29.

Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen, sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden, freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

„Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,“ sprach er.

„Kaum,“ versetzte jener, erschreckt aufblickend, „ich bin abgespannt, schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun dienen,“ und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.

Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußtezur Wahl schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.

Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten, welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem dritten die Uniform entwendet.

Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur Sobranje zu bringen.

„Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,“ sagte der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, „doch es ist nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.“

„Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?“ sagte Swijashskiy kopfschüttelnd.

„Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen Fall Wein geben.“

Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung, da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht gesehenen Freunden.

Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen gehen, wollte er nicht, da bei ihnenin lebhaftem Gespräch Wronskiy in Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.

Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne Beschäftigung war.

„Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß. Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,“ sprach energisch ein etwas verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend, und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz ab.

„Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,“ fuhr ein kleiner Gutsherr mit dünner Stimme fort.

Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn, einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.

„Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu äußern. Eine Schweinerei ist es!“

„Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,“ sprach man in einer anderen Gruppe, „die Frau muß als Adlige eingetragen werden!“

„Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist! Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!“

„Wollen Ew. Excellenz mitkommen,fine champagne.“

Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies Einer der drei Berauschten.

„Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,“ sagteein graubärtiger Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.

„Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.“

„Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?“ frug Lewin.

„Man arbeitet stets mit Schaden,“ antwortete der Gutsherr mit höflichem Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit, daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; „aber wie kommt Ihr denn in unser Gouvernement?“ frug er dann. „Ihr seid wohl gekommen, um an unseremcoup d'étatteilzunehmen?“ sagte er, sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. „Ganz Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe selbst die Minister.“ Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform, welcher mit einem General ging.

„Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht wenig verstehe,“ sprach Lewin.

Der Gutsherr schaute ihn an.

„Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.“

„Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?“ frug Lewin.

„Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb sind wohl diese Herren gekommen?“ sagte er, auf den bissigen Adligen zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.

„Das ist ein neues Adelsgeschlecht.“

„Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.“

„Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?“

„Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff — — mögen wir gut oder schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so anlegen, daß sie den Baum umfangen;“ sagte er vorsichtig, und änderte darauf das Thema. „Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?“ frug er.

„Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.“

„Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr, meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch umsonst.“

„Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?“

„Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,“ und der Gutsbesitzer stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, „mein Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.“

„Ja, ja,“ sagte Lewin, „das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber — man fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.“

„Da will ich Euch noch etwas sagen,“ fuhr der Gutsbesitzerfort. „Mein Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den Garten. ‚Nein,‘ sagte er da, ‚Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.‘ Dabei befindet er sich aber in vollständiger Ordnung. ‚Nach meiner Ansicht, würde ich diese Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.‘“

„Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern pachtweise verteilen,“ ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. „Und er wird sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen streben müssen.“

„Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?“ sagte der Gutsbesitzer.

„Ja,“ antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. „Es ist aber etwas Seltsames,“ fuhr er fort, „wir leben zusammen gerade wie die alten Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.“

Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.

„So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch, oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu Kapitalverlust geführt.“

„Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?“ sagte Lewin, auf den Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.

„Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem Schaden.“

„Wie wir“ — sagte Lewin. „Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu treffen,“ fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

„Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch war,“ begrüßte ihn der Gutsbesitzer, „wir haben uns auch verschworen.“

„Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?“ frug Swijashskiy lächelnd.

„Ein wenig.“

„Man hat uns den Mut benommen.“

Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen Freunden.

Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden Lewin entgegenblickte.

„Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt, Euch begegnet zu sein — bei der Fürstin Schtscherbazkaja,“ sagte er, Lewin die Hand reichend.

„Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,“ sagte Lewin, purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu sprechen.

Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter, offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte, um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.

„Was verhandelt man jetzt?“ frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy anblickend.

„Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,“ antwortete Swijashskiy.

„Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?“

„Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,“ sagte Wronskiy.

„Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?“ frug Lewin, Wronskiy anschauend.

„Wer da will,“ sagte Swijashskiy.

„Werdet Ihr es thun?“ frug Lewin.

„Nur ich nicht,“ sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden, bissigen Herrn werfend.

„Nun wer denn; Njewjedowskiy?“ frug Lewin, im Gefühl, daß er sich verwickelte.

„Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja die zwei Kandidaten.“

„Ich werde es in keinem Falle thun,“ antwortete der sarkastische Herr. Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben bekannt.

„Hat es auch deine Achillesferse getroffen?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, „das ist etwas nach Art der Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.“

„Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,“ sagte Wronskiy. „Und hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch ausführen. Es ist ein Kampf!“ sagte er, stirnrunzelnd und die starken Kinnbacken zusammenbeißend.

„Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!“

„Ach ja,“ versetzte Wronskiy zerstreut.

Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:

„Wie kommt es denn — Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines Friedensrichters?“

„Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert eine thörichte Institution,“ antwortete Lewin finster, der schon längst darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.

„Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,“ sagte Wronskiy ruhig, aber mit Verwunderung.

„Es ist doch nur eine Spielerei,“ unterbrach ihn Lewin. „Die Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habeinnerhalb acht Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann, welcher mich fünfzehn kostet, schicken.“

Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe, und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.

„O, über dieses Original!“ sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem mandelsüßesten Lächeln, „indessen gehen wir; man scheint zu ballotieren.“

Sie gingen auseinander.

„Ich begreife nicht,“ sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, „ich begreife nicht, wie es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihmami cochonund bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy — ich mache ihn mir ja auch nicht zum Freunde — hat mich zum Essen eingeladen. Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.“

„Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,“ antwortete Lewin mürrisch.

„Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber damit, so verwickelst du dich dennoch.“

Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.

Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher gewählt werden solle.

Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.

„Wirf rechts,“ flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.

Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben, indem er sagte „rechts“. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten, überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.

Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.

Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln. Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der Nichtwählenden aus.

Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden. Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür. Sjnetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.

„Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?“ frug Lewin Sergey Iwanowitsch.

„Es fängt eben erst an,“ versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd Swijashskiy; „der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.“

Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel, sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.

Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein. Nachdem er einKotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin, der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so unangenehm war, auf die Tribünen.

Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem Advokaten:

„Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel, und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.“

Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.

Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender lauter Stimme rief:

„Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!“

Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:

„Ich verzichte!“

„Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,“ begann wiederum die Stimme.

„Ich verzichte!“ ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.

Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das „ich verzichte“; und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt, schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als er sichhierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.

Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte Genosse des Prokurators.

„Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,“ sagte der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame vorüberzulassen.

Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär abfing.

„Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!“

Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert hatte, gewählt worden.

Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte, die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit geröteten Gesichtern gegenüber.

„In meiner Macht liegt es nicht,“ sagte der eine rotaussehende Gutsbesitzer.

Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von Erschöpfung und Angst.

„Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!“ schrie er den Thürhüter an.

„Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!“

„Mein Gott!“ schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die Mitte des Saales nach dem großen Tische.

Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. AlsNjewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie Sjnetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.

Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.

Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er sich auserwählt hatte.

Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.

Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß; ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen — vor allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.

Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm,à propos de bottes, mit wahnsinniger Wuteinen Haufen ungereimter Dummheiten nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte, sein Anhänger wurde.

Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel, verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.

Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken wollte, ballotiert zu werden — ganz so, wie man nach dem Gewinn einer Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.

Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als Generalen suite. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit, Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah — für Wronskiy aber war er Masloff Katka „der Sündenbock“ — dies war sein Spitzname im Pagencorps gewesen — der vor ihm in Verlegenheit geriet, und den Wronskiy sich bemühte,mettre à son aise. Diesem zur Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und achtungsvoll.

Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung, welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des heutigen Erfolges und feierte denselben.

Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen müssen, als Thränen.

Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wiezum Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.

Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu Njewjedowskiy wandte, „unser Gouverneursoberhaupt“, oder „Ew. Excellenz“.

Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge Frau „Madame“ nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.

Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering, aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden, nicht gestimmt hätte.

Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: „Njewjedowskiy mit zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter mit.“ Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: „Man muß ihnen eine Freude machen.“

Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan die Schwäche besaß, am Ende von Banketts „faire jouer le télégraphe“.

Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden. Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor, wie auf „unseren liebenswürdigen Wirt!“ —

Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in der Provinz erwartet.

Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der „Brüderschaft“ zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu werden wünschte.

„Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der That bemerkenswert.“

„Not in my line,“ antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte, lächelte aber, und versprach doch zu kommen.

Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing, trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf der Präsentierschale.

„Aus Wosdwishenskoje per Expressen,“ meldete er mit bedeutungsvoller Miene.

„Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy sieht,“ sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.

Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen. Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war wahrscheinlich noch nicht angekommen.

Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine unerwartete und ihm höchst unangenehme.

„Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten. Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern, gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen, da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.“

„Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! — Unsere Tochter ist krank und dieser feindselige Ton!“ —

Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in der Nacht nach Hause.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung, daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen. Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte, als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem Einen — zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. —

„Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln. Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,“ dachte sie, „dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!“

Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben einmal aufhören würde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel — nicht ihn zu halten; denn dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebehaben, wohl aber, sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder Stefan zu ihr davon sprechen würden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen, während deren er abwesend sein mußte.

Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte, fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht. Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.

Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige. Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes, den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei. Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde, daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren — war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr belästigt werden — wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede seiner Bewegungen kannte.

Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und las, dem Geräusch des Windes draußenlauschend und jede Minute die Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.

„Was macht Any?“ sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die auf ihn zueilte.

Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen Stiefel aus.

„Es ist nichts; ihr ist besser.“

„Und du?“ sagte er, sich schüttelnd.

Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.

„Es freut mich sehr,“ sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.

All das gefiel ihm — aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, blieb auf seinem Antlitz.

„Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?“ sagte er, mit dem Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.

„Dies ist ja gleichgültig,“ dachte sie, „wenn er nur hier ist, und wenn er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu lieben.“

Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit derFürstin Barbara, welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium genommen habe.

„Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; — fast nie.“ —

Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.

Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet hatte, zu verwischen.

„Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du hast mir nicht geglaubt?“

Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht vergeben habe.

„Ja,“ antwortete er. „Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank, bald wolltest du selbst kommen.“

„Es war alles wahr.“

„Daran zweifle ich auch gar nicht.“

„Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.“

„Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; — es ist ja wahr — du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten“ —

— „Ins Konzert zu fahren“ —

— „Wir wollen nicht darüber sprechen,“ sagte er.

„Warum sollen wir nicht davon sprechen?“ antwortete sie.

„Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer Angelegenheit meines Hauses. — Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar? Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?“

„Wenn es so steht,“ sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, „daß dieses Leben dir lästig wird — ja, du kommst auf einen Tag und fährst wieder fort — so machen es“ —

— „Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben“ —

Doch sie hörte ihn nicht.

„Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier. Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!“ —

„Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch hierzu“ —

— „Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.“

„Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts weniger, als mich von dir zu trennen,“ sagte Wronskiy lächelnd.

Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen Worte sprach.

Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.

„Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!“ sprach dieser Blick. Es war dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr vergessen können.

Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie Eheleute zusammen einquartiert.

Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte; aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.

Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin, vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen ruhig und glücklich.

Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde, und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft, aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer, ungekannter Freude.

Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr, bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben gewünscht haben würde.

Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte, und der er auf dem Dorfe gewesen war.

Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommendenTon auf dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie jemand beleidigen.

Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.

Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen, sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.

Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er damit zufrieden sein konnte.

Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys umzugehen — was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt — bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren. Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche — der alte Fürst nanntesie „Alina-Nadina“ unter den Schwestern — waren, so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben, um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen, je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran verloren habe.

Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie nach der Stadt übersiedelten.

In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr wichtiges Vorkommnis — die Begegnung Kitys mit Wronskiy. — Eine alte Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.

Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen, daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte — sie fühlte dies — auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessenunsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.

Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz über die Wahlen, die er „unser Parlament“ nannte. — Man mußte hier lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. — Doch sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen, wenn er grüßt.

Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch wirklich zu sein.

Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.

„Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,“ sagte sie, „nicht, weil du nicht im Zimmer warst — ich würde nicht so natürlich geblieben sein in deiner Gegenwart — aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit mehr,“ sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, „ach, daß du nicht durch einen Spalt schauen konntest.“

Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie, daß ihr dann so freiund leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.

„Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,“ sagte Lewin. „Ich bin sehr, sehr froh darüber.“

„So fahre also zu den Bolj,“ sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. „Ich weiß, daß du im Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber den Vormittag?“

„Ich will nur zu Katawasoff,“ antwortete Lewin.

„Weshalb so früh?“

„Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in Petersburg,“ sagte Lewin.

„Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?“ sagte Kity.

„Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.“

„Und ins Konzert?“ frug sie.

„Was soll ich allein dorthin!“

„Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich doch so. Ich würde sicher hinfahren.“

„Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,“ sagte er, nach der Uhr blickend.

„Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj fahren kannst.“

„Ist denn das so unbedingt notwendig?“

„Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder auf und fährst fort.“

„Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mirselbst dies schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!“ —

Kity lachte.

„Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?“ sagte sie.

„Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: ‚Weshalb bist du denn eigentlich ohne Grund hierhergekommen?‘“ —

„O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,“ sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, „nun leb' wohl — fahre hin, ich bitte dich.“ Er wollte schon gehen, nachdem er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. „Mein Kostja, du weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?“

„Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel brauchst du denn?“ sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von Mißvergnügen.

„Nein doch; warte.“ Sie hielt ihn an der Hand zurück. „Sprechen wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen Etwas nicht richtig.“

„Keineswegs,“ sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst. Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. „Ich habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.“

„Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel“ —

„Keineswegs, keineswegs,“ wiederholte er — „doch leb' wohl jetzt, Herzchen.“

„Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe. Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch alle noch und wir verschwenden Geld“ —

„Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal, seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es wäre anders besser, als so, wie es eben ist“ —

„Ist das wahr?“ sagte sie, ihm in die Augen blickend.

Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen, lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das Nämliche aus ganzer Seele. „Ich vergesse sie in der That,“ dachte er, und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.

„Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?“ flüsterte er, sie bei beiden Händen nehmend.

„Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr denke und nichts weiß.“

„Hast du nicht Angst?“

Sie lächelte geringschätzig.

„Nicht die Idee,“ sagte sie.

„Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.“

„Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen erwarte ich dich. — Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,“ — so nannte sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa — „gesprochen, und wir haben beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch wenn ihr beide“ —

„Aber was können wir thun?“ frug Lewin.

„Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir sagen, was wir beschlossen haben.“

„Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde also zu ihm fahren. Sollten sie geradeins Konzert gehen, so werde ich auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.“

Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.

„Der Krasavtschik,“ dies war das Handpferd, welches mit vom Lande hereingebracht worden war, „ist beschlagen worden, er hinkt aber immer noch,“ berichtete er, „was befehlt ihr nun?“

In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.

„Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.“

„Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?“ frug Kusma.

Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.

„Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,“ sagte er.

„Zu Diensten.“

Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt, einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten, der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit ihm über sein Buch sprechen wollte.

Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichenGeldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden. Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging schwer, das zweite leichter — nach dem dritten aber ging es wie im Vogelschwarm.

Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree auskommen — daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt, einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend war — und dieses Hundertrubelpapier ging ihm noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen, geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon. Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen. Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt, unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte, wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne daß gefragt wurde,woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.

Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit Metroff denkend.

Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.

Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei, Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe; aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen sich gern und debattierten dann.

Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.

„Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht einem Freude, Euch zu sehen,“ sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon entgegentretend. „Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß er zur rechten Zeit käme — nun, wie steht es mit den Tschernagorzen? Nach der Art des Krieges“ —

„Nun?“ frug Lewin.

Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.

Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.

Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden sein sollten.

Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.

„Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,“ sagte Katawasoff, „ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.“

„Das ist sehr interessant,“ sagte Metroff.

„Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,“ sagte Lewin errötend, „zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.“

Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine Anschauung darzulegen.

Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht, bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.

„Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften desrussischen Arbeiters?“ sagte Metroff, „in seinen zoologischen Eigenschaften, sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?“

Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.


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