischen Formen wieder näher an den Fluß heran und zwingen ihn zu neuen Irrläufen. In dem kühlen Wassergrunde spielt die Forelle. Die rote Felsennelke schmückt das Gestein. Hie und da führen von der Landstraße Steinstufen hinauf zu den Weinbergen. Wir wandern an der vielbesuchten Lochmühle und an dem in stillem Talfrieden liegenden Mayschoß vorüber und blicken hinauf zu den geringen Resten der einst auf steiler Felshöheso trotzig gelegenen Sassenburg. In breiterem Tal erholt sich die Ahr von ihren Irrläufen. Dann grüßen wir die Bunte Kuh, einen mit spitzer Nase aus der Bergwand heraustretenden Fels. Der eigentümliche Name soll von einer Wette herrühren. Für den Preis einer Kuh erkletterte ein Mädchen den Fels und wechselte auf der vorspringenden Nase das Strumpfband. Gleich hinter der Bunten Kuh erreichen wir Walporzheim, den weltberühmten Weinort, wo im St. Peter gar mancher Zecher des Weines Kraft erfahren hat.

Abb. 127. Inneres des Münsters in Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 127. Inneres des Münsters in Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 128. Marktplatz in Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 128. Marktplatz in Bonn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 128.)

Abb. 129. Die Universität zu Bonn.Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (ZuSeite 130.)

Abb. 129. Die Universität zu Bonn.Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (ZuSeite 130.)

Bei Walporzheim beginnt das untere, viel breitere Talstück der Ahr. Das alte Städtchen Ahrweiler (4500 Einw.), der in jüngerem Glanze aufblühendeBadeort Neuenahr (Abb. 116) und der Weinort Bodendorf sind die bekanntesten Orte auf dieser Strecke. Bei Ahrweiler liegt auf dem Kalvarienberg das gleichnamige Kloster der Ursulinerinnen. Wie anders ist auf dieser Strecke das Bilddes Tales, wenn man von einer der Berghöhen herniederschaut! Den schönsten Überblick haben wir von der Landskrone hinab, die auf der Nordseite so beherrschend hervortritt. Der Fluß zieht zwischen Wiesen und Feldern dahin, und die zahlreichen Ortschaften liegen in einem Kranze von Obstbäumen. Die uns gegenüberliegende Talwand prangt in üppigem Waldschmucke, während auf der nördlichen, der Mittagssonne zugekehrten die Rebe bis fast zur Mündung der Ahr hin ihr Plätzchen behauptet.

Abb. 130. Bismarck-Säule bei Bonn.Nach einer Photographie der Bonner graph. Kunstanstalt (Rud. Schade) in Bonn. (ZuSeite 130.)

Abb. 130. Bismarck-Säule bei Bonn.Nach einer Photographie der Bonner graph. Kunstanstalt (Rud. Schade) in Bonn. (ZuSeite 130.)

Abb. 131. Cistercienserabtei Marienstatt auf dem Westerwald.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 134.)

Abb. 131. Cistercienserabtei Marienstatt auf dem Westerwald.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 134.)

Rheinfahrt.

Wieder stehen wir am Strande des Rheins, um das Dampfschiff für die Fahrt von Remagen nach Bonn zu erwarten. Die „Loreley“ ist’s, die auf den Fluten dort heranschimmert und nun an der Landebrücke anlegt. Will der Name des schönen Schiffes noch einmal Kunde uns bringen von dem herrlichen Bilde, das wir auf der Rheinfahrt schauten, von dem sagenumwobenenBerge und der Nixe, der jener Schiffer vergessen lauschte, oder will er der Sage liebliche Laute aufs neue wecken in unserer Brust beim Anblick anderer Bilder herrlichster Art?

Abb. 132. Westerburg. Auf dem Westerwald.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 134.)

Abb. 132. Westerburg. Auf dem Westerwald.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 134.)

Abb. 133. Limburg an der Lahn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 137.)

Abb. 133. Limburg an der Lahn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 137.)

Rolandseck. Drachenfels. Königswinter.

Tief steht die Sonne am Himmel. Auf die Talwand zur Linken senkten sich schon des Abends Schatten, aber die Höhen auf der rechten Seite des Stroms lecken noch das letzte Licht des sterbenden Tages. So feurig strahlt der Abendröte Schein, als wollte sie die letzte Stunde der Rheinfahrt uns vergolden, daß leuchtend der Erinnerung schöne Bilder wieder auftauchen können noch in späterenJahren, wenn ein großes Stück des Lebens hinter uns liegt wie ein Traum. O schönes Erinnern, das dann auch erzählt von jenem Sonnenuntergang am Rhein! Von neuem sehen wir, wie die dunkle Bergmasse der so trotzig am rechten Rheinufer aufragenden Erpeler Ley sich rötlich färbt und von den sanften Rebengehängen Oberwinters auf der andern Seite die letzten Sonnenstrahlen forthuschen, wie über Rolandseck von schattendunkler Bergeswand der Rolandsbogen (Abb. 117) grüßt und vor uns das liebliche Eiland Nonnenwerth mit seinem altersgrauen Kloster auftaucht, wie endlich der Drachenfels (Abb. 1) aus den Fluten des Stromes auftaucht, so trotzig, als wollt’ er ihn wehren, weiter zu ziehen und unser Schiff fortzutragen aus diesem Lande der Poesie. Und auch der Sage Laute klingen wieder an unser Ohr. Von Hildegunde erzählen sie, die, einer falschen Nachricht glaubend, die den Tod ihres geliebten Ritters meldete, im Kloster zu Nonnenwerth die Klage des Herzens vergessen wollt’, von Roland, der traurig diese Kunde nach glücklicher Heimkehr vernahm und droben, wo heute noch der Rolandsbogen steht, sich ein Schloß baute, um immer hinabschauen zu können auf das Kloster, das die Liebste barg, und von Siegfried, der den Drachen tötete.

Abb. 134. Inneres des Domes in Limburg an der Lahn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 138.)

Abb. 134. Inneres des Domes in Limburg an der Lahn.Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (ZuSeite 138.)

Doch ein prächtiges Bild, ein stolzer Bau, der aus neuerem Stein sich auftürmt, scheucht die Bilder der Vergangenheit. In halber Höhe des Drachenfels erscheint, überragt von der Burgruine, die die höchste Spitze des Berges so malerisch krönt, das neue, vieltürmige und zinnenreiche Schloß Drachenburg (Abb. 118u.141bis143). Und wie reich das Leben flutet am herrlichen deutschen Rhein, inmitten dieser, von einer alten Kultur gesegneten Landschaft, das verrät die vielhundertköpfige Menge, die in Königswinter (Abb. 141) unser Schiff erwartet. Bis auf den letzten Platz füllt dieses sich, und mit der Menge zieht rheinische Fröhlichkeit in seine gastlichen Räume ein. Lustig werden bei der Abfahrt die Tücher geschwenkt, und bald ertönen die Klänge eines Rheinliedes. Nixen sieht man auf der Loreley und junge Musensöhne,die in dem Sange die nämliche „gewalt’ge Melodei“ verspüren, die den Schiffer im kleinen Kahne lockte. Und desto froher stimmen sie, als verklungen der Loreley Zaubergesang, selbst sich warnend, Simrocks köstliches Lied an:

An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,Mein Sohn, ich rate dir gut;Da geht dir das Leben zu lieblich ein,Da blüht dir zu freudig der Mut.Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,Als wär’ es ein adlig Geschlecht;Gleich bist du mit glühender Seele dabei:So dünkt es dich billig und recht.Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schönUnd die Stadt mit dem ewigen Dom;In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’nUnd blickst hinab in den Strom.Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund,Und hast du ihr Lächeln gesehn,Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,Mein Sohn, so ist es geschehn:Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein,Entzücken faßt dich und Graus:Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein!Und kehrst nicht wieder nach Haus.

An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,Mein Sohn, ich rate dir gut;Da geht dir das Leben zu lieblich ein,Da blüht dir zu freudig der Mut.

An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,

Mein Sohn, ich rate dir gut;

Da geht dir das Leben zu lieblich ein,

Da blüht dir zu freudig der Mut.

Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,Als wär’ es ein adlig Geschlecht;Gleich bist du mit glühender Seele dabei:So dünkt es dich billig und recht.

Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,

Als wär’ es ein adlig Geschlecht;

Gleich bist du mit glühender Seele dabei:

So dünkt es dich billig und recht.

Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schönUnd die Stadt mit dem ewigen Dom;In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’nUnd blickst hinab in den Strom.

Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön

Und die Stadt mit dem ewigen Dom;

In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höh’n

Und blickst hinab in den Strom.

Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund,Und hast du ihr Lächeln gesehn,Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,Mein Sohn, so ist es geschehn:

Und im Strome da tauchet die Nix’ aus dem Grund,

Und hast du ihr Lächeln gesehn,

Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,

Mein Sohn, so ist es geschehn:

Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein,Entzücken faßt dich und Graus:Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein!Und kehrst nicht wieder nach Haus.

Dich bezaubert der Laut, dich betöret der Schein,

Entzücken faßt dich und Graus:

Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein!

Und kehrst nicht wieder nach Haus.

Abb. 135. Nassau an der Lahn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 139.)

Abb. 135. Nassau an der Lahn.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 139.)

Bonn.

Wie könnte das rheinische Land schöner gefeiert werden als in diesem herrlichen Liede! Der es sang, er wohnte in Bonn, der schönen Musenstadt am Rhein, die nun uns grüßt mit ihren schmucken Villen, ihren lieblichen Gärten, mit dem trotzigen Alten Zoll und der schwungvollen neuen Rheinbrücke (Abb. 119). Letztere ist im Jahre 1899 dem Verkehr übergeben worden. Wer über sie wandert,erfreut sich an dem bildhauerischen Schmuck, der in den beiden Zollhäuschenpaaren (Abb. 120) zum Ausdruck gelangt ist, an der naiven Darstellung der rheinischen Sagen, des Studenten- und Volkslebens (Abb. 121). An der Beueler Torburg der Rheinbrücke lachen wir recht herzlich über das „Bröckemännche“ (Abb. 122), das durch seine Haltung die Bewohner von Beuel sehr drastisch dafür straft, daß ihre Gemeinde zum Brückenbau nichts zusteuerte.

Abb. 136. Denkmal des Freiherrn vom Stein bei Nassau.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 139.)

Abb. 136. Denkmal des Freiherrn vom Stein bei Nassau.Nach einer Photographie von H. Hardt in Limburg. (ZuSeite 139.)

Abb. 137. Kurhaus und Kurgarten in Ems.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 139.)

Abb. 137. Kurhaus und Kurgarten in Ems.Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (ZuSeite 139.)

Bonn. Das Siebengebirge.

Bonn ist oft verglichen worden mit der ihm geistig so nah verwandten Musenstadt am Neckar, mit dem nicht weniger gepriesenen Heidelberg. Die Lage der beiden Städte ist jedoch völlig verschieden. Heidelberg konnte sich gleichzeitig an einen Flußlauf betten und an eine hochragende Bergwand lehnen. Bonn sieht sich von den Berggehängen, die den Rheinstrom bis dorthin malerisch schmückten, verlassen, sieht sie aber in schön geschwungenen Linien und in nicht zu weiter Ferne auftauchen, sowohl seitwärts über der Poppelsdorfer Allee, die nach Südwesten zur Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberge hinzeigt, als auch in südöstlicher Richtung über der breiten Wasserfläche des Rheins, der des Landes Krone, die Sieben Berge, auf seinem Spiegel trägt. So steht in dem Landschaftsbilde der beiden schönen Musenstädte die malerische Nähe, die nichts dem Auge verhüllt, der lockenden Ferne, die das Gemüt des Beschauers zu sich hinzieht, einander gegenüber. Dieser Gegensatz muß im Empfinden des Menschen zum Ausdruck kommen: die Nähe wirkt immer großartig, die Ferne aber entfaltet den Reichtum der Erscheinungen einer großen Welt, die täglich noch Neues zu zeigen vermag. Die Sieben Berge, der wie ein Eckpfeiler trotzig aufragende, sagenumwobene Drachenfels, die Burgruine, die ihn krönt, der Petersberg mit dem stattlichen Gasthause, der wie ein König alle Berge überragende Ölberg, dann jenseits des Flusses der zierliche Godesberg mit seiner schlanken Turmruine, die an die Bergeshöhen, an den Strom gelehnten Ortschaften, das wechselnde Bild der die Stromfläche belebenden Schiffe, die am Stromufer aus ihren Gärten auftauchenden Villen,die in schwungvollen Riesenbogen sich spannende Brücke mit ihrer Verkehrsbewegung, ferne Kirchtürme und andere Gebäude, so die immer bei klarem Wetter deutlich hervortretende Kuppe mit der Abtei Siegburg, sowie andere Erscheinungen in dem weiten Rahmen des Bildes: sie werden heute übersehen und morgen freudig neu entdeckt von den täglichen Besuchern des Alten Zoll. Auf diesem berühmten Aussichtspunkte am Bonner Rheinufer steht das Denkmal Vater Arndts (Abb. 123), und zwei französische Kanonen, die von Kaiser WilhelmI.der Bonner Universität geschenkt wurden, schauen über die Brüstung des mächtigen Bollwerks hinweg. Was der Landschaft von Bonn gegenüber der von Heidelberg an großartiger Plastik fehlt, das ersetzt der zu den Füßen des Alten Zoll vorüberrauschende Rhein, sowohl durch das natürliche Bild eines im Vergleich zum Neckar riesenhaften Stromes, als auch durch die geistige Größe, die er in der Geschichte des deutschen Volkes erlangt hat. So übertrifft die Lage Bonns diejenige Heidelbergs. Nur das geistige Leben der beiden Städte hat viele gemeinsame Züge. Die beiden durch eine herrliche Lage im schönen Rebenlande und ein frisches rheinisches Leben ausgezeichneten Städte vermögen ihren Musensöhnen eine Geistesnahrung zu geben, die die andern deutschen Universitäten, nur noch Jena ausgenommen, nicht bieten können, einen Impuls fürs Leben mit den starken Schwingen, um Großes zu erreichen. Kam dies nicht oft genug in der Bonner Studentenschaft zum Ausdruck? Sagte es nicht die Flamme der Begeisterung, die so mächtig aufloderte, als 1870 die Kunde der Kriegserklärung erscholl und die Bonner Studenten zu einer großartigen patriotischen Kundgebung ungerufen zusammen sich fanden, und sagte es nicht vor wenigen Jahren auch der Aufruf, der von Bonn aus zur Errichtung von Feuersäulen, um das Andenken des heimgegangenen großen Kanzlers Bismarck zu ehren, in die deutschen Lande ging und in allen deutschen Städten so begeisterte Aufnahme fand, daß überall von den Bismarck-Säulen die Flammen der Begeisterung für den größten deutschen Staatsmann, die Frühlingsfeuer des jungen Deutschen Reiches auflodern werden! Von den großen Männern,die dem Lehrkörper der Universität seit ihrer Gründung im Jahre 1818 angehört haben und sich inmitten der Gedankenwelt der rheinischen Musenstadt so wohl fühlten, von einem Niebuhr, dem großen Geschichtsforscher, von einem Arndt, an dessen Denkmale auf dem Alten Zoll wir die flammenden Worte lesen: „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, von einem Dahlmann, der gleich Arndt von Deutschlands großer Zukunft träumte, von einem Wilhelm von Schlegel, von dem rheinischen Poeten Karl Simrock, der in Bonn geboren war, von Heinrich von Sybel, der zwar nur wenige Jahre in der rheinischen Musenstadt wirkte, und von andern brauche ich nicht weiter zu reden, denn die Namen dieser Männer wurzeln fest in der Erinnerung des ganzen deutschen Volkes. Auf dem alten Friedhofe, wo auch ein Schumann, ferner die Gemahlin und der zweite Sohn des Dichterfürsten Schiller begraben liegen, können wir die treu in Ehren gehaltenen Grabstätten jener großen Männer besuchen. Dort schauen wir auch das schöne, von Küppers modellierte Kriegerdenkmal (Abb. 124), das uns an eine große Zeit erinnert, die jene Männer heiß ersehnten. Wenden wir uns dem alten Bonn zu, so grüßt uns auf dem Münsterplatze das Denkmal Beethovens (Abb. 125), der im Jahre 1770 in Bonn geboren wurde, und dessen Geburtshaus in der Bonngasse von jedem Verehrer des größten Meisters der Töne aufgesucht wird. Am Münsterplatze ragt die schöne, leider in ihrem stimmungsvollen Innern etwas bunt bemalte Münsterkirche (Abb. 126u.127) empor, deren älteste Teile am Chor aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Dem Marktplatze (Abb. 128) von Bonn geben das Rathaus und die alten oder in altertümlichem Stile neu aufgeführten Giebelhäuser, die zum Teil mit Malereien geschmückt sind, sein eigenartiges Gepräge. Nach Norden gelangen wir von dort in den Stadtteil, der sich auf dem Boden des alten römischen Lagers entwickelt. Schöner ist allerdings der von baumgeschmückten Straßen durchzogene südliche Stadtteil, wo derHofgarten, der zwischen der Universität, dem früheren kurfürstlichen Schlosse (Abb. 129), und dem Rhein sich ausbreitet, wo der Kaiserplatz, die Poppelsdorfer Allee, die zum Poppelsdorfer Schlosse und dem Botanischen Garten führt, die Koblenzerstraße, die Rheinallee, die Gronau mit dem neuen, am Rheinufer erbauten Stadthause und der Bismarcksäule (Abb. 130) und endlich auf dem Venusberge der Kaiserpark zu genußreichen Spaziergängen einladen.


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