Empirezeit auf der Heidecksburg

Empirezeit auf der Heidecksburg

Ludwig Friedrich II., 1793–1807, war eine Feuerseele, Jünger Goethes im Schauen von Schönheit, begeistert für Kunst und Kunstgewerbe, leidenschaftlicher Zeichner und Radierer. Als junger Prinz belebte er den Rudolstädter geselligen Kreis, in dem Schiller, der heimatlose Flüchtling, wieder aufatmete. Seine Kenntnisse von der Welt hatte er auf einer Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich erweitert und in Genf bei De la Rive sich im Malen und Radieren ausgebildet. Kunstblätter aus dieser Zeit sind erhalten geblieben.

Ein Besuch am Hofe von Homburg hatte zur Vermählung mit der Prinzessin Karoline Luise von Hessen-Homburg geführt, die, selbst ein Bild blühender Schönheit und frischer Anmut, gleich ihm die Künste liebte und ausübte.

Als das junge Paar Schloßherrschaft auf der Heidecksburg wurde, zogen die neuen Formen der klassizistischen Mode in der Zimmerausgestaltung und in der Ausstattung von Wohngerät hier voll ein.

Weißes Zimmer

Weißes Zimmer

Unverfälscht hat sich das Weiße Zimmer erhalten. Athene und Aphrodite beherrschen den Raum, auf Tanz,Musik und Bühnenkunst weisen die Reliefs an den Wänden hin. Das Treppenhaus flankieren die Musen, und in den Glasgalerien zu ebener Erde stehen die letzten Gipsabgüsse aus dem Antikenkabinett, das sich das Fürstenpaar anlegte. Eine Reise nach Rom 1803 vermittelte die Bekanntschaft mit Künstlern, wie Gmelin, Rehberg, Metz, Reinhart und Angelika Kauffmann. Deren Kunstblätter, Originale oder Drucke, wurden dem Kupferstichkabinett auf der Heidecksburg eingereiht, Schätze, die der Heimat zur Zierde gereichen könnten, wenn Ausstellungsräume zu gewinnen wären.

Karoline Luise

Karoline Luise

Auf das Rudolstädter Antikenkabinett wies Goethe 1805 den Philologen Fr. A. Wolf hin, als er ihn überzeugen wollte, daß auch Kunstwerke die Beweiskraft von Geschichtsdenkmälern haben können. Wolf reiste darauf mit H. Meyer nach Rudolstadt, fand jedoch die Kolossalköpfe der Dioskuren noch an der Erde stehen, wo ihre Schönheit nicht wirksam war. »Wohl aufgenommen von dem dortigen Hofe, vergnügte er sich in den bedeutend schönen Umgebungen, und so kam er nach einem Besuch in Schwarzburg mit seinem Begleiter vergnügt und behaglich, aber nicht überzeugt, zurück.«

Noch im Jahre 1817 konnte das Verlangen nach antiker Formenschönheit derart stark in Goethe aufsteigen, daß er plötzlich wenigstens die nächsten Gipsabgüsse aufsuchen mußte. »Etwas dem Phidias Angehöriges mit Augen zu sehen, ward so lebhaft und heftig, daß ich an einem schönen sonnigen Morgen, ohne Absicht aus demHause fahrend, von meiner Leidenschaft überrascht, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif nach Rudolstadt lenkte und mich dort an den erstaunenswürdigen Köpfen vom Monte Cavallo für lange Zeit herstellte.« Humorvolle Skizzen im Tagebuch des Fürsten zeigen die Vorgänge bei Ankunft und Aufstellung dieser Hilfsmittel für Kunstbetrachtung.

Lehrer, Berater und Freund in oft täglichem Verkehr wurde dem Fürsten Ludwig Friedrich der Volkstedter Maler und Bossierer Franz Cotta, der den Kennern des Rudolstädter Porzellans noch heute oft in seinen Werken begegnet. Sein Sohn Heinrich Cotta, als Dresdener Student von Kügelgen so drastisch geschildert, folgte dem Vater in der Würde des Hofmalers und hinterließ in dem Kabinett die wertvollen Radierungen aus der Napoleonischen Zeit, seine unerschöpflichen Pferdestudien und humorvollen Szenen aus dem Volksleben. (S. Thüringer Heimat-Kalender 1926. Greifenverlag Rudolstadt.)

Im Jahre 1797 kam Christian Friedrich Schuricht aus Dresden zu Gaste auf die Heidecksburg und gab Anweisungen für den Bau des Halbtempels, der romantischen Ruinen und des Teehauses im Schloßgarten, sowie der Anlagen auf dem Anger. Für Zimmereinrichtungen wies er auf die Vorlagen des Racknitzschen Werkes, Darstellung und Geschichte des Geschmacks, hin.

Ferdinand Thierry, der spätere Landesbaumeister in Konstanz, fand sich aus Weimar ein, zeichnete peinlich feine Möbelentwürfe und Pläne für die Gartenhäuserund für die klassizistischen Gebäude in der Stadt. Seinen Bruder Wilhelm Thierry, Jugendlehrer Karoline Luises in Homburg, Maler und Radierer in Meiningen, ließ die Fürstin Architektur studieren. Er vollendete den Schloßbau im Ostflügel und legte die Terrassenbauten an, die zum Schloßgarten hinunterführen. (S. Thüringer Kalender 1926. Museum Eisenach.)

Das Jahr 1806 erschütterte mit seinen weltgeschichtlichen Ereignissen auch das friedliche Leben auf der Heidecksburg. Die Schlacht von Saalfeld bereitete sich vor. Mit den letzten Tagen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen hat die Sagenbildung sich viel beschäftigt. Vielleicht kann das trockene Hoffurierbuch helfen, Dichtung und Wahrheit zu scheiden. Es meldet: Ihro Königliche Hoheit Prinz Louis von Preußen sind den 7. Oktober hier angekommen mit einem Adjutanten, Kapitän von Kleist, einem Kammerdiener und drei Bedienten. Ihro Königliche Hoheit wurden ins grüne Zimmer, der Herr Adjutant ins alte Tafelzimmer logiert. Den 8. Oktober früh abgereist. Den 9. wieder hier. Den 10. abgereist. – Das Tagebuch des Fürsten gibt an, daß am 7. Oktober abends Ball und Souper zu Ehren der Gäste stattfand. Als der Geschützdonner von Saalfeld herüberdröhnte, bestand man darauf, daß die Fürstin mit ihren Kindern sich entfernte. Ihr selbst war es ein Lieblingsgedanke, Mut zu zeigen und Gefahr zu bestehen. Sie schämte sich aber später ihrer Eitelkeit, daß sie eine Heldenrolle habe spielen wollen und die Ihrigen dadurch einer Gefahr ausgesetzt hätte.Während einer Rastpause beruhigte sie ihre Nerven mit einer niedlichen Bleistiftzeichnung von der Weißenburg im Saaltale.

Die Durchmärsche des Napoleonischen linken Flügels gingen durch Rudolstadt. Der Fürst blieb zur Stelle. Als die französischen Beamten Villain und Du Molart die Regierung übernahmen, mußte er sie gastlich im Schlosse aufnehmen. Schweren Sorgen und Gemütsbewegungen erlag sein schwacher Körper am 28. April 1807.

Kerndeutsch, wenn auch gewohnt, französische Tagesanmerkungen zu schreiben, führte die Fürstin für ihren minderjährigen Sohn die Regentschaft bis 1814. Als Landesmutter, gleich der Königin Luise von Preußen, war sie umsichtige Diplomatin nach außen und unermüdliche Beraterin der Bedrängten, die aus dem ganzen Lande zu ihr kamen. Beamtenfamilien der Stadt bewahren noch heute Korrespondenzzettel als Reliquien auf, sie zeigen, wie die Fürstin ihren Bittstellern geholfen wissen wollte.

Schillers Hinterbliebene fanden bei ihr Zuflucht in Not und Verlegenheit. (S. Schiller in Rudolstadt. Greifenverlag 1925.)

Als Fürstinmutter blieb sie das verehrte Oberhaupt der prinzlichen und fürstlichen Familien auf der Heidecksburg bis an ihr Lebensende 1854. Künstler wußte sie anzuregen in vorbildlich moderner Weise, ohne Zwang auszuüben.

Brunnen

Brunnen

Mit führenden Geistern stand sie in Gedankenaustausch. Wilhelm von Humboldt schreibt über sie in den Briefen an eine Freundin:

»Rudolstadt, 2. Januar 1827.

Die verwitwete Fürstin ist eine der Frauen, wie man sie selten findet. Ich kenne sie seit meiner Verheiratung. Wir heirateten in derselben Zeit, und ich war unmittelbar nach meiner Verheiratung mit meiner Frau, mit der sie sehr freundschaftlich verbunden ist, einige Wochen hier, so daß mir der Ort auch wegen dieser Erinnerung sehr lieb ist.

Die Fürstin war sehr jung, ungemein liebenswürdig und schön. Als ich mit meiner Frau später in Rom war, kam sie mit dem Fürsten auf einige Monate hin, und wir lebten auch da viel miteinander. Bald nachher wurde sie Witwe und während der Minderjährigkeit des Prinzen Regentin des Landes. Sie führte in den schwierigsten Zeiten diese Regentschaft mit größter Klugheit, und stets mit der Güte und Wohltätigkeit, durch welche Fürsten, besonders in kleinen Ländern, sich von ihren Untertanen auch persönlich verehrt und geliebt machen können. Seit der Fürst die Regierung übernahm und die Erziehung der anderen Kinder vollendet ist, lebt sie bloß sich selbst, arbeitet und studiert für sich; sie besitzt sehr viele Kenntnisse, vorzüglich aber das, was man nicht ohne eigenen tiefen und umfassenden Geist erwirbt. Ihre Briefe sind gleich geist- und seelenvoll, und im Gespräch äußert sich dasselbe noch lebendiger und immer mit der größten Einfachheit und Bescheidenheit. Sie ist daher auch eigentlich kaum gekannt, nur bei den wenigen, die der Zufall ihr näher gebracht hat. Sie ist sehr religiös, verbindetdas aber so schön mit dem tiefsten und freiesten philosophischen Nachdenken, daß die Religiosität ihr dadurch nur noch mehr eigen wird.«

Humboldt erwähnt dann einen Wagenunfall, den sie erlitten hatte, und der sie zwang, nur noch zu Fuß zu gehen, und ihr nicht mehr erlaubte, sich weit vom Schlosse zu entfernen. Um die Natur zu genießen, ließ sie sich die Borkenhüttchen, Bauernhäuschen und Teetempelchen im griechischen Stil bauen, deren letzte noch heute vom Schloß aus durch den Hain und die Flur von Rudolstadt an verklungene Zeit erinnern.

*

Die gewaltigen Ereignisse der Weltgeschichte haben auch das Leben auf der Heidecksburg in den Grundfesten erschüttert. Der Weltenlenker wird wissen, wie er Geschicke und Herzen der Menschen zum rechten Ziele führt.

Es sind nicht nur Vorgänge der engen Heimat, die sich in dem ehrwürdigen Schlosse der Schwarzburger Grafen und Fürsten abgespielt haben. Was die Heidecksburg uns überliefert, ist ein wichtiger Ausschnitt aus dem Thüringer Leben und ein wertvoller Bestand der deutschen Bildungsgeschichte überhaupt.

Wer diese geistigen Schätze in Zukunft zu erhalten und zu betreuen hat, trägt die Verantwortung vor dem deutschen Gewissen.


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