Achter Teil.

Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, Moskau zu verlassen.

Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: „Versuch eines Überblickes über die Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland“, beendet worden.

Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur Versendung an die Buchhändler gelangt.

Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde, Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlichaus Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber, die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten, sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.

Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.

Nur im „Ssjevernyj Shuk“, in einem humoristischen Feuilleton über den Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen. Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem allgemeinen Spott anheimgefallen war.

Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.

Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.

Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.

Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten — und offenbar hatte es fast niemand gelesen — vollständig klar wurde, das ganze Werk sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren — wie die Fragezeichen bewiesen — und der Verfasser des Buches ein völlig unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich,daß selbst Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend verhalten konnte — aber das alles war doch höchst traurig. —

Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte, blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.

„Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?“ frug sich Sergey Iwanowitsch, und indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann, der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.

Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk erfolglos vorübergegangen war.

Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.

Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie Zeit und Geisteskraft.

Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey Iwanowitsch, der bereitsfrüher zu denen gehört hatte, welche diese Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.

Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser — alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.

Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung dienen.

Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit Worten, sondern mit der That.

Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch erfreuliche Erscheinung — die Offenbarung der allgemeinen Meinung. — Die Gesellschaft äußerte ihren Wunschin bestimmter Weise. Der Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.

Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.

Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu seinem Bruder zu gehen.

Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen, reiste mit ihm zusammen.

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.

Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich, indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.

„Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?“ frug sie auf französisch.

„Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?“ frug Sergey Iwanowitsch mit einem kaum merklichen Lächeln.

„Das ginge ja nicht,“ antwortete die Fürstin, „aber freilich haben wir selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.“

„Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als tausend,“ sagte Sergey Iwanowitsch.

„Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!“ pflichtete die Dame freudig bei. „Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert worden?“

„Mehr noch, Fürstin.“

„Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken geschlagen?“

„Ja, ich habe es gelesen,“ antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.

„Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht, weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten — ich kenne ihn — daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.“

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte, welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte, kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.

„Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte — fährt auch mit diesem Zug,“ sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln, als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.

„Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann. Mit diesem Zuge also fährt er?“

„Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.“

„Gewiß. Versteht sich.“

Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die Freiwilligen hielt. „Fürden Glauben dient, für die Menschlichkeit und unsere Mitbrüder,“ sprach der Herr mit erhöhter Stimme, „zum erhabenem Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!“ — schloß er dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.

Alles rief „Zhivio“! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.

„Ah, Fürstin, wie geht es!“ rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch, der plötzlich inmitten derselben erschien. „Hat er nicht herrlich, feurig gesprochen? Bravo! — Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet gleichfalls sprechen — einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung. Ihr versteht dies ja so gut,“ fügte er mit mildem, ehrerbietigem und aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.

„Nein, ich fahre sogleich.“

„Wohin denn?“

„Auf das Land zu meinen Bruder,“ antwortete Sergey Iwanowitsch.

„Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen habt und allesallrightist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der vereinigten — Ihr wißt ja,les petites misères de la vie humaine,“ wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.

„Die Mjachkaja — nicht Lisa, sondern Bibisch — schickt tausend Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?“

„Ja, ich hörte davon,“ antwortete Koznyscheff widerwillig.

„Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, „wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende — Dimjor Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch. Nicht so, Fürstin?“ wandte er sich zu der Dame.

Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen, brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit. Lächelnd blickte er bald auf dieHutfeder der Fürstin, bald seitwärts, als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein Fünfrubelpapier in die Büchse.

„Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange ich Geld habe,“ sagte er. „Was für eine Depesche haben wir denn heute? Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!“ —

— „Was Ihr sagt!“ rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt, und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den Helden und alten Freund.

„Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen,“ sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald Oblonskiy sie beide verlassen hatte. „Es ist das so eine echt russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt sprechen,“ sagte die Fürstin.

„Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.“

„Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine Eskadron auf eigne Rechnung mit.“

„Ja, ich habe davon gehört.“

Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.

„Da ist er!“ fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.

Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan Arkadjewitsch sprach.

Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schauteer nach der Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes Gesicht erschien wie versteinert.

Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter loslassend, in das Coupé des Waggons.

Auf dem Bahnsteig erschallte es „Boshe Zarja chrani!“ und „Hurrah“ und „Zhivio!“

Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten, gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem Barte und in einer fettigen Mütze heraus.

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte, stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger Leute, welche das „Slavsja“ sangen, bewillkommnet. Wieder dankten die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei Sergey Iwanowitsch über sie.

Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.

Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf sie gerichtet sei.

Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählteeine Geschichte, die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde. Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein Vierter schlief.

Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung, namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde, und flunkerte in unangenehmster Weise.

Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete unpassend gelehrte Ausdrücke an.

Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien zu gehen, antwortete er bescheiden:

„Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen. Es thut einem ja leid.“

„Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,“ sagte Katawasoff.

„Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.“

„Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?“ sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er schon eine höhere Charge bekleiden müsse.

„Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker entlassen,“ sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das Examen nicht bestanden hätte.

Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben war, wandte er sich zu ihm.

„Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist, die nach dorthin abgehen,“ sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche, seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.

„Ja, dort sind Leute nötig,“ sprach er, mit den Augen lachend. Sie begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.

Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er, Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen hatten.

Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.

Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf und nieder.

Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich rief.

„Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,“ sagte sie.

„Ich habe schon gehört,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. „Welch schöner Zug von ihm,“ fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy nicht im Coupé war.

„Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?“

„Welch furchtbares Ereignis!“ sagte Sergey Iwanowitsch.

„O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! — O, was habe ich durchgemacht!“ wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. „Das vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht. Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,“ sprach sie, und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser Erinnerung. „Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte. Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!“ —

„Wir dürfen nicht richten, Gräfin,“ sagte Sergey Iwanowitsch seufzend, „doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.“

„O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends — ich hatte mich soeben zurückgezogen — erzählt mir meine Mary, daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts mitteilen! — Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war er nicht mehr bei Sinnen — er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn nicht erkannt. — ‚Prostration complète!‘ erklärte der Arzt. Dann brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!“ sprach die Gräfin mit der Hand abwehrend. „Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und zwei edle Männer — ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!“

„Was sagt denn ihr Gatte dazu?“ frug Sergey Iwanowitsch.

„Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod — ist nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf den Untergang meines Sohnes schaue.“

„Und wie trägt er es jetzt?“

„Gott hat uns geholfen — dieser serbische Feldzug ist gekommen. Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und, was die Hauptsache ist, man sagtce n'est pas très—bien vu à Pétersbourg— aber — was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder aufrichten. Jaschwin — sein Freund — hat alles verspielt und sich nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet. Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm, ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.“

Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf die andere Seite des Zuges.

In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm, als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht. Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.

In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.

Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die Hand.

„Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „aber kann ich Euch nicht nützlich sein?“

„Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit Euch,“ sagte Wronskiy, „entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es für mich nicht mehr im Leben.“

„Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,“ sagte Sergey Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. „Habt Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?“

„O nein!“ antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu verstehen: „Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche? Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur gegen die Türken“ — sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.

„Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind. Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen, daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben kann!“

„Ich bin als Mensch,“ sagte Wronskiy, „nur insofern brauchbar, als das Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen — das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein, interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.“

Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu sprechen, den er beabsichtigte.

„Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,“ sagte Sergey Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. „Die Erlösung unserer Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens. Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,“ fügte er hinzu und reichte ihm die Hand hin.

Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.

„Ja, als Waffe — kann ich noch zu etwas taugen. — Aber als Mensch — bin ich eine Ruine“ — sprach er in Absätzen.

Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend, und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz vergessen.

Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen, nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare Wort aussprach, daß er bereuen solle — das Wort, welches sie während ihres Streites zu ihm gesagt hatte.

Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen, wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins Gedächtnis kam.

Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war. Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein Gesicht.

Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, ruhig an Sergey Iwanowitsch.

„Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten?Der Feind ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die Entscheidungsschlacht.“

Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten, trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach ihren beiderseitigen Waggons.

Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn abhole.

Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von Pokrowskoje vorfuhren.

Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.

„Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,“ sagte sie Sergey Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.

„Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht erst Umstände gemacht,“ antwortete Sergey Iwanowitsch. „Ich bin so voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,“ lächelte er, „ihr freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit aufgemacht.“

„Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen — und dann einem Menschen ähnlich sehen,“ sagte Katawasoff mit seinem gewohnten Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.

„Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus und muß bald kommen.“

„Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so machtman es eben hier,“ sagte Katawasoff, „bei uns in der Stadt aber ist außer dem serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?“ —

„Nun, ja, ein wenig;“ antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, „doch ich will nach ihm schicken. Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland angekommen.“

Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.

„Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,“ sagte sie.

„O weh,“ sagte der Fürst.

„Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr lieb,“ sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.

„Nun, meinetwegen.“

„Geh doch zu ihnen Herzchen,“ wandte sich Kity zu ihrer Schwester, „und unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach geworden sein und wahrscheinlich schreien,“ und mit schnellen Schritten ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.

Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet — sie legte das Kind noch an — sondern kannte an dem Andrang der Milch bei ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.

Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und ungeduldig.

„Schreit es schon lange?“ frug Kity eilig die Kindermuhme,sich auf einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. „Gebt es schnell her. Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen später!“

Das Kind zappelte schreiend vor Gier.

„Das geht aber nicht, Matuschka,“ sagte Agathe Michailowna, die fast stets in der Kinderstube zugegen war. „Man muß es hübsch ordentlich putzen;“ „Eia, eia“, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz zu nehmen.

Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.

„Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina Aleksandrowna, er hat mich erkannt!“ rief Agathe Michailowna dem Kinde zu.

Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und wurde ungebärdig.

Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.

„Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,“ sprach Kity, das Kind befühlend. „Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?“ fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. „Kann nicht sein! Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,“ sagte Kity auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.

Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst, nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna, die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege verlangte, aber für die Mutter war es schon längstein Geschöpf mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer Beziehungen abgespielt hatte.

„Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache, glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle Tag,“ sprach Agathe Michailowna.

„Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,“ flüsterte Kity, „geht jetzt; der Kleine schläft ein.“

Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem Kinde zufächelnd.

„Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,“ sprach sie.

„Ja, ja, sch—sch—sch,“ antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen, welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.

Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen, scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.

Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs vernehmbar.

„Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,“ dachte Kity, „aber es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß esmir recht bang um ihn wurde. Und wie komisch er ist!“ flüsterte sie lächelnd.

Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity, wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde, hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe — so bildete sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte, obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend, mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.

„Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,“ dachte sie. „Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam. Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es, mit ihm zu disputieren,“ dachte sie und versetzte sich dann sogleich in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen unterbringen könne — separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch? Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst anblickte. „Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch gewöhnliche Wäsche geben,“ und bei diesem Gedanken stieg Kity das Blut ins Gesicht. „Ja, ich muß es anordnen,“ beschloß sie, und besann sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie sann nun nach, was es gewesen war. „Ach ja, Konstantin ist ungläubig!“ sagte sie, abermals lächelnd. „Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich imAuslande einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!“ Ein Zug von seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.

Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten, und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.

Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem, gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen, den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an dem Vermögen — sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht — hingeben.

„Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen, ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,“ fuhr sie fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren Lippen berührend.

Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch jene — wie er sie nannte — neuen Überzeugungen hindurchblickte, die, unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringsteKenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.

Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung — so lauteten die Begriffe — die für seinen alten Glauben eingetreten waren.

Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.

Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese Angst über sein Nichtwissen empfunden.

Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war, unmöglich wurde.

In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau, während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger, und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend, aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: „Wenn ich jene Antworten nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?“ Und in dem gesamten Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.

Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.

Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche, bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und Lösungen derselben.

Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er, frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer, die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.

Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt, gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr. Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung einflößte, glaubte.

Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen, ohne deren Beantwortung er — er fühlte es — nicht leben könne, und bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.

Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.

Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darübernachzudenken begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.

Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.

Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.

Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen, insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung unklarer Begriffe, wie „Geist, Wille, Freiheit, Substanz“ folgte und absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.

Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen Faden folgend, nachdachte — und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.

Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei Tage lang, so lange er sich mitihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht warm hielt.

Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche. Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe — der Kirche.

Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung, den Sündenfall, und die Erlösung — als wenn man mit Gott, dem weit entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.

Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.

Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.

„Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin — kann man nicht leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,“ sprach Lewin zu sich selbst. „In der Unendlichkeit der Zeit, der Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann zerplatzen; — das bin ich.“

Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher Denkarbeit nach dieser Richtung.

Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufernaufbauten. Es war die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu wissen wann und wie, zu der seinigen.

Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht unterordnen konnte.

Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel — den Tod.

Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um sich nicht zu erschießen.

Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.

Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte, sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte. Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und zweckbewußter, als früher gelebt.

Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte, alles das nahm seine Zeit in Anspruch.

Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen Unternehmungen für das allgemeineWohl ernüchtert worden, andererseits von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thunmußte, was er that — weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte, etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das ganze Dorf gewesen wäre — so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er, daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer werde.

Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus konnte, ohne die Furchen aufzureißen.

Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und Erziehung der Kinder — war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte flossen.

Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut und gepflanzthatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte.

Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen, des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.

Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er darüber nachdachte.

Wenn aber Lewin recht gut wußte,waser zu thun habe, so wußte er auch ebenso gut,wieer zu handeln habe und welches von zwei Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man das Vieh laufen lassen.

Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte, mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen war, weil sein Vaterstarb — so leid ihm das auch that — und mußte ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.

Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden hatten, um sich zu besprechen.

Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben.

Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen, was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich.

So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.

Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.

Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt werden würde, wenndie Leute, welche diese Eigenschaften zeigen, sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach wären.

Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen, Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen — alles das scheint einfach und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle, vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich, während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich ist dies so in ganz Rußland.

Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm mitteile.

Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.

Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: „Was bin ich, wo bin ich; warum bin ich hier?“

In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst aus dem Schuppen geholt worden war — bald nach den weißhalsigen Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre hängen blieben, bald auf die Leute, welche in derdunklen, staubigen Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.

„Warum geschieht das alles?“ grübelte er. „Warum stehe ich hier und lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie gestürzt war,“ dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten, nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.

„Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert. Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort — und sehr bald sogar,“ dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. „Auch das Pferd wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden Schulter — man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?“ So sann er und schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum für den Tag geben zu können.

„Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim angefangen,“ dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.

„Du giebst zu viel hinein, Fjodor — siehst du, sie bleibt hängen und geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!“

Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedecktenGesicht klebte, schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin wollte.

Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.


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