14. Kapitel.
Der Zachenhesselhans hat gesagt:
»Hans-Tonl, der Winter macht mir's fei gar zu toll. Kennst das Sprichwörtl von dem Regiment der gestrengen Herrn? Jetzt hat das Waldland schier drei Monate in einem Schlaf gelegen. Darüber laßt sich ausrasten; der Februar wird schon ein Wort mit dem Winter reden. Zwar, in denen sechzig Jahren, die ich daheroben bin, hat er nicht allzuoft gezeigt, daß er dem Frühjahr zuzählen möcht', aber besinnen kann ich mich doch auch auf das.«
Und in der letzten Januarwoche und im Anfang des Februar, sind auch die beiden andern Kälber gekommen in der Höll.
»Sechs Stückl Vieh, Hans-Tonl!« lachte der Alte. »Kommt aber keins aus dem Stall, es sei denn, der Zachenhesselhans ist hinterdrein mit der Peitsche und treibt zur Bergweide.
Hans-Tonl, und eine Wasserkunst haben wir ja auch! Ganz vergessen hat einer darauf in dem Mordsschnee.
Und das Zechenhäusl müssen wir wieder aufrichten. Aber eh das losgeht, müssen wir mitsammen auf die Stachelschweine denken; die dürfen mir nimmer an den Halden herumliegen, wenn die Sonne kommt. Einsammetweiches Gras muß die unter dem borstigen herauslocken.« –
Wieder gingen die Tage: unter dem Schnee war ein Rieseln und die Bäume des Waldes warfen die Schneedecke, die sie einen Winter lang getragen, herab. Der Sturm, der heulende Frühlingssturm, stürzte die Berglehnen herein, trat den Schnee zusammen, und hinter ihm her sprangen die Bäche durch das Waldland zu Tale. Nicht nur die alten, die die Zeiten her ihren Weg gelaufen und den Wald in jedem Jahrhundert haben einmal sterben und wieder auferstehen sehen – zwischen den Steinen heraus sprangen schwätzende Wässer und weckten die Schollen, unter den Wurzeln hervor quollen perlende Brünnlein und hüpften in die Welt. Und die Sonne stieg lachend empor und pochte mit goldenen Fingern an die Kammern der Erde. Da wurden die Halme lebendig, da dehnten sich die Blüten und wollten ans Licht, da wanderte der Frühling im Kleid aus blauer Seide mit fliegenden Fahnen aus Sonnenschein herein in das Waldland.
Wie der Dünger über das borstige Gras der Halden gebreitet war, über das noch nie eine Sense gesungen, rüsteten sie am Zechenhaus zur Arbeit.
»Ein Vieh in den Stall zu nehmen, dazu ist der Zachenhesselhans zu alt geworden und – wir wissen's eh – sechs Stück in dem einen der Hölle und die Ziegen, dazu die Schweine im Stall, die brauchen zwei Männer. Freilich: einen Mann tät das Wawrl stellen; aber, es kunnt die Zeit kommen, in der die blondeFrau ein Kindlein zu wiegen hat. Und so eins will die Mutter ganz. So ist der Zachenhesselhans in der Hölle wohl nötig und einen Knecht zu machen, dazu taugt er noch, wenn er gleich morsch zu werden beginnt.« –
So stützten die Männer vom Sonnenwirbel und aus den Haldenhäusern das wankende Fachwerk über dem zusammengestürzten Gemäuer, legten noch einen Teil davon nieder, der über Winter rissig geworden war, und wie der letzte Frost aus dem Lande gezogen, gingen sie daran, Stein auf Stein zu fügen und die Mauern zu richten.
»Leutln,« sagte der Zachenhesselhans, »fein verputzt werden die Wände und getüncht und ein sauberes Muster wird daraufgemalt, blau oder grün. Und in die Sonnenwirbelseite bauen wir ein Fenster ein, und vorn nach dem Walde zu ein gleiches, so gibt's ein Stübl, ein feines.«
»Hui,« sagt der Helari, »will sich denn der Zachenhesselhans noch ein Weib nehmen ins Zechenhaus?«
Da lächelt der Alte.
»Ein Eichtl spät wär's, Helari. Aber das Häusl muß einer ausnützen, insonderheit, wenn er sich zum Aufbau ein Geld hat leihen müssen. Viel is nit, aber fünfzig Gülden wollen abbezahlt sein. Und so viel wird's werden. Mußt doch auch eine Diel hineinlegen, eine feine, und die Säuställe herausbrechen. Die Tröge, die übrig werden, hat mir der Hans-Tonl abgekauft.«
»Nu, und dann?« fragt der Helari verwundert. »Die Bettstatt hätt doch im andern Stübl Platz genug gehabt?Wenn der Zachenhesselhans aber wohnen will, so muß doch auch ein Ofen herein?«
»Da bist wieder auf dem Holzweg, Helari. So is das nit gemeint. Eine Sommerfrischen soll das geben, und fein wird's. Denkst etwa: darin kann sich einer nit ausruhen, wenn er aus der Stadt kommt? Zu dem Fenster drüben schaut die Morgensonne herein, und an das Fenster vorn rauscht der Wald des Abends ein Schlaflied her. Wenn einer müde ist von dem Rasseln und Mühen und Hasten in der Stadt, so kann er hier ausrasten. Und ich mein': wie das Neue Haus den Sommer über voll ist von Leuten, die die Ruhe suchen im Waldland, so kann sie einer hier auch finden.«
»Schlafen will solch einer aber auch, Zachenhesselhans, und ein Bett müßt schon herein, wenn Du das willst.«
»Das ist fei nit schlimm. Mei Bettstattl hat sogar Raum für zwei; undichhab einen Sommer lang Platz auf der Butzen hinter dem Ofen.«
So richteten sie, während der Frühling seine Boten über das Waldland sandte, das geborstene Gemäuer wieder auf. Und wie noch ein später Sturm zornig über den Gebirgskamm lief, weil er das Feld für den Winter nicht verloren geben wollte, und wie der sich auch auf das Häusl stürzte, das den Winter über so wackelig an der Halde gelehnt hatte, da stand's fest. Und der letzte Sturm mußte sich begnügen, im Wald ein paar Fichten zu entwurzeln und krachend zu Boden zu werfen.
Wie sich auch der Sturm verlaufen hatte und dasDonnern der Sturzbäche leiser ward, kamen die Nebel – nicht die langen Tage über lagen sie auf dem Waldland, nicht in die Morgen wälzten sie sich, schwer, träge, sondern sie erwachten, wenn die Sonne zwischen den Plessen und den Spitzberg zu sinken begann.
Noch standen die roten Lichter des Abends über dem Bergwald, noch lief ein warmer purpurner Schein über die Halden, da begann der Nebel sein heimliches Spinnen über den berstenden Schollen.
Aus den Runsen und Rissen flog ein warmer kräftiger Brodem, aus den Wäldern schwamm der harzige Duft, der das Drängen des keimenden Frühlingswuchses verriet.
Und wenn ein Wind über die Wipfel lief, so trug er die seidigen braunen Flöckchen, in denen über Winter die zarten Sprossen geschlafen hatten. Nun drängten sie heraus, denn sie hatten den goldenen Hauch der Sonne gefühlt.
Und wie die Rieselbächlein, die zwischen den Steinen und unter den Wurzeln der Haldenbüsche herausgesprungen waren, versiechten, da öffnete der Alte vom Zechenhaus den Spund an der Röhre und es war wieder das klingende Rillern über der Bergwiese, unter dessen Segen sie sich im späten Herbste noch einmal mit leisem Grün geschmückt hatte.
Von jenen Haldenstrecken, die im Vorjahre das stachliche saftlose Gras getragen hatten, zogen die Männer die Reste des Düngers ab. Und wie die Sonne kam und das junge dichte Gras die Scholle brach, in denenzum ersten Male die Kraft fröhlichen Wachstums war, so gingen die Kühe der Hölle – drei Stück Jungvieh waren dabei – mit klingenden Glocken an der Berghalde.
In den Augen des Zachenhesselhans war ein Glanz, den der junge Frühling hineingeworfen hatte und der allen, die in diese Augen schauten, verriet: das alte Herz des Waldmanns sieht Wunder und wartet auf Wunder.
»Helari, was hast gesagt? Du hast gemeint: eine Fabrik müßten wir haben in Gottesgab, etwan eine, in der Posamenten oder Handschuhe gemacht werden. Eine einzige Fabrik könnt uns helfen daheroben. Die Männer müßten nicht mehr hinaus auf den Spitzenhandel, Männer, Frauen, Jünglinge und Jungfrauen braucheten nicht mehr aus dem Waldland, um eine Musik zu machen in der Welt. Hast das nit gesagt, Helari?
Diejenigen, die hinausziehen mit ihren Singspielen, die landfahrend werden – was verdienen sie denn? Kaum ihr Leben können sie fristen davon. Der Schmied-Seff-Pepp ist einer von ihnen. Weißt noch, wie er den Berg heraufgeschnauft ist und wie er kaum den Weg gesehen hat zu seinen Füßen? Einen Reichtum hat er nit heimgebracht aus dem Lande, darinnen Milch und Honig fließet. Ohne Augen ist er hereingefahren ins Waldland. Und jetzt: dem Bettelmannl, das das Licht nicht mehr sehen kann, gibt's sein Heimatland in Fülle. Nicht, daß einer reich werden könnte dabei – aber: keinen Spargroschen hat er gehabt sein Lebtag. Und jetzt, Helari, weißt, wie mir's möglich geworden ist, dasHäusl wieder aufzurichten? Die fünfzig Gülden haben mir der Seppl und das Harfenweibl geliehen.
Wir wollen aber weiter schauen, Helari.
Was schicken denn die Männer, die draußen mit den Spitzen handeln, an Geld nachhause – mit den Spitzen, die ihre Frauen und Kinder daheim geklöppelt haben einen Winter über, den sie bei einer Handvoll Erdäpfel und einem Hering verdarbt haben? Die meisten nichts, und mancher im Monat zwei oder drei Gulden. Helari, und das ist wert, daß daheim die Familie ohne einen Vater sitzt ein halbes Jahr oder noch länger und ihm fremd wird?
Und eine einzige Fabrik, meinst, könnt' den Leuten daherum auf die Beine helfen?
Das geht leichter.
Mit einer Ziege mögen sie anfangen, daraus werden zwei und drei und nebenher wird mit der Zeit eine Kuh.
So fehlt es an der Weide, meinst Du, ich weiß. Liegen denn im Wald des Grafen oder im Staatswalde nicht Strecken brach, auf denen ein Gras wächst und verkommt?
So muß man eine Eingabe machen und sich die Erlaubnis holen, umsonst oder gegen ein paar Kreuzer Entgelt die Brachen abmähen oder abweiden zu lassen. Und wo eine Kuh im Stalle steht, nachher verdirbt keiner. Das ist alles nur der Anfang, Helari. Ist ein Fleckl, an dem ein Stamm steht mit einem Arm. Und weißt, was auf dem Arm geschrieben ist? ›VomKlöppelsack zur Besserung‹ – hier geht der Weg.« –
Früh steigt der goldene Sonnenschild über den Keilberg und auf dem Gebirgskamm steht der Mai. Zwei Händevoll Blumen hält er: Butterblumen, blauen Gundermann, Vergißmeinnicht, Wildveilchen, sind auch Wildrosen dabei. Die streut er über die Berglehne herab.
Dem Mai entgegen steigen das Fanele und der Peterl die Halde empor.
's ist noch ein Frühtau im Gras, der dem Fanele wie Silber klingend um die bloßen Füße springt. Liegen auch noch die Schatten der Nacht im Tal um die Unruh. Aber droben um den Sonnenwirbel ist ein Rauchen und Glänzen und ein goldenes lachendes Licht.
»Grüß Gott mitsammen,« sagen die beiden Jungen, wie sie in das Sonnenwirbelhaus treten.
Die Großmutter und der Einräumer Peter sitzen beim Morgenkaffee und stippen das trockene Schwarzbrot in die Töpfe.
»Den Peterl sieht einer fei gar nimmer,« sagt die Mahm und hat grollend vergessen, den beiden den Morgengruß zurückzugeben.
»Warum verzürnt sich denn die Mahm?«
»So hat einer den Peterl herausgepäppelt, an der Schürze hat er einem gehängt die Jahre her und jetzt, er tut wahrlich, als kenn' er die Mahm auf dem Sonnenwirbel nimmer.«
Der Peter Einräumer lächelt in sein Kaffeetöpfl,tunkt das schwarze Brot, kaut vergnügt und schaut heimlich um die Ecke zum Fanele.
»Heiraten kunnt er die Mahm doch nit, der Peterl.«
Das hat das Fanele gesagt, und dem Peter Einräumer wird, wie er's gehört hat, das Gesicht ein Eichtl länger.
»Ein so viel loses Schnäuzl hat das Fanele seintag gehabt und um ein schlimmes Wörtl is es nit verlegen gewesen.«
»Was wollt's denn damit sagen, Mahm?«
»Fei so viel verzürnen kunnt sich einer, wenn er denkt, daß ihr zwei auf die Unruh wollt ziehen mitsammen um Mittsommer.«
»Justament deswegen sind wir heraufgestiegen,« sagt das Fanele. »Die Sach' haben wir uns überlegt. Wenns auf dem Sonnenwirbel einen Platz gibt, so ziehen wir herauf.«
»Hui,« wirft der Einräumer Peter ein, »wie ist denn das so rasch anders worden?«
»Der Helari meint,« sagt der Peterl, »wenn in das Zechenhaus eins tät auf die Sommerfrischen kommen, so kunnten sie auf der Unruh das untere Stübl den Sommer über auch herrichten dazu.«
»Und der Peterl meint,« sagt das Fanele, »der Zachenhesselhans kunnt fei das Richtige getroffen haben: ein Federvieh müßt' ins Waldland, ein richtiges. Das muß in den Wald auslaufen. Drunten aber auf der Unruh treten uns die Hühner das bißl Wieswuchs zusammen, und ein Wald is fei nit bis zum Häusl, wiedaheroben das Kleinholz, das bis an den Hof läuft. Wenn der Peterl aber auf eine Hühnerzucht denkt, weil weder ein Geld da is für neues Großvieh, noch ein Stall zum Einstellen der Kühe, so wär's auf dem Sonnenwirbel schon das Richtige.«
Wie das die Mahm hört, nimmt sie das Kaffeetöpfl wieder, das sie im Zorn auf die Ofenbank gesetzt hat, und hebt von neuem an, das schwarze Brot hereinzustippen.
»Das kunnt einen freuen,« sagt sie. Und ob das Leinzeug bereitet wär' und ob sonst noch etwas instandzusetzen sei. Und dann zählt sie an den Fingern die Wochen, wie sie das immer tut vor Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Da findet sie, daß bloß noch drei Sonntage sind bis zu Mittsommer. »'s is eh recht,« meint die alte Frau, »'s muß einer ja schon auf ein Heumachen denken in ein paar Tagen. Gar so viel früh is alles in dem Jahr. Wenn's im März Maisonne gibt, da kommt das wohl einmal so. Und fei so viel Anreiml ist gewesen im Winter. Sind schier die Vogelbeerbäume zusammengebrochen darunter an der Sonnenwirbelstraße und haben Wache gestanden wie die Eisheiligen.«
Wie sie reden, ist ein Klopfen an der Tür.
Wer pocht denn, eh er in die Sonnenwirbelstube tritt?
»Den Weg wird einer wissen wollen ins Tal oder auf den Berg,« meint der Peter Einräumer.
Aber das »Herein« vergessen sie zu rufen und guckenalle nach der Tür, denn es muß doch jemand hereintreten. Kommt aber keiner.
So öffnet das Fanele ein Eichtl und lugt hinaus.
»Guten Morgen,« klingt draußen eine Stimme. »Auf dem Neuen Haus hab' ich erfahren, daß Sie hierherum in den Häusern an der Halde ein Zimmer zu vermieten hätten.«
Die Leute in der Stube schauen das Stadtfräulein mit großen Augen an.
»Ein Zimmer zu vermieten?« sagt die Mahm und lacht. »Ein Zimmer is das fei nit. Aber auf dem Zechenhäusl, was voreh der Stall is gewesen, da will der Zachenhesselhans jemanden hineinnehmen.«
»Ein Stall, sagen Sie?«
»Müßt nit so reden, Mahm,« schilt das Fanele. »Wollen Sie sich nit setzen, Fräulein? Ein Stall is das fei nit. Aber ein schönes Stübl ist es, blau gemalt, ganz neu, und eine neue Diele darin und zwei schöne Fenster auch. Wenn Sie mit mir hinuntergehen wollen nach dem Zechenhaus, jetzt – ich geh gleich mit. Der Zachenhesselhans wird auf der Weide sein. Und so is niemand daheim im Häusl; aber ich geh mit Ihnen und wills Ihnen schon zeigen.«
»Wer wohnt denn in dem Hause, ich meine, wer ist denn der Vermieter?«
»'s is so ein alts Mannl, wir heißen ihn den Zachenhesselhans, schreiben tut er sich ›Herr Günther‹,« sagt die Mahm. »Wir sind das nämlich fei gar nit gewöhnt, daß feine Leut zu uns kommen. Aber schlimmsind wir nit deswegen. Sie können da unten bleiben, solang's Ihnen gefallt.«
»Ist denn da aber jemand zur Bedienung, wenn nur ein alter Mann im Haus wohnt?«
»Bedienung?« fragt die Mahm verwundert. »Zu bedienen werden S' nix haben.«
»Ich meine, zum Bettmachen und sonst zu kleinen Versorgungen?«
»Darauf hat der Zachenhesselhans noch nit gedacht. 's is ja auch wahr!«
»Wenn Sie sonst nit gar zu viel wünschen,« meint das Fanele, »so könnt ich schon den Tag über einmal hinunterspringen ins Zechenhaus und nachschauen. Jetzt, wenn Sie so weit sind, ich geh.«
Wie sie zusammen den Hang hinabsteigen, sagt das Fanele:
»Ich hab mir Sie so von der Seite angeschaut die Zeit her, gar so viel blaß schaun S' aus, Fräulein.«
»Deshalb will ich eben im Walde wohnen und Milch trinken und den ganzen Tag im Freien sitzen.«
»O, das können S' schon daheroben. Und Milch gibt's und frische Butter und ein Schwarzbrot. Und auf das Neue Haus können S' zum Mittag essen.
So, das ist das Zechenhäusl.«
Das Fanele schaut durch das Fenster.
»Der Zachenhesselhans is nit daheim,« sagt's, »er is fei immer nit da, bloß wenn er die Zeisige füttert und schlaft. Sonst geht er die Küh' hüten. Sie müssen nämlich wissen, das ist ein Schlauer, der Zachenhesselhans.Der denkt so auf allerhand Neuerungen im Waldland. Die Mali is ihm gestorben im letzten Jahr. Kinder hat er keine. Was er denkt, erzählt er dem Hans-Tonl und mir. Auf uns zwei, meint er, ständ seine Hoffnung, indem er schon über die Sechzig ist und nit mehr so viel Zeit hätt', als wir Jungen.
Das Bett vom Zachenhesselhans soll hier hereinkommen und ein Waschzeug auch und was einer sonst braucht. Man schlaft ja jetzt bloß im Stübl. Wir aus dem Wald, wir waschen uns früh und tagüber, wenns nötig ist, am Trog. Da ist ein frisches kaltes Bergwasser, das macht die Backen und die Augen blank. Wenn S' das mögen, Fräulein, nachher braucheten wir gar kein Waschzeug. Sie lachen immer so, wenn ich red'. Sie sind so was fei nit gewöhnt, gelt? Bei Ihnen reden's anders. Aber, 's is bei uns auch ganz schön im Wald. Und Schlafgeld? Zwei Gulden hat der Zachenhesselhans gemeint für die Woche. 's wird Ihnen nit zu viel sein. Sonst – er täts am End' auch ein Eichtl billiger. So. Und wenn S' den Zachenhesselhans sehen wollen, so müssen S' mit mir auf das Stachelschwein kommen.« –
»Potz Käs,« sagt der Zachenhesselhans wie er die beiden aus der Waldecke treten sieht, »da hat sich das Fanele aber eine Mudelfeine –«
Der Alte rückt die Kappe aus der Stirn und streicht sich die Haare über den Ohren zurecht.
»Sie haben ein Zimmer zu vermieten. Ich möchtees nehmen den Sommer über. Zwei Gulden soll's kosten?«
»Is vielleicht ein bißl viel?«
»Ach nein. Die Bedienung will mir das Fräulein besorgen.«
»Wen meinen S' denn damit? Die da? So eine heißt bei uns ein ›Madl‹. 's is schon recht. Und wenn S' was brauchen, müssen S' nur reden. Gehst ein Eichtl mit hinüber, Fanele? Und das Bett wollen wir rucken. Ich komm gleich.« –
So ist das Fräulein aus der Stadt in das Zechenhaus gezogen. Dem Wawrl mit den goldenen Haaren ist es eine vertraute Freundin geworden.
Wie's gegen Mittsommer geht, ist der Zachenhesselhans früh dem Helari begegnet.
»Du,« hat er gesagt, »weißt's schon: das Stadtfräulein hat eine Butter bestellt, eine Gebirgsbutter. Fünf Kilo muß der Hans-Tonl jede Woch' nach Dresden schicken, wo das Fräulein daheim ist. Zehn Gulden bezahlt sie dafür, und das Postgeld, was das Porto ist, trägt sie auch. Zehn Gulden, Helari in einer Woch' für Butter – das wär wohl nix? Kunnt einer davon vergnügt leben im Waldland! Allein von der Butter!«
Und der Zachenhesselhans reibt sich vergnügt die Hände.
»Und das Paketl mit der Butter, das tragt der Zachenhesselhans selber nach Oberwiesenthal auf die Post – er muß durch den Wald laufen, Helari, sonst nehmens einen Zoll!« –
Wie das erste Gras unter den Sensen singt, hat das Wawrl ein Bübl bekommen – ganz früh mit der Sonne hat's seinen Einzug gehalten in die Hölle.
Weil der Zachenhesselhans das Vieh austreiben will, hört er's schreien, guckt ein Eichtl durch die Tür und hebt im Hausflur einen Schuhplattler zu tanzen an. Nachher – die Schuhe zieht er aus und geht auf den Zehen hinein in die Stube.
»Wawrl,« sagt er, »da haben wir ihn: der Hans-Tonl und das Bübl, die bringen das Waldland in Schuß! So, nun schrei mir nit mehr, Bübl, als ob Du in der Höll' wärst! Sei still, Bübl, i gib Dir a Butterfiezele!«
Eine Weile reden sie noch miteinander vor der Haustür, der Zachenhesselhans und der Hans-Tonl.
Dann treibt der Alte, fröhlich mit der Peitsche klatschend, die Kühe zu Berge – immer der Sonne entgegen.
Ende.