„Was ist?“ frug er noch lächelnd, und erhob sich.
„Er hat sich umgeblickt,“ dachte sie.
„Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,“ versetzte sie, ihn anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei oder nicht, daß sie ihn gestört habe.
„Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,“ sagte er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.
„Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich nicht nach Moskau.“
„Woran dachtest du denn eigentlich?“
„Ich? Ich habe gedacht — nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich nicht,“ sprach sie, die Lippen kräuselnd, „ich muß jetzt diese kleinen Löcher hier ausschneiden, siehst du?“ —
Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.
„Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?“ sagte er, sich zu ihr setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.
„O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.“
„O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,“ sagte er, ihr die Hand küssend.
„Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.“
„Du hast da ein Zöpfchen,“ sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. „Ein Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!“
Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee serviert sei.
„Ist aus der Stadt Etwas angekommen?“ frug Lewin Kusma.
„Soeben. Es wird ausgepackt.“
„Komm sobald als möglich,“ sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend, sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen auch vierhändig spielen.“
Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.
„Es ist nicht gut, so zu leben,“ dachte er bei sich. „Bald sind es nun schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich beinahe zum erstenmal wieder ernstlichan eine Arbeit gemacht, und was geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen. Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben. Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen. Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,“ sprach er zu sich selbst.
Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen, und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das, worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es dunkel in den Kopf gekommen, daß — nicht, daß sie selbst schuld daran gewesen wäre — sie konnte an nichts Schuld tragen — ihre Erziehung wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war — (dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus — das heißt ihre Familie — außer ihrer Toilette und derbroderie anglaisehat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre. Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.
Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon wußteund sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich baute.
Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.
„Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle auch mit bei ihr sitzen,“ begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig zulächelnd.
In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.
„Da habe ich einen Brief an dich gelesen,“ sagte Kity, ihm einen fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. „Hier ist einer von jenem Weibe deines Bruders, wie es scheint,“ sagte sie, „ich habe ihn nicht gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja hatte dabei eine Marquise gemacht.“
Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatteden Bruder gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau zurückgekehrt, „und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,“ schrieb sie; „er hat fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.“
„Lies, da schreibt Dolly von dir,“ begann Kity lächelnd, hielt aber plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.
„Was hast du? Was ist da?“
„Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß zu ihm.“
Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.
„Wann wirst du fahren?“ sagte sie.
„Morgen.“
„Und ich gehe mit dir, darf ich!“ fuhr sie fort.
„Kity! Was soll das?“ frug er vorwurfsvoll.
„Was das soll?“ erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. „Weshalb soll ich nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich“ —
„Ich reise, weil mein Bruder stirbt,“ antwortete Lewin. „Weshalb sollst du da“ —
„Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest“ —
„In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich allein könnte langweilen,“ dachte Lewin, und die Auslegung in der so ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. „Es ist aber unmöglich,“ sagte er in strengem Tone.
Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem nicht glaubte, was sie sagte.
„Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisenwerde; unbedingt mit reisen werde,“ fügte sie eifernd und zürnend hinzu. „Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?“
„Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich sein,“ sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.
„Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich auch sein!“
„Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst“ —
„Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um“ —
„Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.“
„Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken zu,“ fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. „Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht verstehen.“
„Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!“ rief Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er sich selbst traf.
„Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!“ fuhr sie fort, sprang auf und eilte in den Salon.
Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, und ergriff ihre abwehrendeHand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das Haar und küßte wiederum ihre Hand — sie schwieg beharrlich. — Als er sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und „Kity“ sagte, da kam sie plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.
Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei dem Bruder nichts Anstößiges habe — reiste aber nichtsdestoweniger, auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.
Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! — Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle Berührungen, welche stattfinden konnten.
Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.
Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.
Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in schmutziger Uniform, welcher am Eingang eineCigarette qualmte, und das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem vereinbarte, was beide darin erwartete.
Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am Abend noch ein zweites freizumachen versprach.
Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.
„Geh, geh,“ sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußten Blick anschauend.
Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige Gesicht.
„Wie geht es? Was macht er? Wie?“
„Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon erwartet. Er — Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?“
Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.
„Ich will gehen — nach der Küche,“ sagte sie; „der Herr wird sich freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich ihrer noch vom Auslande her.“
Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, was er ihr antworten sollte.
„Kommt, kommt!“ sagte er.
Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.
Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.
„Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?“ wandte sie sich an ihren Gatten und an jene. „Was macht er?“ wandte sie sich an ihren Mann und dann an sie.
„Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!“ sagte Lewin sich voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.
„Nun, so kommt doch herein,“ sagte Kity, zu der sich emporrichtenden Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, „oder geht, geht, und schickt nach mir,“ und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.
Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher — er hatte dies gehört — bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte.Er hatte erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.
In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den Schläfen und über der Stirn.
„Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay ist,“ dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender Bruder war.
Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes Glück.
Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge Ausdruck seiner Augen nicht.
„Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,“ brachte er mit Anstrengung hervor.
„Ja — nein“ — sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. „Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.“
Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer Hoffnung hegte.
Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.
„Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,“ sagte der Kranke mit Anstrengung, „und wenn du aufgeräumt hast, kannst du hinausgehen,“ fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder richtend.
Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, daß sie nicht zu dem Kranken gehe. „Wozu sie peinigen, wie ich mich peinige?“ dachte er.
„Nun? Was ist? Wie steht es?“ frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.
„Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur mitgekommen?“ sagte Lewin.
Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an seinen Ellbogen.
„Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,“ sagte sie, „begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden können. Bitte gestatte es!“ beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück ihres Lebens hiervon abhinge.
Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu seinem Bruder.
Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu sprechen.
„Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt gewesen,“ sagte sie, „Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure Schwester werden würde.“
„Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?“ frug er mit dem Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.
„Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.“
Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem Lebenden erschien.
„Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,“ sagte sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau haltend. „Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,“ sagte sie zu ihrem Manne, „schon, damit wir näher sind.“
Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.
Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheitenseines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und begab sich sofort ans Werk.
Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden hervor und brachte sie herbei.
Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieserSeite geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu ihm hin.
„Schneller,“ befahl sie.
„Ihr geht ja nicht,“ sagte der Kranke gereizt, „ich will selber“ —
„Was sagt Ihr?“ frug Marja Nikolajewna dazwischen.
Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.
„Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!“ sagte sie daher, den Arm richtend, „Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in Ordnung,“ fügte sie hinzu. — „Geh doch — bitte — in meinem kleinen Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,“ wandte sie sich an ihren Mann, „du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man hier noch vollends Ordnung macht.“
Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die nötige Wäsche, sowie eine Arbeit inbroderie anglaisevon Kity. Auf einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck von Hoffnung unverwandt auf Kity.
Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Erempfahl rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch von bestimmter Temperatur.
Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, allein Lewin vernahm nur die letzten Worte „deine Katja“; an dem Blicke jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.
„Mir ist schon bei weitem besser,“ sagte er, „bei Euch wäre ich freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!“ Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren beiden Händen und drückte sie. „Jetzt legt mich auf die linke Seite und geht schlafen,“ fuhr er fort.
Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was er wünschen möchte.
„Auf die andere Seite,“ sagte sie zu ihrem Manne, „er schläft stets auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?“ wandte sie sich an Marja Nikolajewna.
„Ich fürchte mich,“ versetzte diese.
So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere dieser ausgemergelten Glieder überrascht.
Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.
Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche unddieselbe mit sich zog; erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht fähig zu reden, das Gemach.
„Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren entdeckt.“ So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend mit ihr sprach.
Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, irgendwie zu handeln.
Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie ergehen sollte. Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; schweigen — gleichfalls nicht. — Blickte er den Kranken an, so konnte dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll auf, so schickte sich das nicht.
Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie etwas wußte.
Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: „Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, daß ein jeder so sterbe!“ Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß er kommuniziere.
Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.
Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich;sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.
Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und Servietten übergebreitet.
Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.
Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.
„Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu kommunizieren,“ sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar strählend, „ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.“
„Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?“ sagte Lewin, nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.
„Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl sehr froh, daß ich ihn überredet habe,“ sagte sie, unter ihrem Haar hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. „Es ist alles möglich,“ fügte sie hinzu mitjenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.
Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über diebroderie anglaisesagte: „Möchten doch die guten Leute lieber die Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten“ und Ähnliches.
„Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles das einzurichten,“ sagte Lewin, „und — ich muß es eingestehen, daß ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine Reinheit, da߫ — er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht — das Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend — sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre aufleuchtenden Augen blickend.
„Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,“ sagte sie, wand die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. „Nein,“ sprach sie, „das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich viel in Soden gelernt.“
„Waren denn dort derartige Kranke?“
„Noch schlimmere sogar.“
„Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.“
„Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut mit ihm gewesen sein würden,“ sagte sie, erschrak aber sogleich über das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen traten ihr in die Augen.
„Ja — gewesen sein würden“ — sagte er traurig, „dasist eben einer jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.“
„Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns niederlegen,“ sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.
Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung. Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben, sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend: „Mache, wenn du bist, daßdieser Mensch gesunde,“ und wiederholte dies mehrere Male, „und du wirst ihn und mich erretten.“
Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte, küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre. Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.
„Ist er besser? — Ja, bei weitem. — Wunderbar. — Nichts Wunderbares. — Er ist doch besser,“ so sprachen sie flüsternd und einander zulächelnd.
Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken selbst.
Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung, mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder, von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die Einatmung von Jod Wunder thue.
„Wie, ist Kity nicht hier?“ raunte er umherblickend, nachdem ihm Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte. „Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig nicht mehr täuschen.Hieran glaube ich,“ sprach er, die Flasche mit seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.
Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie war bleich und ihre Lippen bebten.
„Er stirbt!“ flüsterte sie; „ich fürchte, er stirbt sogleich!“
Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief herniederhängendem Kopfe.
„Wie fühlst du dich?“ frug Lewin flüsternd nach einer Pause.
„Ich fühle, daß ich scheide,“ sprach Nikolay mit Anstrengung, aber die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. „Katja, geh' hinaus,“ fuhr er fort.
Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern hinauszugehen.
„Ich scheide,“ sagte er wiederum.
„Weshalb denkst du das?“ antwortete Lewin, um etwas zu sagen.
„Deshalb, weil ich scheide,“ wiederholte Nikolay, sich gleichsam in diesem Ausdruck gefallend. „Es ist zu Ende.“
Marja Nikolajewna trat zu ihm.
„Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,“ sprach sie.
„Bald werde ich liegen,“ versetzte er leise, „als ein Toter,“ er sprach höhnisch, erbittert, „nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.“
Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.
Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das, was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller geistigen Anstrengungenmit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.
„Ja, ja, so,“ brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor. „Bleibt.“ Er schwieg wieder. „So,“ sagte er dann gedehnt und befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. „O Gott!“ begann er dann nochmals und seufzte schwer.
Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, „sie werden kalt“, flüsterte sie.
Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich. Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes „so“ bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden. Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen, aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust, und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens, welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.
Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte er, daß der Sterbende sich regte.
„Geh nicht fort,“ sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.
Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine ganze Stunde und noch eine Stunde.
Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dembenachbarten Zimmer? Besaß der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf, behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte: „Geh' nicht fort“ — — —
Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt, sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf „ich leide furchtbar, unerträglich!“
Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand. Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und sich selbstuntereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche, verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.
Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.
Der Kranke erwiderte nichts.
„Was soll ich ihm nun schreiben?“ frug Lewin. „Ich hoffe, daß du ihm nicht mehr gram bist?“
„Nein, keineswegs!“ antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage. „Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!“
Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja Nikolajewna, wie Lewin und Kity.
Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele ruhte: „O, wenn doch ein Ende käme“, oder „wann wird das vorüber sein“.
Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebungempfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des Wunsches, hiervon erlöst zu sein.
Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem einen zusammen — dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und von der Quelle derselben — dem Körper.
Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt werden konnten.
„Legt mich auf die andere Seite,“ sagte er und verlangte gleich darauf, daß man ihn wieder lege, wie vorher. „Gebt mir Bouillon! Schafft sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!“ Sobald man aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.
Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.
Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung herrühre und empfahl geistige Ruhe.
Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.
„Wie fühlt Ihr Euch?“ frug sie ihn.
„Schlechter,“ brachte er mit Mühe heraus, „es schmerzt so.“
„Wo schmerzt es?“
„Überall.“
„Heute geht es zu Ende, paßt auf,“ sagte Marja Nikolajewna; zwar flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der nämliche vorwurfsvolle und gespannte.
„Warum denkt Ihr das?“ frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor hinaus folgte.
„Er hat angefangen, sich abzunehmen,“ sagte Marja Nikolajewna.
„Was ist denn das?“
„Nun dies,“ antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das Sterbegebet sprechen zu lassen.
Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück, und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die erkaltete, blutlose große Hand.
„Er hat vollendet,“ sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte vernehmbar:
„Nicht ganz — aber bald.“ —
Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.
Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.
Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen, und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.
Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.
Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.
Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf alles nur billigende Antworten gab.
Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin sandte, um ihn fragen zu lassen, ob siemit ihm zusammen zu Mittag speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine Lage und erschrak über sie.
Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er sich jetzt fühlte.
Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.
In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.
Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welcheAnna zu begleichen vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.
„Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz wohl, deren Adresse mitzuteilen.“
Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.
Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch nicht zur Mittagstafel.
Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war — in diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres zu erscheinen — sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich unglücklich war.
Er wußte, daß man deswegen — eben deswegen, weil sein Herz zerrissen war — mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die war — seine Wunden vor ihnen zu verbergen — und er hatte dies zwei Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.
Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg besaß er keinen einzigen Menschen,dem er alles hätte anvertrauen können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, sondern einfach den leidenden Menschen — nein, nirgends hatte er einen solchen Menschen.
Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die beiden.
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey Aleksandrowitschs hier gestorben.
Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, dessen er fähig war.
Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß inseiner Seele auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle äußern konnte — aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.
Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische Beziehungen aufgerichtet.
Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz vorbereitet „habt ihr von meinem Unglück gehört?“ Aber er vollendete damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, „macht mir das also fertig,“ womit er ihn entließ.
Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften überhäuft wären, und sich beeilen müßten.
An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.