BEIM EHESTIFTEN.

»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!«

»Oder sie erwidert seine Neigung.«

»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung einzugehen.«

Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. »Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.

Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich rührend in seinem Glück aus.

»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«

Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den Grabmonumentenwar uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und hart wie ein Stein.

»Ein Aprilscherz? Und dazu gabenSiesich her?« Geringschätzung und Empörung stritten in seinen Mienen.

Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete, erzwungen war.

»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte; so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre – und wären es auch nur läppische Clowns – es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich eigentlich der Aufmunterung bedarf! – Auf Schritt und Tritt haben mich seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreisedrehte; sie begleiteten mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf, weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.« Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der hässlichenPosse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie übernahm?«

»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht haben!«

»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«

»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern, um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken, ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das Leben gewähren kann.«

»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba. Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg, denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort verschenken; – wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«

Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte. Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in dieArme zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen, dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen. Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz nimmt.

»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.

»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«

Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.

Mütterlichhiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte, das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel zurückwarf.

»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich zu Heulen undZähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden, aber« – ein tiefer Seufzer aus beladener Brust – »die Kinder entarten mit jedem Jahre mehr.«

Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf sie hinunter.

»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre zulegt?«

Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen ertappen liess.

»Das istmeinGeheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.

»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«

»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig Anspielungenüber die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«

»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den lockigen Scheitel.

Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns bereiteten.

Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran finden,sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.

»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in dich zu verlieben.«

Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohlselten die Bühne des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:

»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig –«. Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.

Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.

»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.

Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bishernicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut.Ihn zeichnete solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch – von einer landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend – ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.

»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigungvermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.

»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.

Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne er sich eher für die Rolle eines Naturburschen,als für die eines glatten Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!

»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die Höhe.

»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulichwandte er sich an Sophie, »sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«

Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.

»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem Märchen vorstellen!«

Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.

»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.

Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war sie leider nicht sovertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:

»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«

»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles eher, denn erquicklich sein.«

Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil derUndankbaren zu schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.

»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führersolch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:

»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«

»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr als ich.«

»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz unbegreiflich jung geblieben.«

Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.

Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzendhimmelblauer Schleifen geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.

Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafterGeduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte suchend umher.

»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«

Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Runkelrübenbaron zuwendete,blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand die Wirthschaft leite.

Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenigverbauert sein mochte, sich doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.

Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachenbekam in den letzten Tagen einen etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden werden eine Ehe führen, um welche siealle Engel im Himmel beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.

Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!

Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände geschaffen,im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst vergessen – solche kleine Ritterdienste mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich aufgemacht, sein Glück zu suchen.

Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.

»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,«sagte sie stockend und wurde feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«

Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.

»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter klebriger Goldfisch.«

Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.

»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«

Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen nahe.

»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit Helmerverlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir als Grausamkeit.«

Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofernnicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen,da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.

Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten,schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei »herausschaut«. Aber die Franzi kenntsie schon von klein auf, hat ihr manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.

»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.

»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«

Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einermit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.

Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neuesKleid ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. – In seiner Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klingt es aus den Tönen.

Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einerWitwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer Missethäter.

Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium erhalten. Was dem älterenBruder versagt geblieben, soll dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er die Sorge für die Familie übernehmen.

Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.

Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welterrungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.

Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer –ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn wie eine Motte an.

Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.

Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.

Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisseumher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.

»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und Birnbäumen es umschliessen – Franzi wässert schon jetzt der Mund nach densaftigen Früchten –, man kann nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.

»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicherHerr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an Weltentsagung.

Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwereKlosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.

Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.

»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.

»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es warnur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«

Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.

Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.

Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so langeihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab ein Anderer.Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was aus Joseph, dem jüngstenBruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.

Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.

Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen nebender prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth dahingleiten.

Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.

»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.

Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.

Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines Persönchenvor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an welchen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhaltenwill. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.

Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.

»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, »soetwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«

Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich, wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.

Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor denSpiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Thränen aus.

Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen überwinden. Aber sie machte sich heftig los.

»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu gehaben? Schnee liegt auf unseremScheitel, Furchen ziehen sich durch unsere Züge.«

Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt, nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen der Erinnerung.

»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein verblühtes Gesicht noch zu lieben?«

Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein; eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.

Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.

»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinenduftenden Köpfchen in die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen scheint.«

»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste Frost und vergilbt ihre Blätter.«

»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«

Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.

Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht, um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten Erwartungen erfüllt hätte.

Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem altberühmtenRathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht (selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für ewige Zeiten ungetheilt blieben, in denhellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannteund trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.

Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle Episteln an sie zu richten (leiderdürften sie dieselbe nicht erreicht haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.

Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll Wiedersehensfreude auf sie zueilte.

»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu lassen. Und nun dieserEmpfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht verlängerte sich.

»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.

»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.

»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«

Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:

»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehrenund das harte Brot – den Schiffszwieback – der Fremde zu essen.«

Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.

»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«

»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleichtdas Erlöschen der Pest vor 400 Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«

Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, entrüstet zu sein.

»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten Ruf der Originalität ein,wenn du, meine Braut, die Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit beimissest.«

Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.

»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«

Ich grollte Helenen nicht länger, ich fand sie bezaubernd und wollte auf sie zueilen, aber sie verschanzte sich hinter einem Stuhl, die Augen blitzend, die Lippen trotzig aufgeworfen, eine Walküre – freilich eine aus Meissener Porzellan.

»Du liessest dich von deiner Abenteuerlust in die Fremde locken, und ich bin hier geblieben, eine lächerliche Figur, über die alle Freundinnen spotten, eine Braut, deren Bräutigam die Flucht ergriffen!«

»Helene, welch' ein Gedanke!« rief ich schaudernd. »Glücklicherweise glaubst du selber nicht an ihn. Weisst du doch zu genau, dass ich schon als grüner Junge im Gymnasium in dir mein Ideal verehrteund dich mit sehr kunstreichen Strophen im altgriechischen Versmass ansang. Sie haben mich manchen Schweisstropfen gekostet, und du, Kobold, nahmst sie mit schnöder Gleichgültigkeit entgegen.«

»Du hast dich zu entschädigen gewusst: Ich musste geduldig zu Hause warten, bis es dem Herrn Naturforscher« (nicht möglich, den Hohn zu beschreiben, der diesen Titel begleitete) »gefiel, zurückzukehren, nachdem er in der Fremde hinlänglichen Zeitvertreib gefunden.«

»Wenn du wüsstest, wie viel Ungemach und Entbehrungen ich ertragen, welche Gefahren ich überstanden,« warf ich gefühlvoll ein, »du würdest nicht so sprechen.«

»Man sieht dir nichts davon an. Ich hatte im Stillen gehofft, du werdest abgebrannt und zur Mumie ausgetrocknet zurückkommen; leider bleiben die erfüllten Wünsche stets hinter unseren Erwartungen zurück.«

»Ich darf darüber nicht klagen; diemeinen wurden weit übertroffen. Dass mich meine Braut, nachdem wir zwei Jahre von einander getrennt gewesen, mit der Klage empfangen werde, ich sähe nicht genug mumienhaft aus, übersteigt selbst meine unwahrscheinlichsten Träume.«

»In diesen zwei Jahren haben Julie Marschall und Karoline Holzwart zehn Bälle mitgemacht, einige Dutzend Cotillonbouquets nach Hause getragen und sich von einer Unzahl Lieutenants, der Assessoren und Referendare gar nicht zu erwähnen, den Hof machen lassen. Und ich habe zu Hause einen langen Aschermittwoch gehalten, denn meine unnatürliche Mutter erklärte, es passe sich nicht für eine Braut, deren Verlobter abwesend sei, Bälle zu besuchen; und meine künftige Schwiegermama rief vorwurfsvoll und mit Wassertropfen an den Wimpern: »Du willst tanzen, während Karl vielleicht in Todesgefahr schwebt!«

»Die beiden Frauen haben ein wenig Zärtlichkeit für mich, während du, kleineSelbstsüchtige, nur an dich und deine banalen Vergnügungen denkst.«

»Du hättest unter die Advokaten gehen sollen,« warf sie schneidend hin, »es ist ein alter Kniff dieser Herren, einer Anklage zuvorzukommen, indem sie dieselbe umkehren. Ich selbstsüchtig?ichhabe einem jungen Mädchen nicht die paar Jahre ihres Frühlings vergällt, indem ich sie band und mir die Freiheit sicherte, ich nicht!«

»Helene, höre mich an!«

Aber sie liess sich nicht unterbrechen.

»Ist das Experiment nach Wunsch ausgefallen? Hat sich das kleine Mädchen nach dem gnädigen Herrn gesehnt und um seinetwillen abgehärmt?«

Ich stand diesem übernatürlichen Scharfsinn starr gegenüber. Plötzlich blendete mich ein grelles Licht.

»Helene, sei aufrichtig,« bat ich, »dein eisiger Empfang drängt mir die Frage auf: hat mich ein Anderer aus deiner Neigung verdrängt?«

Sie sah mich nicht an, sondern blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, vielleicht dauerte sie meine verstörte Miene; endlich wandte sie mir ein purpurrothes Gesicht zu.

»Du hast es errathen,« sagte sie, »ich liebe einen Anderen!«

Leichten Tones fuhr sie fort: »Zwei Jahre sind ja eine Ewigkeit; auch hätten die Menschenfresser Geschmack an dir finden können.«

Dabei blitzten ihre spitzen, weissen Zähne, als könne sie sich nichts Willkommeneres denken. Die Naturgeschichte hat Recht, unter den Raubthieren ist das Weibchen der grausamere Theil. Mauna Loa war, gegen mich gehalten, zahm wie ein Ofenfeuer, aber ich brachte leidlich die Miene überlegener Ironie zu Stande.

»Der Name des Glücklichen ist wohl noch ein Geheimniss?«

»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«

»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«

Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und – das Wort muss heraus – unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin, Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.

»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff nach meinem Hut.

Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein Pflästerchen auf meine Wunde.

»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«

»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn diesmalist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; – meine besten Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«

»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen wollen.«

Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham, die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen, zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keineEmpfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu lassen.

Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so schmerzlich – möglicher Weise noch schmerzlicher – empfand, als es der sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren – mit leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.

Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus. Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das ersteOpfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich. Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.

Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen, wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.

Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche eine lange, einemehrjährigeReise, wie ich mit einem Blick auf Helene nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis. Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf und näherte sich ihnen.

»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«

Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.

»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.

Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.

Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.

Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen. »Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen. Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar glücklich zu werden.«

Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.


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