7. Kapitel.

7. Kapitel.

Wie's den Schnee zusammen mit dem Regen in den halbgrünen Hafer aufs Gebirg geworfen, hat der Pfarrer den Hans-Tonl und das Wawrl vom Sonnenwirbel zusammengegeben.

In beiden Stuben haben sie gesessen. An diesem Tage konnten auch der Seppl und das Harfenweibl nicht im ›Neuen Haus‹ aufspielen. Sie wurden gebraucht im Sonnenwirbelhaus beim Tanzen.

Wie sie am Nachmittag die Halde hinabgezogen sind, hat der Bergwind einen nassen Schnee dem Wawrl in das Myrtenkränzl getan, und weit drunten im Land, wo der Rauch der Städte steigt, ist ein Strom Sonne aus den Wolken in die Welt geflossen.

Das Harfenweibl, wie sie das sieht, hat dem Seppl einen Augenblick die Hand losgelassen.

»Da schaut hin,« hats gerufen, »das ist fei eine gute Vorbedeutung. Wenn's in die Brautkrone regnet und der Sonnenschein fallt hinein, da gibts immer ein volles Kästlein in der Höll. Das Mehl im Katt wird nit alle und dem Krüglein mag's nicht an Oel gebrechen.«

»Nur daß derselbige Sonnenschein ein Eichtl weit weg ist von der Brautkrone,« sagt der Zachenhesselhans.

»Jetzt – das Waldmannl find't fei immer etwas, das nit stimmt,« ruft das Harfenweibl und wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der ihm noch mancherlei klar macht.

Und wie sie miteinander vor das weiße Haus am Waldsaum kommen, schau'n unter der Türschwelle drei Zipflein Rasen hervor, sind an dem oberen Türbalken mit Kreide drei Kreuze gezogen.

»Schau, schau!« Der Zachenhesselhans hat auchdaswahrgenommen. »Da hat einer heimlich den Hexen das Handwerk gelegt. 's ist eh keine Gefahr! In der selbigen Höll hat fei nur der Herrgott mit seinen Engeln etwas zu schaffen.«

Vom Wawrl erhält der Zachenhesselhans einen frohen Blick, weil er solches gemeint hat.

Aber auch die Resl von der Unruh, die die Kreide und das Gras unter der Türschwelle hat weihen lassen in der St. Annakirche zu Gottesgab vom Priester, damit beides recht kräftig sei, bekommt ihren Dank vom Wawrl.

Die Gabi, die still vor dem Ofenloch kauert und ein prasselndes Reisigfeuer hineingelegt hat, zerdrückt sich eine Träne im Auge: sind zwanzig Jahre darüber hingegangen seit sie selber das Kränzl hat getragen. Und nun schläft der Ihrige schon und fei ein so viel grausames End' mußt er nehmen, der Hachtl!

Sieht's aber niemand, daß eine wehmütige Trauer um die Frau schleicht, die jetzt ein kienig Stockholz in das knatternde Reisigfeuer wirft. Und einen Topfstellt die Gabi über das Feuer mit dem Wasser zum Kaffee.

Mittlerweile hat der Zachenhesselhans dem Hans-Tonl seine Gitarre vom Nagel genommen, und wie er probiert hat und die Wirbel geschraubt, stimmt er einen ›Dreher‹ an. Das Harfenweibl und der Seppl fallen ein.

Jetzt – wer tanzt denn den Dreher?

Der Wurzltonl hat die Resl, und der Helari, der ganz auf das schwarze Kleid vergessen hat, das die Gabi trägt, holt sich die hinterm Ofen vor und fängt mit ihr zu drehen an.

Aber die Freude kann nicht aufkommen in der Gabi. Da sagt sie:

»Wenn eins über die Vierzig hinaus ist, nachher ist's vorbei mit einem Dreher.«

Aber dem Helari fällt schon das Fanele in den Arm. Das geht wie ein Windwirbel im Ring, und die Lampe, die am kurzen Draht vom Balken herabhängt, dreht mit im Zweitakt.

»Nun schau mir einer den Peterl an!« ruft der Zachenhesselhans über die Gitarre herüber.

Aber der Peterl riskiert keinen Dreher mit dem Fanele und – die Mahm traut sich keinen mehr mit ihm. Wenn solch ein Bündel Jahre mit herumgewirbelt sein will, da ist das zu schwer.

Kommt dem Peterl aber doch ein Zucken in das Herz, schier deucht ihm: auch in die Beine. Aber der Peterl glaubt's nur dem Herzen und rückt dem Zachenhesselhans an die Seite.

»Gib her die Gitarr und Du geh tanzen! Hernach: wenn der Zachenhesselhans einen Dreher riskiert, wird der Peterl auch einen wagen.«

Der Alte, der so vergnügt in den Tag schaut, wartet noch ein Eichtl.

»Bis der Helari nimmer schnaufen kann, Peterl,« sagt er. – Und wie der Helari sich wirbelig gedreht, ruft er:

»Komm her, Fanele! Machen wir einen!«

Jetzt: wenn die Leutln nicht so laut sein wollten, tät man die Flammen im Ofen lachen hören.

So fängt der Zachenhesselhans zu tanzen an. Wie das Fanele merkt: es wirbelt herum wie in den Armen eines Jungen, und wie ihm das rote Röckl fliegt gleich einem Kreisel aus loderndem Feuer, tut der Zachenhesselhans einen Juchezer, wie der Hans-Tonl, wenn er das Wawrl auf der Bergwiese weiß.

»Leutln,« ruft er, »jetzt – um vierzig Jahr rückwärts hab ich mich getanzt, mitten hinein in die Jugendzeit! Und jetzt: machts einen Stampfer, einen richtigen, zu sehen, ob's Häusl hält!«

So machen die drei auf der Ofenbank einen Stampfer, einen richtigen, und der Zachenhesselhans und das Fanele auch, – so einen, den sie justament tanzen können auf den neuen Dielen in denen der Staub der Zeit sich nicht eingenistet.

Und der Zachenhesselhans schlägt die Nagelköpflein seiner Schuhsohlen alle hinein in den neuen Fußboden. Macht nix. Der Hans-Tonl heiratet das Wawrl nurdies eine Mal. Heut muß alles hin sein, hin wie gestern nacht die irdenen Töpfe, die sie haben zu Scherben geworfen an dem Türstein vom Sonnenwirbelhaus, alles hin und wenn's selber die Steifheit in den Beinen wär, mit der sich die sechzig Jährlein fei gar so viel Mühe gegeben haben, daß sie die endlich doch zuwege gebracht.

Wie der Zachenhesselhans neben dem Fanele auf der braunen Bank sitzt, die an der Wand hinläuft und ihm die Hand streichelt, die ihn den langen Weg durch die vierzig Jahre zurückgeführt hat, lehnt das Harfenweibl sein Saitenspiel an die Ofenbank.

»Jetzt,« ruft der Zachenhesselhans, »jetzt, Weibl, komm mit dem Teller!«

»Sag ich's nit: wenn dem Zachenhesselhans einmal kein G'spaßl mehr einfallt, nachher: hadje, Du mein liebes Waldland, mit dem Hans vom Zechenhaus ist's auf die Neige!«

»Justament is's dem Zachenhesselhans ernst mit dem Teller, Weibl, – so komm! Ich hab für keinen zu spielen, Schindeln zu machen, Holz zu rucken – das Weibl aber sieht und schafft für zwei. Geh her, Weibl! Jetzt: einen halben Gülden sollst haben, weil Du dem Zachenhesselhans noch einmal hast auf die Beine geholfen, auf denen er voreh hat gestanden. Einen halben Gülden für ein Stückl wiedergefundene Jugend – das kunnt einer mit einem Tagelohn wahrlich nit zu teuer bezahlen.

Jetzt, da fällt mir ein – paß auf, Helari, eingefallen is mir eins! – etwan ist eine Verwechslungmit den Beinen geschehen: der Zachenhesselhans hat die jungen vom Peterl, und der Peterl hat die steifen vom Hans. Haben vorhin beim Musikmachen so dicht beieinandergesessen, die beiden.«

Nun, weil aller Augen auf den Peterl schauen und das Fanele heimlicher Weis' in sein Nastüchl kichert – es hat heute das aus der Lade genommen, um das es sich die feine Spitze selber geklöppelt und das sie seit der Firmung nimmermehr angerührt – da fliegt dem Peterl ein Feuer auf die Stirn.

So geht der Peterl aus der Stube, nach dem Wetter schauen, ob's noch so verdrossen hinter dem Plessen heraufzieht wie am Nachmittag. Die Erdäpfeln müssen dasmal sonst aus dem Schnee heraus, wenn der Winter fei gar so eilig auf das Gebirg läuft.

Ueberdem haben der Peter Einräumer und der Wurzltonl den weißgescheuerten Tisch wieder aus dem Flur in die Fensterecke gestellt, und die Gabi, die heut die Hausfrau auf der Höll ist, trägt den Kuchen herein und die Tassen.

»Mußt nit,« sagt die Mahm vom Sonnenwirbel, »mußt nit dem Peterl den Tag verleiden, Zachenhesselhans! Der Peterl is ein anderer, weißt's eh.«

»Hm,« macht der Alte und in seinen Augen ist ein Glanz, fei so blank wie das Feuer, das dem Fanele unter der Stirne brennt, »so werden wir auch einmal nach dem Wetter schauen, Fanele.«

Weil der Zachenhesselhans auch noch mit den Augenetwas redet, das nur das Fanele angeht, so schreiten sie mitsammen hinaus.

»Fanele, den Wind lassen wir wehen und den Schnee lassen wir schneien. Was soll sich einer um Dinge grämen, in die der Herrgott sich hat nimmer hineinreden lassen? Aber, Fanele, hör zu: Aus dem Peterl mußt ein Bürschl machen! Auf dem Sonnenwirbel meinen sie, wenn sie ihn nur auf der Welt haben, nachher – ein Mensch wird schon aus ihm werden.

Oha, ein Mensch wohl, aber ein richtiger? Bis dahin hats gute Weg mit dem Peterl. Fanele – noch ein bißl da bleib – Fanele: dem Bübl haben sie fei nur dasHerzrichtig gemacht. Aber denKopfda, den haben sie ihm scheint's verhungern lassen. Was hat denn der Peterl gesagt zu Dir?«

»Keine drei Wörtl haben wir geredet mitsammen, solang ich denken mag.«

»Ich, wenn ihn in die Hand nehm', fürcht mich, er kommt mir nimmer wieder. Aber einer muß her neben die Mahm, die das Bübl mit Zucker und Milch füttert. Er muß ein schwarzes Brot beißen lernen, der Peterl.«

»Was sollichdenn dabei tun? Und warum just ich?«

»Hui, das sind zwei Fragen auf einmal! Was Du dabei tun sollst? Das wirst Du fei selber wissen. Und warum justament Du? Weil Du von den dreien eine bist, die von dem neuen Schlag sind, Fanele. Es muß ein neues Leben her, ein Leben, das eine andere Zeit von uns daheroben verlangen wird. Daheroben tunsie alles, ›weil's die Mahm fei aach a su getan hat‹.

Fanele das is nit mehr das rechte.«

»So soll ich dem Peterl sagen, er ist ein Lappl?« lacht das Fanele.

»Fei nit, fei nit, Dirnl,« sagt der Zachenhesselhans und schüttelt unwillig den Kopf. »Jetzt: wenn's dem Peterl einfiel, auf die Freite zu kommen zum Fanele …«

»Ja, Zachenhesselhans,someinst? Nachher, Hans, so wollt ich mir den Peterl fei schon instand setzen!«

»Jetzt – da sind wir …«

Aber das Dirnl tut einen Sprung über den Schwellenstein und fliegt vom Hausgang ins Stübl.

Ueber dem Kaffee findet sich auch der Peterl wieder von der Halde herunter. Der Wind steht droben auf dem Kamm und jagt seinen Regen herüber, auch Schneeflocken wirbeln noch darin, weiß der Himmel wo er die aufgelesen.

Der Peterl tut seine Joppe aus und hängt sie zum trocknen auf das Wäschestängl über dem Ofen.

»Auf nichts habt 's vergessen im Häusl,« sagt die Resl und schaut sich über dem Schmausen, bei dem auch ein süßer Schnaps nicht fehlt, im Stüblein um.

»Jetzt, wenn's einen Schnee auf den Wald wirft, werden's die Schwammeln (Pilze) fei bleiben lassen, das Wachsen,« denkt der Wurzltonl laut.

Aber der Zachenhesselhans hat eine Hoffnung auf Sonne. Die redet er den Hochzeitsleuten ins Herz.

Wie nur manchmal ein sanftes Schlürfen der Lippen am Rande der goldverzierten und mit Sprüchleinversehenen Tassenköpfe im Zimmer ist, hört man das Lachen der Flammen, die in den Schornstein hinauflodern.

»Und das Haldenbrünnlein läuft auch stärker als die Tage her.«

Es ist der Peterl, der dies Wort spricht. Der Zachenhesselhans schaut auf.

»Fei recht,« sagt er.

»Es ist ein Rinnen und Plätschern die ganze Bergbreite herein.«

»Soll laufen, so viel der untere Quergraben fassen kann …«

Der Helari horcht nur mit einem Ohr hin, und der Wurzltonl ist immer noch bei den Schwämmen und denkt: die Herrenpilze wenigstens könnten noch kommen. Selbst der Zachenhesselhans, der die ›Wasserkunst‹ angelegt, ist heut lieber mit seinen Gedanken beim Fanele, als auf dem Hange. Es ist ihm just das richtige Wetter.

»So eins muß der Herrgott schicken zum Hochzeiten: vom Berg herab und über den Wald hin bläst der Wind die Trompete. Die Posaune läßt er, weil sie die Hochzeitsfreude könnt' übertönen, daheim und jagt nur einen Regen und einen nassen Nebel durch die Luft. Daß er schon einen Schnee treibt, das ist eine Verrechnung, die wir ihm nicht wollen für übel halten. Wenn er merkt: es stimmt nicht, nachher wird er den Fehler ausbessern. Und der Regen ist nit lau wie ein Sommerregen, sonst könnt einer zum Tanzen das Feuerlein im Ofen nit vertragen. Aber ein Feuer mußsein, – werden erst die Herzen richtig, wenn der Kachelofen so sanft wärmelt. Mit einem Wachsen ist einmal nichts mehr jetziger Zeit. Die Vogelbeeren? 's hat nicht Not, und Schwammeln? So viel als wir brauchen, laßt der Herrgott noch jedes Jahr aufgehen.

Jetzt, Leutln: ich denk, wir machen einen ›Vogelfänger‹!«

Da muß das Harfenweibl sein Saitenspiel wieder stimmen, und der Seppl tastet sich an der Wand zur Ofenbank hinüber; das Harfenweibl hat ganz vergessen auf ihn.

Da fängt's schon zu schlürfen an: drüben das Wawrl mit der Brautkrone, daneben das flinke Fanele mit dem Flammenröcklein und dem Feuerherzen, und wieder daneben die Resl, die auch noch einen feinen ›Vogelsteller‹ mag.

Auf die Resl fahndet der Wurzltonl. Das Wawrl hat für heut den Seinigen. Und, daß die Jugend wieder zueinanderkommt: der Zachenhesselhans stellt sein Rütlein für das Fanele. – Links herum, rechts herum, hin und her, und immer geht die lustige Vogelfängerweis von der Ofenbank herüber in süßem Locken.

Das Wawrl ist zuerst gefangen, und weil der Resl der Atem ausgeht, gibt's Vögerl klein bei und geht in den Käfig: dem Wurzltonl seine Arme.

Wie auch das Fanele dem Zachenhesselhans nicht mehr entwischen kann, wirft der dem Wurzltonl und dem Helari ein Wort hinter der Hand vorm Mundhinüber. Da wissen die beiden: jetzt wollen sie die Braut fangen.

Weil da einmal kein Entkommen ist, hat der Hans-Tonl den Peterl schon in den Keller geschickt. Jetzt rollt der Peterl einen süßen ›Ungarn‹ im Zehnliterfäßlein zur Tür herein. Und für einen ›Ungarn‹ kann der Hans-Tonl das Wawrl wiederhaben – das is fei nit zu billig.

Wie sie dem Fäßlein den Spund einschlagen, hat sich ein Nebel den Berg hereingewälzt, ganz dick, lehnt sich gegen die Fenster und drückt mit den nassen Händen das letzte Licht aus in der Welt.

»'s möcht das Feuer ausgehen im Ofen von der Höll,« sagt der Zachenhesselhans und zwinkert lustig mit den Augen. »Seht's Euch den Helari an, der meint: auf der Unruh im Stübl ist auch ein Kachelofen und auf der Unruh im Stübl ist seintag die Gemütlichkeit daheim gewesen.«

Jetzt: der Helari meint, wenn einer den süßen Ungarn tät hinauftragen auf die Unruh und nicht dabei ausglitscht auf dem heimtückischen Gras, daß das Fäßl hinab in den Waldgrund läuft, so wär's ihm schon recht, wenn die Hochzeitsleut auf die halbe Nacht mit hinaufkämen.

»Das Häusl vom Hans-Tonl hält,« sagt der Zachenhesselhans, »darauf haben wir mit dem Stampfer die Probe gemacht. Und weil das Wawrl und der Hans-Tonl auf die Hochzeitsreis' wollen …« Was der Zachenhesselhans noch geredet hat, hat keiner hörenkönnen. Sie haben gar so viel gelacht, weil dem Zachenhesselhans das eingefallen ist.

So haben sie keine Lampe angetan denselbigen Abend in der Höll. Und das Feuer – das im Ofen – ist langsam herniedergebrannt.

Aus der Unruh aber ist ein Lichtschimmer in den Nebel gegangen und hat der Mitternacht, als ob die ein Licht brauchete den Berg hinauf, geleuchtet – schier bis auf den Sonnenwirbel.

Der Zachenhesselhans hat ohne Stalllämplein den Weg nach Hause gefunden. Ein Licht hätt' nicht geschienen aus der Höll, wie er am Stachelschwein vorbeigegangen ist, hat er gesagt. –

Als der junge Tag über den Wald herübergeht, hört der Zachenhesselhans auf dem Strohsack ein sanftes Klingen am Dach. So klopft der triefende Frühlingsnebel, der ein gelindes Rieseln über die Schindeln schickt und dem bald die weckende Sonne folgt.

Der Zachenhesselhans reibt sich nicht lange die Augen: so ein Klopfen kennt einer, der im Waldland grau geworden ist. An dem Fenster herab geht's kling – klang – kling. Aber alle Wolken wälzen sich noch über das Grasland und drängen hinein in den Wald.

Da kann einer noch eine Eichtl an den gestrigen Tag denken und daran, wie das Fanele daheim angefangen hat, den Peterl instand zu setzen. Daheim ist eins kecker als im fremden Haus und namentlich in der Hölle, in der's dem Fanele noch zu neu gewesen ist.

»Tun wir das Fenster auf ein wenig! Wenn derWind über das Gebirg heult und er erspäht eine handbreite Lucke, so wie jetzt im Fenster eine ist, nachher bläst er hindurch, und mit eins, so hat er einen Haufen Nebel im Zimmer, daß einer auf dem Wolkenmantel könnt gen Himmel fahren. Aber heute haben die Frühnebel keinen weiten Weg, drum gehen sie langsam. Steht auch kein Wind dahinter, der einen Regen hineinjagt oder sie mit Eisnadeln sticht: heute früh sind sie an Ort und Stelle und brauchen fei nur niederzusitzen ins Herbstgras oder in das Grün des Bergwalds. Dort wird ein Tau daraus, Millionen Spiegel, in deren jeden hernach die Frau Sonne schauen wird.«

Ueberdem steigt der Zachenhesselhans vom Strohsack in die Lederhosen, zieht sich den Gürtel über den Hüften zusammen und bindet die Riemlein über den Knöcheln.

Die Holzstiege in den Flur hinab knarrt unter seinen Tritten und das Brunnenwasser raucht in den grauen Herbstmorgen hinein als hätt's über einem Feuer gestanden im Berg.

Wie der Zachenhesselhans die Augen sich blank geputzt hat am Brunnen und mit den hohlen Händen die Flut über das Gesicht sich gegossen, richtet er sich das Pfeiflein zurecht – weil die ganze Welt raucht in dieser Frühe, so will auch der Zachenhesselhans rauchen. Und dann: in fünf Minuten raucht der Schornstein vom Zechenhäusl, raucht auch bald das Morgensüpplein auf dem Tische.

Die Uhr ruft sechs Uhr. Da muß der Tag den Sonnenschild heraushängen über dem Keilberg.

So wird der Zachenhesselhans nachschauen, ob nicht schon ein Feuer glimmt hinter dem Wolkenvorhang. Auch das Häcklein nimmt er mit, falls unter dem Rohr, das sein Wasser über die Halden taut, etwa wieder ein fürwitzig Brünnlein in den Tag rinnt, das seinen eignen Weg in die Welt laufen will.

So stapft er hin.

Keine zwei Rehsprünge weit kann einer schauen.

Da kommt ein Poltern die Halde herein – ist aber nicht die wilde Jagd, die sich versäumt hat. Das ist der Sechzehnender, der in der Dämmerung immer auf den Hau beim Zechenhaus heraustritt. Sind drei Kühe heut hinter ihm drein, und weil sie den Zachenhesselhans haben an einen Stein schlagen hören, sind sie flüchtig. –

Auf der Unruh sagt die Resl: der Helari ist auf den Erdäpfelacker.

So geht der Zachenhesselhans auf den Acker. Wie ein Schatten steht der Helari gebückt im halbgrünen Kartoffelkraut und wühlt die kalte morgenfeuchte Erde.

»Nun, wie steht's mit den Erdäpfeln, Helari?«

»Na, so-so.«

»Fei gut ist's dasmal!«

»Na, ja. Aber wieder auch nit.«

»Hui,« macht der Hans, »warum meinst denn?«

»Werden halt nit viel sein für die Schweine.«

»Welche meint denn der Helari damit?«

»Die kleinen.«

»Jetzt – die Säue vom Helari werden auch fertig werden mit den großen.«

»Was die großen sind, die essen sie auf der Unruh selber.«

Der Zachenhesselhans hebt wieder sein Lachen an – jetzt: wenn die Sonnedarübernicht aufwacht!

»Schau, schau, Helari! Auf so was hab ich gedenkt, darum hab ich fei so viel dumm gefragt. Und der Helari ist justament auch auf dem Zachenhesselhans seinen Leim gekrochen. Weil Du's ihm nun aber einmal verraten hast: Helari, zum verwundern ist's nit, daß nun auch die Bauern nichts mehr wissen mögen vom Herrgott, wenn er ihnen solche Sachen zurecht macht. Laßt der Herrgott dasmal rein nur große Erdäpfel wachsen und keine kleinen dabei für die Schweine! 's ist doch nicht zum glauben! Und dabei soll einer nicht meinen: jetzt – auch der Herrgott hat rein den Verstand verloren! Helari, 's hörts niemand auf den Augenblick und auch die Sonne guckt noch nit: wenn Dir der Herrgott einmal ein silbernes Kraut auf die Felder stellete und goldene Erdäpfel unten daranhing, und justDirallein – weißt Du, was Dir darüber einfiel, Helari? 's ist rein nit mehr zum aushalten, dächtst Du, jetzt haben weder die Menschen, noch die Schweine auf der Unruh Erdäpfel für den Winter. Wenn's dem Herrgott einmal glückt, daß ers einem Bauern rechtmacht, nachher, Helari, – ein ganzes Faßl süßen Ungar geb ich zum besten.«

Die letzten Worte laufen so aus dem Nebel herüber und können sich durch die Dickte kaum finden bis dorthin, wo der Mann von der Unruh die großen Erdäpfel kummervoll aus dem Erdreich kratzt.

Auf den Halden ist ein Glucksen und Klingen vom Bergwasser, daß – wenn's jetzt der Sonne einfällt, über den Wald zu schauen – ein rinnendes Gold im Grase wär. Der Hans-Tonl müßt' seine Freude haben daran!

Aber der Hans-Tonl guckt noch nicht heraus diesen Morgen – ist ein Vorhang rings um die Höll, so dicht, daß man meint: kein Rufen fände sich hindurch.

Wie der Zachenhesselhans wieder dorthin schaut, wo er die Sonne auf dem Wege vermutet, da ist das Feuer aufgegangen über dem Berg. Ein Wind läuft vor dem Glühen über den Wald herein, bläst dem Alten das Jöpplein mit den Harzflecken über der Brust auseinander – aber: es ist noch ein Knopf daran in der Mitte. Da muß der Wind, der so lustig mit den Joppenzipfeln wehen wollte, sein Spiel lassen und muß die Frühnebel durcheinander jagen oder das klingende Wasser den Hang hinunterblasen.

Dem Sonnenfeuer steigt der Hans entgegen.

Die Sonnenwirbelstraße ist schon ganz blank, und die Vogelbeerbäume sind golden und geben einen Klang im Frühlicht. Und die Sonnenwirbelhäuser schauen mit goldenen Fensteraugen in die Welt. Aber unten in den Tälern spinnen die Nebel, weiß, dicht, und rinnengoldene und purpurrote Ströme hinein. Und immer schwerer wird ihnen das blanke Leuchten, das darauffällt. Die Spinnennetze am Schwarzbeerkraut sind aus silbernen Fäden gezogen und hängen zitternde Perlen und glänzende Demanten darin.

Aus den Wäldern rufen die Häher. Unter dem blauen Himmel kreisen die Falken. Und ein Dampfen ist aus den Tälern herauf.

Aber der Helari von der Unruh steckt noch im Grau, das die Nacht auf das Land gelegt. Und auch um die Höll hat die Sonne das Vorhänglein noch gelassen. Es kann kein Wind dahinein, der's wegbläst, denkt der Zachenhesselhans, und seine Augen sind blank wie die Tropfen im Gras.

»Auch auf dem Sonnenwirbel sind sie schon hinaus in die Erdäpfel. Was so ein verflogener Schnee die Leute lebendig macht!« sagt der Zachenhesselhans; denn die Türen an den Sonnenwirbelhäusern sind geschlossen.

»Jetzt – so werden wir heute noch einen Feiertag machen,« fährt der Alte fort, »das Vorhängl drunten ist fei immer noch zugezogen.«

Ueberdem schlendert der Hans die Halde hinab, lauscht im Gehen auf das schwätzende klingende Rillern des Quells, dem er den Weg ins Licht gebahnt hat und biegt auf den Hau ein, welcher bis hinab zum Zechenhaus führt. Die Hühner ziehen die Beine hoch im morgentauigen Gras. Zwischen drei Halmen undzwischen allen Stauden am Pfad sind die funkelnden Spinnennetze gespannt, und Sonnenstrahlen hängen darin und lassen sich in den schimmernden Schaukeln vom Morgenwinde wiegen.

Der Hahn steht mit hochgehobenem Kopf abseits und schaut nach dem Zechenhaus. Er hat auch etwas zusagen, und der Alte hört ihn grollen. Ist auch eine Spur von Tritten quer durch den Tau gezogen; die kommt aus den Fichten herüber. Was? und aus dem Schornstein geht noch der Rauch von dem Feuer, das dem Hans seine Morgensuppe gekocht hat?

Wie der Zachenhesselhans auf den Steinfliesen vor dem Röhrtrog geht – eine goldene Tafel ist der Wasserspiegel, auf den der Quell in silbernem Bogen fällt – und wie er vor der Tür zum Hause steht, so schreitet drinnen einer auf Nagelschuhen und tritt heraus in den Flur und auf die Steinfließen.

»Grüß Gott, Zachenhesselhans,« sagt der Mann mit dem grünen Hut, an dem hinten ein Birkhahnstoß sitzt.

»So bist früh durch den bleigrauen Morgen gestapft, Winterkathlfranz.«

»Daherauf findt einer schon,« sagt der andere. »Wenn so alle Türen sperrangelweit aufstehen am Zechenhäusl und der Frühwind und die Nebel hindurchlaufen, muß einer vermeinen: der Zachenhesselmann ist daheim.«

»Es ist meitag noch nit zugesperrt worden im Waldhäusl.«

»So bist halt nit ungehalten, daß ich mir hab einen Kaffee gemacht im Ofen?«

»Nit im geringsten. Was bringst denn, Franzl?«

»Bringen tät ich fei nix. Mich selber, wenn Du willst.«

»Waas?« fragt der Alte und tritt näher an die Türschwelle.

»Einen Schuh länger bist, als der Hans und sagst: das is nix? Jetzt, wie soll einer denn das verstehen: mich selber?«

»Weil ich roden geh' in den Wald und auch bald ein Holz rucken, so hab' ich gemeint: aus dem Zechenhaus ist der Schmied-Seff-Pepp hinaus, so wird derFranzeinen Platz haben. Ich tät Dir gern ein paar Kreuzer zahlen die Zeit fürs Schlafen, Hans.«

»Wegen meiner, solang Du magst. Aber: wie kommt denn der Kathlfranz dazu, Stöcke zu roden und ein Holz zu rucken? Ich mein', er hat zu einer Kapelle »Tiroler Sänger« gezählt und ist weit fortgewesen von hier?«

»Fei so viel Sehnen hat er gekriegt und heimgekommen ist er. – Was schaust einem denn da so fest in die Augen, Zachenhesselhans?«

»Du, Franzl, ein Sehnen ist Dir gekommen? Wonach denn, wenn einer fragen darf?«

Der Zachenhesselhans schaut empor an dem braunenGesellen, dem sich das Bärtlein so keck über der Lippe kräuselt und dem die Augen so heiß unter der Stirne hervorblitzen.

Aber der sucht etwas am Grund oder er hat halt eine Freud' an dem zitternden Tau, der an dem Gras hängt, das zwischen den Fliesen heraufschaut.

»Franzl, warum bist denn auf einmal fortgewesen vor zwei Jahren? Weil die Winterkathl, was Deine Mutter is gewesen, gestorben ist? Sind Dir nit die Förster auf den Fersen gewesen, Franzl?«

»Wer? Die Förster?«

»Freilich. 's is so geredet worden, besinn ich mich.«

»Is mir nit bekannt worden.«

»Weißt: wieicheinmal bin jung gewesen,« – der Zachenhesselhans schaut sich um und spricht halblaut – »da is das Wildern fei nit halb so gefährlich gewesen. Jetzt – seitdem so viel Heger und Grünröcke im Wald sind, wie Bäume, da is das ein höllisch Spiel, Franzl! Und gescheit wär's, Du tätest auf eine Ordnung in der Arbeit denken und auf ein festes Taglohn.«

»Ging einer sonst roden und ein Holz rucken, Zachenhesselhans?«

Der Franzl hat etwas im Blick, wie wenn der Wind in ein Licht bläst, denkt der Zachenhesselhans, geht in die Stube und schaut, während er das Kästlein mit den Sämereien für die Zeisige vom Wandbrett nimmt und den Vögeln das Futter einschüttet, in alle Winkel.

Es ist aber nichts da, was von dem Franzl herrührt, als ein Hücklein in blauem Linnen.

Währenddem lehnt der Franz draußen am Türstein. Sein Jägerhut mit dem Spielhahnstoß streift schier am oberen Querstein.

»Wie ein Tannenbaum ist der Franzl gewachsen,« sagt der Zachenhesselhans und geht, Wasser im Röhrtrog zu schöpfen. »So kann er auch eine Arbeit tun für zwei.«


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