Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand betrügen dürfe, — höchstens den Ehemann, — daß man eine Beleidigung nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten von seinem Verhältnis wissen oder ahnen,aber keiner durfte wagen, davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der Frau zu achten, die er liebte.
Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, — und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel sein.
„Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf Urlaub gehen.“
Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte er einen großen Fehler gemacht.
Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. Er, der sichnolens volenseine unabhängige Lebensstellung gesichert hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft erwacht.
Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden pflegte.
Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel ihm beliebte.
„Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy nicht beneiden.“
In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete sich an und verließ dann sein Zimmer.
„Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in die Länge gezogen,“ sagte Petritzkiy. „Ist sie denn nun fertig?“
„Fertig,“ antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
„Du kommst somit also wie aus dem Bade,“ fuhr Petrizkiyfort. „Ich komme von Grizkiy“ — so hieß der Regimentskommandeur — „man erwartet dich.“
Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an etwas ganz anderes.
„Giebt es denn Konzert bei ihm?“ sagte er dann, auf die zu ihm herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer horchend. „Was giebt es denn für eine Festlichkeit?“
„Serpuchowskiy ist angekommen!“
„Ah,“ machte Wronskiy, „das habe ich gar nicht gewußt.“ Das Lächeln seiner Augen wurde noch heller.
Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute sich über diesen.
„Ich freue mich sehr.“
Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt und auf dem Hofe standen — das Erste was Wronskiy in die Augen fiel — Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: „Auf das Wohl unseres früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! Hurrah!“
Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd Serpuchowskiy.
„Du wirst immer jünger, Bondarjonko,“ wandte er sich an einen gerade vor ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und seiner Haltung bestechend, wie früher.
Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung dieser Erfolge sicher sind.
Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
„Da ist er ja auch!“ rief der Regimentskommandeur, „nur hat Jaschwin gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.“
Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy zu.
„Ah, wie freue ich mich,“ sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit sich auf die Seite führend.
„Widmet Euch ihm!“ rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
„Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich dort zu sehen,“ sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
„Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,“ fügte er hinzu, sich nach seinen Adjutanten umwendend, „laßt doch dies gefälligst verteilen, soviel auf den Mann kommt.“
Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus und errötete.
„Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?“ frug Jaschwin, „he, gebt doch dem Grafen ein Couvert — und hier, trink!“ —
Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr interessantes Gespräch.
„Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,“ begann Serpuchowskiy, „und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.“
„Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,“ antwortete Wronskiy lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm Vergnügen.
„Die einzigen?“ frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
„Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine Frau,“ versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung von sich weisend. „Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr erwartet.“
Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
„Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine Schwäche und ich gestehe sie offen ein.“
„Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg gehabt hättest,“ sagte Wronskiy.
„Ich glaube nicht,“ antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. „Ich will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,“ sprach Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. „Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde ich.“
„Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken zu leben braucht,“ antwortete Wronskiy.
„Da haben wir's, da haben wir's,“ lachte Serpuchowskiy. „Ich hatte aber davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.“
„Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz wohl.“
„Ganz wohl — auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso harmloses Kind, wie unser Wirt!“ fügte er hinzu, auf den Hurraruf draußen lauschend. „Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit nicht zufrieden geben.“
„Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.“
„Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du bist, werden gebraucht!“
„Wer braucht sie?“
„Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine Partei, oder alles kommt auf den Hund!“
„Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen Kommunisten?“
„Nein,“ antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. „Tout ça est une blague; und es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen Männern, wie du und ich.“
„Aber wozu?“ Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, „sind das nicht unabhängige Männer?“
„Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung inne haben und einen Gehalt genießen zu können.Cela n'est pas plus fin que ça, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen wirklichen und wichtigen Vorzug — den, daß wir uns schwerer erkaufen lassen. — Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je der Fall gewesen ist.“
Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die sich auf die Eskadron bezogen.
Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung es ihn kosten mochte — er mußte ihn beneiden.
„Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht genug,“ antwortete er, „mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl einmal so, aber das ist vorbei.“
„Entschuldige, das ist nicht wahr,“ lächelte Serpuchowskiy.
„Doch, es ist wahr, es ist wahr — nämlich jetzt, um aufrichtig zu sein,“ fügte Wronskiy hinzu.
„Wahr — für jetzt — das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird nicht immerdar sein.“
„Möglich,“ versetzte Wronskiy.
„Du sagst möglich,“ fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen Gedanken erraten hätte, „ich aber sage dir ‚sicherlich‘. Und aus diesem Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich bitte dich jetzt umcarte blanche. Zu protegieren gedenke ich dich nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher steht, als diese Frage; ja,“ fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie ein Weib, „gieb mircarte blanche, tritt aus deinem Regiment und ich bringe dich unmerklich empor.“
„Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,“ antwortete Wronskiy, „ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.“
Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
„Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.“ Ein Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle berühren. „Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmaldie Frau erkannt, die man liebt, — so schrieb einmal Einer — so erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach Tausenden kennen gelernt.“
— „Wir kommen gleich!“ — rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur lud.
Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
„Höre also meine Meinung,“ fuhr dieser fort, „die Weiber sind der größte Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben — das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,“ fuhr Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, „halt, paß auf! Wie man nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde gerichtet!“
„Aber was für Weiber!“ antwortete Wronskiy, dem die Französin und die Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis gehabt hatten.
„Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich — abgesehen davon, daß man das Bündel in den Händen trägt — ob man es erst einem anderen entreißt.“
„Du hast nie geliebt,“ versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend und Annas gedenkend.
„Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stetsterre-à-terre.“ — —
— „Sofort, sofort!“ — wandte er sich jetzt an den eintretendenDiener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
„Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.“
Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
„Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,“ sagte er zu Serpuchowskiy.
„Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?“
„Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.“
Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens — alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung freudiger Lebenskraft.
Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief auf.
„Gut; sehr gut!“ sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen zu verspüren.
Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden war.
„Vorwärts, vorwärts!“ rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. „Nichts, nichts brauche ich weiter, als diese Seligkeit,“ dachte er bei sich, auf eine Beule in dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. „Je länger ich sie liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?“ dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee entlang, welche zum Hause führte.
In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwarvon einem Schleier bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
„Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte dich sehen,“ sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine innere Stimmung.
„Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?“
„Thut nichts zur Sache,“ antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, „komm, ich muß mit dir reden.“
Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst mitteilte.
„Was giebt es denn?“ frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, dann blieb sie plötzlich stehen.
„Ich habe dir gestern nicht gesagt,“ begann sie schnell und mühsam atmend, „daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben könne, daß ich — ich habe ihm alles gesagt“ —
Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
„Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir das geworden sein muß,“ sagte er, aber siehörte seine Worte nicht, sie las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen und mit ihm gegangen sein.
Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
„Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,“ sprach sie aufgeregt, „und hier“ — sie reichte ihm den Brief ihres Mannes aus ihrem Handschuh.
„Ich verstehe, verstehe,“ unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, „eines habe ich gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich mein Leben deinem Glücke weihen kann.“
„Warum sagst du nur das?“ frug sie, „sollte ich denn noch daran zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann“ —
„Wer geht denn dort?“ frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, die ihnen entgegenkamen. „Sie kennen uns vielleicht?“ und hastig wandte er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
„Ah, mir ist alles gleichgültig.“ Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf ihn blickten. „Wie gesagt,darum handelt es sich auch nicht; ich kann ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. Lies!“ und sie blieb wieder stehen.
Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem beleidigten Gatten wachrief.
Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; — und er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was sie erwartet hatte.
„Du siehst, was für ein Mensch er ist,“ sprach sie mit bebender Stimme, „er“ —
„Vergieb, aber mich freut dies,“ unterbrach sie Wronskiy, — „um Gott, laß mich ausreden,“ — fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. „Ich freue mich, daß die Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.“
„Und warum kann sie es nicht?“ frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinungnach unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden könne, aber er sprach etwas Anderes.
„Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und hoffe“ — er geriet in Verlegenheit und errötete, „daß du mir erlaubst, unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. — Morgen“ — begann er nochmals — aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
„Und mein Kind?“ rief sie. „Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!“
„Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.“
„Für wen erniedrigend?“
„Für alle, und am meisten für dich!“
„Du sprichst beleidigend — sage das nicht! Diese Worte besitzen für mich keinen Sinn,“ sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe und sie wollte ja lieben. „Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil — stolz darauf — stolz“ — sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte auf.
Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, daß er schlecht gehandelt habe.
„Ist denn eine Trennung unmöglich?“ sprach er kleinlaut. Sie schüttelte das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm selbst ab.
„Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,“ sprach sie trocken. Ihre Ahnung, daß alles beim Alten bleiben würde — hatte sie nicht getäuscht.
„Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann entscheiden.“
„Ja,“ antwortete sie, „aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit sprechen.“
Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden Papieren legend.
Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sichgegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu rufen.
Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende Person — einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten auseinanderzusetzen.
Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
Am andern Morgen — es war Dienstags — erwachend, entsann er sich mit einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der stattgehabten Sitzung.
Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge dessen konnte Aleksey Aleksandrowitscherfahren, wenn sie anlangte. Als sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, daß er an sie dachte.
Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und bat sie Platz zu nehmen.
„Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,“ begann er, sich neben ihr niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber wieder inne.
Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand Mitleid mit ihm.
Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
„Ist Sergey gesund?“ begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort abzuwarten hinzu, „ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß sogleich wegfahren.“
„Ich wünschte nach Moskau zu fahren,“ antwortete sie.
„Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,“ versetzte er und verstummte dann wieder.
Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie das Wort: „Aleksey Aleksandrowitsch,“ sie blickte ihn an, ohne das Auge unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, „ich bin ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.“
„Darnach habe ich Euch nicht gefragt,“ antwortete er plötzlich mit entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. „Das habe ich ja vorausgesetzt.“ Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine Fähigkeiten, „aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,“ fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, „wiederhole ich auch jetzt, daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.“ Er betonte das Wort „angenehm“ besonders. „Ich werde die Sache so lange ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu ergreifen, um meine Ehre zu wahren.“
„Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,“ antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollteKlarheit über ihre Lage erlangen. „Ich kann nicht länger Euer Weib sein, da ich“ — begann sie.
Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
„Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie mir unterschiebt.“
Anna seufzte und senkte das Haupt.
„Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen Selbständigkeit, daß Ihr,“ fuhr er zornerfüllt fort, „unverhohlen Eurem Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den Mann hat.“
„Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?“
„Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.“
Er erhob sich und schritt nach der Thür.
Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür hinaus.
Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es — wie ihm wenigstens schien — nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte — alles dies hatte seine Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage für alles bildete.
Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche — alles das war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. Aber er erkannte jetzt klar — seine Arbeit an dem Werke, welches er über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei — daß die Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach der Berechnung als die beste erwies — auf der anderen Seite die natürliche Ordnung der Dinge.
Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage kam.
Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Erbestand auf jeden Pfennig der Einkünfte — entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache war — sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: „Habt keine Angst, die Weiber werden das Heu schnell wenden.“ Die Pflugscharen erwiesen sich als untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, nur ruhig zu bleiben.
Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet hatte, war eingeschlafen.Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber nur „macht was Ihr wollt“. —
Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb dreier Tage gefallen seien.
Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete — was doch als höchstes Lob gilt, — es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr mit ihr befassen.
Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen wollte und doch nicht konnte.
Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er wußte, daß sie sich dort befand.
Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
„Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,“ sprach er zu sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig gegen sie. „Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber ist das unmöglich, ganz unmöglich.“
Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um einen Damensattel für Kity bat. „Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen solchen,“ schrieb sie ihm, „und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?“
Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den Sattel ohne Antwort.
Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder verreisen müsse — das wäre noch schlimmer gewesen. —
Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon lange am Herzen gelegen, aber wegen seinerlandwirtschaftlichen Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu scheuern.
„Soll ich den Samowar bringen?“
„Ja, bitte.“
Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am Brunnen zu holen.
„Bei mir geht es hurtig!“ rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. „Nicht wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch bisweilen zu mir,“ begann er gesprächig, sich auf das Geländer der Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere noch jung.
Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte sich daran sie auszuspannen.
„Was habt Ihr denn geackert?“ frug Lewin.
„Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen einspannen.“
„Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche mitgebracht?“ frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, augenscheinlich ein Sohn des Alten.
„Im Schlitten,“ antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel auf die Erde niederwerfend. „Du kannst sie anbringen, während zu Mittag gegessen wird.“
Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, erschienen jetzt.
Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen Thee zu trinken.
„Ach, wir haben ja heute schon getrunken,“ erwiderte der Alte, augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, „aber zur Gesellschaft.“
Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrinhundertundzwanzig Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.
Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten immer besser und besser entwickelt haben.
Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses ganze Hauswesen so gut stand.
Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.
Er hatte die Kartoffeln mit „der Pflüge“ gepflügt, wie er den Pflug nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter nicht genug loben.
„Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg und der Wagen fährt sie herein!“
„Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,“ sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.
„Danke,“ sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. „Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe Mißwirtschaft heraus.Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es ist ausgezeichnet — und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.“
„Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?“
„Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.“
„Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,“ sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.
„So ist es Herr!“ antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.
Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es Schtschi in eine Tasse goß.
Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere Beachtung erforderte.