Einundvierzigstes Kapitel.Der Tanz des Pombo.

Einundvierzigstes Kapitel.Der Tanz des Pombo.

Nach einiger Zeit rafften die Lamas ihren Mut wieder zusammen und gingen nach der Stelle zurück, wo mein Gepäck durchstöbert worden war. Einer von ihnen nahm mein Henry-Martini-Gewehr, und die andern drängten ihn, es abzuschießen. Nun kam er zu mir, und als ich ihm erklärt hatte, wie es geladen würde, legte er eine Patrone in die Kammer, bestand aber darauf, das Schloß nicht fest zu schließen. Als ich ihn vor den Folgen warnte, schlug er mich mit dem Kolben des Gewehrs über den Kopf.

Bei dem Zielen mit ihren Luntenflinten, an denen eine Stütze befestigt ist, ist es tibetischer Brauch, den Kolben vor die Nase zu halten, anstatt ihn, wie wir es tun, fest an die Schulter zu legen. So zielte auch der Lama in dieser Weise auf einen meiner Jake, die ungefähr dreißig Meter von uns friedlich grasten. Während alle ängstlich aufpaßten, um zu sehen, welchen Erfolg der Schuß haben würde, drückte er ab; das Gewehr ging mit einem besonders lauten Knall los, und siehe, der Lauf zerplatzte, und der heftige Rückschlag gab dem Lama einen furchtbaren Stoß ins Gesicht. Das aus seinen Händen fliegende Gewehr beschrieb einen Purzelbaum in der Luft, und der Lama fiel rückwärts auf die Erde, wo er, lang ausgestreckt, über und über blutend, liegenblieb und wie ein Kind jämmerlich schrie. Seine Nase war zerquetscht, ein Auge ausgeschlagen, und die Zähne waren ihm zertrümmert!

Ich muß erwähnen, daß der verwundete Lama an der Spitze der Partei stand, die meine Enthauptung verlangte, und so war es denn natürlich, daß ich in lautes Gelächter ausbrach, um meiner Freude darüber Luft zu machen, daß er jetzt so bestraft wurde. Ich war froh, daß sie mich noch einen Tag länger hattenleben lassen, und wäre es auch nur gewesen, um den Unfall des Lamas sehen zu können!

Der Pombo, der mich fast während des ganzen Nachmittags mit einer halb mitleidigen, halb ehrerbietigen Miene angesehen hatte, als ob er gegen seinen Willen gezwungen wäre, mich so brutal zu behandeln, konnte nicht umhin, in mein Gelächter über des Lamas jämmerliche Lage einzustimmen. In einer Art, glaube ich, war er froh, daß der Unfall geschehen war. Denn, wenn er bis dahin noch ungewiß gewesen war, ob er mich töten solle oder nicht, so sah er nach dem, was vorgefallen war, ein, daß es nicht klug sein würde, es zu versuchen. Von einem goldenen Ringe, den man mir am Tage unserer Gefangenschaft genommen und den ich immer wieder zurückverlangt hatte, da er mir von meiner Mutter geschenkt war, glaubten sie, daß er wunderbare Kräfte besäße, solange ich ihn am Finger trüge; aus Furcht, daß ich mit seiner Hilfe meine Fesseln brechen und entfliehen könnte, hielten sie ihn nun fern von mir verborgen. Eine aufgeregte Beratung, die von dem Pombo, den Lamas und den Offizieren abgehalten wurde, endigte gegen Sonnenuntergang damit, daß mehrere Soldaten kamen und mir die Beine von dem Streckblock losmachten; meine Hände wurden, wenn auch noch in den Handschellen, doch von dem Pfahl hinter mir heruntergelassen.

Als die um meine Knöchel gebundenen Stricke aus den Rinnen, die sie ins Fleisch geschnitten hatten, gelöst wurden, gingen große Stücke Haut mit ihnen ab. So endeten die schrecklichsten vierundzwanzig Stunden, die ich je erlebt habe. –

Zuerst, als ich platt auf dem Boden lag, fühlte ich nur sehr wenig Erleichterung; denn Körper und Beine waren steif und wie tot, und als die Zeit hinging, ohne daß sich auch nur eine Spur von wiederkehrendem Leben in ihnen zeigte, fürchtete ich, daß gänzliches Absterben eingetreten sei und daß ich den Gebrauch meiner Füße für immer verloren hätte. Es dauerte zwei oder drei Stunden, bis das Blut wieder in meinem rechten Fuße zu zirkulieren begann, und die Schmerzen dabei waren furchtbar. Hätte man mir eine Handvoll Messer langsam durch die Innenseite des Beines gezogen, der Schmerz hätte nicht entsetzlicher sein können. Meine Arme waren nicht ganz so schlimm, obgleich auch sie erstarrt waren, aber der Blutumlauf kam schneller wieder in Gang.

Mittlerweile hatte der Pombo, ich weiß nicht, um mich zu amüsieren oder um mit seinen Reichtümern zu prunken, den Befehl gegeben, daß etwa hundert Pferde, einige darunter mit prächtiger Aufzäumung, herbeigebracht würden. Er bestieg das schönste und ritt, das furchtbare Taram, den Eisenstab, in der Hand haltend, um den Hügel herum, auf dem das Kloster und die Festung standen.

Bei seiner Rückkehr hielt er seinen Leuten eine Rede, und dann begann eine Folge von Spielen, wobei der Pombo sich in meine Nähe setzte und mich gespannt beobachtete, um zu sehen, wie mir die Schaustellung gefiel. Zuerst wurden die besten Schützen ausgewählt, die einer nach dem andern mit ihren Luntenflinten auf meine nur wenige Schritt entfernten Jake schossen; aber trotzdem sie sorgfältig und bedächtig zielten, gelang es ihnen nicht, sie zu treffen. Ich merkte, daß sie mit Kugeln schossen, denn ich konnte das Zischen der Geschosse hören.

Hierauf folgte eine sehr interessante Vorführung von Reiterkünsten. Hätte ich nicht während der ganzen Zeit unter qualvollen Schmerzen gelitten, so würde ich mehr Vergnügen daran gehabt haben, indessen trug das Schauspiel doch viel dazu bei, mich aufzuheitern. Zuerst fanden Wettrennen statt, bei denen nur je zwei Pferde zugelassen wurden; zuletzt rannten die beiden Gewinner der letzten Einzelrennen; dem Sieger wurde eine Kata überreicht. Dann ritt ein Reiter, der eine Kata in der Luft schwenkte, in tollem Galopp voran, während zwanzig andere dicht hinter ihm folgten. Er ließ die Kata aus der Hand fliegen, und als sie auf den Boden niedersank, folgten die Reiter dem ersten und ritten mit ihm eine kleine Strecke weit; dann galoppierten sie auf ein gegebenes Zeichen alle wieder stürmisch nach der Stelle zurück und versuchten, indem sie sich von den Pferden herabbogen, die Kata aufzunehmen, ohne vom Pferde zu steigen. Einige der jüngern Männer zeigten hierbei viel Geschick.

Eine andere Übung bestand darin, daß ein Reiter in vollem Galopp auf einen stillstehenden Fußsoldaten zuritt, ihn bei den Kleidern ergriff und in den Sattel emporhob.

Die Schaustellung interessierte mich sehr, und ich äußerte so große Bewunderung für die Pferde, daß der Pombo den Befehl gab, mir die besten vorzuführen, und daß er mich dann in einesitzende Stellung aufrichten ließ, damit ich sie besser sehen könne. Der Pombo war jetzt sehr aufmerksam und höflich.

Es war mir eine große Erleichterung, denn ich litt mehr unter meiner demütigenden Lage als unter den Folterqualen selbst. Nun sagte mir der Pombo, daß ich nach dem Zelte blicken solle; dann stand er auf und ging auf dasselbe zu.

Die Öffnung des Zeltes war über 6 Meter breit. Damit ich alles sehen könne, was drinnen vor sich ging, kamen einige Soldaten und zogen mich dicht davor.

Zwei dicke Lamas traten mit dem Pombo in das Zelt; die andern Leute, die darin waren, wurden hinausgewiesen. Nachdem sie das Zelt für ein paar Minuten geschlossen hatten, öffneten sie es wieder. Inzwischen rief ein Gong die Lamas aus dem Kloster herab; es dauerte nur wenige Minuten, bis eine Schar von ihnen kam und ihre Plätze im Zelt einnahm.

In seinem gelben Rocke und ebensolchen Hosen, den spitzen Hut auf dem Kopfe, saß der Pombo auf einer Art von hochlehnigem Stuhl in der Mitte des Zeltes; neben ihm standen die beiden Lamas, die zuerst mit ihm eingetreten waren. Ohne Zweifel befand sich der Pombo in hypnotischer Verzückung. Er saß regungslos da, die Hände flach auf die Knie gelegt und den Kopf hoch aufgerichtet. Seine Augen starrten unbeweglich. Einige Minuten lang blieb er in diesem Zustand, und alle Soldaten und das Volk, die sich vor dem Zelte versammelt hatten, warfen sich auf die Knie, legten ihre Mützen auf die Erde und murmelten Gebete. Nun legte der eine der beiden Lamas, ein Bursche von anscheinend großer magnetischer Kraft, seine Hand auf die Schulter des Pombo, dessen Arme sich langsam mit ausgestreckten Händen erhoben und lange Zeit wie in einem kataleptischen Zustande so blieben, ohne sich auch nur um eines Zolles Breite zu rühren.

Darauf berührte der Lama den Hals des Pombo mit seinen Daumen und rief dadurch eine schnelle, von links nach rechts gehende kreisförmige Bewegung des Kopfes hervor.

Während der Hypnotiseur gewisse Beschwörungsformeln sprach, fing der Pombo an, die außerordentlichsten Gliederverrenkungen zu machen, indem er die Arme, den Kopf, den Rumpf und die Beine wie eine Schlange bewegte. Er arbeitete sich in eine Raserei hinein oder wurde vielmehr in diese hineingearbeitet, welcher Zustandeinige Zeit dauerte. Die Menge der Gläubigen zog sich immer näher an den Pombo heran, wobei sie inbrünstig betete und tiefe Seufzer und Rufe der Bewunderung und fast des Schreckens bei einigen der unmöglichsten Verrenkungen ausstieß.

Dann und wann schloß diese unheimliche Art von Tanz mit einer seltsamen Stellung ab; der Pombo klappte dann so zusammen, daß sein Kopf fast den Boden berührte und sein langer Hut flach auf dem Boden ruhte. Wenn er sich in dieser Stellung befand, gingen die Zuschauer einer nach dem andern hin, berührten seine Füße mit den Fingern, warfen sich nieder und begrüßten ihn mit feierlichen Salaams. So ging es einige Zeit fort, bis schließlich der Hypnotiseur den Kopf des Pombo zwischen seine Hände nahm, ihm in die Augen starrte, seine Stirn rieb und ihn aus der Hypnose erweckte.

Der Pombo war bleich und erschöpft. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, und sein Hut fiel ihm vom Kopfe, der glatt geschoren war, ein unverkennbares Zeichen, daß er ein Lama von hohem Range war.

Nach dieser religiösen Vorstellung wurden an alle anwesenden Tibeter Katas verteilt, die sie zusammenfalteten und in ihre Röcke steckten.

Als der Pombo aus seinem Prunkzelte herauskam, sagte ich ihm, daß der Tanz wunderschön sei, aber daß ich großen Hunger hätte. Er fragte mich, was ich essen wolle, und ich sagte, daß ich gern etwas Fleisch und Tee haben möchte.

Bald darauf wurde mir ein großes Gefäß mit köstlichem gedämpftem Jakfleisch und auch Tsamba im Überfluß gebracht. Aber trotzdem ich ganz ausgehungert war, hatte ich die größte Mühe, auch nur einige Bissen hinunterzuschlucken. Dies rührte, wie ich glaube, von den Verletzungen meines Rückgrats und von dem Absterben der Glieder her, das augenscheinlich meinen ganzen Organismus angegriffen hatte.

Als der Pombo sich zurückgezogen hatte und die Nacht herankam, wurde ich wieder an den Streckblock gebunden, diesmal aber mit nicht so weit auseinandergezerrten Gliedern. Auch meine Hände wurden wieder hinten an den Pfahl gebunden, doch ohne sie besonders anzuspannen.


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