Chapter 12

Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.

Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.

Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke, an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten. Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere ...

Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in demQuertale, in der ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste ich vomMare Frigorisaus den Ring desPlatovon Westen her und erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße desEratosthenesgelangen werde.

Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet meiner wohl noch Schlimmeres.

Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen haben und weitergezogen sein durch die Wüste — auf die grenzenlose Ebene des Todes? ...

Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner grauenhaften letzten Einsamkeit ...

Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten am schwarzen Samthimmel — grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich die Stadt der Toten suchen — ich werde sie sicherlich finden, früh genug — ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?

Unter dem Eratosthenes.

Unter dem Eratosthenes.

Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf denSinus Aestuumgelangen — und von dort, vom Steingrabe des greisen O’Tamor ...

Wilde, zerrissene Gipfel vor mir — und die Erde fast im Zenit, in der Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.

Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war, nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke desMare Imbrium, verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden. Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe — und das war die einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.

Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe,bis daß es mir vergönnt sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.

Das währt nicht mehr lange — nicht wahr, nicht mehr lange? ...

Am Grabe O’Tamors — in letzter Stunde.

Am Grabe O’Tamors — in letzter Stunde.

Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden berührt hat, und ... sie sei gesegnet, — von wo ich Kunde von mir auf die Erde senden kann.

Ich stehe an der Leiche des Greises O’Tamor und bin erstaunt, daß er jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine Zerstörung: der Greis O’Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu lange habe ich gelebt, Greis O’Tamor! Zu lange habe ich gelebt!

Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die Erde tragen wird.

Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.

Seit unsermEXODUSsiebenhundertsieben Mondtage.

O Erde! O verlorene Erde! ...................................................................

Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde herabgefallenen Kugel gefunden wurde.

DER MITTLERE TEIL DER NÖRDLICHEN HALBKUGEL DES MONDES

[Karte mit hoher Auflösung]

Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München

Anmerkungen zur TranskriptionDer Originaltext ist in Fraktur gesetzt.Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einemanderen Schriftstilmarkiert.Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in eineranderen Schriftartmarkiert.Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering. Dies wurde so belassen.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... frischemüppigenGrün bedeckt waren. Und alles von ...... frischemüppigemGrün bedeckt waren. Und alles von ...... —Jedesfallssteht es schlecht. ...... —Jedenfallssteht es schlecht. ...... ganzesInneresich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...... ganzesInneressich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt.Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einemanderen Schriftstilmarkiert.Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in eineranderen Schriftartmarkiert.

Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering. Dies wurde so belassen.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):


Back to IndexNext