„Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich sie sehr gern erzähle,“ sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie blickend. „Die Familie kann ich freilich nicht nennen.“
„Dann werde ich sie raten; um so besser.“
„Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute“ —
„Natürlich Offiziere Eures Regimentes?“
„Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die miteinander gefrühstückt hatten.“
„Übertragt dies lieber: getrunken hatten.“ —
„Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einemFreunde in der lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.
Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen Füßchen.“
„Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.“
„Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf die Frage, ob oben drüber ‚Mamsells‘ wohnten, es gäbe da sehr viele. Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig verständlich geworden wäre.“
„Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?“
„Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.“ —
„Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet, wurstartig ausgesehen habe?“
„Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.“
„Und was geschah dabei?“
„Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daßman es mit dem glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist nichts gewesen im Vergleich mit mir!“
„Worin lag denn die Schwierigkeit?“
„Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in Bewegung setzen mußte. ‚Ich bin völlig damit einverstanden, daß die Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man ihnen ihren Fehltritt vergebe,‘ sagte ich.
„Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, ‚ich bin einverstanden, Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger‘ — Ihr versteht, er nannte die beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht, seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich in diplomatischen Finessen.“
„Ah, das muß er auch Euch erzählen!“ wandte sich Bezzy lachend an eine Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. „Er hat mich vorzüglich belustigt.“
„Nun, bonne chance,“ fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie, so wie es seinsollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge.
Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und ergötzte.
In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des Regiments auf dem Spiele standen.
Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt hätten.
Sein junges Weib — erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben Jahre verheiratet war — sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen.
„Nein, was Ihr auch sagt,“ meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy, den er zu sich berufen hatte, „Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.“
Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse, diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen.
Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen, weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte leisten.
Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der Erweichung des Rates beitragen könnte.
Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam; allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy auch berichtete.
Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen, Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte, sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte.
„Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?“ frug er nochmals lachend.
„Wie war heute Claire?“
„Wunderbar,“ versetzte er im Hinblick auf die neue französische Schauspielerin. „Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!“
Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes abzuwarten.
Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei hereindefilieren.
Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs.
Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt, nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet und mit scharfen, schwarzen Brauen.
Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen, durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein Thema, bei welchem man verweilen könnte.
„Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,“ sagte ein Diplomat in dem Kreise der Frau des Gesandten, „habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht fiel?“
„O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich nichts Neues mehr sagen,“ äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehrenfant terriblebenannte Dame.
Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm, aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald an dem des anderen.
„Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.“
Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig, ein neues Thema ausfindig zu machen.
„Erzählt uns doch etwas Lustiges — aber nichts Schlechtes,“ wandte sich die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen Konversation, wie man sie auf englischsmall talknennt, an den Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte.
„Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei lustig,“ begann er jetzt lächelnd.
„Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige langweilt.“
„Das ist eine alte Geschichte,“ lachte die Gattin des Gesandten. Die Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig, seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu nehmen, dem des Klatsches.
„Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten hat?“ fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden jungen Mann weisend, welcher am Tische stand.
„O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.“
Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte, nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy.
Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in der gleichen Weise einige Zeit hindurchzwischen drei unvermeidlichen Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei dem Klatsch.
„Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa — nicht die Tochter, sondern die Mutter, sich ein Kostüm vondiable rosefertigen läßt?“
„Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!“
„Ich staune, wie die das hat ausdenken können — sie ist also doch nicht so dumm — man sieht nur nicht, wie fein sie ist.“
Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß.
Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging, im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich daher der Fürstin Mjagkaja.
„Wie gefiel Euch die Nilson?“ war seine Begrüßung.
„Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt erschreckt!“ antwortete sie. „Aber sprecht mir nicht mehr, um aller Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn da neulich gekauft?“
„Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die Bedeutung.“
„Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener — wie nennt man sie doch — bei jener Bankiersfamilie gelernt — bei denen giebt es sehr gute Gravuren. Die haben sie uns gezeigt.“
„Wie, waret Ihr bei Schützburg?“ frug die Dame des Hauses vom Samowar herüber.
„Ich bin dort gewesen,ma chère. Man hatte mich eingeladen, mit meinem Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu Tisch tausend Rubelgekostet habe,“ sprach die Fürstin Mjagkaja mit lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, „und diese Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.“
„Ist die natürlich!“ bemerkte die Dame des Hauses.
„Bewundernswert,“ flüsterte ein anderer.
Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte.
In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus.
Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher an die Dame des Gesandten.
„Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen müssen,“ begann sie.
„O nein; ich sitze recht gut hier,“ versetzte lächelnd die Frau des Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort.
Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann und Frau.
„Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es liegt so etwas Seltsames in ihr,“ äußerte ihre Freundin.
„Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,“ sagte die Frau des Gesandten. „Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch ohne Schatten,ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm sein, keinen Schatten zu besitzen.“
„Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,“ antwortete die Freundin Annas.
„Hütet Eure Zunge,“ sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese Worte vernommen hatte. „Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.“
„Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender Mensch,“ frug die Frau des Gesandten. „Mein Mann sagt, daß es nur wenig solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.“
„Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,“ antwortete die Fürstin Mjagkaja. „Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir selbst gesagt,ersei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem Male alles klar. Ist es nicht so?“
„O wie boshaft Ihr heute doch seid!“
„Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man dergleichen nie.
„Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem Verstande,“ warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein.
„Da haben wirs; gewiß,“ wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an ihn. „Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?“
„Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,“ verwahrte sich die Freundin Annas.
„Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.“
Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König von Preußen bewegte.
„Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?“ frug Bezzy.
„Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey Aleksandrowitschs gegeben,“ versetzte die Frau des Gesandten, sich lächelnd an den Tisch setzend.
„Schade, daß wir sie nicht gehört haben,“ antwortete die Dame des Hauses nach der Eingangsthür blickend. „Ah, da seid Ihr ja endlich!“ rief sie lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu.
Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst verlassen hatte.
„Woher ich komme?“ antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des Gesandten. „Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte. Heute“ —
Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem Entsetzen.
„Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.“
„Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.“
„Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die Gesellschaft, wie die Oper,“ fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu.
An der Eingangsthür wurden abermals Schritte vernehmbar und die Fürstin Bezzy, welche erkannte, daß dies die Karenina sei, blickte auf Wronskiy.
Dieser schaute nach der Thür und sein Gesicht nahm einen seltsam neuen Ausdruck an. Er blickte erfreut, starr und zugleich schüchtern geworden auf die Eingetretene und erhob sich langsam. Im Salon erschien niemand anders als Anna Karenina.
Wie stets mit außerordentlich gerader Haltung, die Richtung des Blickes in nichts verändernd, legte sie mit jenem schnellen, festen und gewandten Schritt, durch welchen sie sich vor den übrigen Damen der großen Welt auszeichnete, die wenigen Schritte zurück, die sie von der Dame des Hauses trennten, drückte dieser die Hand, lächelte und blickte mit dem nämlichen Lächeln auch nach Wronskiy.
Dieser verbeugte sich tief und schob ihr einen Sessel zu.
Sie dankte nur mit einer Verneigung des Hauptes, errötete aber und wurde finster, wandte sich indes gleich darauf, ihren Bekannten flüchtig zunickend und ihnen die dargereichten Hände drückend, an die Fürstin Bezzy.
„Ich war bei der Gräfin Lydia und wollte eigentlich früher kommen, allein ich habe mich im Sitzen dort verspätet. Sir John war bei ihr; er ist ein sehr interessanter Mann.“
„Ah, ist das nicht jener Missionar?“
„Ja wohl; er erzählt sehr fesselnd vom indischen Leben.“
Die allgemeine Unterhaltung, von der Ankunft des Gastes unterbrochen gewesen, flackerte jetzt wieder auf wie das Licht einer ausgeblasenen Lampe.
„Sir John! Ja, Sir John! Ich habe ihn gesehen, er spricht sehr gut. Die Wlasjewa ist vollständig vernarrt in ihn.“
„Ist es denn wahr, daß die Wlasjewa, die jüngere, den Topoff heiraten wird?“
„Man sagt, es sei völlig sicher.“
„Ich wundere mich über die Eltern. Man sagt, diese Ehe werde aus Liebe geschlossen?“
„Aus Liebe? Was sind das für antediluvianische Ideen,die Ihr da habt? Wer spricht heute noch von Liebe?“ äußerte die Frau des Gesandten.
„Was ist zu thun? Diese alte dumme Mode ist noch immer nicht abgeschafft,“ sagte Wronskiy.
„Um so schlimmer für diejenigen, welche sich noch von ihr beherrschen lassen. Ich kenne glückliche Ehen, die nur vernunftgemäß geschlossen worden sind.“
„Mag sein, aber auch im Gegenteil; wie häufig verfliegt das Glück der Vernunftehen gleich dem Staub, besonders dadurch, daß sich eben jene Leidenschaft plötzlich zeigt, die wir nicht anerkannt haben,“ sagte Wronskiy.
„Aber Vernunftehen nennen wir die, welche nur von Leuten geschlossen werden, die sich im Leben ausgetobt haben. Es ist hier wie mit dem Scharlachfieber, man muß eben erst hindurch sein.“
„Dann muß man eben lernen die Liebe künstlich abzuimpfen, wie die Pockenkrankheit.“
„In meiner Jugend war ich einmal in einen Kurrendesänger verliebt,“ sagte die Fürstin Mjagkaja, „ich weiß aber wirklich nicht, ob es mir etwas genützt hat.“
„Nein, ohne Scherz, ich glaube, daß man, um die Liebe zu erkennen, sich erst in ihr täuschen muß um sich dann zu bessern,“ sagte die Fürstin Bezzy.
„Auch nochnachder Heirat?“ frug scherzend die Frau des Gesandten.
„Man kann nie zu spät Reue empfinden,“ sagte der Diplomat in einem englischen Sprichwort.
„Das ist es eben,“ rief Bezzy, „man muß sich bessern, wenn man geirrt hat. Wie denkt Ihr darüber?“ wandte sie sich an Anna, die mit kaum bemerkbarem, kaltem Lächeln auf den Lippen, dem Gespräch schweigend zugehört hatte.
„Ich denke,“ antwortete Anna, mit dem abgestreiften Handschuh spielend, „ich denke wie viel Köpfe, so viel Sinne und ebenfalls, wie viel Herzen so viel Arten von Liebe.“
Wronskiy hatte Anna angeblickt und in höchster Spannung erwartet, was sie sagen würde. Jetzt seufzte er auf wie nach einer überstandenen Gefahr, als sie diese Worte gesprochen hatte.
Anna wandte sich plötzlich an ihn.
„Ich habe ein Schreiben von Moskau erhalten. Man schreibt mir, daß Kity Schtscherbazkaja sehr krank ist.“
„Sollte es möglich sein?“ antwortete Wronskiy finster werdend.
Anna blickte ihn streng an.
„Interessiert Euch dies nicht?“
„Im Gegenteil, außerordentlich. Was schreibt man Euch denn, wenn die Frage erlaubt ist?“ frug er.
Anna stand auf und trat zu Bezzy.
„Gebt mir doch eine Schale Thee,“ sagte sie, hinter deren Stuhl stehen bleibend.
Während Bezzy ihr den Thee eingoß, ging Wronskiy zu Anna hin.
„Was schreibt man Euch?“ wiederholte er.
„Ich denke oft, daß die Männer gar nicht erkennen, was unedel ist, und doch stets hiervon sprechen,“ sagte Anna, ohne Wronskiy zu antworten. „Ich wollte Euch das schon lange mitteilen,“ fügte sie alsdann hinzu, einige Schritte weiter gehend und sich an einen Ecktisch mit Albums setzend.
„Die Bedeutung Eurer Worte verstehe ich nicht ganz,“ versetzte er, ihr die Schale reichend.
Sie blickte auf den Diwan neben sich und er ließ sich sogleich auf demselben nieder.
„Ja, ich wollte Euch sagen,“ fuhr sie fort, ohne ihn anzusehen, „daß Ihr schlecht gehandelt habt, schlecht, sehr schlecht.“
„Weiß ich etwa nicht selbst, daß ich unrecht gethan habe? Aber wer war die Ursache, daß ich so handelte?“
„Weshalb sagt Ihr mir dies?“ frug sie ihn streng anblickend.
„Ihr wißt es, weshalb,“ versetzte er kühn und freudig ihrem Blick begegnend und ohne die Augen zu senken.
Nicht er, sondern sie geriet in Verwirrung.
„Dies sagt mir nur das Eine, daß Ihr kein Herz habt,“ sagte sie, aber der Blick ihrer Augen zeugte davon, daß sie wisse, er besitze ein Herz, und daß sie sich vor diesem Herzen fürchte.
„Wovon Ihr soeben sprecht, das war nur ein Irrtum, keine Liebe gewesen.“
„Ihr wißt, daß ich Euch verboten habe, dieses Wort auszusprechen;es ist ein häßliches Wort,“ sagte Anna erschreckend; sogleich aber empfand sie, daß sie mit diesem einen Worte des „Verbietens“ gezeigt hatte, sie räume sich selbst gewisse Rechte über ihn ein, und dies mußte ihn nur noch mehr ermutigen, von Liebe zu ihr zu sprechen. „Ich wollte Euch dies schon längst sagten,“ fuhr sie fort, ihm entschlossen ins Auge blickend, während ihr Gesicht sich mit glühendem Purpur bedeckte, „heute bin ich mit bestimmtem Vorsatz hierher gekommen, da ich wußte, ich würde Euch hier antreffen. Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß dies ein Ende nehmen muß. Ich habe nie vor jemand erröten müssen, Ihr aber bringt mich so weit, daß ich mich vor mir selber schuldig fühlen muß.“
Er blickte sie an und war überrascht von dieser neuen, durchgeistigten Schönheit ihres Gesichts.
„Was wollt Ihr aber von mir?“ sagte er dann einfach und ernst.
„Ich will, daß Ihr wieder nach Moskau fahrt und Kity um Verzeihung bittet,“ antwortete sie.
„Ihr selbst wollt dies nicht.“
Er erkannte wohl, daß sie ihm dies sagte, weil sie sich selbst zwang nicht das auszusprechen, was sie vielleicht wünschte.
„Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr sagt,“ flüsterte sie, „so thut es, damit ich ruhig werde.“
Sein Gesicht leuchtete auf.
„Als ob Ihr nicht wüßtet, daß Ihr für mich das ganze Leben seid. Aber Beruhigung verstehe ich Euch nicht zu geben und so kann ich sie Euch also auch nicht geben. Aber mich selbst, meine Liebe — ja. Ich kann an Euch und mich nicht gesondert denken; und Ihr und ich sind beide für mich eins. Daher sehe ich von vornherein weder eine Ruhe für mich selbst, noch für Euch. Ich sehe nur die Möglichkeit einer künftigen Verzweiflung, eines Unglücks, oder die Möglichkeit eines Glückes — ach, welches Glückes! Ist dieses aber unmöglich?“ fügte er hinzu, nur die Lippen leise bewegend. Sie verstand ihn aber.
Alle Kräfte ihres Geistes strengte sie an, um zu sagen, was sie sagen mußte, aber anstatt dessen heftete sie nur einen Blick auf ihn, der voll von Liebe war — und brachte kein Wort hervor.
„Da haben wir's!“ jubelte Wronskiy innerlich. „Gerade, als ich schon den Mut verlor und als es schien, daß kein Erfolg mehr zu hoffen sei, — da haben wir's. Sie liebt mich. Sie gesteht es ein!“
„So thut es doch um meinetwillen und sprecht nie mehr solche Worte zu mir. Wir wollen gute Freunde sein,“ sprach sie, während ihr Auge ganz anderes kündete.
„Freunde können wir nicht sein, das wißt Ihr selbst. Aber wir werden die glücklichsten oder die unglücklichsten unter den Menschen sein, und dies liegt in Eurer Macht.“
Sie wollte etwas erwidern, doch er unterbrach sie.
„Ich bitte freilich nur um eins, ich bitte um das Recht, hoffen zu dürfen in Qualen, wie jetzt; wenn dies aber nicht möglich ist, so befehlt mir zu verschwinden und ich werde verschwinden. Ihr werdet mich dann nicht mehr sehen, sobald Euch meine Gegenwart lästig ist.“
„Ich will Euch nicht vertreiben.“
„Aber dann ändert Euch nicht in dieser Absicht, laßt alles so, wie es ist,“ sagte er mit bebender Stimme. „Dort kommt Euer Gatte“ —
In der That trat in diesem Augenblick Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem gleichgültigen ungeschickten Gang in den Salon.
Nachdem er seine Frau und Wronskiy gemustert hatte, schritt er zu der Dame des Hauses hin und begann, sich niedersetzend, und eine Schale Thee nehmend, mit seiner unbewegten, stets vernehmbaren Stimme in seinem gewohnten launigen Tone mit dieser zu reden, über irgend jemand scherzend.
„Euer Abend ist ja recht gut besetzt,“ sagte er, die Gesellschaft überblickend, „lauter Grazien und Musen.“
Die Fürstin Bezzy vermochte indes diesen Ton seiner Rede nicht zu ertragen weil ersneeringwar, wie sie ihn nannte, und als kluge Frau brachte sie ihn sogleich auf ein ernstes Thema über die allgemeine Wehrpflicht.
Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich sofort auf das Gespräch ein und begann mit großem Ernste die neue Verordnung vor der Fürstin Bezzy zu verteidigen, welche ihm opponierte.
Wronskiy und Anna blieben an dem kleinen Ecktisch sitzen.
„Aber das ist doch gegen den Anstand,“ zischelte eine der Damen, mit den Augen nach der Karenina sowie nach Wronskiy und Annas Gatten hinweisend.
„Was habe ich Euch gesagt?“ antwortete die Freundin Annas.
Aber nicht nur allein diese Damen, sondern fast alle, welche im Salon waren und auch die Fürstin Mjagkaja, sowie Bezzy selbst, blickten mehrmals auf die entfernt von dem gemeinschaftlichen Kreis befindlichen Zwei, als ob dies störend einwirkte.
Aleksey Aleksandrowitsch war der einzige, der den Blick auch nicht einmal nach jener Seite wandte und von dem begonnenen, interessanten Gespräch nicht abgelenkt wurde.
Als die Fürstin Bezzy den unangenehmen Eindruck bemerkte, der bei jedermann hervorgerufen zu sein schien, zog sie eine andere Persönlichkeit auf ihren Platz zur Weiterführung des Gesprächs mit Aleksey Aleksandrowitsch und begab sich zu Anna.
„Ich bin stets erstaunt über die Klarheit und Präcision der Ausdrucksweise Eures Gatten,“ sagte sie. „Die transcendentesten Begriffe werden mir klar, wenn er spricht.“
„O ja,“ antwortete Anna, von einem Lächeln des Glückes strahlend und ohne ein Wort von dem vernommen zu haben, was Bezzy zu ihr gesagt hatte.
Sie schritt zu der großen Tafel und beteiligte sich nun an der gemeinsamen Unterhaltung.
Aleksey Aleksandrowitsch trat, nachdem er etwa eine halbe Stunde verweilt hatte, zu seiner Gattin und schlug ihr vor, gemeinschaftlich heimzukehren, sie antwortete ihm jedoch, ohne ihn anzublicken, daß sie zum Abendessen bleiben werde.
Aleksey Aleksandrowitsch verabschiedete sich und ging.
Der Kutscher der Karenina, ein alter dicker Tatar, in glänzendem Lederkittel hielt nur mit Mühe noch das durchfrorene Handpferd, einen Grauschimmel, welcher sich vor der Einfahrt bäumte. Ein Diener öffnete die innere Thür. Der Portier stand an dem Außenthor.
Anna Arkadjewna nestelte mit ihrer kleinen gewandten Hand die Spitzen ihres Ärmels von einem Häkchen im Pelzelos und lauschte dabei, das Köpfchen beugend, mit Entzücken den Worten die Wronskiy, der sie begleitete, sprach.
„Ihr habt doch nichts gesagt, nehme ich an. Ich fordere ja auch nichts,“ sagte er, „aber Ihr wißt, daß ich nicht der Freundschaft nur bedürftig bin, für mich ist nur ein einziges Glück im Leben möglich, und dies ist das Wort, welches Euch so verhaßt ist, das Wort ‚Liebe‘“.
„Liebe,“ wiederholte sie langsam, mit innerlich klingender Stimme und fügte dann plötzlich, gerade, als sie die Spitze gelöst hatte, hinzu: „Ich liebe dieses Wort aus dem Grunde nicht, weil es für mich zuviel bedeutet, bei weitem mehr, als Ihr begreifen könnt,“ sie blickte ihm ins Antlitz.
„Auf Wiedersehen.“
Sie reichte ihm die Hand, ging mit schnellem elastischem Schritte an dem Portier vorüber und verschwand in ihrem Coupé.
Ihr Blick, die Berührung ihrer Hand, erfüllten ihn mit Glut. Wronskiy küßte seine Hand an der nämlichen Stelle, wo sie dieselbe berührt hatte und fuhr nach Hause, glücklich in dem Bewußtsein, daß er am heutigen Abend seinem Ziele weit näher gekommen sei, als während beider letztvergangenen Monate.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte nichts Auffallendes oder Unschickliches darin gefunden, daß seine Frau mit Wronskiy an einem abgeänderten Tische und in lebhaftester Unterhaltung gesessen; aber es war ihm nicht entgangen, daß dies den Übrigen im Salon doch wohl etwas eigentümlich und unstatthaft erschienen sein mußte. Deshalb erst erschien es ihm nun gleichfalls unschicklich, und er konstatierte daher, daß er seiner Frau hierüber eine Mitteilung machen müsse.
Nach Hause zurückgekehrt, begab sich Aleksey Aleksandrowitsch in sein Kabinett, wie er dies gewöhnlich zu thun pflegte und ließ sich in seinem Lehnstuhl nieder, ein Buch über Papismus an der durch ein eingelegtes Papiermesser bezeichneten Stelle aufschlagend, und las bis ein Uhr nachts, wie er es auch sonst that; nur rieb er sich heute bisweilen dabei die hohe Stirn und schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus von sich weisen.
Zu der gewohnten Stunde erhob er sich und machte seine Nachttoilette. Anna Karenina war noch nicht angekommen. Das Buch unter dem Arme, ging er hinauf. Am heutigen Abend war sein Kopf anstatt mit den gewöhnlichen Ideen und Plänen über Amtsangelegenheiten, mit Gedanken über seine Frau angefüllt, mit dem Gedanken, als ob etwas Unangenehmes sich mit dieser ereignet habe.
Zuwider seiner sonstigen Gepflogenheit, legte er sich nicht in das Bett, sondern begann, die Hände auf den Rücken gelegt, in seinen Zimmern hin und wieder zu wandern.
Er konnte nicht schlafen gehen in dem Gefühl, daß er zuvor noch den ihm neu eingefallenen Umstand überdenken müsse.
Als Aleksey Aleksandrowitsch bei sich selbst zu dem Entschluß gelangt war, er müsse doch mit seinem Weibe Rücksprache nehmen, schien ihm dies sehr leicht und einfach, jetzt aber, da er über jenen neuen Umstand nachzudenken begonnen hatte, erschien es ihm sehr verwickelt und schwierig.
Aleksey Aleksandrowitsch war nicht eifersüchtig. Die Eifersucht kränkte nach seiner Überzeugung ein Weib und man mußte zu dem Weibe Vertrauen haben.
Weshalbman dieses Vertrauen haben müsse, das heißt die volle Zuversicht, daß sein junges Weib ihn stets lieben werde, darüber legte er sich keine Frage vor.
Er hatte eben noch kein Mißtrauen empfunden weil er Vertrauen hegte und sich sagte, er müsse es hegen.
Jetzt aber, obwohl die Überzeugung in ihm, daß die Eifersucht ein entehrendes Gefühl sei und man das Vertrauen behalten müsse, noch nicht wankend geworden war, empfand er doch, daß er Auge in Auge mit einem unlogischen abgeschmackten Etwas stand, aber er wußte nicht, was er thun sollte.
Aleksey Aleksandrowitsch stand Auge in Auge mit dem Leben selbst, er stand vor der Möglichkeit, sein Weib könne Liebe zu jemand außer ihm empfinden, und dies dünkte ihm so abgeschmackt und unverständlich, weil eben dies das Leben selbst war.
Sein ganzes Leben hatte Aleksey Aleksandrowitsch in den Kreisen des Beamtenlebens verbracht, die es nur mit den Reflexen des Lebens zu thun hatten, und stets wenn er mit diesem Leben selbst zusammenstieß, wandte er sich von ihm ab.Er hatte jetzt ein Gefühl ähnlich dem, wie es ein Mensch hat, der ruhig auf einer Brücke einen Abgrund überschreitet und plötzlich inne wird, daß diese Brücke zerstört ist und klafft.
Dieser Abgrund war — das Leben selbst, diese Brücke — das künstliche Dasein welches er führte. Zum erstenmale kamen ihm die Fragen über die Möglichkeit, daß sein Weib einen andern lieben könne, und erschrak davor.
Ohne sich zu entkleiden, ging er in gleichmäßigem Schritte auf und ab auf dem hallenden Parkett des nur von einer Lampe erhellten Speisesalons, auf dem Teppich des dunkeln Empfangszimmers, in welchem nur auf dem großen erst unlängst vollendeten Porträt über dem Diwan, welches ihn selbst darstellte, ein Lichtschein reflektiert wurde und durch ihr Kabinett, in welchem zwei Kerzen brannten die ihren Schein auf die Bilder ihrer Verwandten und Freundinnen warfen und auf die schönen, ihm längst so bekannten Nippes auf ihrem Schreibtisch. Durch ihr Gemach begab er sich bis zur Thüre des Schlafzimmers, dann kehrte er wieder um.
Bei jeder Runde seiner Wanderung und namentlich auf dem Parkett des hellen Speisezimmers blieb er stehen und sprach zu sich selbst: „Ja, man muß eine Entscheidung treffen; ich muß ihr meine Meinung darüber sowie meinen Entschluß mitteilen.“
Und damit schritt er wieder zurück.
„Doch was soll ich eigentlich sagen? Welche Entscheidung soll ich ihr mitteilen?“ sprach er zu sich selbst im Salon, ohne eine Antwort auf diese Frage zu finden. „Aber,“ frug er sich selbst, vor der Umkehr nach dem Kabinett, „was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts! Sie hatte nur ziemlich lange mit ihm gesprochen. Und was ist dabei? Nichts. Soll nicht ein Weib in der großen Welt mit jemand sprechen können? Und dann, eifersüchtig sein, heißt sich erniedrigen, sich selbst und sie mit;“ so sprach er zu sich, in ihr Kabinett zurückkehrend. Aber dieses Urteil, das vorher noch so großes Gewicht für ihn gehabt hatte, wog und bedeutete jetzt nichts mehr. Er kehrte von der Thür ihres Schlafzimmers wieder nach dem Saale zurück, aber kaum war er wieder in den dunklen Empfangssalon gekommen, da schien ihm eine Stimme zuzuflüstern, es wäre doch wohl anders, und wenn anderedies bemerkt, so werde wohl dennoch etwas vorliegen. Und wiederum sprach er zu sich in dem Speisesalon, er müsse entscheiden und mit ihr reden, und wiederum frug er sich in dem Empfangssalon bevor er umkehrte, wie er sich entscheiden solle. Und dann, was denn eigentlich vorgefallen sei und antwortete wiederum „nichts“.
Seine Gedanken wie sein Körper bildeten einen vollkommenen Kreislauf der auf nichts Neues mehr verfiel.
Er bemerkte dies endlich, rieb sich die Stirn und setzte sich in ihrem Kabinett nieder.
Hier nahmen seine Gedanken einen anderen Weg, während er auf ein auf ihrem Tische liegendes, angefangenes Schreiben blickte. Er begann nun, über sie selbst nachzudenken, und darüber, was sie wohl dachte und fühlte.
Er ließ zuerst ihr persönliches Leben an sich vorüberziehen, ihr Denken vergegenwärtigte er sich und ihre Wünsche, und die Idee, daß sie auch ein eigenes Leben führen könne, erschien ihm so furchtbar, daß er sie sofort von sich wies.
Dies war jener Abgrund, in den hinabzublicken ihn graute. Sich im Denken und Fühlen in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, war eine geistige Handlung, die Aleksey Aleksandrowitsch nicht kannte. Er hielt diese geistige Handlung für schadenbringend und für eine gefährliche Phantasterei.
„Am entsetzlichsten aber von allem,“ dachte er, „ist dies, daß gerade jetzt, wo ich meine Aufgabe zu Ende führen will,“ er dachte an seinen Plan den er jetzt durchgeführt hatte, „wo mir innere Ruhe und das Aufgebot aller geistigen Kräfte Bedingung ist, diese ungereimte Beunruhigung über mich kommen muß. Doch was soll ich nun thun? Ich bin keiner von denen, welche Beängstigung oder Unruhe zu ertragen wüßten, oder die Kraft besäßen, ihr ins Auge zu blicken! Ich muß daran denken, einen Entschluß zu fassen um all das los zu werden,“ sagte er laut zu sich. „Die Fragen betreffs ihres Gefühlslebens, darüber was in ihrer Seele vor sich gegangen war oder gehen könne, sind nicht meine Sache, das ist Sache ihres Gewissens und unterliegt der Religion,“ sagte er zu sich selbst und empfand eine Erleichterung in dem Bewußtsein, daß er nunmehr diejenige Kategorie der Bestimmungen gefunden habe, zu welcher der aufgetauchte Umstandgehöre. „Die Fragen welche ihr Gefühlsleben angehen und anderes mehr, sind also Fragen ihres eigenen Gewissens, und das geht mich nichts an. Meine Aufgabe ist hier klar vorgezeichnet. Als Haupt der Familie bin ich die Person, welche verpflichtet ist, sie zu leiten, und infolge dessen zum Teil auch die Person welche verantwortlich ist. Ich muß auf die Gefahr verweisen, die ich sehe, muß sie warnen und selbst Gewalt hierbei anwenden. Ich bin verpflichtet, ihr dies zu sagen.“
In dem Kopfe Aleksey Aleksandrowitschs hatte sich alles klar aufgebaut, was er seinem Weibe zu sagen gedachte, als er aber so überlegte, was er sagen wollte, beklagte er, für seine häuslichen Angelegenheiten in dieser nichtigen Weise seine Zeit und Geisteskräfte anwenden zu müssen, nichtsdestoweniger aber stand vor seinem geistigen Auge klar und scharf wie eine Anklage die Form und Fassung der nachfolgenden Rede:
„Ich muß ihr sagen und erklären wie folgt: Erstens eine Erklärung der Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung und Etikette, zweitens eine theologische Erklärung über die Bedeutung der Ehe, drittens, falls erforderlich, ein Hinweis auf das möglicherweise eintretende traurige Geschick des Sohnes, viertens eine Verweisung auf das eigene Verderben.“
Nachdem er hierbei seine Finger, einen nach dem andern, nach unten ineinander gestreckt hatte, zog er und die Finger knackten in den Gelenken. Diese Geste — eine üble Angewohnheit — hatte stets eine beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt und ihm das Gleichgewicht wieder verliehen das ihm auch jetzt so notwendig war.
Vor dem Thore vernahm man das Geräusch einer heranfahrenden Equipage. Aleksander Aleksandrowitsch blieb inmitten des Saales stehen. Auf der Treppe wurden weibliche Schritte hörbar.
Aleksey Aleksandrowitsch, zu seiner Rede bereit, stand, die Finger, welche schon gekracht hatten, pressend, in der Erwartung, es werde noch einer von ihnen knacken. Nur ein einziges Gelenk knackte noch.
Schon an dem Klang der leichten Schritte auf der Treppe empfand er ihre Annäherung und obwohl er mit seiner Rede zufrieden war, wurde es ihm doch bange ums Herz ob der bevorstehenden Auseinandersetzung.
Anna trat ein mit gesenktem Kopfe; sie spielte mit den Zipfeln ihres Baschliks. Ihr Gesicht leuchtete in hellem Glanze, aber dieser Glanz war kein heiterer — er gemahnte an den unglückverheißenden Schein der Feuersbrunst in finsterer Nacht.
Als sie ihren Mann erblickte, hob sie den Kopf und lächelte gleich als wäre sie erwacht.
„Bist du noch nicht zu Bett? Das wundert mich!“ sagte sie, den Baschlik abwerfend, und, ohne stehen zu bleiben, nach ihrem Toilettezimmer weiter gehend. „Es ist Zeit, Aleksey Aleksandrowitsch,“ fuhr sie fort, schon hinter der Thüre.
„Anna, ich muß etwas mit dir besprechen.“
„Mit mir?“ antwortete sie verwundert, kam aus der Thür zurück und blickte ihn an. „Was giebt es denn? Worum handelt es sich?“ frug sie, Platz nehmend. „Also beginne, wenn es so nötig ist; besser wäre es freilich, sich schlafen zu legen.“
Anna sprach, was ihr auf die Zunge kam, und sie verwunderte sich selbst, als sie sich hörte, wie fähig sie der Lüge war.
Wie einfach und natürlich waren ihre Worte, und wie natürlich klang es, als sie sagte, sie möchte nun schlafen gehen. Sie kam sich vor, als sei sie mit einem Panzer der Lüge angethan. Sie fühlte, daß sie von einer unsichtbaren Kraft unterstützt wurde, die sie hielt.
„Anna, ich muß dich warnen,“ hub er an.
„Warnen?“ antwortete sie, „wovor?“
Sie blickte ihn so offenherzig, so heiter an, daß jemand, der sie nicht so gekannt hätte, wie ihr Gatte, nichts Unnatürliches an ihr hätte bemerken können, weder in ihrem Tone, noch in der Bedeutung ihrer Worte.
Für ihn aber, der sie kannte, und wußte, daß er, wenn er sich nur fünf Minuten später niederlegte als sie, von ihr vermißt und gefragt wurde weshalb er nicht schlafen gehe, für ihn, welcher wußte, daß alle Freude und Lust, alles Leid ihm stets von ihr mitgeteilt worden war, für ihn bedeutete es gar viel, jetzt zu sehen, daß sie nicht bemerken wollte, in welcher Stimmung er sich befand und kein Wort von ihm selbst sprach.
Er sah, daß die Tiefe ihrer Seele, früher stets vor ihm geöffnet gewesen, jetzt für ihn geschlossen war. Und doch erkannte er an ihrem Tone, daß sie hierüber nicht einmal in Verwirrung geriet, sondern fast keck zu ihm zu sagen schien: Ja, verschlossen, und so muß und wird es in alle Zukunft bleiben. Jetzt erfuhr er an sich ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch empfunden haben würde der nach Hause zurückkehrt und sein Haus verschlossen findet. „Aber vielleicht läßt sich der Schlüssel noch finden,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch.
„Ich möchte dich nur davor warnen,“ sagte er, mit leiser Stimme, „daß du in deiner Unvorsichtigkeit und deinem Leichtsinn der Welt nicht Anlaß geben möchtest zum Klatsch über dich. Deine allzu lebhafte Unterhaltung heute mit dem Grafen Wronskiy“ — er sprach diesen Namen ruhig, in Absätzen und mit festem Tone aus — „hat die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich gelenkt.“
Er sprach und blickte ihr dabei in die lachenden, ihm jetzt in ihrer durchdringenden Schärfe furchtbar gewordenen Augen, aber beim Sprechen schon empfand er die ganze Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit seiner Worte.
„Du machst es immer so,“ antwortete sie, sich stellend, als verstände sie nicht das Geringste von alledem, was er gesprochen hatte und als habe sie absichtlich nur das Letzte davon aufgefaßt.
„Bald ist es dir unangenehm, wenn ich langweilig bin, bald, wenn ich heiter bin. Ich habe mich nicht gelangweilt, und dies kränkt dich?“
Aleksey Aleksandrowitsch erbebte und drückte seine Hände zusammen, um sie knacken zu lassen.
„Ach, bitte doch, knacke nicht mit den Fingern, ich kann das nicht ausstehen,“ sagte sie.
„Anna, bist du das noch?“ antwortete er leise, eine Anstrengung machend, seine Selbstbeherrschung zu behalten und die Bewegung seiner Hände ruhen lassend.
„Aber was ist denn eigentlich?“ sagte sie mit aufrichtiger und komischer Verwunderung; „was willst du denn eigentlich von mir?“
Aleksey Aleksandrowitsch blieb stumm und fuhr sich mit der Hand über Stirn und Augen. Er sah ein, daß er, anstattauszuführen, was er zu thun beabsichtigte, nämlich seine Frau zu warnen vor einem Fehltritt in den Augen der großen Welt, unwillkürlich über das in Erregung geriet, was ihr Gewissen anging, und so kämpfte er gewissermaßen mit einer Mauer, die er vor sich zu sehen wähnte.
„Ich habe mich entschlossen, das Folgende zu thun,“ fuhr er kühl und ruhig fort, „und ich bitte dich daher, mich anzuhören. Ich halte, wie du weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl und werde mir niemals gestatten, mich von demselben leiten zu lassen; aber es giebt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft überschreiten darf. Heute nun habe nicht etwa nur ich, sondern, nach dem Eindruck zu urteilen, der in der Gesellschaft hervorgebracht worden ist, — jedermann hat bemerkt, daß du dich nicht völlig in den Schranken bewegt hast, die eben wünschenswert erschienen.“
„Ich verstehe entschieden nichts von alledem,“ antwortete Anna, die Schultern ziehend, „es scheint ihm alles ziemlich gleichgültig zu sein,“ dachte sie bei sich; „aber man hat in der Gesellschaft etwas bemerkt und dies beunruhigt ihn.“
„Du befindest dich nicht wohl, Aleksey Aleksandrowitsch,“ fügte sie laut hinzu, erhob sich und wollte durch die Thür hinausgehen, aber er trat vor sie, als wünsche er, sie zurückzuhalten.
Sein Gesicht sah unschön und finster aus; wie es Anna noch nie gesehen hatte. Sie blieb stehen und begann, den Kopf nach hinten seitwärts wendend, mit ihrer gewandten Hand die Haarnadeln aus ihrer Frisur zu nehmen.
„Nun, ich höre, was da kommen wird,“ sagte sie ruhig und ironisch. „Ich höre sogar mit Interesse, weil ich gern erfahren möchte, um was es sich eigentlich handelt.“
Sie sprach und war verwundert über den natürlichen, ruhigen Ton, den wahren Ton, mit welchem sie gesprochen hatte und über die Wahl der Worte, die sie anwendete.
„In alle Einzelheiten deines Gefühlslebens einzugehen, habe ich kein Recht; ich halte dies auch, im allgemeinen wenigstens, für unnütz und selbst für schädlich,“ begann Aleksey Aleksandrowitsch. „Wenn wir so in unserem Innern Gedanken sammeln, speichern wir dabei oft vieles auf, was dort am bestenunbemerkt liegen bleiben sollte. Deine Empfindungen — sie sind Sache deines Gewissens, ich aber bin verpflichtet vor dir, vor mir und vor Gott, dirdeine Pflichtenzu zeigen! Unser Leben ist verknüpft worden nicht durch die Menschen, sondern durch Gott. Dies Band zu zerreißen vermag nur das Verbrechen, und das Verbrechen zieht nach sich die Strafe.“
„Ich verstehe noch nichts. Mein Gott, und wie entsetzlich müde ich bin!“ sagte sie, schnell mit der Hand das Haar durchwühlend und die noch übrig gebliebenen Haarnadeln heraussuchend.
„Anna, um Gottes willen, sprich nicht so,“ warf er sanft ein, „vielleicht irre ich mich, aber glaube mir, alles was ich auch sage, sage ich ebenso sehr für mich, wie für dich. Ich bin dein Mann und liebe dich!“
Einen Moment hindurch verlor ihr Gesicht an Spannkraft und der frivole Funke in ihrem Blick erlosch, aber das Wort „ich liebe dich“ erweckte ihn wieder.
Sie dachte „er liebt mich? Kann er denn überhaupt lieben? Hätte er nicht zufällig davon gehört, daß die Liebe existiert, so würde er doch niemals dieses Wort gebraucht haben; denn er weiß ja doch gar nicht was Liebe ist. „Aleksey Aleksandrowitsch, ich verstehe wahrhaftig nicht,“ sagte sie dann, „erkläre dich doch näher, was findest du denn“ —
„Gestatte, laß mich ausreden. Ich liebe dich: aber ich spreche jetzt gleichwohl nicht von mir selbst; die Personen, um die es sich vornehmlich handelt, sind: unser Sohn und du! Es kann wohl sein, ich wiederhole es, daß meine Worte dir nutzlos und unangebracht erscheinen; vielleicht sind sie nur von einem Irrtum meinerseits hervorgerufen. In diesem Falle bitte ich dich, mir zu verzeihen. Aber solltest du selbst finden, daß auch nur die leiseste Berechtigung für sie vorhanden ist, dann bitte ich dich nachzudenken, und dich mir, wenn das Herz in dir spricht, zu erklären.“
Aleksey Aleksandrowitsch hatte, ohne dessen inne zu werden, gar nichts von alledem gesprochen, was er sich vorher zurechtgelegt.
„Ich habe nichts hierauf zu sagen. Und — wahrhaftig: es ist Zeit, schlafen zu gehen,“ sagte sie hastig, nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und begab sich, ohne noch ein Wort zu sagen, ins Schlafgemach.
Als sie dasselbe betrat, ruhte er schon. Seine Lippen waren streng zusammengepreßt, seine Augen schauten sie nicht an. Anna legte sich in ihr Bett, und erwartete, daß er nochmals das Wort an sie richten werde. Sie fürchtete, daß er nochmals beginnen würde und doch sehnte sie sich zugleich darnach.
Doch er schwieg. Lange verharrte sie unbeweglich; dann vergaß sie seiner. Sie gedachte des anderen und sah ihn im Geiste; sie sah ihn und fühlte, wie sich ihr Herz bei diesem Gedanken füllte mit Aufregung und frevelhafter Freude. Plötzlich vernahm sie ein gleichmäßiges und leises Schnarchen.
In der ersten Minute erschrak Aleksey Aleksandrowitsch gleichsam vor seinem Schnarchen und hielt inne, nachdem er aber mehrere Atemzüge an sich gehalten, begann das Schnarchen aufs neue mit ruhiger Gleichmäßigkeit.
„Es ist schon spät, spät,“ flüsterte sie lächelnd.
Lange lag sie noch, ohne sich zu regen mit offenen Augen, deren Glanz in der Dunkelheit sie selbst zu sehen glaubte.
Seit dieser Zeit entwickelte sich ein neues Leben für Aleksey Aleksandrowitsch und für sein Weib.
Es ereignete sich nichts Besonderes. Anna verkehrte, wie bisher, in der vornehmen Welt weiter und war besonders häufig bei der Fürstin Bezzy; sie traf überall mit Wronskiy zusammen.
Aleksey Aleksandrowitsch sah dies wohl, doch vermochte er nichts dagegen zu thun. Auf alle seine Versuche, sie zu einer Aussprache zu veranlassen, begegnete sie ihm mit der undurchdringlichen Schranke einer heiteren Verständnislosigkeit. Äußerlich waren sie die Nämlichen geblieben, aber innerlich hatten sich ihre Beziehungen vollständig verändert.
Aleksey Aleksandrowitsch, ein in den Regierungsgeschäften so thatkräftiger Mann, sah sich hier ohnmächtig. Wie ein Stier, der ergeben die Hörner senkt, so wartete er des Schlages, zu dem — er fühlte es — über ihm schon ausgeholt war. Stets, wenn er begann, an seine Lage zu denken, fühlte erdaß es nötig sei, noch einmal eine Probe zu machen, daß noch eine Hoffnung da sei, durch Güte, Zärtlichkeit und Zureden sie zu retten, sie zur Besinnung zu bringen, und täglich nahm er sich vor, mit ihr zu sprechen. Aber stets, wenn er mit ihr zu sprechen anfing, fühlte er auch, daß jener Geist des Bösen und Falschen, der über ihr waltete, auch ihn beherrschte, und er sprach mit ihr dann nicht davon und nicht in jenem Tone, in welchem er mit ihr reden wollte.
Unwillkürlich sprach er mit ihr in seinem gewohnten Tone des Scherzenden und in diesem Tone ihr zu sagen, was er sagen mußte, war unmöglich. — — —
Das, was für Wronskiy fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das, was für Anna ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb um so mehr verführerischer Traum von Seligkeit gewesen — diesem Wunsch war jetzt Genüge geschehen. —
Bleich, mit bebenden Kinnbacken, stand er vor ihr und beschwor sie, sich zu beruhigen, ohne selbst zu wissen, worüber und worin.
„Anna, Anna!“ sprach er mit bebender Stimme, „Anna, um Gottes willen!“ —
Aber je lauter er rief, um so tiefer senkte sie das einst so stolze, heiterschöne, jetzt entehrte Haupt. Sie war gebrochen und stürzte von dem Diwan, auf welchem sie gesessen zu Boden, zu seinen Füßen; sie würde auf den Teppich geglitten sein, hätte er sie nicht gehalten.
„Mein Gott! Vergieb mir!“ schluchzte sie und preßte seine Hände auf ihren Busen.
So sündig fühlte sie sich, so schuldbeladen, daß ihr nur noch übrig blieb, sich zu erniedrigen und um Vergebung zu betteln. Im Leben stand jetzt, außer ihm, ihr niemand mehr zur Seite, sie hatte niemand mehr, so daß nur an ihn allein sie ihre Bitte um Verzeihung richtete. Wenn sie ihn anschaute, empfand sie physisch ihre Erniedrigung und mehr vermochte sie sich nicht zu sagen.
Er aber empfand, was ein Mörder empfinden muß, wenn er den Körper sieht, der durch ihn des Lebens beraubt ist.
Der Körper, welcher hier des Lebens beraubt wurde, war ihre Liebe, oder vielmehr die erste Periode derselben. Es lag etwas Furchtbares, Abstoßendes in den Erinnerungen an das, was jetzt mit einem so furchtbaren Preis von Schande bezahlt worden war.
Die Scham über ihre seelische Entblößung erstickte sie und teilte sich auch ihm mit. Aber nicht genug, daß das ganze Entsetzen des Mörders vor der Leiche des Getöteten hier zu Tage trat, es galt jetzt auch, den Leichnam in Stücke zu zerschneiden, den Kadaver zu verstecken, es galt das auszunutzen, was der Mörder durch seinen Mord erworben hatte.
Mit Erbitterung, gleichsam voll Leidenschaft, wirft sich der Mörder auf diesen Leichnam, er zerrt ihn herum und zertrennt ihn.
So bedeckte auch er jetzt ihr Gesicht, ihre Schultern mit Küssen. Sie hielt seine Hand fest und bewegte sich nicht. Diese Küsse waren das, was erkauft worden war durch Schande; diese Hand da, die ihr fürderhin sein sollte, — war die Hand ihres Mitschuldigen.
Sie hob diese Hand und küßte sie; er fiel auf seine Kniee nieder und suchte ihr Angesicht zu sehen, aber sie barg es und sprach nicht.
Endlich, gleichsam als sammle sie alle Kräfte, erhob sie sich und stieß ihn weg. Noch immer war ihr Antlitz schön, doch desto mehr war es beklagenswert.
„Vorbei,“ sagte sie, „ich habe nun nichts mehr, als dich. Denke daran.“
„Ich kann nicht nurdenkenan das, was ja mein ganzes Leben ist. Für die Minute dieser Seligkeit“ —
„Welche Seligkeit!“ antwortete sie mit Ekel und Entsetzen, und ihr Schrecken teilte sich unwillkürlich auch ihm mit. „Um Gott; kein Wort, kein Wort mehr!“
Sie erhob sich schnell und entfernte sich von ihm.
„Kein Wort mehr,“ wiederholte sie und mit einem Ausdruck kalter Verzweiflung auf den Zügen, der ihm befremdend erschien, ging sie.
Sie empfand, daß sie in diesem Augenblick das Gefühldes Ekels nicht auszudrücken vermöge, das Gefühl der Freude und des Schreckens — bei diesem Eintritt in ein neues Leben; sie wollte nicht darüber sprechen und es nicht mit falschen Worten fad machen.
Aber auch späterhin, weder am nächsten noch am übernächsten Tage, fand sie nicht nur keine Worte, mit denen sie das ganze Gewirr ihrer Empfindungen hätte ausdrücken können; sie fand nicht einmal Gedanken, mit denen sie selbst völlig das hätte überdenken können, was auf ihrer Seele lag.
Sie sprach zu sich selbst: „Nein, jetzt kann ich nicht darüber nachdenken, später will ich es thun, wenn ich ruhiger geworden sein werde.“
Aber diese Beruhigung im Denken trat nie ein; stets, wenn sie sich dessen erinnerte, was sie gethan und was mit ihr werden würde, was sie zu thun habe, überkam sie ein Entsetzen und sie scheuchte diese Gedanken hinweg von sich.
„Später, später,“ sagte sie, „wenn ich ruhiger geworden sein werde.“
Im Schlafe aber, während dessen sie keine Macht über ihre Gedanken hatte, da stellte sich ihr ihre Lage in ihrer ganzen ungeheuren Nacktheit vor Augen. Ein und dasselbe Traumgesicht suchte sie fast jede Nacht.
Ihr träumte, beide Männer seien ihre Gatten und spendeten ihr ihre Liebkosungen. Aleksey Aleksandrowitsch weinte und küßte ihr die Hand und sprach, wie gut ist alles jetzt! — Aleksey Wronskiy war daneben und auch er war ihr Gatte, und sie wunderte sich darüber, daß dies ihr früher unmöglich geschienen und erklärte beiden lachend, dies sei bei weitem einfacher und beide müßten jetzt zufrieden und glücklich sein. Aber dieser Traum quälte sie wie ein Alp und sie erwachte voll Entsetzen.