In der Herberge »Zum harmlosen Haustier« waren unter anderen auch drei Handwerksburschen eingekehrt, ein Floh, eine Laus und eine Wanze. Sie waren aus südlichen Ländern gekommen und wollten es nun für einige Zeit mit dem Norden versuchen.
Überhaupt, sie wollten die Welt kennen lernen. Da sie nun ungefähr alle dasselbe Ziel hatten, so ziemlich dieselben politischen Ansichten und alle drei italienisch verstanden, so verband sie bald eine feste Freundschaft.
Die Wanze entstammte behaglichen Verhältnissen. In einem reichen Bauernhaus hatte sie das Licht der Welt erblickt, und sich auch – einem Vertrag gemäß, den die Familie seit Generationen besaß – von dem Blut der angesehenen Familie genährt, zu der gehörig sie sich betrachtete.
Es war mehr Neugier als Notwendigkeit, die sie bewog, ihren reichen Brotkorb zu verlassen und aufs Ungewisse in die Welt hinauszureisen. Aber warne einer die Jugend. Vater und Mutter Wanze konnten nichts anderes tun, als ihren Sohn neu ausstatten, und ihm den einzigen weisen Spruch mitgeben, den sie kannten: Laß dich nicht erwischen.
Bei der Laus standen die Sachen anders. Sie war hinterm Zaun geboren, unter Zigeunern. Da war keineSeßhaftigkeit, kein Eigentum, kein Respekt vor Mein und Dein. Die Köpfe der Leute gehörten jedem, der kam und sich ansiedelte. Gefiel es einem nicht mehr auf diesem Kopf, so probierte man es auf jenem, kurz, der Laus war das Zigeunertum so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie es bei ihrem Stamm nicht mehr aushielt und sich schleunigst auf Reisen begab. Ihr größter Feind war die Seife, und sie war so darauf eingewöhnt, sie von weitem zu riechen, daß es ihr kaum je geschah, sich auf einem Kopf niederzulassen, der mit Seife in Berührung gekommen. Sie erwartete viel von der Zukunft; die größten Abenteuer und die kühnsten Unternehmungen schreckten sie nicht ab. Ihre Devise war: Ich verfolge meine Feinde.
Der Floh war Sozialdemokrat vom reinsten Wasser. Nicht nur, daß seine Familie sich seit Generationen in Rot kleidete, nicht nur, daß sein Vater auf dem Felde der Ehre gestorben, sondern seine Mutter hatte ihn zur Welt gebracht, als sie eben der Rede eines berühmten Sozialistenführers lauschte, und dessen kostbares Blut war seine erste Nahrung gewesen. So glaubte er sich zu hohen Dingen ausersehen, und ging in die Welt hinaus mit dem Feuer der Begeisterung.
Blut ist ein ganz besondrer Saft, stand auf seinem Gürtel eingestickt.
Diese drei also waren es, die sich im »Harmlosen Haustier« gefunden hatten. Sie plauderten bis spät in die Nachthinein und machten sich am andern Morgen in aller Frühe auf, um Arbeit und ein Unterkommen zu suchen. Eine Viertelmeile vor der Stadt machten sie Halt. Sie waren an einem Kreuzweg angekommen und wollten sich da trennen. Vorher aber versprachen sie, sich an einem bestimmten Tag wieder zusammenzufinden, um von da aus gemeinsam weiter zu reisen, ihrer Heimat, Italien, zu.
Der Floh war der erste, der die zwei anderen verließ. Ein rüstiger Wandrer, der eben vorüberging, diente ihm als Fortbewegungsmittel. Der Floh hatte sich auf einen Stein gestellt, und war eins, zwei, drei, dem Burschen auf die Schulter gesprungen. Es dauerte keine Minute, bis des guten Mannes Hand tastend über den Rücken fuhr, woran die zwei Zurückgebliebenen merkten, daß der Floh frühstückte.
Darauf machte sich die Wanze auf den Weg. Sie mußte ziemlich lange gehen, ehe sie einen mit Stroh gefüllten Wagen traf, an dem sie hinaufkletterte und sich verbarg. In dem Stroh waren Güter, die zur Eisenbahn geführt werden sollten, und so kam die Wanze bequem in die große Stadt.
Die Laus, die als Letzte zurückblieb, wartete geduldig. Um die Mittagsstunde kam ein Vagabund, der sich unter einer Linde am Weg niederlegte und sein Mittagsschläfchen hielt. Die Laus bezog ihn und war froh, auf diese Weise bis zur nächsten Stadt transportiert zu werden, von wo aus sie nach Osten weiter reiste. –
Der Tag war da. Die Sonne schien warm auf die Linde, die am Wege stand, und die neugierig war zu erfahren, wie es den drei Burschen wohl ergangen sei, die sich versprochen hatten, unter ihrem Schatten wieder zusammenzutreffen.
Da sah man von ferne die Wanze daherkommen. Wohlgenährt und behäbig sah sie aus. Aufs schönste parfümiert und poliert. Sie ließ sich an dem kleinen Abhang nieder, der neben der Landstraße zum Sitzen einlud, und wartete auf ihre Gefährten. Sie mußte lange warten, nichts ließ sich sehen weit und breit.
Sie wollte schon aufbrechen, um im nächsten Dorf Einkehr zu halten, da hörte sie ein lautes Summen, und ein Bienchen ließ sich neben ihr nieder, das ihr mit einer Verbeugung einen Brief überreichte. Erstaunt nahm die Wanze den Brief, öffnete ihn und las mit höchster Überraschung, was die Laus schrieb:
»Liebe Freunde. Es ist mir leider unmöglich, heute an unserer geplanten Zusammenkunft teilzunehmen. Meine Stellung erlaubt mir nicht, mich auch nur einen Tag von hier zu entfernen, – ich bin nämlich in Belgrad, Serbien – denn es lauern zu viele darauf, sie einzunehmen.
Ich kam vor einem Jahr nach Belgrad auf dem gewöhnlichen Weg, Eisenbahn vierter Klasse, mit einem Slovaken. Von da zog ich zu einem Soldaten, einem Unteroffizier, später wurde ich ins Offizierskasino eingeführtdurch einen der Burschen, und nachher war es nicht mehr schwer, mich zu den höchsten Stellen emporzuschwingen.
Kurz und gut: Ich war anwesend, als ein gewisses Telegramm vorgelesen wurde, kurz vor der Ermordung des Königspaares. Ich merkte mir alles, was geredet wurde, und verbarg es still in meinem Herzen. Nachdem ein neuer König den Thron bestiegen, versuchte ich, in seine Nähe zu gelangen, und ich erreichte es verhältnismäßig leicht. Ich wartete den Augenblick ab, in dem der Herrscher vor seiner Privatschatulle saß und darin wühlen wollte. Ich trat vor und sprach:
»Majestät,« sagte ich, »ich bin Mitwisser wichtiger Geheimnisse. Will Majestät mir eine verbürgte und verbriefte Stellung als Ober-Hof-Laus anweisen, so bewahre ich dies Geheimnis in meinem treuen Busen. Wenn nicht, so habe ich Zeugen, um meine Aussage zu bestätigen. Sollte mir etwas passieren, so sind meine Memoiren an sicherer Stelle niedergelegt. Majestät wähle.«
Majestät wählte, und ich bekam die Stelle als Ober-Hof-Laus. Da höchstdieselbe mir nicht ihr eigenes Haupt anbieten durfte – die Serben halten streng darauf, daß ihr König nur die besten Seifen gebrauche – so konnte ich nach Belieben auswählen, wo ich meine Residenz aufschlagen wollte. Seither lebe ich in Freuden und Herrlichkeit, und ihr werdet wohl begreifen, daß ich keine Lust habe, mich weiter zu begeben. Ich teile euch auch mit, daß ich meineDevise: Ich verfolge meine Feinde, umgeändert habe in: Üb immer Treu und Redlichkeit, und euch ersuche, davon Vormerkung nehmen zu wollen. Im übrigen bitte ich euch, mein teures Vaterland zu grüßen, wenn ihr dorthin zurückkehrt.
Starr vor Staunen hatte die Wanze gelesen. Dem ist es noch besser gegangen als mir, dachte sie.
Denn auch sie war in recht angenehmer Stellung gewesen. Als sie in Berlin ausgepackt wurde, befand sie sich in der Wohnung der ersten Hof-Opern-Sängerin. Es schien der Wanze ein Ort zu sein, wo es sich leben lasse. Sie kroch still in ein reich mit Spitzen besetztes Bett und hoffte, die reizende, zarte Italienerin, die sich im Zimmer befand, möchte die Besitzerin des Bettes sein. Und ihre Hoffnung betrog sie nicht.
Als sie in dunkler Nacht das süße Blut der Dame kostete, durchrieselte sie ein langentbehrtes Gefühl. Italienerblut, das geliebte, belebte sie. Sie vergaß der Vorsicht. Ein Lichtstrahl traf sie, und: Wanze, rief eine helle Stimme in der Sprache ihrer Heimat, denn auch die Italienerin grüßten durch das Tier italienische Erinnerungen. Die Diva setzte die Wanze wieder sorgfältig unter die Matratze ins Dunkle. Dort blieb sie und wurde dick und fett. Dennochpackte sie das Heimweh, so daß sie sich nun auf der Reise nach der Heimat befand. –
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und noch war kein Floh zu sehen. Die Wanze wurde ungeduldig. Sie sah sich suchend um und bemerkte ein Stück Zeitungspapier, in das ein reisender Handwerksbursche seine Wurst gewickelt und weggeworfen haben mußte, denn es waren Fettflecke darauf. Die Wanze begann aus Langerweile darin zu lesen. Ihre Augen wurden größer und größer.
In dem Blatt stand gedruckt: Majestätsbeleidigung. Wieder wurde das Verbrechen begangen, das in letzter Zeit unsere Polizei und unsere Staatsanwälte ihrer kostbaren Zeit beraubt. Wir meinen die Majestätsbeleidigung. Zum Glück trifft es diesmal nicht einen Untertanen der Majestäten, sondern einen Italiener, aus bekannter, sozialdemokratischer Familie, einen Floh, der seiner verdammenswerten Gesinnung in den Worten Ausdruck gab: Blut ist ein ganz besondrer Saft, die auf seinen Gürtel eingestickt waren. Besagter Floh konnte sich – wie es zuging, ist uns durchaus unbegreiflich – bis in die Gesellschaft einschleichen, welche die Ehre hatte, mit einer hohen Persönlichkeit den Abend zu verbringen.
In gänzlich schamloser Weise rühmte sich der Angeklagte später bei seinesgleichen, er habe das Blut des Kronprinzen getrunken, und – darin bestand eben die Ruchlosigkeit – es habe ihm nicht besser geschmeckt als anderes auch.
Für diese Beleidigung eines hohen Herrn wurde der Angeklagte zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, was jeden treuen Untertanen des prinzlichen Hauses mit Genugtuung erfüllen muß.
So las die Wanze, und sie konnte nicht im Zweifel sein, daß es sich um ihren Freund handle. Schmerzlich bewegt von seinem Schicksal raffte sie sich auf und begab sich auf die Heimreise.
Oft gedachte sie des Janos-Laus am serbischen Hof und des Flohes, der im Gefängnis, seiner Überzeugung treu, schmachtete. Später hörte sie, daß er in einem Anfall von Wahnsinn sich auf den Wärter gestürzt, und daß dieser ihn einfach zerdrückt habe. So endete der hoffnungsvolle Sprößling einer für die gute Sache begeisterten Familie.
Die Türe des Hühnerhofes knarrte. Man schob ein goldenes Etwas herein. Es flatterte herum, kreischte, beruhigte sich und sah sich um. Es war ein Goldfasan.
Er überblickte die Hühner und Enten, die ihn verwundert anstarrten, senkte hochmütig die Augenlider, hob den Schnabel und sagte: »Ich bin ein Goldfasan!« Dann sah er sich um, welchen Effekt seine Worte auf die Hühner gemacht hatten.
»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!« sagte der Hahn im Namen aller. »Ein aufgeblasener Kerl,« dachte er dabei.
»Ein recht gewöhnlicher Patron,« urteilte der Fasan über den Hahn. Er ging langsam auf und ab, seine Schwanzfedern schleiften auf der Erde, und seinen goldenen Kragen schob er unaufhörlich nach vorn, erst nach links und dann nach rechts. Dann sah er sich wieder um, was die Hühner wohl dazu sagten. Er konnte zufrieden sein.
»Ein ausnehmend vornehmer Vogel,« sagte die Gelbe.
»Das ist etwas anderes als unser Hahn,« gluckste die Graugesprenkelte.
»Du, sieht man, daß mein Kamm erfroren ist? Ist er blau?« fragte ein großes, schwarzes Huhn mit riesigem Kamm.
»Nein,« sagte die Gelbe. Aber man sah es doch.
»Sieh, wie trübselig sich unser Hahn ausnimmt, denherrlichen, goldenen Federn des Fasans gegenüber. Der muß reich sein.«
»Und vornehm!« sagte die Graugesprenkelte.
Ein sehr schönes, weißes Huhn mit großem, rotem Kamm spazierte am Fasan vorbei. Es war des Hahns Lieblingshenne. Der Goldene machte seine schönsten Bücklinge und schob den Kragen unaufhörlich nach vorne, daß es gleißte und glänzte.
»Wie herrlich ist Ihr Gefieder, schöne Italienerin.«
»Bitte!« sagte sie und rauschte mit den Federn.
»Und welch herrliches Rot schmückt Ihren Kamm! Nie sah ich dergleichen!« rief feurig der Goldfasan.
»Bitte!« gluckste verschämt das Huhn.
»Gehören Sie dem Hahn hier?« fragte der Goldfasan.
»Ja, bis jetzt!« sagte das Huhn. Des Goldfasans Kragen schnellte nach vorn, er blies sich auf, er rasselte mit den Federn und schüttelte sich. Er funkelte förmlich.
»Wenn ich Sie zu einem Gang durch die Wiesen einladen dürfte?« fragte er.
»Ach bitte, ja!« gackerte schmelzend das Huhn. Sie gingen. Durch das hohe Gras glänzte es golden und schimmerte es weiß. Der ganze Hühnerhof sah den beiden nach.
»Es hört einfach alles auf,« sagte eine behäbige Henne mit zehn schwarzen Kücken, »einfach alles!«
»Und begreifst du, daß er unter allen gerade die Weißeausgewählt hat? Das dumme Ding, fade wie Bohnenstroh?« fragte ein junges, schwarzes Hühnchen.
»Aber schneeweiß!«
»Schneeweiß! Dem Hahn gefällt schwarz besser!«
»Was willst du denn mehr? Oder hätte der Goldene dort auch schwarz schöner finden sollen?«
Der Hahn stand auf dem Mist und scharrte Körner heraus und Regenwürmer für seine Hühner. Er krähte laut und schmetternd, daß man es über zwei Wiesen hören konnte. Stolz überflogen seine Augen seine wohlgenährte und wohlgehütete Schar.
»Hahn! Du solltest auch so glänzende Federn haben,« sagte eines der Hühner und betrachtete geringschätzig die schöngebogenen, grünen Sicheln des Hahns.
»Und einen bronzenen Rücken!« kritisierte ein zweites.
»Und einen goldenen Kragen!« piepste das junge Hühnchen.
»Ich bin, wie ich bin,« sagte der Hahn. »Wer fort will, kann gehen.«
»Sei nur nicht gleich so grob,« schalt das graugesprenkelte Huhn, das vorhin dem Goldfasan zugehört hatte, als er mit dem weißen Huhn sprach, »wir wollen uns das nicht gefallen lassen.«
Das schneeweiße Huhn kam zurück mit seinem Begleiter. Die ganze Hühnergesellschaft umstand den glänzenden Vogel und bewunderte ihn.
Gravitätisch kam der Hahn geschritten.
»Fasan! Das weiße Huhn gehört zu mir. Du mußt mit mir darum kämpfen.« Der Fasan war kein Feigling. Er blähte sich und stellte sich in Positur.
Lange standen sie so, Auge in Auge, den Hals gestreckt, die Sporen bereit. Dann schossen sie aufeinander los und hackten sich mit den Schnäbeln. Und plötzlich standen sie wieder unbeweglich einander gegenüber.
Goldene und grüne Federn flogen herum, und goldene und grüne Federn lagen auf der Erde um die zwei Kämpfer.
Leise gackernd und glucksend standen die Hühner im Kreise herum. Die Schneeweiße tat, als gehe sie die Sache nichts an. Sie zerhackte einen Regenwurm und schielte dabei unter ihrem Kamm hervor nach Hahn und Fasan.
Plötzlich ertönte ein sonderbarer, krähender Schrei, der Hahn taumelte, kreischte, flatterte und lag auf der Erde. Blut lief über die Federn des Halses und färbte sie dunkelrot. Der Verwundete zuckte, schlug mit den Flügeln und wurde still. Dann schnappte er nach Luft und war tot.
Es erhob sich ein großes Gegacker, ein Wehklagen und Jammern und Piepsen.
»Wer sucht uns nun die Käfer? Und die guten, zarten Regenwürmer? Wer beschützt uns vor dem Habicht? Wer? Wer?«
»Ich bin nun euer Beschützer,« sagte der Goldfasan, und die Hühner gaben sich zufrieden.
Das Schneeweiße stand neben ihm und strich zärtlich eine Feder glatt an seinem goldenen Halskragen.
»Ich liebe dich ewig,« sagte der Goldfasan zu ihr. Das italienische Huhn schloß die Augen vor Glück.
Am nächsten Tag war der Goldfasan verschwunden.
Die Hühner saßen ganz verstört auf dem Mist und sahen hinüber in den Nachbarshof, wo unter Fasan und bronzenen Puten der Goldfasan herumspazierte, ohne auch nur einmal den Hals nach der verlassenen Schar zu drehen.
Die Schneeweiße flog auf den Zaun, sah sehnsüchtig hinüber und gluckste.
Der Fasan sah sie, senkte die Lider, hob den Schnabel und schob seinen Kragen vor. Dann ging er mit seiner goldenen Gefährtin weiter.
Lautlos saß das arme Weiße auf dem Zaun. Dann streckte es den Kopf unter die Flügel und rührte sich nicht mehr.
Dicht zusammengedrängt stand die verwaiste Hühnerschar. Dann sagte eine: »Wenn wir doch unsern Hahn wieder hätten!«
»Ja,« sagte die Graugesprenkelte, »nun können wir unsere Regenwürmer selber suchen!« Und eifrig begannen sie alle zu scharren.
Ein schönes, fremdes Huhn hatte sich auf einen Hühnerhof verirrt und suchte nach Nahrung.
Es hatte glänzende Federn und silberne Ringe an den Beinen. Es lebte mit seiner Familie bei einer Künstlertruppe und verstand zu apportieren, sich auf Kommando tot zu stellen und über sein eigenes Ei zu hüpfen, rückwärts und vorwärts, und Purzelbäume zu machen. Und das war sein Hauptkunststück. Jetzt stand es in einer Ecke und pickte Körner auf.
»Was ist das für ein auffallendes Geschöpf?« fragte die dicke, graue Henne den Hahn.
»Sie hat ja silberne Ringe an den Füßen. Woher hat sie die?« forschte die braun und weiße, die lange Federn an den Beinen hatte.
»Ich weiß es nicht,« sagte der Hahn, »aber sie gefällt mir.«
»Natürlich!« gluckste geringschätzig die graue. »Dir gefällt alles Neue.«
»Das Alte auch,« sagte höflich der Hahn und verbeugte sich.
Inzwischen saßen die anderen Hühner um die Fremde herum und forschten sie aus über Heimat und Familie.
»Ich trete in einem Zirkus auf. Ich habe allerlei gelernt,« erzählte harmlos das Huhn, und beschrieb, was es für Kunststücke machen könne. Da erhob sich ein ungeheuresGegacker. Ein paar der Hennen flohen, einige gingen vorsichtig um die Fremde herum, um sie nicht zu berühren, einige rannten nach ihren Kücken, um sie von ihr fern zu halten und ein paar sahen sich um, was der Hahn dazu sage.
»Purzelbäume macht sie! Wie gräßlich!« gackerte ein mageres Huhn, das als Eierlegerin berühmt war. »Das schickt sich ja aber gar nicht.«
»Warum nicht?« fragte das Huhn.
»Darum nicht. Es ist gegen die Natur.«
»Was haben meine Purzelbäume mit der Natur zu tun?«
»Es ist einfach gegen die Natur! Wo kämen die Kücken und die Hähne hin, wenn alle Hühner etwas lernen wollten?«
»O, behüte, da ist keine Gefahr,« sagte das fremde, schwarze Huhn etwas pikiert.
Da fing eine Rouen-Ente zu schnattern an und mit den Flügeln zu schlagen. Sie war ein Muster von Tüchtigkeit, eine große Eierlegerin und Führerin der Jugend, und genoß viel Ansehen.
»Darf man fragen: Gehören Sie zu einem Hahn?«
»Natürlich!« sagte die Fremde. »Und zu einem schönen, ausländischen.«
»Haben Sie Kücken?«
»Das will ich meinen. Und sie haben alle schon ihre Flügelchen und Schwanzfedern.«
»Und dabei treten Sie auf? Und machen den Zuschauern Kunststücke vor und daheim piepsen ihre Jungen, habennichts zu fressen, frieren und haben keinen, der auf sie achtet. Eine ganz liederliche Mutter sind Sie, vor Ihnen kann man ja gar keine Achtung haben und muß unsere jungen Hähne und Entlein vor Ihnen warnen.« Das wurde aber dem fremden Huhn zu bunt.
»So! Und woher wissen Sie denn, daß ich meine Jungen vernachlässige? Sehen Sie sich die Kücken einmal an. Aufgeweckt und lustig und klug sehen sie in die Welt. Und fragen Sie meinen Hahn, mit wem er am liebsten auf der Wiese spaziert, mit mir oder den anderen Hühnern?«
Die Rouen-Ente wollte dazwischen schnattern, aber die Schwarze kam ihr zuvor.
»Und fragen Sie den Ihren, warum er immer neue Hühner haben muß. Die seinen sind schön genug, man kann kaum schönere finden. Weil ihr Enten und Hühner alle tötlich langweilig seid, und man es auf die Dauer mit euch gar nicht aushalten kann, darum!«
Da drangen sämtliche Hühner und Enten auf das schwarze Huhn ein, und zwickten es und rissen ihm die Federn aus und gackelten und kreischten.
»Laßt sie in Ruh,« krähte der Hahn. »Das, was sie sagt, ist wahr.«
»Wahr!« kreischten die Hühner. »Ist das nun unser Dank!«
»Und wie haben wir dich geliebt!« gackelte jammernd die Graue.
»Sie liebt ihren Hahn auch,« sagte der Hahn.
»Und wie eifrig haben wir dir Eier gelegt,« beklagten sich ein paar andere.
»Das hat sie auch getan.«
»Und wie viele Kücken haben wir dir geschenkt,« prahlte eine große, gelbe Henne mit sieben Jungen.
»Sie hat deren neun.«
»Ja,« lärmten die Hühner durcheinander, »aber wie werden sie aussehen! Mager und verrupft und mit nackten Hälsen. Und zum Schluß frißt sie Katze und Habicht, denn wer paßt auf sie auf?«
Da piepste es draußen vor dem Hühnerhof aus vielen kleinen Kehlen und neun kugelrunde, glänzende, zierliche Kücken liefen vor dem Holzgitter herum.
Als das schwarze Huhn sie sah, flog es mit lautem Freudengegacker auf sie zu. Die Kücken rannten um das Huhn herum, flogen ihm auf Kopf und Hals, krochen unter seine Flügel und wieder hervor und piepsten seelenvergnügt und freuten sich.
Oben auf dem Zaun aber standen sämtliche Hühner des Hofes und unten guckten die Enten durch das Gitter.
»Und wie gefallen euch meine Kücken?« rief das schwarze Huhn. Es bekam keine Antwort, aber an dem Tag mußte der Hahn sämtliche Regenwürmer selber essen. Er machte sich aber nichts daraus.
Es war einmal ein Zaunkönig, der mit seinem Weibchen in Frieden und Eintracht lebte. Alle Jahre bauten die beiden ihr Nest in einem Zaun, nicht ganz oben, damit es nicht hinein regne, und nicht ganz unten, damit keine Katze sie überraschen könne, sondern schön gerade in der Mitte. Jahr um Jahr taten sie das und waren glücklich und zufrieden dabei.
Aber einmal – kein Mensch wußte warum – fiel es dem Zaunkönig ein, sich einen andern Platz auszusuchen, um sich sein Nest zu bauen.
»Frau,« sagte er, »mir ist es verleidet, immer im Zaun herumzukriechen. Bin ich ein König oder bin ich es nicht? Also! Wenn ich aber König bin, so will ich auch hoch auf einem Baum nisten, wie es sich für einen König schickt!«
»Aber, Männchen,« sagte erschrocken die Zaunkönigin, »was fällt dir nur ein. So lange leben wir nun im Zaun und sind glücklich dabei, was willst du denn Besseres?«
»Gerade weil wir so lange im Zaun saßen, soll es nun anders werden. Und kurz und gut, ich will auf einer Tanne nisten, oder auf einer Pappel wie der Rabe.«
»Mann!« rief die Zaunkönigin, »du wirst doch nicht! Auf einer Pappel, wo Regen und Wind hindurchbläst, und der Sturm ....«
»Und kurz und gut, ich will auf einer Pappel nisten,«schrie der Zaunkönig noch einmal, »und morgen fangen wir an unser Nest zu bauen.«
Das Weibchen schwieg. Es war klug und wußte wohl, daß es nichts Gescheiteres tun konnte, aber daß die Sache schlimm ablaufen würde, das wußte es ebenfalls im voraus.
Früh am Morgen saß der Zaunkönig schon auf dem höchsten Zweig seines Zaunes und hielt Umschau. Er war stolz auf seinen Entschluß und überzeugt, daß die Vögel ihn bewundern würden ob seines Mutes und seines Unternehmungsgeistes.
Er wählte die allerhöchste Pappel aus unter den vielen, die da standen, besichtigte deren Äste und Zweige und fand endlich eine passende, geschützte Stelle, ganz oben, wo man das Land überblicken konnte. Erfreut flog er heim zu seinem Weibchen.
»So, Frau,« rief er, »nun können wir anfangen! Ich habe gefunden, was wir brauchen!« Seufzend band das Weibchen das Notwendigste in ein Bündelchen, streichelte zärtlich mit dem Schnabel sein altes Nestlein und folgte seinem Gemahl in die neue Heimat.
Als es sich auf dem Ast niederließ, den der Zaunkönig ausgesucht hatte, wurde ihm ganz elend zu Mute. Es durfte gar nicht daran denken, was geschehen könnte, wenn eines der zukünftigen Jungen da hinausfallen würde. Weil es aber wußte, daß es nun zu spät sei, etwas zu sagen, so war es wiederum ganz still.
Ein Rotkehlchen, das in der Nähe ihrer früheren Wohnung hauste, kam angeflogen, um zu sehen, was Zaunkönigs denn so lange auf der Pappel zu tun hätten.
»Wir bauen unser Nest,« sagte selbstbewußt der Zaunkönig.
»Was! Da oben auf der Pappel, wo der Regen herein kann und der Wind?«
»Schweig!« schrie der Zaunkönig, »das ist meine Sache und geht dich gar nichts an!«
»Gar nichts,« sagte vergnügt das Rotkehlchen und freute sich, daß die Sache schief ausgehen würde.
Darauf kam der Rabe geflogen. Er wohnte auf der nächsten Pappel.
»Ich gratuliere zu der neuen Wohnung,« krächzte er höhnisch, »du bist auch der Rechte, um hier oben zu wohnen, du Zwerg!«
Die Federn des Zaunkönigs sträubten sich vor Zorn. »Lümmel!« schrie er, »sieh du zu deinen Sachen und mach', daß du fortkommst.«
Aber der Rabe blieb sitzen und sah zu, wie das Paar Reiserchen zusammentrug, feine Halme und zarte Moose, und dachte bei sich, daß der Sturm sogar sein eigenes Nest, das doch aus fingerlangen und dicken Reisern gebaut war, schüttelte. Endlich flog er davon.
Der Zaunkönig fuhr fort, mit Feuereifer zu bauen, und sein Weibchen half ihm getreulich. Nachbarn kamen und fragten, was er denn da oben mache?
»Ich baue mein Nest,« sagte er jedesmal stolz, und die Vögel flogen weg und unterhielten sich über den Größenwahn des Zaunkönigs.
Nach einigen Tagen war das Nest fertig bis auf ein paar weiche Federchen und einige feste Grashalme, um es am Hauptzweig zu befestigen.
»Siehst du nun?« triumphierte der Zaunkönig.
Das Weibchen hätte sagen können, daß noch nicht aller Tage Abend sei, aber es war ein sehr kluges Weibchen und sagte nichts.
In der Nacht aber fingen die Blätter der Pappel leise zu zittern an, die schlanken Zweige bogen sich, Wolken ballten sich am Himmel zusammen, und Blitze zuckten. Der Regen klatschte nieder auf die Pappel und überschwemmte das neuerbaute Nestlein, der Wind zauste daran, und bei jedem Blitzstrahl sahen der Zaunkönig und sein Weibchen, wie ein Stück ihres mühsamen Werkes nach dem andern davonflog. Zuletzt wirbelte der Sturm das ganze Nest in die Lüfte.
Naß bis auf die Haut saßen die armen kleinen Vögel auf ihrem Zweig. Sie zitterten vor Kälte, die Hagelkörner trafen ihre zarten Körperchen, und in Todesangst streckten sie ihre Köpfchen unter die Flügel.
Der Zaunkönig hatte beständig nach seinem Weibchen geschielt, ob es nicht schelten werde, aber das gute, kleine Geschöpf mochte ihn nun nicht höhnen, da das Unglücküber ihn gekommen war. Es schwieg ganz still und duckte sich so nahe an einen Ast, als es konnte.
Der Rabe auf der Pappel schrie aber in einem fort: »Siehst du wohl! Siehst du wohl! Siehst du wohl!«
Am andern Morgen, als der Himmel wieder schön blau auf die Vögelchen hinunterstrahlte, die Sonne schien und die Schmetterlinge herumflogen, glättete der Zaunkönig seine Federn, schüttelte sich und flog ohne weiteres seinem alten Wohnort zu.
»Es ist doch merkwürdig,« sagte er zu seiner Frau, als ob nichts geschehen wäre, »wie wohl es einem daheim ist! Ich begreife gar nicht, warum wir eigentlich fortgezogen sind!«
Das Weibchen zog ein widerspenstiges Federchen durch seinen Schnabel und glättete es. Es sagte aber nichts, sondern sah den Zaunkönig nur von der Seite an. Der sang seelenvergnügt in den Morgen hinein.
Am Abend kam Besuch, und man sprach von diesem und jenem. Auch von dem Glück des königlichen Paares.
»Nachbarn,« sagte der Zaunkönig, »ich und mein Weibchen, wir haben uns noch nie gezankt! Sie hat freilich einen harten Kopf und weiß was sie will. Aber ich bin der Gescheitere, ich gebe nach. Gelt, Frau!« Der Zaunkönig glaubte wahrhaftig, was er sagte.
»Natürlich,« sagte sie, denn sie war ein sehr kluges Weibchen. Der Zaunkönig nickte zufrieden, er hatte gar keine andere Antwort erwartet!
Finis
Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig
Es wurden die Widmung von ihrer ursprünglichen Position am Buchanfang sowie das Inhaltsverzeichnis von seiner ursprünglichen Position am Buchende vor den Textanfang verschoben.
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite2:"männichen" geändert in "männlichen"(so fallen alle männlichen Schafe über dich her)
Seite3:"Wie" geändert in "wie"(fragte es erstaunt, »wie kommt es)
Seite3:"Das" geändert in "das"(sagte das alte Schaf, »das will ich dir)
Seite5:"," geändert in "."(Ratte mit prachtvollem Schnurrbart. »Wir wollen)
Seite7:"Vergiß" geändert in "vergiß"(warnte die weiße Maus, »vergiß meinen)
Seite10:"," geändert in "."(rief wieder die Amsel. »Es wäre eine)
Seite10:"Meine" geändert in "meine"(rief das alte Huhn, »meine Tochter)
Seite11:"Im Brüten" geändert in "im Brüten"(ausüben muß: im Eierlegen, im Brüten, im treuen Führen)
Seite11:"Das" geändert in "das"(sagte die bronzene Pute; »das lernt es)
Seite18:"," geändert in "."(schrien die Schwarzen. »Fort mit dir!)
Seite19:"." geändert in ","(wenn ich etwas wissen möchte,« sagte das Lämmchen)
Seite19:"Ich" geändert in "ich"(rief das Lämmchen, »ich weiß so viel!)
Seite20:"»" eingefügt(»Sind Sie unschuldig, Frau Mutter?« fragte das Lämmlein.)
Seite20:"Ich" geändert in "ich"(sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten)
Seite21:"Und" geändert in "und"(sagte vergnügt das Lämmchen, »und er hat mir)
Seite22:"den" geändert in "dem"(Elf oder zwölf Hühner saßen auf dem Mist)
Seite32:"." geändert in ","(du wirst es schon noch erfahren,« sagte die Schafs-Cousin)
Seite33:"." geändert in ","(»Das war aber schön von Ihnen, Herr Vater!«)
Seite35:"Er" geändert in "Es"(»Es tut mir leid,« rief der Regenwurm)
Seite35:"anders" geändert in "anderes"(daß er an nichts anderes denken konnte als daran)
Seite36:"," geändert in "."(rief das Eichhorn. »Nicht was mich gelüstet)
Seite42:"," eingefügt(denn sie liebte es nicht, wenn andere)
Seite47:"Ich" geändert in "ich"(schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen)
Seite47:"," eingefügt(Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen,)
Seite59:"Aber" geändert in "aber"(sagte sie zum Hahn, »aber der Jüngste.«)
Seite68:"Es" geändert in "es"(und räusperte sich, »es ist leider unsere Pflicht)
Seite78:"." geändert in ","(»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der)
Seite80:"«" eingefügt(dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«)
Seite80:"." geändert in ","(anderes Leben führen können,« dachte die Witwe)
Seite107:"Fansan" geändert in "Fasan"(Der Fasan war kein Feigling.)
Seite114:"," eingefügt(rief er, »nun können wir anfangen!)
Seite116:"alle" geändert in "aller"(daß noch nicht aller Tage Abend sei)
Seite117:"!" geändert in ":"(schrie aber in einem fort: »Siehst du wohl!)