Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker, zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
„Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.“
Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von welchem gestartet werden mußte.
Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys,ging rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen wollte.
Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den Engländern nachzumachen.
Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine „Nervenschwäche“, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten, daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
„Also keine Überstürzung,“ sagte Kord zu Wronskiy, „und denket nur an das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht; überlaßt ihn sich selbst wie er will!“
„Gut, gut,“ sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
„Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!“
Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel brachte.
Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und Kord ließ die Hände los.
Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem geschmeidigen Rücken.
Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte sich sorglich — mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. —
Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter Wronskiy.
Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden; nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein „irländisches Bankett“, welches — als eines der schwierigsten Hindernisse — aus einem Wall bestand, der von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa hundert Faden seewärts von demselben und aufdiesem Abstand hin befand sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite, welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt durchreiten konnten.
Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er endlich beim viertenmale „los“ rief und die Reiter davonflogen.
Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der Reiter während diese starteten.
„Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!“ hörte man es von allen Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment, und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte, bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr tot als lebendig war.
In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum bemerkbar, gleichsam fliegend,folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana jenseits des Flusses wälzte. — Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur, daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
„Braves Pferd!“ dachte Wronskiy.
Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden, hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen, diesen auszustechen.
Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter, auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als es „zum Teufel“ ging — wie die feste Mauer genannt wurde.
Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der nämlichen Entfernung hielten.
Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
„Bravo!“ sprach eine Stimme.
Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu zeitig vor der Barrieresprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an diese angeschlagen.
Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt neben der Croupe des Gladiator.
Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des Gladiator.
Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude, daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
Wronskiy führte das Rennen und that somit, was ergewollt, und was ihm Kord geraten hatte — jetzt war er seines Erfolges sicher. — Seine Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen Gefühl nach, noch besaß.
Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das „irische Bankett“ zu.
Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das Pferd wußte, was es galt.
Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich, stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere, welches es weit über den Graben hinweg trug.
In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
„Bravo, Wronskiy!“ vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen, welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
„Mein prächtiges Pferd,“ dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das, was hinter ihm vorging. „Er hat es auch genommen,“ dachte er, hinter sich das Stampfen des Gladiator hörend.
Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite übrig.
Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick undauf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen hervor und es atmete scharf und kurz.
Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine Schnelligkeit vermehrt hatte.
Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf den Sattel niedergelassen.
Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und Machotin vorüberflog.
Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich zu erheben.
Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das Rückgrat gebrochen.
Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend, einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit seinem schönen Auge anblickend.
Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch, mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach vorn, aber nichtimstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke anschauend.
„O!“ stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, „o, was habe ich gethan!“ — rief er aus. „Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld, durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!“
Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an sich das schwerste Unglück — ein nicht wieder gut zu machendes Unglück, und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit alljährlich angegriffene Gesundheitwieder zu kräftigen; wie gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau sein.
Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
„Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,“ schien er zu sagen, sich in Gedanken zu ihr wendend, „um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,“ sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine vergeblichen Anstrengungen, sagt, „möge es nun über dich kommen, mögest du nun verbrennen dafür!“ —
Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind, ruhten.
Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete. „Nun, junger Mann!“ wandte er sich an ihn.
Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch welche er die Öffnung jenesBehältnisses vermeiden wollte, in welchem die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in demselben schlummerten.
Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte, friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er auch gar nicht daran.
Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf, in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam gemacht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine an.
Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogarauch nur den geringsten Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief unglücklich.
Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu furchtbar, zu unnatürlich war.
Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht, aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.
Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig sein mußte.
Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des Haushaltes übergeben.
Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich, nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in dem, was sie anging.
Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit einem Briefe übersandt, inwelchem sie ihn ersuchte, den Reisenden selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein sehr interessanter und nützlicher Mann sei.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen, Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.
Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes, und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.
Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel Zeit in Anspruch genommen.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet, und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust behorchte und seine Leber befühlte.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna, bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.
„Thut es um meinetwillen,“ hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben gesagt.
„Ich thue es für Rußland, Gräfin,“ hatte der Arzt erwidert.
„Ein unschätzbarer Mensch!“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.
Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die Wirkung des Bades war gleich null.
Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.
Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer zusammen.
Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich, obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte, als Sljudin.
„Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,“ sagte Sljudin. „Er befindet sich nicht wohl und mir scheint — wie steht es denn?“ —
„So steht es,“ sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, „so steht es,“ sagte er, einen Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn langziehend. „Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit — er freilich ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,“ fügte der Arzt hinzu, bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. „Werdet Ihr zu den Rennen gehen?“ frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.
— „Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,“ versetzte dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört hatte. —
Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte, erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden, klaren Blick.
Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.
Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu den Rennen zu fahren.
Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin hinzuzuziehen.
Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.
„Für Bezzy wäre es noch zu früh,“ dachte sie und schaute aus dem Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. „Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?“ dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was sie sagen sollte, zu sprechen begann.
„O, wie ist das reizend von dir!“ sagte sie, dem Gattendie Hand reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, begrüßend. „Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?“ war das erste Wort, welches der Geist der Lüge ihr eingab, „jetzt fahren wir doch zusammen. Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe — sie will kommen, mich abzuholen.“
Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.
„O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,“ antwortete er mit seinem gewöhnlichen launigen Tone. „Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.“
„Wir haben indessen nicht die geringste Eile,“ sagte Anna, „wollt Ihr Thee trinken?“ Sie schellte. „Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? — Michailow Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,“ fuhr sie fort, sich bald an ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.
Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu beobachten schien.
Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie ließ sich neben ihrem Manne nieder.
„Du siehst nicht ganz wohl aus,“ begann sie.
„Ja,“ antwortete er, „der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.“
„Nun, was sagte der Arzt?“
Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr überzusiedeln.
Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.
Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.
Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter. Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.
„Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?“
Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.
Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei, seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.
Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter, während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er sich zum Weinen anschickte.
Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war, sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie sogleich zurückkehrte.
„Indessen; es ist Zeit jetzt,“ sagte sie, auf ihre Uhr blickend. „Weshalb nur Bezzy nicht kommt.“
„Ja,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger ineinander und ließ sie knacken. „Ich bin auch noch gekommen, dir Geld zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern nährt,“ sagte er. „Ich glaube, du brauchst welches.“ —
„Nein, ich brauche keines — oder doch, ja, doch,“ — antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. „Ich denke doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.“
„Gewiß werde ich,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. „Doch da kommt ja auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,“ fügte er hinzu, indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen Kutschbock auszeichnete. „Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch, wir wollen nun auch gehen!“
Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der Einfahrt herab.
„Ich gehe also, lebt wohl!“ sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. „Es war recht hübsch von dir, daß du gekommen bist.“ Aleksey Aleksandrowitsch küßte ihr die Hand. „Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!“ sagte sie und ging, strahlend und heiter.
Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen erschauerte.
Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah ihren Gatten erst von ferne.
Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen hätten, empfand sie deren Nähe.
Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.
Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen der Erde erwartend, und seinengroßen runden Hut abnehmend, der die Spitzen seiner Ohren drückte.
Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.
„Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles, was in seiner Seele wohnt,“ dachte sie, „und seine hochfliegenden Pläne, die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.“
An seinen Blicken nach der Damentribüne — er schaute gerade auf sie, erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn, Sonnenschirmen und Blumen — nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.
„Aleksey Aleksandrowitsch!“ rief ihm die Fürstin Bezzy zu, „Ihr seht wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!“ —
Er lächelte in seiner kühlen Weise.
„Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,“ sagte er und trat in die Tribüne ein.
Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.
Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein Generaladjutant.
Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die Unterhaltung.
Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.
Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.
Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich nach vornüber, und blickte unverwandt nachWronskiy, wie er zu seinem Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche, nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.
Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit den ihr so bekannten Accenten.
„Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,“ dachte sie, „aber ich liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen — seine Stimme aber — das ist eine Lüge! — Er weiß alles und sieht alles; was jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich lediglich der Lüge und der Etikette,“ sprach Anna zu sich selbst, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie sie ihn zu sehen wünschte.
Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig reden.
„Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,“ sagte er, „eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen — wie immer, — nur die oberflächlichste Seite der Sache.“
„Nicht die oberflächliche,“ sagte die Fürstin Twerskaja, „denn ein Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.“
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
„Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine Oberflächlichkeit handelte,“ fuhr er dann fort, „so liegt doch dann etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,“ und er wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter sprach, „vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.“
„O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt mich zu sehr auf,“ rief die Fürstin Twerskaja. „Habe ich nicht recht, Anna?“
„Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,“ sagte eine andere Dame. „Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine Cirkusvorstellung versäumt haben.“
Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf einen bestimmten Punkt.
In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig, aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden Offizier.
„Reitet Ihr nicht mit?“ scherzte dieser mit ihm.
„Mein Reiten ist schwieriger,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch ehrfurchtsvoll.
Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen diepointe de la sauceverstanden.
„Jede Sache hat zwei Seiten,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf fort, „es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein“ —
„Fürstin,pari!“ rief plötzlich von oben die Stimme Stefan Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.
„Auf wen haltet Ihr?“
„Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,“ antwortete Bezzy.
„Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!“
„Gilt!“ —
„Wie hübsch; nicht wahr?“
Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach, doch hub er sogleich wieder an.
„Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die“ —
In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden abgebrochen.
Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von den Sitzen und eilte nach dem Flusse.
Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick blieb auf Anna ruhen.
Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts, ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie atmete nicht.
Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter schauend.
„Auch jene Dame dort — und andere nicht minder — sehen höchst erregt aus, das ist ja sehr natürlich,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst.
Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen wollte.
Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung, aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt war.
Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die Zuschauermassen ging, dasah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich sein Blick in sie hinein.
Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy, empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen ihres Gatten.
Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an, verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein einziges Mal mehr nach ihm.
Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil der Zar mißvergnügt darüber geworden war.
Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend jemand geäußerte Phrase, „das reichte nur an einen Cirkus mit Löwenkämpfen“ heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts Außergewöhnliches lag.
In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche vollständig gegen alle Etikette verstieß.
Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald wandte sie sich an Bezzy.
„Fahren wir ab, gehen wir!“ rief sie der Fürstin zu.
Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General.
Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand.
„Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,“ sagte er in französischer Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und bemerkte ihren Mann gar nicht.
„Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,“ erzählte der General, „so etwas ist noch nicht dagewesen!“
Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglasund blickte nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu unterscheiden war.
Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn.
„Stefan, Stefan!“ rief sie ihrem Bruder zu.
Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem Platze forteilen.
„Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,“ wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins Gesicht zu blicken:
„Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!“
Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe.
Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer.
Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust hob.
Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit gewährend, sich zu fassen.
„Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,“ sprach er nach einiger Zeit, sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe.
„Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und habe gelobt sie wieder mitzunehmen,“ mischte sie sich ein.
„Entschuldigt mich, Fürstin,“ sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber fest ins Auge schauend, „ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.“
Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in den ihres Gatten.
„Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,“ flüsterte ihr Bezzy zu.
Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin.
„Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?“ dachte sie.
Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg.
Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen.
Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen. Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern nur dies allein.
Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus.
„Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,“ sagte er, „ich bemerke“ —
„Was? Ich verstehe nicht,“ versetzte Anna verächtlich.
Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen wollte.
„Ich muß Euch sagen,“ — begann er.
„Jetzt kommt die Erklärung,“ dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute.
„Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,“ sprach er auf französisch.
„Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?“ frug sie laut zurück und wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit verbergenden Ausdruck, sondernmit entschlossener Miene, unter der sie nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg.
„Vergeßt nicht,“ sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens hinter dem Kutscher hinweisend.
Er erhob sich und zog das Fenster auf.
„Was habt Ihr für unangemessen befunden?“ wiederholte sie.
„Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen, bei dem Sturze eines der Reitenden.“ Er wartete, daß sie etwas entgegnen solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. „Ich bat Euch schon einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt, und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.“
Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe?
Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte.
Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln und ein seltsamer Irrtum überkam ihn.
„Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.“
Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr, als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu glauben.
Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah, verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr.
„Möglich ja, daß ich mich irre,“ sagte er, „in diesem Falle bitte ich um Entschuldigung.“
„Nein; Ihr habt nicht geirrt,“ sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll in sein kaltes Antlitz blickend. „Ihr habt nicht geirrt. Ich war in Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr ertragen, ich fürchte, — ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.“ —
Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz.
Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem nämlichen Ausdruck nach ihr hin.
„Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin“ — seine Stimme erbebte — „wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren sollen, und die werde ich Euch mitteilen.“
Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach Petersburg davon.
Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und brachte Anna ein Billet:
„Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung sei.“ —
„Wenn er nur unverletzt ist!“ dachte sie, „wie gut habe ich daran gethan, ihm alles zu gestehen.“ — Sie blickte nach der Uhr. Es waren noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. „Mein Gott, wie hell es ist. Es istentsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.“
Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und unveränderlichen Platz anweist.
Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden Platz eingewiesen.
Der „Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter“ hatten sich nach dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher festgesetzten Kaste einkrystallisiert.
In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch energischer vollzog.
Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.
Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, „sehr einfachen“, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.
Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: „Ich hoffe, daß die Rosen bald auf dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,“ und für die Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.
Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit einem Mr. Canut nebst Schwester.
Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiybestand aus einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt wie sie, an unglücklicher Liebe — und einem Moskauer Obersten, den Kity von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte, und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man sich nicht von ihm frei machen konnte.
Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.
Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.
Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung dafür in ihren Beobachtungen.
Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.
Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank, daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.
Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher, nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen Badegäste Umgang pflegen ließ.
Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich auch, wie Kity bemerkte, außerdem nochum sämtliche Schwerkranke, deren es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.
Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie „Mademoiselle Warenka“.
Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie gefiel.
Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne Jugend.
Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten — aber ebenso gut auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.
Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen Blume.
Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß — die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener Anziehungskraft.
Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.
Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein Lebensinteresse, Würdigung desDaseins, die außerhalb der für Kity so widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.
Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie nun, mit ihr bekannt zu werden.
Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder Begegnung sprachen die Augen Kitys „wer bist du und was bist du? Du mußt doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir vorstelle. Aber denke nicht,“ sprach ihr Blick weiter, „daß ich mir gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.“
„Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,“ antwortete ihr der Blick des unbekannten Mädchens, „und ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.“
Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.
Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, freilich nicht angenehmer Art, erregten.
Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.
Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser Mensch dieserLewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über diese beiden Menschen entschwanden.
Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.
Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.
Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.