IV.

Die Großmutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, – sie war gegen ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: »Wenn ünser Herrgott mich nix gesünd sei loßt und nix verdienen loßt, so soll er mich ach nix leben lassen.«

»No das mußt du ihm schon selbst sagen« lachte die Mutter »per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.«

Arnold befürchtete Zank. Die Großmutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen Lächeln, für das man sie hätte küssen mögen: »Güt, nächsten Schabbes wer ich's ihm sagen.«

»Da hab ich dir was feines gemacht.« Das Süppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, duftete. »Willst du nicht einmal versuchen …«

Eine gnädige Antwort mit zimperlicher Stimme:»No jo, e bißl …« Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.

»Bißl Salz hinein.«

»Nein – ka Salz – Salz reizt doch.« Und sie hustete affektiert.

»Aber es wird keinen Geschmack haben.«

Statt der Antwort nahm die Großmutter das Töpfchen und führte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, den Löffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. »Was is dos für e Supp?« fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.

»O je, wieder was nicht recht.«

»Aber Mama« wandte Arnold ein »du verstehst das schlecht. Die Großmutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen möchte sie gern wissen, sonst nichts.«

»Du wirst mir die Großmutter zu erkennen geben … Nichtwahr, es schmeckt dir nicht?«

»Aber ja …« sagte die Großmutter einfach und löffelte weiter »Was für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft?«

»No Rindfleisch, vom Körbelwirt. Das ganze Stück« sie brachte es vom Ofen »kostet zehn Kreuzer … Die Mutter ist nämlich noch aus dem billigen Land, mußt du wissen« wandte sie sich an Arnold.

»Wirklich nich teier« lächelte die Alte, sichtlich erfreut »Ja man muß sparen mit dem Geld … Waßt de, Geld wenn wär nur Geld – aber Geld is alles …«

Arnold erinnerte sich plötzlich, da die Großmutter aß und die Mama ihr freudig zusah, daß er ja Witze erzählen sollte, unterhalten, – bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und zugehört, ganzgegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was die Großmutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgemäße Fragen, ob das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn … Das Gespräch wurde nun immerlebhafter, während die Großmutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher als ganz außerhalb seiner Welt und städtischer Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu tun hatte. Die Großmutter erzählte von ihrem Beruf und wie man sie überall gern sah. »Frau Goldbergen« rief man ihr zu wenn sie vorbei ging »was kümmen Sie nit a bißl zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.« Eine Bemerkung Arnolds aber, daß sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mißfallen. »Ja, viel Meloche, wenig Broche« antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Häst e Geschmack von e Supp gehabt!«

»Sie schmeckt dir nicht gut?« rief Arnold besorgt.

Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.

Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Gedächtnis nach Witzen zu durchsuchen. »Was ist das? Es ist weiß und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut es« gab er auf. Die Großmutter dachte nach, ernstlich.»Ichwerde es dir also …« »Ich möchte sagen« unterbrach sie »e Kopf von e Gans.« Er lachte: »Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl ist es.« Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber den Sinn nicht zu verstehn: »Ja in der Stadt,do habts ihr so verschiedene Wörtlach. – E komische Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen?«

»Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins« erklärte die Mama.

Arnold vermittelte: »Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz beruhigend aus.«

Sie sah ihn näher an und jetzt erst fiel ihm ein, daß er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. »E bißl schmal« sagte auch sofort die Alte »Schlafst du denn genüg? Schlaf is e Wohltätigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben« als bemerkte sie es jetzt zum erstenmal »eppes dick biste geworden. Dicker mußte nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.«

»Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben« sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich plötzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergänglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne daß ihm übrigens dabei irgend ein neuer, in Worte faßlicher Einfall kam.

Indessen aber, während er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Großmutter zu erzählen begonnen: »Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab längst gemant se schläft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bißl schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? – Von Genofeva, sogt sie …«

Die Mutter flüsterte: »Genofeva. Schöne Lektüre haben wir gehabt, was?« – Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher undMärchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverständig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Großmutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!

»Sogt sie – von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. – No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.« Und die Großmutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester spöttisch nachmachte. »Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufhörst zu wanen und die Lampe auslöschst, so hau ich dir das Buch aufn Schädel nauf.« Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gelächter.

»Und was hat sie gesagt?« fragte Arnold, obwohl er fühlte, daß nichts mehr zu erzählen sei, nur um diesen angenehmen Fluß der Erzählung weiter zu hören.

»Nu, was soll se gesagt habn« setzte die Großmutter wie improvisierend fort »Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh …« Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief plötzlich, ganz laut: »Pfui Teixel!« wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte.

»Aber was ist denn?« die Mutter eilte herbei. Als das Gespräch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.

Zornig fuhr die Großmutter auf: »E schöne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was?«

Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. – Und er beeilte sich: »Was fällt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wiekannst du nur so etwas denken!« Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerhörter.

»E guter Omensager biste« fuhr ihn die Großmutter an, dann schwieg sie eine Weile. »Was kafste ach beim Körbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.«

»Laß sie nur« scherzte die Mutter, etwas bitter. »Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie können sich inzwischen ein bißchen allein so weiter unterhalten, wenn Sie Lust haben.«

Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, daß er den Wunsch nach einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: »Schön hast du es da, Großmutter, gleich möcht ich bei dir dableiben, für immer, nur noch Blumen sollten in denFensternstehn, wie bei den Nachbarn vorn …«

Sie lächelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in ihrem Innern eben die zärtlichsten Dinge vor: »Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt und gegossen, daß die Stub voll war. Mit ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.«

»Da haben sie wohl Schläge bekommen.« Er reichte ihr noch einmal die Hand.

Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches Gesicht: »Das muß sei.« Die Mutter war schon hinausgegangen. »Also Adieu, wir kommen bald wieder.« »Eßt nicht beim Körbel« rief ihnen die Großmutter noch nach »dort is groß Jackeres.«

Als er auf die Gasse trat, mußte er ein wenig dieAugen schließen, so fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch eine Welt außer dieser grauen alten Stube? Die Straße mißfiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengrößen aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise wichtig. Er hätte für sie sterben mögen, so begeistert war er … Die Mutter redete neben ihm her: »Nicht zuhören kann ich, wenn sie von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in Überfluß gegeben hätte. Gute Schläge, ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: – daß sich alle dir abwenden und daß du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch sein … Und so wird es und muß es ja kommen, Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslöschen …«

Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, daß die Mama Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten und Räume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama hätte er die Großmutter vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, – und nun, unter Mitwirken der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganzGreifbares. Das war das Verlockende daran. »Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen – warum habt ihr denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat?«

Die Mutter erklärte, die Großmutter habe vorgegeben, zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste Doktor im Ort, der Armenarzt … Überhaupt habe sie schöne Dinge erzählt … neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Straßen hatten hinaufstöhnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der Großmutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrüßt worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Haß … Überhaupt liebte es die Großmutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialität; denn von demMagenliqueurtrank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn zu den höchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge Welt ringsum noch so mäßige waren, daß sie überraschend viele Käufer fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen müßte, wenn sie nicht so traurig wären. An Markttagen bewache sie das Geschäft einer gewissen Frau Heller, nur um einen »Gülden« nebenher zu verdienen, undwenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da paßt sie gut auf … aber im Laden, in dieser grimmigen Kälte habe sie sich neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. »Viel braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.« Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald weißen lassen müsse, und wie das anstellen …

Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold hätte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererzählen lassen, wäre ihm nicht sogar in dieser provinzialen gebirgsstädtischen Gaststube die Erinnerung an seine Schandtat von der Wand entgegengesprungen, – auch hier das große Plakat des »Rivalen Paulhans« in den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, daß er mitderSpeisekarte zugleich die Zeitung bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien es ihm plötzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und sich immer nur so selbstverständlich auf das Schlimmste gefaßt gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdächtig angeschaut, hier saß er doch, der Obmann des schönen Konsortiums, nein, es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg seines neuen, von der Großmutter beschützten Lebens … Herr Körbel selbst brachte das Blatt, freundlich lächelnd. Gleich oben das Telegramm: Ponterrets Flug mißglückt. Der Aviatiker landet nach einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pöbelausschreitungen an der Kassa. – Das eingeklammerte Wort »Sprung« verdroß Arnold ganz besonders, wie einepersönliche Unbill, konnte man denn nicht ein bißchen menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in der Redaktion! – Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch einfettgedruckterAusspruch des Aviatikers selbst auf: Er schätze sich glücklich, daß er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein großes Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen … »Mama, ich fahre heute abend nach Hause.« Er war plötzlich mutig geworden, sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. »Natürlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, daß du's nicht lange aushalten wirst.« Er aß schnell auf: »Jetzt geh ich aber zunächst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Großmama, daß ich bald wiederkomme.« – »Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das denn? Ich könnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort.« – Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklären – und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: »Von Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die Großmutter verliebt, förmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie ist ja so brav …«

Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedächtnisses her: »Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bißchen zusammen.«

Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die hindurch man nahe Wälder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, daß er heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, noch gestern hätte er es für unmöglich gehalten. Vielleicht hing auch seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn förmlich hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah, Gedanken zu machen. Die Häuserfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, ob er über breite Plätze schritt oder durch einen Park, an einem goldglänzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, daß hier und da, mitten zwischen eleganten Häusern, auch noch solche Schindelhütten standen, wie die der Großmutter, fiel ihm auf, dann daß die meisten Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch beschäftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorübergehende: »Wie komm ich hier zu Doktor Heiger?« Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, immer mit summendem Geräusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, daß er noch in Österreich war, wenn auch nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche vonden Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit höchster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils saßen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: »Ja, bei Doktor Heiger da muß man sich in Geduld fassen«. »Ist er drin?« fragte Arnold. »Ich weiß nicht.« – Was für idiotische fischblütige Leute, sie kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um sich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. – Wie ein Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Großmutter. Was war es denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, daß ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen förmlich widerlich gewesen wären. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewußter und derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was hätte sie gesagt, wenn er Ähnliches zu ihr selbst geäußert hätte? Was für Augen hätte sie gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je darüber nach? Glaubte sie an Gott?… O da war etwas, wofür es in keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht –, nur dunkel fühlte er, daß sie unterhalb der Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff undseine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare Pläne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben wäre, Funken ins Pulverfaß, ja selbst genaue Entschlüsse für die nächste Zukunft, an die er aber sofort wieder vergaß im Bewußtsein, daß sie ihm auch so unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand äußerster Verwirrung und Ordnung zugleich, ähnlich einem guten Schüler vor dem Examen, in dessen Kopf alles gegenwärtig ist und doch nichts faßbar, und dieses nicht Faßbare, nicht Sichtbare wieder nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufhörlicher Bewegung wie unter einer dünnen Hülle kreisend und in solcher Menge, daß nichts vortreten kann außer auf einen äußern Anlaß hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schöpferischer Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht … In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz oberflächlich, ohne daß es seine Seele in der eigentlichen Arbeit störte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, daß diese Aussicht nicht sehr schön sei – oder daß das Bild dort an der Zimmerwand »Apollo und die Musen« oder den »Athenäenzug« vorstellen möge, kurz etwas Klassisches und daß es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde Kultur … Plötzlich dauerte es ihm zu lange.Er stürzte wieder aus dem Zimmer, in die Küche, gab der Köchin ein Billett für den Doktor und lief weg.… Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch dekorierte Häuser, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, daß dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine und seiner Großmutter Welt war. Für Bobenheim hätte das gepaßt. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, wirklich komisch … Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drängte er sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man ihm höflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, daß er sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Großmutter zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem Antrieb. Er kaufte beschämt Pfirsiche, Kirschen, Schoten … das alles nur, während im Innern seine Seele nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte … Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin näherte, desto mehr klärten sich seine bis zur Qual verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen Fußpfad und Großmutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fußpfad und die Hütte erblickte.

Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die Vorderwohnung, wie anständig und rein konnte es also in so einer Hütteaussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Gang, wo überall leere rötlich durchscheinende Lagerbierflaschen standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch unbekannt, so von Zärtlichkeitswolkenerfüllt. Er stieß an ein großes umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.

Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saßen und standen am Bett der Großmutter undplaudertenmit ihr in einem solchen Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, daß nichts zu verstehn war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war größer, die Wangen in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. »Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, dü kommst nix mehr.«

Er mußte sich entschuldigen: daß er beim Doktor gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Großmutter nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: »Ganz schön wär's doch, wenn du ach noch dazü e Madele hättst, Regie.« Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee saß. – »Ich dank dir« war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, daß die Mutter rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Großmutter ohne sichtbaren Anlaß, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tränen geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Großmutter wie verrückt geschrien: »Ich waß, du willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den Gefallen.« Darauf seien die Freundinnen gekommen … Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten … Aber Gottsei Dank, die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei … Arnold tröstete sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffaßte als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über diesen neuen Vorfall eine schwer erklärliche Freude an der Großmutter, wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. – Und daß sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm zu blicken wagten, daß ihre enge Stube menschengefüllt war: riß ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: »Es is Wochenmarkt heunt« und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das regelmäßige tätige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lästigen Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wärmt.

Die Mutter wollte die drei mit städtischer Höflichkeit hinausbegleiten, knüpfte ein Gespräch an, aber vom Bett her flüsterte es: »Loß se geihn. Gib ihnen ka Tschüwe«, – auch im leisen Reden wurden die betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen Noten gleichsam.

»Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr« sagte Arnold, als sie allein waren.

Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Großmutter in den erbittertsten Tönen von diesen Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie soeben noch mit »mei goldene Frau Keller« angeredet hatte. »Verschwarzt soll se gehn« rief sie, auf ArnoldsErkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?… Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet: »Schämst du dich nicht.« Aber der alte trockene harte Körper schämte sich nicht, er erklärte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: »Mei Zores, mei Kopf« … »Was für Sorgen« wandte sich die Mama ziemlich derb an die Großmutter »du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du mehr willst, mußt du uns nur zwei Worte schreiben. Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu gehn.« Ein Projekt kam zur Sprache, das die Großmutter schon einmal vorübergehend gebilligt hatte, nämlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur Miete wohnen. »Die Klafte« schrie sie, daß die Kissen sich bewegten »die rotzedige Klafte!« Nicht herauszubringen, woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spät schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle selbständig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben: »Die Fischmann, die is doch gechitzt. Die is doch plem-plem« und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.

Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ihr Arnold, daß er bald nach Berlin fahren werde.Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, daß er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontär für ein Jahr eintreten sollte, diesteinerneTreppe bei Doktor Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, daß er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten annehmen könne und, obwohl er das nicht aussprach, verließ ihn der Gedanke nicht mehr. »Gib nur schön acht und sei gesund. Da is ach zü der Hausfrau neilich e Mädel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar Täg is se gestorben.«

Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst später, als von etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, daß »Luftveränderung« das Bindeglied gewesen sein mochte.

Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Großmutter, gesprächig und bei allen Kräften, schien nur Anlässe zu neuen Erzählungen zu suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entströmen schien und dadurch den Hörer unmittelbar einnahm. Arnold verglich sich freudig mit ihr. »Seh ich der Großmutter nicht ähnlich?« fragte er die Mutter. Ja, es sei auffallend. »Aber wie willste mir ähnlich sei« lachte die Großmutter. »Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du nur e Ableger noch.« »Wie alt bist du eigentlich?« mischte sich die Mutter ein »die Großmutter macht sich immer älter als sie ist, auch so eine Laune.« Aber die Großmutter wußte gar nicht, wie alt sie sei, es war ihr auch gleichgiltig. »Ich möcht scho gern weg. I war langgenüg do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.« Seltsam, daß solche Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwächten, eher verstärkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzählen »der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie halt Theater is.« »Du interessierst dich also auch für das Theater« fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen Leben erwacht sein! »Die Großmutter! Na und ob sie sich dafür interessiert« lobte die Mutter. »Das hab ich per Jerusche« und sie kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen mit ihren Leidenschaften, von denen längst keine Spur mehr auf der Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn mächtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Großeltern, die Großeltern der Großmutter, gewohnt und dort in dem Packerl müßte noch ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. »Ihre Einbildungen« flüsterte die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode entrissene Person selbst ein Kind und erzählte, wie sie einmal auf dem gefrorenen Dorfteiche »geklitscht« hatte unddafür Schläge bekommen. Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn Kinder hatte, neun Söhne darunter, und trotzdem sei die Mutter hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem Schmerz. »Die Lait habn damals gemeint, das muß so sein.« Und mit einer Art von Aufklärung erzählte sie die damaligen Sitten, wie man am Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von Arbeit gedeutet wurde, eine »Newere«, ja die ganz Frommen trugen ihr Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu müssen. »Aber gewuchert haben sie dabei« tadelte die Mutter, ernst und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreißen dürfen, fuhr die Großmutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst später stellte er es sich so zusammen, daß dieser »jemand« die Mutter der Großmutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen, durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn können, eine »Rotbeere« zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und darauf sei sie, die Großmutter, mit einem häßlichen Muttermal in Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. »Davon hast du mir aber noch nie erzählt« wurde die Mutter mißtrauisch. Arnold zeigte auf einen roten Fleck an ihrer Hand: »Ist es das?«, aus Respekt wies ernicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf den kleinen ein und streckte diesen vor. »Nein, das hob ich mich verbrennt, neilich.« Sie wurde nicht irre, und kam nun in der Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. »Marie, mei guts Schof« rief sie plötzlich und Tränen standen ihr im Aug »Nebbich hat sie vor mir heruntergemußt. Was hätt ich nicht getan für das Kind!« Auch von ihrem Zank mit Poldi wußte sie nichts. Er war zwar ein »ungehachelter Kerl«, ein »Parchköppele«, aber was lag daran, einen Jux wußte er zu machen und lustig war er, das war doch die Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, daß er beim Alcheten, dem Sündengebet, bei dem man sich als Büßer zeilenweise auf die Brust klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt habe: »Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.« – Sie lachte hell wie Glöckchen, während sie das erzählte. – Ja, einmal habe er ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr Haupt- und Kassabuch sei. – Überhaupt, wenn er nur Zeit hätte, er würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. – Die Mutter senkte traurig den Kopf. – »Poldile, wie haben se den gern gehabt. Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski. Einmal aber hab ich gedacht, ich muß ihn holen und hab mer 'n Löffel genommen, den großen zum Auswinden für die Wäsch und hab gedacht, ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt, bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den Löffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.« … »Was, du bist geblieben« Arnold riß die Augen auf … »Nur e paarStücklach« entschuldigte sich die Großmutter »Jo, das war nicht so wie die heutige Welt.« – »So du glaubst auch, daß es früher besser war« fragte Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren geht, also außer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu belästigen. – »No, es waren halt zugetanere Lait.« – Als er aber weiter drang, mit »Wie« und »Wieso«, schnitt sie ab: »Was, ich hab mir nix den Kopf damit eingenommen.« – Aber oben auf dem Boden habe sie einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi und Regieleben … Die Mutter zuckte die Achseln … Ein Schuster habe sie darauf aufmerksam gemacht, daß Poldi sich jede Woche frische Schuhe anmessen lasse. Überhaupt habe er lauter solche »Tipplach und Sterzlach« gemacht. Auch Ware über die Grenze geschwärzt, und das ausgezeichnet! – Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig, es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: »Nun, möchtest du nicht auch mit dabei sein, Großmama?« – »Es wird ohne mir ach gehn.« – »Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?« – Ziemlich gleichgiltig wandte sie sich ab: »Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim gewesen sein.« Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, daß das jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und Christen. »Laß mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen Ausbruch genommen.« – Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern, erzählte ihr Arnold, daß er in einem Komiteesei (verstand sie das Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und daß man sich da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, alle mit einander. »Ja, das können se, fressen und saufen, die Chaserim.« Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch, indem er ihr von einer Freikarte erzählte, die er als Mitglied des Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatsächlich hatte die Eisenbahndirektion den Ausschußleuten Ermäßigungen für die Strecke nach Waldbrunn gewährt.) »Nu, das is schön« er hatte das Richtige getroffen »da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht wahr.« Er lachte: »Nein, das geht nicht.« Und die Großmutter erzählte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt hätten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen.»Soe Schlemasl, was ich hab.« Ein Lärm sei das geworden, in dem Gedränge, sie habe sich aber nicht wegdrängen lassen, bis ein Herr hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern – die alte Frau – und ihr das Geld geschenkt habe. – Die Mama zuckte nervös zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, daß er etwas vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprächs, so schnell ging es jetzt. Während die Großmutter weiterplauderte und immer so vergnügt, als entschädige sie sich jetzt für langes Alleinsein, fiel es ihm ein: »Aber hier hast du dich ja nicht zu beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene Leute zu sein, und alle so schön.« »No ja« meinte sie »selten sieht man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Böhmacken hier, so ein Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafenfor e Kraizer, was früher hat e Gülden gekost.« Sie entfesselte laute Anklagen gegen die Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er vorher hatte fragen wollen: »Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt, was?« Zuerst verstand sie ihn nicht. »Mehrere Regierungen von Österreich.« Das wußte sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krönung gesehn: »Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen und Neugierigkeiten.« Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein, dann die Türken und Russen. »Meinthalben sollen se sich die Köppe herunterschlagen«, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie wußte alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr Blick sei beschränkt. Wie kam es trotzdem, daß alles, wie es in ihren Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug. Arnold hätte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie also auf seine neue Krawatte aufmerksam. »Sehr schön« war das Urteil, nach einer strengen Pause jedoch folgte: »aber so verwändlich.« »Ja, da mußt du dich in Acht nehmen« lachte ihn die Mutter aus. – »Tut nichts, wir haben uns doch gern« rief er und strich ihr über das Haar, das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zöpfen geschlichtet war »Ich hab eine schöne Großmutter.«

Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen. Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmählich vorsichtig auf den Boden zu stellen … Arnold sah sie nun zum erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten Nachtjacke und im rotenUnterrock, viel kleiner noch als er sich sie aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz gewölbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues Holzgeflecht. Und wenn sie ihrenÄrmelaufstreifte, sah man die Haut bis zum Ellbogen in zahllosen regelmäßigen Furchen, einem schwachgewellten braunen Meere ähnlich, dünn, beinahe durchgewetzt und so lose, über dem mageren Fleisch, daß sich diese Faltenwellen zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie keuchte und bückte sich immer tiefer. »De Füß, de woll'n halt nimmer.« Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem widerstandsfähigen Körper gegenüber, dieser historischen Schönheit in all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf, um es zu verscheuchen.

Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Großmutter setzte sich auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. »Aber du willst es doch nicht haben, das Kanapee« widersprach Arnold. Sie hielt es nicht für nötig, ihn aufzuklären, obwohl ihre Miene sehr verständig, gar nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrstöckiges Hofgebäude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinaheganz durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe, ein Gärtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen … Über jedes Fenster wußte die Großmutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch, ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Töchter, von denen die älteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, daß die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, daß sie ihr ein Pulver gestreut habe, »aus Asis«, wovon sie eben den jetzigen Husten habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. »Oine mit Moine.« Ihr Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt war, und so billig … Der Besitzer war damals betrunken gewesen und habe es ja auch nachträglich zurücknehmen wollen, aber da war es schon »mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine kommt dazü, der andere davon« … Arnold flocht ein, was er ihr schon vormittags erzählt hatte, daß auch einer seiner Freunde jüngst ein großes Geschäft gekauft habe. »So?« Das hatte sie schon wieder vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedächtnis kam sie wieder auf frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis Frau nur »Nickelsupp« vorgesetzt (womit sie »Kaninchensuppe« meinte), während die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. Nickelsupp, so was!… Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama … Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse. Aber da sei sie, die Großmutter selbst, ausWintertal herangefahren und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, daß ein Mädel koscher kochen könne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da sei ihre Regie die Richtige … »Eine Idee hast du gehabt, daß ich überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns« sagte die Mutter, mit zärtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit Himbeersaft vom Kästchen nahm »Willst du nicht ein bißchen? Sonst trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzählen.« – »Hast e Geruschber! Stell das Tippele hin.« – »No ein bißchen.« – »Aber Mama, du mußt doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel hinstellen« befahl Arnold mit komischem Ernst.

Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lächelte: »No, Mutterle, wieder ganz beinand.« – Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama kannte ihn schon von früheren Krankheitsfällen her: »Nicht sagen läßt sich die Mutter, sie folgt halt nicht.« – »No, wir werden sehn« erwiderte der Doktor, fühlte denPuls:»fieberfrei.« – »Die Mutter will die Medizin nicht nehmen« klatschte ihm die Mama. – »Medizin müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht«. Er sprach laut und eindringlich zu ihr, wie man gewöhnlich zu ganz alten Leuten spricht, er drohte beinahe »das geht nicht«, doch, wie es schien, ohne auf besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ängstlich und folgsam. Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er ließ sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: »No, hammer uns wieder aufgerappelt, was?« und legte seinen Kopf an ihren Rücken. Nach vorn gebeugt saßdie alte Frau auf dem Kanapee, die Augen ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, während der Doktor, immer den Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: »Was wollen Sie haben, gnädige Frau Beer, man muß sie lassen, sie weiß schon selbst was ihr am besten taugt … Tut es Ihnen hier weh« fuhr er in veränderter Stimmlage fort, während er den Rücken der Großmutter mit einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung hervorschnellen ließ »Nein? und hier? Ein bißchen. Und hier?… Wie viel Kinder haben Sie gehabt.« »Vier« war die Antwort mit schwacher befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen Arnold hin, nein, was sich diese Großmutter schon alles einbildete, sie waren doch nur drei gewesen. »Ans is tot zur Welt gekommen« sagte die alte Frau, ihre Gedanken erratend. »Davon hab ich aber bisher kein Wort gewußt« flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin beiseite, richtete er sich auf: »Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Fälle vorgekommen, was glauben Sie. Keine Spur von Altersschwäche. Gehör, Gedächtnis, Augen, alles intakt. Sie können von Glück reden.« Was spricht er, dachte Arnold, er tut, als wäre die Großmama gar nicht vorhanden, und trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten, das Geschmiere, was glauben Sie …Arnold fragte ihn, wie lange es mit der Krankheit noch dauern könne. »Husten Sie noch?« wandte sich der Arzt an die Großmutter, der die Mama indessen wieder ins Bett geholfen hatte. »Ja, e bissele.« »Ich werde Ihnen ein anderes Mittel aufschreiben« sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die Füllfeder und sein Ledertäschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte es aufs Knie und schrieb. »E Mittel mecht ich habn, unter die Erd zu kommen« sagte die Großmutter, wie aus einer andern Welt her, und schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit an. »Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel schöner … Nicht?« wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama »Über der Erde ist's doch viel schöner, was glauben Sie.« Er zeigte lachend seine großen weißen Zähne und meinte noch, sachlich: »So lange sie hustet, ist's gut. Der Schleim muß heraus … Ja, gestern wie ich hier war, da hab ich nicht gemeint, daß sie sich so schnell wieder herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei älteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreißig, vierzig Grad, man meint, jetzt muß die schönste Influenza kommen, mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines Fieber und vorbei, aus.« In Arnold erwachte für einen Moment die Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespräche mit seinem Freund Löb: »Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht darüber schreiben?« – Der Arzt sah ihn förmlich mitleidig an: »Ich und schreiben! Wo hab ich denn Zeit« und erkam auf seinen seltsamen Studiengang zurück, beinahe wäre er Dozent geworden, nun, man wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein größtes Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.… Die Mama war beunruhigt: warum er bei so einem großen Einkommen nicht heiratete … Er lachte kräftig: wozu er das nötig habe, ihm fehle ja nichts, er sei zufrieden … »Dos da« mischte sich jetzt die Großmutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war »Dos da is e Köppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er schreibt ach in Zeitungen.« Das hatte ihr die Mutter erzählt und jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors vor. »So, das interessiert mich aber sehr« wandte sich der Doktor an ihn und redete längere Zeit darüber, daß er sich nicht oder doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: »Was für ein Genre kultivieren Sie?« Er werde von nun an achtgeben. Bei der Erwähnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang – was glauben Sie, einmal im Jahr muß man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang auch noch als »Nimrod« zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde und Arnold sagte sich, daß er freilich auf diese Art mit seinen Patienten bis Abend nicht fertig sein könne. Doch sofort korrigierte er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner Wohnung gesehn – nur nicht ungerecht sein – so ein netter Mensch. Die Großmutter schien er allerdings über seinen Erzählungen etwas vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu: »Was wollen Sie! Sie sind die Gesündestehier im Zimmer. Sie werden uns noch alle überleben.« Im Weggehn stieß er an die Kohlenkisten und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn berichtet hatte, ließ er zum Abschied den Witz fallen: »Nun, was für Schätze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im Märchen.«

Sie atmete auf, als er draußen war: »Hast e Kol gehabt. Alles nur was wahr is.« Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter Fieberrückfall sich wieder einstellte … Arnold mußte ans Weggehn denken, es war spät geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den eingesenkten Mund, den er küßte, wiedersehn würde, ob das nicht ein Abschied für immer sei … Er konnte nichts herausbekommen, was ihren Anschauungsformen entsprochen hätte. Und doch, wie gern hätte er etwa vorgebracht, daß dieses Wintertal, bisher ein ihm gänzlich gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn habe – daß er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde – oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, daß diesmal sich alles nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straßen nur Linien waren, die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten … Er stammelte und, während er rot wurde, fühlte er, daß seine Wangen schon von früher her heiß waren, daß er wohl seit dem Morgen mit dieser Röte gezeichnet herumging. Und plötzlich brach ihm ein Strom von Tränen wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, während er sich zu ihr niederbeugte: »Großmutter, liebe, liebe …« – Die Großmutterindessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen, als er gefürchtet hatte. Nur ihre Hände zitterten, die sie ein Weilchen auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.… Die Mutter blieb wohl noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den Dienstmädchen auszurichten … In der Stube war es nun ganz dunkel. Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich an, sie anzuzünden, während Arnold langsam hinausschritt. In der Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der Großmutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende kleine Sonnen. –

Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? – Natürlich nicht den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. – Sowie er die Hütte verlassen, hatte ihn nämlich dasselbe Gewirr wie zu Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, daß er den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hölzerne Treppen, keine steinernen gab. – Plötzlich sah er sich aus den kleinen Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues Leben gestellt, als hätte ihm die Großmutter erst gezeigt, wie groß die Welt sei und wie verschiedenartig die Möglichkeit zu wirken für den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wänden des Eisenbahnkoupees, den Blick auf dasschwarze Viereck des Fensters geheftet, auf die Nacht da draußen, überkam ihn eine schier übermenschliche Freude … Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es würde schon nicht das Ärgste geschehn, es würde sich schon irgendwie aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: An Heiratsanträgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür büßen. Ebenso dieses Komitee, genau so … Er spürte in sich den bisher nie geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die Köpfe dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hängten, mit Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstände. Diese Lina – den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht – jetzt erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klägliche Frau Lichtnegger mit ihrem einfältigen Jungen, nur daß sie noch außerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als hätte sie ihnbeleidigt, als wäre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg damit! Es war nicht die Hauptsache … Vielmehr dies: tüchtig sein, endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene Idee, daß dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit Wichtigste sei – und doch, nun da er erkannt hatte, daß darin seine eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fühlte ereine Liebe zu dieser Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden, schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue Stile, Warenhäuser, Reichtümer – o, es mußte glücken! Denn nun liebte er auch sich selbst – zum erstenmal in seinem Leben – sich selbst und alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Väter erkannt hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer Tugend und ihres Überschwangs. In seinem unmäßigen Temperament faßte er heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die Städte unbekannter Stämme mit der Schärfe des Schwertes austilgt, jenes Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Füßen, das war es, zum erstenmal … und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von klotzstirnigen gewalttätigen aufdringlichen Ahnen erschloß, zu deren Füßen unglückliche Opfer, häßlich schreiend, verbluteten: so spürte er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten Zärtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe, ihr natürliches Führertum und Erzählertum, ihren selbstverständlichenLebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung in das große Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und deshalb nicht zu beklagen.

So saß er und bald beschäftigte ihn, da die Erregung nachließ und endlich der feste Entschluß wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb, nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder links aussteigen werde. Das heißt: er wußte, nach der Fahrtrichtung, daß der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und daß also zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalität dieses Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt. Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, daß der Bahnhof links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab er sich in seinen Wahn, lächelnd, da die Lösung bei der Einfahrt sich sowieso von selbst einstellen mußte, und nahm die seltsame, ja geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war.


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