DRITTES BUCH.

DRITTES BUCH.DIE KUNST.ERSTES CAPITEL.Die Bildungskunst.385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des erstenvorschreibende, noch wie jener des zweiten Buchesbeschreibende Betrachtung, sondernreale Bethätigungist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, alsoselbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder dieBildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder dieBildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processeund Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, diebildende Kunst.388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächstlogische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmenderBeziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten.Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischenPrüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist dienaived. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen diebewussted. i.philosophische, weil durch logische Kritik gesichteteWissenschaft.391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nichtsie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sonderngegeben, noch willkürlichandersgemacht, als er gegeben ist, sonachunabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonachunhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch ausTheilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischenMechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaftnachder Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand demUmfangenach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegendenMassstabsab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nachlogischenNormen gelegen ist.395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft istPhilosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sieanderes, sondern darin, das sieandersweiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen)Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit derMetaphysik(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) undAesthetik(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch alsEthikdas unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellenlogische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselbenschöneKunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahrscheinendeGedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralischd. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischenIdeendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwarsowoljene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformenaus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zurDicht-oderpoetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst diemalerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst diemusikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden diearchitektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden dieplastischeKunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen)nacheinander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen)zugleich(simultan) auftritt, verbinden lässt.398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) dieUnterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft derethischenIdeen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissensuchtund das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffenunterlässtd. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, dieWeisheit.400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst derGeistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst derGemüthsbildungaus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen undausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd übereigenesVerhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt,Geschmack(ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt,Gewissen(sittlicher Geschmack), in letzterem Fallesympathetisches Gefühlund zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nachethischenNormen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf dengegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, imsittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, imkünstlerischen Charakterund tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst derCharakterbildungauf.ZWEITES CAPITEL.Die Bildekunst.402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht,fremdesVorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselbeneine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und Charakterbildung, so begreift die derJugendbildung(Erziehungskunst, Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wiejede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck desUnterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die Aufgabe derZucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen die Aufgabe derRegierungder Jugend aus.405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb alserziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar derlogischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, alswissenschaftlicherUnterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht,Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt,Forscherzu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, derVolksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmetenGelehrtenschule(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, derHochschule(Universität, Polytechnicum) zu.406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth in Freud und Leid „in Züchten”, in seinen Mitgefühlen für und gegen Andere keusch, schamhaft und „züchtig” gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert,der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-,Gemüths- und Charakterreife, sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits („im Strom der Welt”) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern „nach seinem Bilde” Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Gläubigen und dem „nach seinem Ebenbilde” gedachten d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini deus).409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als „Regiment” (des Mannes über das Weib oder umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder „des Kammerdieners über den Fürsten”; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondernfachmännischer(Fachunterricht), der Lehrer dem Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondernnur an Bildung in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte „weibliche Unterricht” (Töchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich dieIronie des Unterrichtsdarstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer „Vorstellung”, dem Gotte gegenüber nur eines „Gebets” bedürfe, um als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlechtoder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein’s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht diePolitik(Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die Farbeder Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder „gute” Staatsbürger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten „beschränkten Unterthanenverstand”, der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern undin einem freien anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der „moralischen” Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch öffentliche Feste („Circenses”) das öffentliche Vergnügen zu fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche „Mitleid und Furcht”, von Komödien, welche durch Darstellung „unschädlicher Thorheit” Heiterkeit erregen, wohlthätige „Entladung” (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von „diesen und derlei Leidenschaften” zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu fördern gesucht.414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhängt die Kirche für denAbfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse („die sechste Grossmacht”), die Rednerbühne durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre in dergrundsatzlosenSophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.DRITTES CAPITEL.Die bildende Kunst.416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung inunbewusstem, sei esleblosem, sei esbelebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zuverändern.417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft („Wissenschaft ist Macht”) erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbetechnische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch alleinbildendeKunst. Jene fällt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der NaturlogischenNormen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihnnützlichoderschädlichins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich derenVergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich alsHandelundVerkehr,GewerbeundIndustrie,BodenbebauungundThierzuchtbezeichnen lassen.420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehreine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung,Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienstezu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung derästhetischenIdeen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung(Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.)einzelngeometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)in Massenentweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein)zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegengebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zuleben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eineschöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst einewahreGedankenwelt.426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen derethischenIdee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,wennsie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung derbestenunter den überhaupt möglichenNaturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal derbestenNatur gerichtet sein könnte.427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbarenbeste Verwaltungder gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nurVerwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen VerhältnissenbesteVerwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenenWünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, derethische Kosmos, diebeste Welt(Optimismus).429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendigeCulturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, derCulturgeschichte des Weltalls.

DRITTES BUCH.DIE KUNST.ERSTES CAPITEL.Die Bildungskunst.385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des erstenvorschreibende, noch wie jener des zweiten Buchesbeschreibende Betrachtung, sondernreale Bethätigungist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, alsoselbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder dieBildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder dieBildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processeund Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, diebildende Kunst.388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächstlogische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmenderBeziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten.Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischenPrüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist dienaived. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen diebewussted. i.philosophische, weil durch logische Kritik gesichteteWissenschaft.391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nichtsie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sonderngegeben, noch willkürlichandersgemacht, als er gegeben ist, sonachunabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonachunhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch ausTheilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischenMechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaftnachder Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand demUmfangenach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegendenMassstabsab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nachlogischenNormen gelegen ist.395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft istPhilosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sieanderes, sondern darin, das sieandersweiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen)Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit derMetaphysik(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) undAesthetik(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch alsEthikdas unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellenlogische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselbenschöneKunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahrscheinendeGedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralischd. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischenIdeendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwarsowoljene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformenaus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zurDicht-oderpoetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst diemalerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst diemusikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden diearchitektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden dieplastischeKunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen)nacheinander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen)zugleich(simultan) auftritt, verbinden lässt.398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) dieUnterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft derethischenIdeen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissensuchtund das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffenunterlässtd. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, dieWeisheit.400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst derGeistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst derGemüthsbildungaus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen undausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd übereigenesVerhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt,Geschmack(ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt,Gewissen(sittlicher Geschmack), in letzterem Fallesympathetisches Gefühlund zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nachethischenNormen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf dengegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, imsittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, imkünstlerischen Charakterund tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst derCharakterbildungauf.ZWEITES CAPITEL.Die Bildekunst.402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht,fremdesVorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselbeneine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und Charakterbildung, so begreift die derJugendbildung(Erziehungskunst, Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wiejede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck desUnterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die Aufgabe derZucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen die Aufgabe derRegierungder Jugend aus.405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb alserziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar derlogischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, alswissenschaftlicherUnterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht,Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt,Forscherzu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, derVolksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmetenGelehrtenschule(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, derHochschule(Universität, Polytechnicum) zu.406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth in Freud und Leid „in Züchten”, in seinen Mitgefühlen für und gegen Andere keusch, schamhaft und „züchtig” gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert,der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-,Gemüths- und Charakterreife, sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits („im Strom der Welt”) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern „nach seinem Bilde” Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Gläubigen und dem „nach seinem Ebenbilde” gedachten d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini deus).409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als „Regiment” (des Mannes über das Weib oder umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder „des Kammerdieners über den Fürsten”; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondernfachmännischer(Fachunterricht), der Lehrer dem Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondernnur an Bildung in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte „weibliche Unterricht” (Töchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich dieIronie des Unterrichtsdarstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer „Vorstellung”, dem Gotte gegenüber nur eines „Gebets” bedürfe, um als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlechtoder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein’s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht diePolitik(Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die Farbeder Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder „gute” Staatsbürger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten „beschränkten Unterthanenverstand”, der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern undin einem freien anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der „moralischen” Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch öffentliche Feste („Circenses”) das öffentliche Vergnügen zu fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche „Mitleid und Furcht”, von Komödien, welche durch Darstellung „unschädlicher Thorheit” Heiterkeit erregen, wohlthätige „Entladung” (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von „diesen und derlei Leidenschaften” zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu fördern gesucht.414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhängt die Kirche für denAbfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse („die sechste Grossmacht”), die Rednerbühne durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre in dergrundsatzlosenSophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.DRITTES CAPITEL.Die bildende Kunst.416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung inunbewusstem, sei esleblosem, sei esbelebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zuverändern.417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft („Wissenschaft ist Macht”) erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbetechnische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch alleinbildendeKunst. Jene fällt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der NaturlogischenNormen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihnnützlichoderschädlichins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich derenVergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich alsHandelundVerkehr,GewerbeundIndustrie,BodenbebauungundThierzuchtbezeichnen lassen.420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehreine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung,Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienstezu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung derästhetischenIdeen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung(Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.)einzelngeometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)in Massenentweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein)zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegengebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zuleben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eineschöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst einewahreGedankenwelt.426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen derethischenIdee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,wennsie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung derbestenunter den überhaupt möglichenNaturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal derbestenNatur gerichtet sein könnte.427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbarenbeste Verwaltungder gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nurVerwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen VerhältnissenbesteVerwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenenWünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, derethische Kosmos, diebeste Welt(Optimismus).429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendigeCulturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, derCulturgeschichte des Weltalls.

ERSTES CAPITEL.Die Bildungskunst.385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des erstenvorschreibende, noch wie jener des zweiten Buchesbeschreibende Betrachtung, sondernreale Bethätigungist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, alsoselbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder dieBildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder dieBildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processeund Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, diebildende Kunst.388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächstlogische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmenderBeziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten.Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischenPrüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist dienaived. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen diebewussted. i.philosophische, weil durch logische Kritik gesichteteWissenschaft.391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nichtsie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sonderngegeben, noch willkürlichandersgemacht, als er gegeben ist, sonachunabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonachunhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch ausTheilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischenMechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaftnachder Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand demUmfangenach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegendenMassstabsab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nachlogischenNormen gelegen ist.395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft istPhilosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sieanderes, sondern darin, das sieandersweiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen)Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit derMetaphysik(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) undAesthetik(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch alsEthikdas unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellenlogische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselbenschöneKunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahrscheinendeGedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralischd. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischenIdeendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwarsowoljene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformenaus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zurDicht-oderpoetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst diemalerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst diemusikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden diearchitektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden dieplastischeKunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen)nacheinander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen)zugleich(simultan) auftritt, verbinden lässt.398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) dieUnterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft derethischenIdeen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissensuchtund das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffenunterlässtd. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, dieWeisheit.400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst derGeistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst derGemüthsbildungaus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen undausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd übereigenesVerhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt,Geschmack(ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt,Gewissen(sittlicher Geschmack), in letzterem Fallesympathetisches Gefühlund zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nachethischenNormen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf dengegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, imsittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, imkünstlerischen Charakterund tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst derCharakterbildungauf.

ERSTES CAPITEL.Die Bildungskunst.

385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des erstenvorschreibende, noch wie jener des zweiten Buchesbeschreibende Betrachtung, sondernreale Bethätigungist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, alsoselbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder dieBildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder dieBildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processeund Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, diebildende Kunst.388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächstlogische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmenderBeziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten.Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischenPrüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist dienaived. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen diebewussted. i.philosophische, weil durch logische Kritik gesichteteWissenschaft.391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nichtsie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sonderngegeben, noch willkürlichandersgemacht, als er gegeben ist, sonachunabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonachunhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch ausTheilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischenMechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaftnachder Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand demUmfangenach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegendenMassstabsab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nachlogischenNormen gelegen ist.395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft istPhilosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sieanderes, sondern darin, das sieandersweiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen)Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit derMetaphysik(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) undAesthetik(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch alsEthikdas unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellenlogische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselbenschöneKunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahrscheinendeGedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralischd. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischenIdeendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwarsowoljene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformenaus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zurDicht-oderpoetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst diemalerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst diemusikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden diearchitektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden dieplastischeKunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen)nacheinander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen)zugleich(simultan) auftritt, verbinden lässt.398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) dieUnterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft derethischenIdeen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissensuchtund das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffenunterlässtd. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, dieWeisheit.400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst derGeistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst derGemüthsbildungaus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen undausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd übereigenesVerhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt,Geschmack(ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt,Gewissen(sittlicher Geschmack), in letzterem Fallesympathetisches Gefühlund zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nachethischenNormen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf dengegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, imsittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, imkünstlerischen Charakterund tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst derCharakterbildungauf.

385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des erstenvorschreibende, noch wie jener des zweiten Buchesbeschreibende Betrachtung, sondernreale Bethätigungist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.

386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, alsoselbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).

387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder dieBildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder dieBildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processeund Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, diebildende Kunst.

388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächstlogische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.

389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmenderBeziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten.Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.

390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischenPrüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist dienaived. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen diebewussted. i.philosophische, weil durch logische Kritik gesichteteWissenschaft.

391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nichtsie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.

392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sonderngegeben, noch willkürlichandersgemacht, als er gegeben ist, sonachunabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonachunhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch ausTheilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.

393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).

394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischenMechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaftnachder Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand demUmfangenach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegendenMassstabsab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nachlogischenNormen gelegen ist.

395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft istPhilosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sieanderes, sondern darin, das sieandersweiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen)Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit derMetaphysik(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) undAesthetik(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch alsEthikdas unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.

396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellenlogische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselbenschöneKunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahrscheinendeGedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralischd. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).

397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischenIdeendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwarsowoljene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformenaus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zurDicht-oderpoetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst diemalerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst diemusikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden diearchitektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden dieplastischeKunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen)nacheinander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen)zugleich(simultan) auftritt, verbinden lässt.

398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) dieUnterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.

399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft derethischenIdeen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissensuchtund das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffenunterlässtd. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, dieWeisheit.

400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst derGeistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst derGemüthsbildungaus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen undausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd übereigenesVerhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt,Geschmack(ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt,Gewissen(sittlicher Geschmack), in letzterem Fallesympathetisches Gefühlund zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.

401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nachethischenNormen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf dengegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, imsittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, imkünstlerischen Charakterund tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst derCharakterbildungauf.

ZWEITES CAPITEL.Die Bildekunst.402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht,fremdesVorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselbeneine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und Charakterbildung, so begreift die derJugendbildung(Erziehungskunst, Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wiejede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck desUnterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die Aufgabe derZucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen die Aufgabe derRegierungder Jugend aus.405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb alserziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar derlogischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, alswissenschaftlicherUnterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht,Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt,Forscherzu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, derVolksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmetenGelehrtenschule(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, derHochschule(Universität, Polytechnicum) zu.406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth in Freud und Leid „in Züchten”, in seinen Mitgefühlen für und gegen Andere keusch, schamhaft und „züchtig” gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert,der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-,Gemüths- und Charakterreife, sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits („im Strom der Welt”) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern „nach seinem Bilde” Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Gläubigen und dem „nach seinem Ebenbilde” gedachten d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini deus).409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als „Regiment” (des Mannes über das Weib oder umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder „des Kammerdieners über den Fürsten”; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondernfachmännischer(Fachunterricht), der Lehrer dem Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondernnur an Bildung in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte „weibliche Unterricht” (Töchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich dieIronie des Unterrichtsdarstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer „Vorstellung”, dem Gotte gegenüber nur eines „Gebets” bedürfe, um als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlechtoder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein’s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht diePolitik(Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die Farbeder Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder „gute” Staatsbürger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten „beschränkten Unterthanenverstand”, der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern undin einem freien anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der „moralischen” Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch öffentliche Feste („Circenses”) das öffentliche Vergnügen zu fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche „Mitleid und Furcht”, von Komödien, welche durch Darstellung „unschädlicher Thorheit” Heiterkeit erregen, wohlthätige „Entladung” (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von „diesen und derlei Leidenschaften” zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu fördern gesucht.414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhängt die Kirche für denAbfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse („die sechste Grossmacht”), die Rednerbühne durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre in dergrundsatzlosenSophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.

ZWEITES CAPITEL.Die Bildekunst.

402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht,fremdesVorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselbeneine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und Charakterbildung, so begreift die derJugendbildung(Erziehungskunst, Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wiejede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck desUnterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die Aufgabe derZucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen die Aufgabe derRegierungder Jugend aus.405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb alserziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar derlogischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, alswissenschaftlicherUnterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht,Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt,Forscherzu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, derVolksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmetenGelehrtenschule(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, derHochschule(Universität, Polytechnicum) zu.406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth in Freud und Leid „in Züchten”, in seinen Mitgefühlen für und gegen Andere keusch, schamhaft und „züchtig” gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert,der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-,Gemüths- und Charakterreife, sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits („im Strom der Welt”) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern „nach seinem Bilde” Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Gläubigen und dem „nach seinem Ebenbilde” gedachten d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini deus).409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als „Regiment” (des Mannes über das Weib oder umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder „des Kammerdieners über den Fürsten”; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondernfachmännischer(Fachunterricht), der Lehrer dem Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondernnur an Bildung in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte „weibliche Unterricht” (Töchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich dieIronie des Unterrichtsdarstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer „Vorstellung”, dem Gotte gegenüber nur eines „Gebets” bedürfe, um als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlechtoder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein’s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht diePolitik(Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die Farbeder Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder „gute” Staatsbürger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten „beschränkten Unterthanenverstand”, der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern undin einem freien anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der „moralischen” Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch öffentliche Feste („Circenses”) das öffentliche Vergnügen zu fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche „Mitleid und Furcht”, von Komödien, welche durch Darstellung „unschädlicher Thorheit” Heiterkeit erregen, wohlthätige „Entladung” (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von „diesen und derlei Leidenschaften” zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu fördern gesucht.414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhängt die Kirche für denAbfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse („die sechste Grossmacht”), die Rednerbühne durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre in dergrundsatzlosenSophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.

402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht,fremdesVorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselbeneine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.

403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).

404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und Charakterbildung, so begreift die derJugendbildung(Erziehungskunst, Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wiejede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck desUnterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die Aufgabe derZucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen die Aufgabe derRegierungder Jugend aus.

405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb alserziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar derlogischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, alswissenschaftlicherUnterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht,Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt,Forscherzu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, derVolksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmetenGelehrtenschule(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, derHochschule(Universität, Polytechnicum) zu.

406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth in Freud und Leid „in Züchten”, in seinen Mitgefühlen für und gegen Andere keusch, schamhaft und „züchtig” gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert,der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.

407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-,Gemüths- und Charakterreife, sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.

408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits („im Strom der Welt”) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern „nach seinem Bilde” Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Gläubigen und dem „nach seinem Ebenbilde” gedachten d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini deus).

409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als „Regiment” (des Mannes über das Weib oder umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder „des Kammerdieners über den Fürsten”; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondernfachmännischer(Fachunterricht), der Lehrer dem Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondernnur an Bildung in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte „weibliche Unterricht” (Töchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.

410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich dieIronie des Unterrichtsdarstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer „Vorstellung”, dem Gotte gegenüber nur eines „Gebets” bedürfe, um als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.

411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlechtoder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein’s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.

412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht diePolitik(Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die Farbeder Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder „gute” Staatsbürger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.

413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten „beschränkten Unterthanenverstand”, der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern undin einem freien anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der „moralischen” Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch öffentliche Feste („Circenses”) das öffentliche Vergnügen zu fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche „Mitleid und Furcht”, von Komödien, welche durch Darstellung „unschädlicher Thorheit” Heiterkeit erregen, wohlthätige „Entladung” (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von „diesen und derlei Leidenschaften” zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu fördern gesucht.

414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhängt die Kirche für denAbfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse („die sechste Grossmacht”), die Rednerbühne durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.

415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre in dergrundsatzlosenSophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.

DRITTES CAPITEL.Die bildende Kunst.416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung inunbewusstem, sei esleblosem, sei esbelebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zuverändern.417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft („Wissenschaft ist Macht”) erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbetechnische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch alleinbildendeKunst. Jene fällt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der NaturlogischenNormen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihnnützlichoderschädlichins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich derenVergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich alsHandelundVerkehr,GewerbeundIndustrie,BodenbebauungundThierzuchtbezeichnen lassen.420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehreine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung,Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienstezu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung derästhetischenIdeen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung(Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.)einzelngeometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)in Massenentweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein)zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegengebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zuleben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eineschöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst einewahreGedankenwelt.426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen derethischenIdee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,wennsie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung derbestenunter den überhaupt möglichenNaturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal derbestenNatur gerichtet sein könnte.427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbarenbeste Verwaltungder gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nurVerwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen VerhältnissenbesteVerwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenenWünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, derethische Kosmos, diebeste Welt(Optimismus).429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendigeCulturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, derCulturgeschichte des Weltalls.

DRITTES CAPITEL.Die bildende Kunst.

416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung inunbewusstem, sei esleblosem, sei esbelebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zuverändern.417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft („Wissenschaft ist Macht”) erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbetechnische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch alleinbildendeKunst. Jene fällt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der NaturlogischenNormen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihnnützlichoderschädlichins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich derenVergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich alsHandelundVerkehr,GewerbeundIndustrie,BodenbebauungundThierzuchtbezeichnen lassen.420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehreine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung,Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienstezu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung derästhetischenIdeen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung(Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.)einzelngeometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)in Massenentweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein)zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegengebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zuleben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eineschöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst einewahreGedankenwelt.426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen derethischenIdee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,wennsie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung derbestenunter den überhaupt möglichenNaturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal derbestenNatur gerichtet sein könnte.427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbarenbeste Verwaltungder gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nurVerwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen VerhältnissenbesteVerwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenenWünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, derethische Kosmos, diebeste Welt(Optimismus).429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendigeCulturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, derCulturgeschichte des Weltalls.

416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung inunbewusstem, sei esleblosem, sei esbelebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zuverändern.

417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft („Wissenschaft ist Macht”) erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.

418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbetechnische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch alleinbildendeKunst. Jene fällt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.

419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der NaturlogischenNormen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihnnützlichoderschädlichins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich derenVergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich alsHandelundVerkehr,GewerbeundIndustrie,BodenbebauungundThierzuchtbezeichnen lassen.

420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehreine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung,Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.

421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienstezu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.

422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung derästhetischenIdeen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung(Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.

423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.)einzelngeometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)in Massenentweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein)zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.

424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegengebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.

425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zuleben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eineschöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst einewahreGedankenwelt.

426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen derethischenIdee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,wennsie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung derbestenunter den überhaupt möglichenNaturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal derbestenNatur gerichtet sein könnte.

427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbarenbeste Verwaltungder gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.

428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nurVerwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen VerhältnissenbesteVerwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenenWünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, derethische Kosmos, diebeste Welt(Optimismus).

429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendigeCulturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, derCulturgeschichte des Weltalls.


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