7.

Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über dasGeschenk freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen Hotel wohnten — mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum Essen mit heim nehmen wollte.

Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es gab Barsche, Spargel, und alspièce de résistanceein wundervolles Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls alspièce de résistanceunter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey Aleksandrowitsch.

Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.

Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. Derselbe befand sichin der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und Frau nicht richtig sei.

Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.

Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.

Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten unangenehmen Umstand.

Er fühlte indessen, daß sich alles „schon machen“ werde. „Sie sind alle Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst und Hader geben?“ dachte er, als er das Hotel betrat.

„Wie geht's, Wasiliy,“ sagte er, im Kremphut durch den Korridor schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, „hast dir ja den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?“ — so hieß der neue Vorgesetzte. —

„Zu Diensten,“ antwortete Wasiliy lächelnd, „der Herr haben uns lange nicht beehrt.“

„War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist Nummer sieben?“

Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan Arkadjewitsch eintrat.

„Ah, habt Ihr den geschossen?“ rief dieser, „ein vorzügliches Stückchen; eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!“

Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne Überrock und Hut abzulegen.

„Lege doch ab und bleibe ein wenig da!“ sagte Lewin, ihm den Hut abnehmend.

„Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. „Aber sage mir nur, was du eigentlich im Ausland gemacht hast?“ frug er, als der Bauer gegangen war.

„Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.“

„Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.“

„Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf einem Lumpen. Bei uns“ —

Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.

„Ja, ja,“ begann er darauf, „es ist sehr wohl möglich, daß du recht hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja Schtscherbazkiy erzählt, — er ist dir wohl begegnet — daß du dich in einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode gesprochen hättest.“

„Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,“ sagte Lewin. „Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr hoch, aber in Wirklichkeit — denke nur einmal nach — ist diese unsere ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur eitel Staub ist!“

„Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!“

„Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald ich ihn zur Ausführung bringen will — wie etwa wenn ich dieses Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.

„Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.“

„Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut“ — Lewin hatte sich jetzt plötzlich verwickelt, „ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald sterben werden.“

„Warum denn bald?“

„Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber man wird dabei ruhiger.“

„Im Gegenteil, immer lustiger! — Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;“ Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.

„Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,“ sagte Lewin, ihn haltend. „Wann werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.“

„Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicherheute zu mir, zu einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.“

„Ist er denn hier?“ frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie da sein oder nicht, es war ihm gleich.

„Also du kommst?“

„Gewiß.“

„Um fünf Uhr!“

Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.

Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt zugesagten Briefes betraf.

Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.

Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze Angelegenheit zu nichte machen konnten.

Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach Petersburg.

Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung zu geben.

Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten Brieftasche befunden hatten.

Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch die Möglichkeit, ihn auszuführen.

Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.

„Gleichviel,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, „um so besser, ich werde sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.“

„Laß eintreten,“ sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie in eine Mappe steckend.

„Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?“ antwortete die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy in das Zimmer.

„Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also wohl hoffen,“ begann Stefan Arkadjewitsch heiter.

„Ich kann nicht kommen,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitschkalt, stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan Arkadjewitschs über die Ufer trat.

Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.

„Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?“ frug er schwankend auf französisch. „Nein; du hattest es doch schon versprochen. Wir alle rechnen ja auf dich!“

„Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden haben, abgebrochen werden müssen.“

„Wie? Gewiß? Warum denn?“ fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.

„Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, anstrenge. Ich war gezwungen“ —

Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.

„O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?“ rief Oblonskiy und Schmerz malte sich auf seinen Zügen.

„So ist es.“

„Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben“ —

Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.

„Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die Scheidung zu fordern,“ sagte er.

„Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne Anna, — entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern — als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen — nimm mir es nichtübel — kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein Mißverständnis vor,“ — sagte er.

„Ja; wäre es nur ein Mißverständnis“ —

— „Entschuldige; ich verstehe“ — unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, „aber natürlich — doch Eines muß man im Auge behalten — man soll sich nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu übereilen!“

„Ich habe mich nicht übereilt,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch kühl, „und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem beraten. Ich bin fest entschlossen.“

„Das ist ja entsetzlich!“ erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer seufzend. „Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und ich beschwöre dich, thue das!“ sagte er, „der Prozeß ist noch nicht begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, ich beschwöre dich!“

Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.

„Wirst du dich zu ihr begeben?“

„Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.“

„Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. „Selbst für den Fall, daß deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.“

„Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten ausdiese Angelegenheit,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, „doch sprechen wir nicht mehr davon.“

„Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!“

„Wenn Ihr es denn so sehr wünscht — will ich mitkommen,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.

Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte — über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.

„Hast du ihn denn schon gesehen?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch mit boshaftem Lächeln.

„Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.“

„Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, „darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger Repräsentant er ist.“

„Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch. „Wir haben zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.“ Stefan Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. „Herr Gott, schon fünf, und ich muß noch zu Dolgowuschin! Alsobitte komm doch zum Essen; du kannst dir nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest“ —

Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.

„Ich habe es versprochen und werde kommen,“ antwortete er düster.

„Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du wirst es nicht bereuen,“ versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf den Kopf, lachte und ging hinaus.

„Um fünf Uhr also, bitte!“ rief er noch einmal, sich an der Thür zurückwendend.

Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem gemeinsamen Lager angehörten — ihre Feinde identifizierten sie — in diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.

Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, Turowzyn, Kity und Karenin.

Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.

Alle saßen wie „Popentöchter auf Besuch“, um mit den Worten des alten Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu schweigen.

Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch begrüßte, schien zu sagen: „Da Bruderherz, du hast mich mit so verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen,Château des fleurs, das ist etwas für mich!“ —

Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm wie ein Fisch zu Besuch war.

Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.

Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey Koznyscheff zusammenbringend,gab er diesen ein Thema über die Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.

Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit Konstantin Lewin zusammen.

„Ich habe mich doch nicht verspätet?“

„Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.

„Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?“ frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.

„Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.“

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.

Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solchesErschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.

„Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?“ dachte er.

„Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,“ brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.

Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen — sie war eine vollständig andere geworden. —

Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, — als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, — sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.

Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.

Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:

„Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!“ Mit verzweifelter Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.

„Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals gesehen,“ antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, „ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.“

„Wann denn,“ frug sie erstaunt.

„Ihr fuhret nach Jerguschowo,“ sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. „Wie verwegen war es von mir, mitdiesem rührenden Geschöpf etwas in Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,“ dachte er.

Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.

„Gestattet mir, vorzustellen“ — er nannte beider Namen.

„Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,“ erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.

„Ihr kennt Euch?“ frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.

„Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,“ lächelte Lewin, „und trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander einen Streich gespielt hatten — wenigstens ging mir es so.“

„So, so! Darf ich denn nun bitten?“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.

Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.

Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu ändern, that dies auch jetzt.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die von der russischen Verwaltung einzuführen wären.

Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.

Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:

„Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel — so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch, würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?“ wandte er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines Gläschen hinreichend.

Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.

„Ja, das ist das allerbeste Mittel!“ sagte er, Käse kauend und eine ganz besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende erreicht. „Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?“ frug der Hausherr. „Hast du nicht wieder geturnt?“ wandte er sich dann an Lewin, mit der Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes. „Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft haben für die Bärenjagd,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.

Lewin lächelte.

„Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,“ sagte er, mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.

„Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?“ frug Kity, sich aufmerksam bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre weiße Hand hervorschimmerte. „Giebt es denn bei Euch Bären?“ fügte sie hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und lächelnd.

Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte, aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit, lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände, als siedies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.

„Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr von dort traf ich im Waggon mit EuremBeau-frère, oder dem Schwager EuresBeau-frèrezusammen,“ sagte er lächelnd. „Es war ein komisches Zusammentreffen.“

Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey Aleksandrowitschs geraten sei.

„Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen, aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, — und Ihr desgleichen,“ — wandte er sich an Karenin, dessen Namen er vergessen hatte, „man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr dankbar bin.“

„Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der Plätze sehr unbestimmt,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.

„Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit waret,“ fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, „aber ich beeilte mich, eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines Halbpelzes zu verwischen.“

Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte, und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen von seitwärts an. „Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,“ dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte, und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befandensich alle diese guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.

Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.

„Ach, du setzest dich doch hierher,“ wandte er sich an Lewin.

Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppeà la Marie-Luisewar ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.

Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht weniger auch nach der nicht materiellen.

Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend, verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden war.

Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.

„Ich habe durchaus nicht,“ sagte er bei der Suppe, zu Aleksey Aleksandrowitsch gewendet, „die Dichte der Bevölkerung allein gemeint, sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit Prinzipien.“

„Mir scheint,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und nachlässig, „daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad besitzt, welcher“ —

„Und hierum dreht sich eben die Frage,“ fiel mit tiefem Baß Peszoff ein, der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es schien, stets seine ganzeSeele in das legte, worüber er sprach — „wo liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!“ rief er, „hier handelt es sich um ein anderes Gesetz!“

„Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung läge,“ bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe ziehend.

„Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?“ frug Peszoff.

„Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch.

„Sind sie vollständig bekannt?“ warf mit feinem Lächeln Sergey Iwanowitsch ein. „Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen kann.“

„Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, — wollt Ihr Rotwein?“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,“ antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, „ich sage nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,“ fuhr er dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, „ich bin Anhänger der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden. Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der Vorzug vor der realen gegeben wird.“

„Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden Einfluß!“ behauptete Peszoff. „Nehmt nur die Astronomie, nehmt die Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!“

„Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,“ erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch; „mir scheint, man muß unbedingtzugeben, daß schon der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.“

Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in Bereitschaft haltend.

„Aber,“ begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, „man muß doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen, und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische oder —disons le mot— der antinihilistische Einfluß.“

„Ohne Zweifel.“

„Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken, müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,“ sagte Sergey Iwanowitsch fein lächelnd, „und würden dieser und der anderen Richtung Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten sie eine Heilwirkung nicht besitzen?“ schloß er, sein attisches Salz streuend.

Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.

Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für eine Minute verstummen und kaumhatte Sergey Iwanowitsch mit seinem Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues aufstellte.

„Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,“ sagte er, „daß etwa die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche Geschlecht.“

Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der Frauenemancipation übergesprungen.

Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.

„Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander verbunden sind,“ bemerkte Peszoff, „hier liegt ein Trugschluß vor. Das Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns trennt.“

„Ihr habt da von Rechten gesprochen,“ meinte Sergey Iwanowitsch, welcher gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, „wohl von den Rechten auf Arbeit in den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten, Parlamentsmitglieder“ —

„Ohne Zweifel.“

„Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den Ausdruck ‚Rechte‘ nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu sagen ‚Pflicht‘. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten anstreben, und zwar auf vollständiggesetzmäßige Weise. Man kann sich zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.“

„Vollständig richtig,“ bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, „die Frage ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die Fähigkeit besitzen!“

„Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,“ behauptete Stefan Arkadjewitsch, „sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein wird. Wir sahen dies“ —

„Ist mir's gestattet — ein Sprichwort?“ — frug jetzt der Fürst mit seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem Gespräch zugehört hatte; „in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon so sprechen: „Lange Haare“ —

„Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,“ rief Peszoff hitzig.

„Ich finde es nur seltsam, daß die WeiberneuePflichten suchen,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich den ihren aus dem Wege gehen.“

„Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und Würden — das suchen die Weiber,“ sagte Peszoff.

„So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte, auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber dafür bezahlt und mich nicht,“ sagte der alte Fürst.

Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey Aleksandrowitsch lächelte.

„Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,“ bemerkte Peszoff, „sondern nur das Weib“ —

„O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,“ sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.

„So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl auch nur unter den Weibern geben,“ antwortete Sergey Iwanowitsch.

„Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,“ frug jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an dieTschibisowa dachte, welche er die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff übereinstimmte, so daß er diesem beistand.

„Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!“ mischte sich hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch; wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch im Sinn gehabt hatte.

„Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,“ rief mit tönendem Baß Peszoff, „das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit, das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.“

„Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,“ sagte der alte Fürst noch, zum großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende in die Sauce fallen ließ.

Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf, was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten. Jetztaber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung, sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.

Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und ihr auf der Landstraße begegnet sei.

„Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht.Mamanschlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche Tschetwjorka mit Schellen; — in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich sah durch das Fenster — da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu sein,“ erzählte er lächelnd. „Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals gedacht habt. An etwas Wichtiges?“

„Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?“ dachte Kity; als sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.

„Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.“

„Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!“ sagte Lewin, freundlich dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper betrachtend.

„Ihr kennt ihn seit langem?“ frug Kity.

„Wer sollte ihn nicht kennen?“

„Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.“

„Nicht schlecht; aber unbedeutend.“

„Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn denken;“ sagte Kity, „ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch. Sein Herz ist — wie Gold.“ —

„Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?“

„Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,“ sagte sie mit schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, „lagen bei Dolly sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht. Und stellt Euch vor,“ sprach sie flüsternd, „so sehr hat sie ihm leid gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. — Ich erzähle Konstantin Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,“ sagte sie, sich nach ihrer Schwester hinbeugend.

„Ja; das war wunderbar, reizend!“ versetzte Dolly, nach Turowzin schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen hatte.

„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder übel über die Menschen denken,“ sagte er alsdann heiter, und sprach dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.

In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.

Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen. Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.

Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud ihn zum Rauchen ein.

„Danke, ich rauche nicht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitschruhig und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.

„Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,“ sagte er und wollte sich in den Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm wandte.

„Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?“ frug Turowzin, lebhaft geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können, „Wasja Prjatschnikoff,“ fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste, Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, „man hat mir erzählt, daß er sich in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.“

Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll Neugier weiter.

„Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?“

„Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und ihn ins Jenseits befördert!“

„Ah,“ machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.

„Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,“ sagte Dolly zu ihm mit ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat, „ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.“

Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.

„Um so angenehmer,“ — sagte er, „als auch ich Euchum Entschuldigung bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh reisen.“

Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.

„Aleksey Aleksandrowitsch,“ sagte sie, mit verzweifelter Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, „ich habe Euch nach Anna gefragt und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?“

„Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.

„Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht — aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist? Wessen beschuldigt Ihr sie?“

Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das Auge fest geschlossen.

„Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna Arkadjewna zu ändern,“ sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.

„Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!“ fuhr Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel Aleksey Aleksandrowitschs. „Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst mit hierher!“

Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von Federmessern zerschnitten war.

„Ich glaube es nicht, glaube es nicht!“ fuhr Dolly fort, indem sie sich bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.

„Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,“ antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.

„Aber was hat sie denn gethan?“ frug Dolly, „was hat sie denn eigentlich gethan?“

„Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat sie gethan,“ sagte er.

„Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,“ fuhr Dolly fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer Lebhaftigkeit:

„Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres Lebens und ein Sohn — daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie von neuem zu leben beginnen will,“ sagte er erbittert, durch die Nase schluchzend.

„Anna und das Laster, — das kann ich nicht vereinen, das vermag ich nicht zu glauben!“

„Darja Aleksandrowna,“ fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier wurde, „gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte, hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr, und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin sehr unglücklich.“

Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.

„Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich zur Ehescheidung entschlossen haben?“

„Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts übrig.“

„Weiter nichts übrig, nichts übrig,“ wiederholte sie mit Thränen in den Augen. „Nein, o nein,“ sagte sie.

„Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht, wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz tragen kann, sondern handeln muß,“ sagte er, gleichsam ihre Gedanken erratend. „Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.“

„Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,“ sagte Dolly und senkte das Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe; dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und faltete beschwörend die Hände „aber wartet noch; Ihr seid doch ein Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie verlaßt?“

„Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie. Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. „Ich habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart worden war — ich hatte noch alles beim Alten gelassen. — Ich hatte ihr die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten. Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt — die Beobachtung des Anstandes“ — sagte er voll Erbitterung. „Man kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang selbst ihr noch als Rettung erscheint, — was ist dann noch zu thun?“ —

„Alles; aber nicht die Scheidung!“ antwortete Darja Aleksandrowna.

„Was denn dann — Alles?“

„Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und untergehen.“

„Aber was kann ich thun?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er es im Anfang des Gesprächs gewesen war. „Ich danke Euch sehr für Eure Teilnahme, allein es wird Zeit für mich“ — er erhob sich bei diesen Worten.

„Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte selbst — — aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird sittenreiner, besser und ich lebe. — Ich habe ihm vergeben, und auch Ihr müßt vergeben!“

Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:

„Vergeben kann ich nicht — will ich auch nicht — denn ich halte es für widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch, ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!“ Thränen der Wut lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.

„Liebet, die Euch hassen,“ flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.

„Liebet, die Euch hassen, — aber diejenigen, die man selbst haßt, kann man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte, wir haben ja ein jeder genug des Leides!“

Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.

Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend. Gleichwohlaber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.

Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen denken und alle lieben zu wollen.

Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene äußerten, er wünschte nur das Eine — daß es ihnen und Allen überhaupt wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen, hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit Schtscherbazkiy und blickte ihn an.

„Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?“ sagte er, zu ihr hintretend. „Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.“

„Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke Euch,“ sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, belohnend, „daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!“

„Es ist wahr,“ versetzte Lewin, „pflegt es doch meistenteils so zu sein, daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.“

Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich zu der Einsicht gekommen waren,daß das, was sie lange einander zu beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.

Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.

„Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man vertritt; dann erst ist es möglich“ —

Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm überraschend.

Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.

Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.

„Nun,“ antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren treuherzigen Augen auf ihn blickend, „das Mädchenkann doch auch so gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich selbst“ —

Er verstand ihren Wink.

„Ja, ja,“ erwiderte er, „ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!“

Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen Abstand nahm.


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