— Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.
— Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich, denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer nicht überstehen würden ...
— Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...
— Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.
— Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir dem Suchen widmen.
Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.
Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein seltsames Brausen vernahmen.
Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenenFlusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.
Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere Flüsse.
Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!
Endlich sagte Martha:
— Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...
In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten uns unwillkürlich diese Frage, währendwir uns zum Hinabfahren über die steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.
Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen, als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.
Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich, daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal für einen kleinen transportablen Ofen genügte.
— Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.
Peter zuckte die Achseln:
— Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.
— Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.
— Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.
Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen. Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt war.
— Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn er auch erfrieren sollte ...
Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.
— Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tomistdie wichtigste Person und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen Knochen diesen Ofen heizen!
Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich führte.
Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu verbergen ...
Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung abzuschwächen.
— Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr,rief ich. Komm, Peter, wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!
Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend leichter erwärmen ließe.
Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten. Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...
Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der Ebene aus:
— Sieh, sieh!
Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke aus.
Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses bezaubernde Bild.
Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht unserer Wälder.
Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.
Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den schützenden Wagen zu flüchten.
Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte, ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war.Durch diese zwei Nachtwochen waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich, hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich, daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.
Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen wäre.
Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei Tagesanfang, ehe es „Frühling“ wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge bedeckte noch ein weißer Schleier.
Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten,mußten wir noch verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter, scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:
— Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!
Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.
— Was ist geschehen?
Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.
— Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.
Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben verkündete.
Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.
Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure Bedeutung.
Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt. Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.
Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben Stelle derSee-Ebene, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da es bedeutend angenehmerwäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh, sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar machte.
Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte: Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten; im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war, der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar nicht benötigten.
Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend näher zu besichtigen.
Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weitvorwärtsbewegt, daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief genug für unser kleines Fahrzeug war.
Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.
Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene, von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller vorwärts zu kommen.
Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu verdanken, daß wir so davongekommen sind.
Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine Ufer bildeten kleine Hügel, mit einerunerhört üppigen Flora bedeckt und von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir bis jetzt auf dem Monde antrafen.
Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen, das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.
Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ... Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, — ein seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.
Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser herabzustürzen.
Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden. Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.
Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder Spalteschossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.
Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir, daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens, eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.
Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist als auf der Erde.
Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann, die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten der nahen Mündung sein müßten.
— Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.
Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.
Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt nicht.
Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens dröhnten auf steinigem Boden.
Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir uns am Rande eines jener Bassinsbefanden, von dem aus uns feuchte warme Luft entgegenwehte.
— Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.
In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete, zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.
Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig bemerktenwir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen, aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist, der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt, vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden hatten.
Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im dichten Nebel, — da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.
Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern von der Stelle, wo wir standen, lag — das Meer. Es waren seine von kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.
Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare,an den Ufern durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.
Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes, auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora verschwand, zum Meere eilend.
So sollte unsere Odyssee enden ...
Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an unsern teuren Freund „Otamor“ genannt haben. Ebenso sprudeln die Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient. Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet; die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen zurückließ. —
Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechenüber sie — lange, lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...
Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann. Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.
Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend auf die Welt, sondern alle Tierepflanzen sich durch Eierlegen fort. Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich gedeihen.
Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die Hunde verachten es nicht.
Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten. Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.
Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwasNeues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis zum Tode bleiben werden.
Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen.
Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.
Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daßsie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren:ich werde sterben, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen Wandel hervorruft, ist tot.
Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber geworden.
Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein Ende nehmen ...
Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.
Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art, nur leben — das ist alles!
Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...
Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.
Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen.
Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, — meiner Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...
Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigenMenschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und — zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender Globus.
Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie erkaltet und früher „Welt“ geworden ist), hat es nicht vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige Wesen geeignet ist.
Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschenleben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um meiner selbst willen.
Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande.
Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.
— Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.
— Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...
— Und was weiter? fragte Peter.
Ich zuckte die Achseln.
— Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert, und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.
— Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er hinzu:
—Jedenfalls steht es schlecht.
Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:
— Martha ...
— Ah, ja, Martha, wiederholte ich.
— Man muß etwas beschließen!
Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich mich aus jener furchtbaren Fahrt durch dasMare Frigorisnach Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in die Augen und sagte mit Nachdruck:
— Man muß.
Er lächelte seltsam und antwortete nichts.
An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß, ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche, widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut „etwas beschließen“ müsse.
Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.
Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie, als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht täuschteich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich bemerkte, nur ungern nach und als er endlich „ja“ sagte, hatte er ein eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam tückisch.
Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.
Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf. In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die tägliche Gewitterzeit verkündend.
Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha wandte.
Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke. Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:
— Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?
Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.
Peter wiederholte:
— Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
— Von euch niemanden! rief sie.
Peter trat ihr einen Schritt näher:
— Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit Nachdruck.
Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein, das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:
— Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!
Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott, ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und schaute interessiert der ganzen Szene zu.
Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.
— Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm’ ihm nicht zu nah’! Er ist mein!
Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen, starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.
— Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
Martha zögerte.
— Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast verständnislos.
— Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie anscheinend die Kräfte verließen.
— Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser Verzweiflung auf das Kind sehend.
Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft Unabwendbare denken: den Tod.
Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat, wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen; wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird an seinem Lager nur das grauenhafte,höhnisch grinsende Gespenst des Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen, angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte, werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm, sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse ...
Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, Resignation.
Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha saß stumm da.
Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
— Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ... Ihr habt recht ... Ich werde ...für Tom ... alles tun ... Sie seufzte krampfartig und verstummte.
— Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück, als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden Wildes.
Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:
— Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne. Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
— Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen wir Lose.
Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer flammten blendende Blitze auf.
Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen. Ich näherte mich ihm behutsam:
— Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter berührend.
— Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
— Ziehen wir Lose! drängte Peter.
Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei Taschentuchenden haltend.
— Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am Boden Liegende.
In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf demMare Imbrium, wo wir ebenso Lose ziehen sollten — um den Tod ... wie jetzt um ... die Liebe!
Peter wurde ungeduldig.
— Zieh! rief er.
Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe, werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.
Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß siefür mich auch nur ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los nicht warten.
Aber so ...
Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!
Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder mich vor dem Zufall beugen?
Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da, auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier, einige Schritte von ihr entfernt ...
Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte mich.
Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und — der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
— Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
— Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
— Wie?
— Wir werden keine Lose ziehen.
Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche, und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.
Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich ihnbei den Händen. Er beugte sich nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.
Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den Kopf.
— Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.
Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann lächelte er gezwungen:
— Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du mir, daß niemals ... niemals ...
Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
Ich sah ihm in die Augen.
— Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte er schnell.
Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.
— Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
— Ich weiß es.
Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
— Martha ...
— Was?
— Das Gewitter kommt heran ...
— Ich sehe es ...
Peter seufzte nervös ...
— Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.
Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte, gleichgültige Stimme:
— Gut. Ich komme ...
Peter zögerte noch:
— Martha, gib mir zuerst das Stilett.
Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim Händchen und lief ihr nach.
Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...
Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in endlosen Regengüssen.
So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden, kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen, wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn. Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater, der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...
Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun. Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen, haßerfüllten Blick.
Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube, er war der Unglücklichste vonuns dreien. Martha hatte wenigstens einen Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des Ekels.
Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmernwürde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.
Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.
— Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht, was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes Weinen unterbrach seine Worte.
Martha zuckte nicht einmal.
— Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.
— Ich will deine Liebe!
— Du bist mein Mann ...
— Liebe mich!
— Gut. Ich liebe dich ...
Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.
Peter sprang auf.
— Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
— Ich werde dich nicht reizen.
Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver; mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht zittern würde.
— Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?
— Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...
— Gut. Schlage mich ...
Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt ein Ende zu machen.
Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.Wohl hatte ich mir die Ehe „eines von uns“ mit Martha anders vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden. Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zweiTöchter. Sie kamen in der Nacht zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.