20.

„Sehr unruhig,“ antwortete flüsternd die Kinderfrau.

„Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,“ fuhr er fort.

„Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.“

„Aber weshalb sagt Ihr das nicht?“

„Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,“ versetzte die Kinderfrau mürrisch.

Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation zu liegen.

Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen der Amme und begann es im Gehen zu wiegen.

„Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine Lage.

„Armes Kind,“ sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte ihren Weg auf und nieder fort.

Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende Kinderfrau.

Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte, erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den Fußspitzen gehend, zu dem Kinde.Eine Minute hindurch schwieg er und blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer.

Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben, wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung, nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören wollte.

— „Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen, ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben sein,“ sagte Betsy.

„Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht. Sprecht nicht so“ — antwortete erregt die Stimme Annas.

„Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte“ —

„Eben deswegen will ich es ja nicht.“

Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein.

Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette. Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy. Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf der Taille nach der einen Seitehin, auf dem Rock nach der entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch mit satirischem Lächeln.

„Ah,“ machte sie, wie verwundert, „das freut mich ja außerordentlich, daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört — Eure großen Sorgen! — Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!“ sagte sie mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen.

Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

„Es scheint, als ob mir besser wäre,“ sagte diese, seinem Blicke ausweichend.

„Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,“ fuhr er fort, das Wort „Fieber“ besonders hervorhebend.

„Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,“ bemerkte Betsy; „und fühle, daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich aufbrechen.“

Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre Hand.

„Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen — nein, Euch,“ wandte sie sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn — „ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,“ fügte sie hinzu.

Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf sinken.

„Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht, um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.“ Sie blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, „ich habe geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.“

„Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey Aleksandrowitsch abhängen würde,“ verbesserte Betsy.

„O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu nichts“ — sie hielt plötzlich inne und schautefragend auf ihren Gatten, der sie nicht anblickte. „Mit einem Worte, ich will nicht“ — —

Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen. Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück, die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte, drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung.

„Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch“ — antwortete er, mit Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an.

„Nun, lebt wohl dann, Liebste,“ sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie.

„Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft edelsinnigen Mann,“ sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. „Ich bin nur eine fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.“

„Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst entscheiden.“

Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte.

Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und ging wieder zu seinem Weibe. Annahatte gelegen, als sie jedoch seine Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte.

„Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,“ wiederholte er in russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach und sie dabei mit „du“ anredete, versetzte Anna dieses „du“, in unbezwingbare Erregung. „Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß; auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens“ —

„Das habe ich ja schon gesagt — wozu es noch einmal wiederholen?“ unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht imstande war, zu unterdrücken. „Nicht das geringste Bedürfnis,“ dachte sie, „soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht die geringste Notwendigkeit!“ Sie preßte die Lippen aufeinander und senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen Adern, die sich langsam aufeinander rieben. „Wir wollen nie mehr davon reden,“ fügte sie, ruhiger geworden, hinzu.

„Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich sehr, zu sehen“ — begann Aleksey Aleksandrowitsch.

— „Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,“ vollendete Anna schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im voraus alles wußte, was er sagen würde.

„Ja,“ bestätigte er, „und die Fürstin Twerskaja mischt sich völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im Besonderen“ —

„Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,“ sagte Anna schnell, „ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.“

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vorihm, wegen dessen sie sich selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte. Jetzt wünschte sie nur noch Eins — erlöst zu sein von seiner erkältenden Gegenwart.

„Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,“ hub Aleksey Aleksandrowitsch wieder an.

„Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?“

„Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.“

„Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,“ — Aleksey Aleksandrowitsch verstand, was das „Gleich“ bedeutete — „es ist ein kleines Kind und man läßt es verhungern.“ Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, „ich habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, und macht mir jetzt doch Vorwürfe.“

„Ich mache keinen Vorwurf“ —

„Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?“ Sie brach in Schluchzen aus. „Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht“ — sagte sie, zur Besinnung kommend; „aber geh“ —

„Nein! Das kann nicht so bleiben,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte — mit solcher Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas heischten, was aber — er konnte es nicht erfassen. — Er fühlte nur, daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar aufs neue zu gestatten, sobaldes nur nicht durch sichtbare Folgen geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als pflichtgemäß erschien.

Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in der Thür begegnete.

„Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!“ rief er aus. „Ich war bei Euch!“

„Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,“ erwiderte Betsy lächelnd, ihren Handschuh anziehend.

„Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs — laßt mich Eure schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten so dankbar, als für den Handkuß.“ Er küßte Betsys Hand, „wann werden wir uns wiedersehen?“

„Leichtfuß!“ antwortete Betsy lächelnd.

„O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,“ sagte er mit wichtiger Miene.

„Ah, das freut mich sehr,“ versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine Ecke. „Er wird sie umbringen,“ raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, „das ist doch unmöglich, unmöglich!“ —

„Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, „ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.“

„Die ganze Stadt spricht davon,“ sagte sie, „es ist eine unmögliche Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder — Ehescheidung. — Diese Lage aber erdrückt sie.“

„Ja, ja wohl — so ist es,“ — sagte Oblonskiy seufzend, „deswegen bin ich eben hergekommen — das heißt, nicht eigentlich deswegen — ich bin Kammerherr geworden — nun, — und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.“

„Gott helfe Euch dabei,“ antwortete Betsy.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner Schwester. Er fand diese in Thränen.

Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den Morgen verbracht habe.

„Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird auch so bleiben,“ antwortete sie.

„Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer ist, allein“ —

„Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster lieben,“ begann Anna plötzlich, „aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn,wohl wissend, daß er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel von ihm wert bin — dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir aber bleibt nichts übrig, als“ —

Sie wollte sagen „der Tod“, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht ausreden.

„Du bist krank und aufgeregt,“ sagte er, „glaube mir, du übertreibst ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln erlaubt haben — ein Lächeln wäre roh erschienen — aber in seinem Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.

„Nein, Stefan,“ sagte sie, „ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß alles zu Ende sei — im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch ist es nicht vorbei — es wird entsetzlich enden.“

„Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.“

„Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden“ —

Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht ausreden.

„Keineswegs,“ sagte er, „gestatte. Du kannst deine Lage nicht so erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.“ Er lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. „Ich will zunächst damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir sagen.“

„Ein furchtbarer Fehler,“ sagte Anna.

„Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest darauf — ich will sagen — das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann hat das anerkannt und dir verziehen.“ Er hielt nach jedem Satze inne, eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. „So steht es, jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?“

„Ich weiß nichts, nichts.“

„Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.“

„Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß nichts und begreife nichts.“

„Aber erlaube doch“ —

„Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht kann.“

„O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“

„Ich wünsche nichts, gar nichts — nur das Eine, es möchte bald vorbei sein.“

„Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus hervorgehen? Da eine Trennung alles löst“ — Stefan Arkadjewitsch brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.

Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.

„Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte ich die Sache in Ordnung bringen,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon kühner lächelnd. „Sprich nicht, sprichgar nichts! Wenn mir doch Gott die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu deinem Manne gehen.“

Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu erwidern.

Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.

„Ich störe dich doch nicht?“ frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette.

„Nein. Du wünschest etwas von mir?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch mißlaunig.

„Ja wohl. Ich möchte — ich muß — ja, ich muß mit dir einmal reden,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende Zaghaftigkeit.

„Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,“ sagte er errötend.

Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.

„Ich beabsichtigte — ich wollte über meine Schwester und über Eure gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief von demselben und reichte ihn dem Schwager.

„Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,“ sagte er, ihm das Schreiben reichend.

Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm ruhten, und begann dann zu lesen:

„Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt — Euer Glück — das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen und Euer Gerechtigkeitsgefühl.“ —

Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.

„Dies hier wollte ich ihr mitteilen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich abwendend.

„Ja, ja,“ versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. „Ja, ja. Ich verstehe Euch“ — brachte er endlich hervor.

„Ich wünsche zu wissen, was sie will,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

„Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sieist kein guter Richter,“ verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, „sie ist erdrückt von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch tiefer senken.“

„Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?“

„Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.“

„Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?“ unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, „aber wie?“ fügte er hinzu, mit der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, „ich sehe nicht die Möglichkeit eines Ausweges.“

„Es giebt für jede Lage einen Ausweg,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, aufstehend und lebhaft werdend, „es gab doch einmal eine Zeit, wo du die Trennung wünschtest — wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein gegenseitiges Glück nicht begründen könnt“ —

— „Der Begriff ‚Glück‘ kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?“

„Wenn du meine Meinung wissen willst,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen würde — „sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist vorhanden. Eines kann sie wünschen,“ fuhr er fort, „und dies ist die Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider Parteien beruhen.“

„Eine Ehescheidung,“ unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey Aleksandrowitsch.

„Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,“ wiederholte Stefan Arkadjewitsch errötend. „Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.“

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.

„Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit freimachend.

Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel wichtigeren Gründen unmöglich.

Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in dieselbe Anna vernichtete.

Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit seinem Entschluß zur Trennung nuran sich selbst denken würde, aber nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.

Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am Leben ist. „Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis eingehen,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch; „und ich, mit meiner Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres Verderbens sein.“

Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.

„Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.“

„Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham mit den Händen das Gesicht.

„Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst“ —

„Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch. „Ja, ja,“ rief er dann mit dünner Stimme, „ich werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, aber — ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was du willst“ — und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.

Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.

„Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,“ sagte er dann. „Aber offenbar war es doch Gottes Wille,“ so fügte er hinzu, empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.

Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen verhinderten ihn daran.

„Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort.

Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten Bekannten die Frage vorlegen wollte, „welcher Unterschied nun noch zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall macht Quartier[B]und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine Trennung bewirkt — und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, welche Ähnlichkeitaber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das will ich mir lieber noch überlegen,“ sagte er lächelnd zu sich selbst.

Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.

„Warja,“ sagte er, sie streng anblickend, „ich habe mich durch Zufall geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann nur so. O, es war doch zu thöricht!“

Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.

„O, Gott sei Dank!“ sagte sie, „hast du nicht Schmerzen?“

„Ein wenig, hier!“ Er wies auf die Brust.

„Laß mich dich verbinden.“

Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:

„Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, als hätte ich mich mit Absicht geschossen.“

„Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus Versehen schießt,“ sagte sie mit fragendem Lächeln.

„Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.“ — Er lächelte düster.

Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam wieder in das alte Geleis zurück. Er sahwieder die Möglichkeit, den Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen ankämpfte, — das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.

Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.

Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für seine Abreise nach Taschkent zu treffen.

„Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, sterben,“ dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.

„Um so besser,“ dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. „Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.“

Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna sprechen könne.

Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den Karenin.

Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehenund lief schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme mit Küssen.

Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.

„Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,“ sagte sie endlich, seine Hände an ihren Busen pressend.

„So mußte es sein!“ sagte er, „so lange wir leben, soll es so sein. Ich weiß dies jetzt!“

„Es ist wahr,“ antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf umfangend.

„Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß in ihr etwas Furchtbares liegt,“ fuhr er fort, den Kopf hebend und lächelnd seine festen Zähne zeigend.

Sie mußte diesem Lächeln antworten — nicht seinen Worten, wohl aber seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.

„Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!“

„Ja, ich bin sehr schwach,“ sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.

„Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,“ antwortete er.

„Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine Familie mit dir?“ sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.

„Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.“

„Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstandensei, aber ich vermag seine Großmut nicht anzunehmen,“ sagte sie, nachdenklich an dem Gesicht Wronskiys vorbeischauend. „Ich will die Scheidung nicht, mir ist jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey beschließen wird.“

Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr denn nicht alles gleichgültig?

„Sprich nicht davon, denke nicht,“ versetzte er, ihre Hand in der seinen wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch sie schaute ihn noch immer nicht an.

„Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!“ sprach sie und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen; doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.

Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen. Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.

Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich definitiv von ihm losgesagt.

Fußnote:[B]Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen „Quartier“ und „Ehescheidung“ „rasvód“ heißt.

Fußnote:

[B]Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen „Quartier“ und „Ehescheidung“ „rasvód“ heißt.

[B]Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen „Quartier“ und „Ehescheidung“ „rasvód“ heißt.

Ende des ersten Bandes.

Anmerkungen zur TranskriptionDie Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung und Formatierung wurden beibehalten. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.S. 4: durch die baumwollenen Stories → StoresS. 6: die verwickelsten → verwickeltstenS. 7: einen Anzug, Stiefeln → StiefelS. 8: er sprach nur „ich → IchS. 10: Lebensformen enger accommodierte → accomodierteS. 13: „Der Wagen ist fertig,“ meldete jetzt Matway, → MatweyS. 15: preßte sich zusammen, die → derS. 15: Um Gottes willen → WillenS. 20: in einem der moskauer → MoskauerS. 24: bindendes gemeinsam hatten? → hatten.S. 25: auf die Hand des eleganten Grinewitsch → GrinjewitschS. 26: Wirkungskreis für den Zemstwo → SemstwoS. 26: scheel auf die Hand Grinewitschs blickend. → GrinjewitschsS. 30: waren von altem moskauer → MoskauerS. 34: wenn sie nahe an den Hauptpunkte → HauptpunktenS. 35: besitzen wir kein Recht → Recht.S. 36: als er aber des Bruder → BrudersS. 36: es mit Eurem Zemstwo → SemstwoS. 36: der sich sehr für die Zemstwos → SemstwosS. 37: unsere Institution des Zemstwos → SemstwosS. 41: Offenheit und Herzensgüte begabten, → begabtenS. 48: mit steifer Sauce, dann Roastbeaf → RoastbeefS. 54: „Wronskiy, → „WronskiyS. 56: O, entschuldige mich doch → doch.S. 65: als sie sein Schritte vernahm. → seineS. 68: nicht mehr mit dem Zemstwo → SemstwoS. 68: Menschen, die ihren → ihremS. 69: bemerkbaren, glücklichen → bemerkbarem, glücklichemS. 69: bescheiden triumphierenden → triumphierendemS. 75: Jener petersburger → PetersburgerS. 76: bisweilen in der petersburger → PetersburgerS. 81: „Ja, ja, wenn er gestern → Ja, ja,S. 88: die Schwester aus den Wagen → demS. 101: von den allgemeinen petersburger → PetersburgerS. 103: wieder um und bat Kidy → KityS. 124: diese Friedensrichter, diese Zemstwos → SemstwosS. 137: Wronskiy dachte, zu ihr spräch → sprachS. 138: war sie auch eine andere. → andere?S. 144: Als er diesen Aleksei → AlekseyS. 149: Aleksei → AlekseyS. 149: Meinen Gatten → MeinemS. 151: Fürstin Betty Twerskaja → BezzyS. 153: Er liebte es, von Shakspeare → ShakespeareS. 155: Zimmer mit ihrem pariser → PariserS. 172: „Was soll ich dir → Was soll ich dirS. 174: das Gewissen der petersburger → PetersburgerS. 174: Zeit ihres petersburger → PetersburgerS. 177: meines Versöhnungsversuchs. → Versöhnungsversuchs.“S. 178: hübschen kleinen Füßchen. → Füßchen.“S. 178: bei welchem ein Abschiedessen → AbschiedsessenS. 189: ich weiß aber wirklich nicht → „ich weißS. 197: daß er ihn → daß er sieS. 202: vielleicht irre ich mich → „vielleicht irreS. 204: Anna, Anna! → Anna!“S. 219: Wald in Jerguschewo zu verkaufen → JerguschowoS. 220: Die Anstrengungen Agatha Michailownas → AgatheS. 226: oder wenn dies → oder wann diesS. 230: tief unter das Gefäß → GesäßS. 242: man soll sofort meine Troyka → TroikaS. 246: kommt ja auch die Troyka → TroikaS. 263: wie ein hungriger Mensch, den → demS. 269: Überzieher, steif gestärkten → gestärktemS. 272: während sich für die Reiter → Reiter inS. 285: nicht nur mit Liedern nährt, → nährt,“S. 285: Ich glaube, du brauchst → „Ich glaubeS. 291: als wollte sie ihm sagen, das → daßS. 295: Wenn er nur ist! → Wenn er nur unverletzt ist!S. 310: Kinde, auf daß → dasS. 312: hatte nicht darauf geantwortetet → geantwortetS. 318: „Er wankte, als er dies sagt → Er wankteS. 319: wir würden nicht ausfahren? → ausfahren?“S. 319: Augen den → Augen, denS. 325: sie beschwichtigen → sie zu beschwichtigenS. 325: und nehmt nicht übel → übel.S. 343: der Herr ein Sonderling ist. → ist.“S. 348: nicht wieder an seinem → seinenS. 357: Worin habe ich denn → „Worin habeS. 361: Lili begann zu baden → LilyS. 363: erregte. Doch Marja → DarjaS. 386: sagte er zu sich, „nur sie → sie.S. 399: weder das erste noch das zweite, → zweiteS. 400: Es lagen Pfirsichen → PfirsicheS. 414: daß sie ihn als Unbekannte → UnbekanntenS. 428: Der Festjubel war auf kurzer → kurzeS. 429: lachte Serpuchowskiy → Serpuchowskiy.S. 431: jetzt um carte blanche → blanche.S. 434: wie er sie zum letzenmal → letztenmalS. 434: Wie finde ich sie. → sie?S. 438: eine Trennung unmöglich? → unmöglich?“S. 465: Nachdem Swijashskiy gendet → geendetS. 466: Lage zu verbessern. → verbessern?S. 474: Er hatte erkannt → erkannt,S. 478: Ich sage nur das Eine, → Eine,“S. 485: „Bei dir aber ist nichts → Bei dirS. 486: lassen wir das“ → das!“S. 495: häufiger überkamen, erschreckte → erschrecktenS. 498: Sie wird nicht so eintreten → „Sie wirdS. 502: einer materiellen Leidenschaft → Leidenschaft.S. 514: ich zahle!“ er ging hinweg → ErS. 515: ein wundervolles Roastbeaf → RoastbeefS. 515: unter den Gästen, Koznyscheff → Koznyscheff,S. 521: in einem Lehnstuhl → einenS. 522: Ich würde Eines gethan haben → „Ich würdeS. 526: der Portwein und Xerez → XeresS. 527: nach Jerguschewo fuhret → JerguschowoS. 527: Ihr fuhret nach Jerguschewo → JerguschowoS. 528: wenigstens ging mir es so. → so.“S. 535: nur unter den Weibern geben, → geben,“S. 536: zum großen Ergötzen Turowzins der → Turowzins, derS. 556: daß du mich liebst“ → liebst.“S. 557: Und wenn soll die Hochzeit sein? → wannS. 568: Aleksey Aleksandrowitsch, → „AlekseyS. 573: Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? → SerpuchowskiyS. 588: ohne etwas zu erwidern.“ → erwidern.S. 588: Öffnen versehenes Cigarettenetuis → CigarettenetuiS. 590: dies ist die Aufgabe ihre jetzigen → ihrer

Anmerkungen zur Transkription

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung und Formatierung wurden beibehalten. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.


Back to IndexNext