Elftes Kapitel.Zum Dach der Welt.
Bevor ich Kuti verließ, besichtigte ich noch das alte Schloß, das etwa 300 Meter südlich vom Dorfe auf einem kleinen Hügel liegt. Mit Ausnahme eines viereckigen Turmes, der von den Eingeborenen der Kuti Ker genannt wird, liegt es jetzt in Trümmern. Die Eingeborenen konnten mir über das Bauwerk keine andere Auskunft geben, als daß es einst ein stark befestigter Königspalast gewesen sei.
Als ich nach dem Lager zurückkehrte, war endlich alles fertig, und nach endlosem Verdruß mit einigen meiner Leute, die schon wieder unsicher waren, ob sie mich auf meiner Reise begleiten sollten oder nicht, machte ich mich auf den Weg. Das Dorf Kuti ist das höchste in Bias; es liegt in Höhe von 3940 Meter.
Der Weg war jetzt ziemlich frei von Schnee und Eis mit Ausnahme einiger Stellen, wo wir ausgedehnte schneebedeckte Abhänge zu überschreiten hatten.
Auf einem von diesen hatten wir unsern ersten Unfall. Ein Kuli, der einen großen Topf mit Butter in der Hand trug, stürzte. Zum Glück glitt er nicht weit hinab, aber wir wurden bitter enttäuscht, als wir sahen, wie unser kostbarer Topf ins Wasser rollte und für immer verschwand.
In einer Höhe von 3980 Meter schlugen wir das Lager auf. Spät am Abend, als meine Leute Holz sammelten, um ein großes Feuer zu unterhalten, um das wir herumsaßen, kamen zwei Kulis, die mit der Weisung, uns zu folgen, in Kuti zurückgelassen worden waren, mit ihren Lasten an.
Es waren zwei seltsame Charaktere. Der eine war traurig und mürrisch, der andere lebhaft und gesprächig; sie gaben vor, Radschputen zu sein.
»Du siehst,« rief der fröhliche Kuli, »ich bin klein, aber ich fürchte nichts. Wenn wir nach Tibet hinübergehen, werde ich mit einem spitzen Stocke vorangehen und alle Tibeter verjagen. Ich habe keine Furcht vor ihnen. Ich habe Mut, es mit der ganzen Welt aufzunehmen!«
Da ich den Wert dieser Art Reden von seiten der Eingeborenen kenne, stopfte ich ihm den Mund und schickte ihn fort, Holz zu holen.
Der mürrische Bursche interessierte mich mehr. Er äußerte nur selten ein Wort, und wenn er es tat, sprach er nicht vergnügt, augenscheinlich in tiefes Nachdenken versunken, aus dem er seinen Geist nur mit großer Anstrengung zu reißen schien. Er sah jämmerlich krank aus. Unbeweglich und sprachlos sah man ihn, wie in Verzückung, auf einen bestimmten Punkt starren. Seine Gesichtszüge waren sehr fein und regelmäßig, aber seine Haut hatte jene abscheuliche, glänzend weißliche Färbung, wie sie den Aussätzigen eigen ist.
Ich wartete auf eine Gelegenheit, seine Hände zu untersuchen, auf denen er saß, um sie warm zu halten. An den zusammengezogenen Fingern findet man die ersten Symptome des Aussatzes, jener schrecklichsten aller Krankheiten. Ich forderte den Mann auf, sich näher an das lodernde Feuer zu setzen. Er kam und hielt seine offenen Handflächen gegen die flackernden Flammen. Mein Verdacht war nur zu richtig. Seine Finger, verzogen und gekrümmt, mit wunder Haut an den Gelenken, waren der traurige, aber überzeugende Beweis. Ich untersuchte seine Füße; auch daran waren dieselben Symptome.
»Wie heißt du?« fragte ich ihn.
»Man Sing«, sagte er trocken und verfiel wieder in seine Träumerei.
Das knisternde Feuer war im Erlöschen, als plötzlich ein stämmiger Tibeter erschien, tief gebückt unter der schweren Last eines ungeheuern Baumstammes, den er auf dem Rücken trug. Er kam näher und warf das Holz auf das Feuer.
Das war wieder ein anderer Charakter. Stark wie ein Ochse, hatte dieser ein seltsames Vorleben gehabt. Er war seinerzeit ein wohlbekannter Bandit in der Gegend von Lhasa gewesen. Viele Menschen soll er ums Leben gebracht haben, und als er fand, daß sein eigenes in seinem Vaterlande in Gefahr war, hatte er sich aufder englischen Seite der Grenze niedergelassen und verschiedene Frauen geheiratet, die er mißhandelte und nacheinander fortjagte. Seinen letzten Familienhändeln hatte ich es zu verdanken, daß er in meinen Dienst gekommen war. Seine abnorme, für das Tragen von Lasten so wertvolle Kraft war seine einzige Empfehlung bei mir gewesen. Im Lager war er unter dem Namen Daku, der Räuber, bekannt.
Als ich meine andern Leute inspizierte, mit denen ich noch kaum bekannt geworden war, belustigte und interessierte mich die sonderbare Mischung von Geschöpfen, aus denen meine Bande bestand. Da waren Jumlis mit ihrem üppigen schwarzen Haar, das in kleinen Flechten und einem Haarbüschel über den Kopf gebunden war wie bei den Koreanern. Da waren Tibeter, Schokas aus Bias, Rongbas, Nepalesen, Radschputen und Totolas. Dann gab es einen Brahminen, zwei eingeborene Christen und einen Johari. Dazu kamDr.Wilson. Welches Chaos von Sprachen und Dialekten!
Spaßhaft war, daß jede einzelne Kaste dieser bunten Schar auf alle andern herabsah. Daraus folgte vom ersten Tage an Trennung bei den Mahlzeiten, und das Lager wurde von ebenso vielen brennenden Feuern belebt, als es Kasten unter meinen Begleitern gab. Mir war dies ganz recht, da es mir eine Art von Garantie schien, daß sie sich nie alle zusammen zu einer Meuterei gegen mich verbinden würden.
Der arme Man Sing, der Aussätzige, zitterte vor Kälte. Er war nicht imstande gewesen, sich in Kuti eine Decke und Schuhe zu kaufen, und hatte anstatt dessen das Geld für Tabak ausgegeben.Dr.Wilson und ich erbarmten uns seiner. Wir hatten noch den Abend vor uns; so holte ich den Stoff heraus, den ich in Kuti gekauft hatte, und wir fingen an, mit Schere und Nadel einen neuen Anzug für den armen Kerl zuzuschneiden und zu nähen. Der Doktor besorgte das Zuschneiden und ich das Nähen. Ich kann nicht behaupten, daß ein Schneider von Profession nicht etwas besser Passendes zustande gebracht haben würde, aber die neuen Kleider saßen im allgemeinen nicht schlecht. Die einzige Unbequemlichkeit war die seitwärts zu schließende Jacke. Ich hatte keine Knöpfe und war deshalb genötigt, den Rock auf dem Manne selber zuzunähen.
Am nächsten Morgen um ½6 Uhr verließen wir das Lager. Hohe Berge ragten zu beiden Seiten von uns auf. Wir folgten dem Kuti, der hier von Westen nach Osten fließt. Auf der andern Seite des Kuti waren hohe senkrechte Felsen von einem lebhaft rot gefärbten Gestein mit blauen horizontalen Schichten, über denen eine Reihe sehr spitzer Gipfel emporragte.
Wir durchwateten drei Nebenflüsse des Kali; dann kamen wir an einen reißenden, tiefen Fluß, dessen Überschreitung uns große Mühe machte. Es war schon gegen Mittag, und der Strom, der von den schmelzenden Schneemassen gespeist wurde, stieg jeden Augenblick.
Zwei Kulis, die ich zuerst hineinschickte, erreichten die Mitte, wo ihnen das Wasser bis ans Kinn ging. Sie verloren den Halt und waren einen Augenblick hilflos und in Gefahr, fortgerissen zu werden. Die Lasten, die sie auf dem Kopfe trugen, waren teilweise verdorben, als es uns gelang, sie wieder ans Ufer zu bringen. Die andern Leute wurden dadurch abgeschreckt, und als sie sich nach einiger Zeit entschlossen, hinüberzugehen, war der Fluß so gestiegen, daß es unmöglich war, anders als durch Schwimmen auf das jenseitige Ufer zu gelangen; hiervon konnte aber wegen der Lasten keine Rede sein.
Wir mußten nun den Lauf des Stromes 2 Kilometer weit aufwärts verfolgen, bis wir eine ziemlich unsichere, doch passierbare Schneebrücke fanden, auf der meine Leute und Güter den Übergang bewerkstelligten. Wir nahmen unsern Kurs am Kuti wieder auf. Trotz der bedeutenden Höhe trafen wir große Flächen voll roter, violetter, weißer und leuchtend gelb gefärbter Blumen, die malerische, beständig wechselnde Effekte hervorbrachten.
Auf einem kleinen Passe von 4500 Meter angelangt, führt der Weg nach Darma am Jolinkan über den Lebungpaß. Es ist eigentlich nur ein Steig für Ziegen, beschwerlich und ermüdend, ausgenommen im Monat August, wo nur noch geringe Schneemengen vorhanden sind.
Der Jolinkanfluß, der auf dem Schneefelde östlich vom Lebung- oder Jolinkanpasse entspringt, mußte jetzt überschritten werden. Der stämmige Daku, der stets bereit war, sich nützlich zu machen, hob mich wie eine Feder auf seinen Rücken und bewahrte mich so davor, höher als bis über die Knie in das bitterkalte Wasser einzutauchen, wogegen es ihm bis an den Hals reichte. Links vomWege, der in eine Höhe von 4550 Meter hinaufgestiegen ist, liegt 25 Meter über ihm ein kleiner, wunderschöner See von 500 Meter Länge und 400 Meter Breite. Sein Wasser, in dem sich die hohen Schneegipfel ringsum widerspiegeln, findet Abfluß in einem kurzen, aber äußerst reißenden Flusse, der brausend in den Kuti strömt. Bald nachdem wir diesen See verlassen hatten, kamen wir an eine kleine Wasserfläche, neben welcher dreizehn eigentümliche Pfeiler oder Säulen stehen, deren jede von dem ersten Tibeter oder Schoka errichtet worden ist, der den Paß während des Sommers überschreitet. Ein ebensolches Zeichen sieht man auch oben auf einem großen, aus dem Wasser des größern Sees hervorragenden Felsen.
Obgleich die Sonne schnell hinter den Bergen im Westen niederging, eilten wir vorwärts, um soweit als möglich in die Region des ewigen Schnees vorzudringen. Wir gingen noch über welligen Boden, und das Marschieren war weder schwierig noch mühselig, abgesehen von den eisig kalten, sehr reißenden Bächen, die wir zu durchwaten hatten. Wir vermochten nicht wieder warm zu werden; denn von dem einen Bad noch durchnäßt und vor Kälte zitternd, mußten wir bald darauf den nächsten Bach durchwaten, und dies wiederholte sich des öftern, so daß wir unter der beständigen Kälte sehr litten.
Unter meinen Leuten herrschte große Unzufriedenheit über den langen Marsch, da ihre Füße von der Kälte erstarrt waren. Sie empörten sich fast, als ich sie an einem Lagerplatz, den sie ausgewählt hatten, nicht bleiben ließ, sondern ihnen befahl, den Marsch fortzusetzen. Drei Kilometer von dem Punkte, an dem sie haltmachen wollten, überblickten wir ein großes, flaches Becken voll Steine und Kies, ungefähr ein Kilometer breit und anderthalb lang, das dem Anscheine nach früher ein See gewesen war. Es war von hohen, schneebedeckten Bergen umgeben und lag in einer Höhe von 4690 Meter. Es schien, als hätte die ungeheuere Masse von Steinen und Kieseln, die der den See speisende Fluß mit sich geführt hatte, dessen Bett so erhöht, daß das Wasser in den Kuti abfloß. So wie ich ihn sah, bildete der Fluß ein ausgedehntes Delta mit nicht weniger als zwölf Armen, die sich in dem Becken wieder zu einem einzigen Wasserlauf vereinigten, bevor er sich in den Kuti ergoß.
Natürlich wählten wir die breitern Stellen zum Durchschreiten, da wir annahmen, daß sie seichter sein würden als die schmalern. Wieder einmal mußte ich an diesem Tage Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch das kalte Wasser waten. Es war ganz frisches Schneewasser und seine Temperatur wenig über dem Gefrierpunkt. Die Sonne war untergegangen, und es wehte schneidender Wind. Beim Überschreiten der zahlreichen Arme des Flusses fror ich so an den Füßen, daß ich kaum stehen konnte; überdies war das Treten auf scharfkantige Steine unter dem Wasser und das Anstoßen mit den erstarrten Zehen anfangs sehr schmerzhaft. Nach einer Weile waren meine Füße so gefühllos, daß ich einen eigentlichen Schmerz nicht mehr empfand, obgleich meine Fußsohlen und Zehen bei jedem Schritt zerschunden wurden. Nachdem ich fünf oder sechs Arme des Deltas hinter mir hatte, war ich außerstande, mich länger auf den Beinen zu halten; ich fing an, sie stark zu reiben, bis die Erstarrung langsam, aber unter heftigen Schmerzen wieder nachließ.
Es ist merkwürdig, wie sehr ein bißchen Humor bei solchen Gelegenheiten hilft. Für einen Zuschauer, der nicht wie wir zu leiden gehabt hätte, würde der Anblick unserer Gesellschaft beim Überschreiten jenes Deltas komisch gewesen sein. Der Ausdruck der Verdrießlichkeit auf den Gesichtern meiner Leute, von meinem eigenen nicht zu sprechen, würde den Unbeteiligten amüsiert haben. Das Entsetzen, das uns erfaßte, wenn wir, kaum aus dem einen gestiegen, immer wieder einen neuen Arm des Deltas vor uns auftauchen sahen, muß sich auf unsern Gesichtern gewiß in höchst drastischer Weise gezeigt haben. Unsere Fußbekleidung trugen wir auf den Schultern. Wir stolperten und plätscherten in dem grünlichen Wasser umher; jetzt fiel dieser, dann jener, vor Schmerzen fluchend, auf einer der Inseln nieder, bis wir schließlich alle auf halbem Wege kampfunfähig waren. Trotz unsers nicht beneidenswerten Zustandes, mit blutenden Füßen inmitten einer traurigen Öde, wurden meine Leute, die erst mürrisch gewesen waren, als ihnen ihr Wunsch abgeschlagen wurde, ganz gutmütig und lustig, als ich sie mit ihren augenblicklichen Mühsalen neckte und sie sahen, daß es mir nicht besser ging. Als wir nach endlosem Reiben in unsere Gliedmaßen etwas Blutzirkulation gebracht hatten, schickten wir uns an, die nächsten sechs Arme des Deltas zu überschreiten. Nachmehr als einstündiger Anstrengung konnten wir endlich unsere Fußbekleidung anziehen und empfanden dabei die wohltuende Befriedigung, die aus dem Bewußtsein der Überwindung von Schwierigkeiten hervorgeht. Nie kann ich meine Freude vergessen über eine sonst kaum beachtete Annehmlichkeit – über ein Paar warme Socken! Während ich diese Zeilen schreibe, durchlebe ich noch einmal das besondere Vergnügen, sie vorsichtig anzuziehen, und es wird mir für immer im Gedächtnis bleiben als Belohnung für die ausgestandenen Beschwerden.
Eine der hauptsächlichsten Schattenseiten des Reisens in hohen Regionen ist der Mangel an vegetabilischem Brennmaterial. Kein Baum, kein Strauch war in der Nähe unsers Lagers zu sehen. Die Natur trug hier ihr ödestes, dürftigstes Gewand. Da Holz fehlte, zerstreuten sich meine Leute, um den trockenen Dung von Jaken, Pferden und Schafen zu sammeln, der als Feuerung dienen sollte. Es war nicht leicht, dieses Material in Brand zu bringen; eine Schachtel Streichhölzer nach der andern wurde verbraucht und die vereinigte Kraft unserer Lungen hart in Anspruch genommen, um die Funken zu einer nur wenige Zoll hohen Flamme anzublasen. Auf diesem dürftigen Feuer versuchten wir Wasser zum Sieden zu bringen und unser Essen zu kochen, ein saures Stück Arbeit in dieser Höhe. Die Küche war an jenem Abend nicht von der gewöhnlichen Vortrefflichkeit und machte dem Koch nur wenig Ehre. Wir mußten alles halb gekocht oder, um es genauer zu sagen, fast gänzlich roh essen. Es war eine bitterkalte Nacht mit starkem Schneefall; als wir am Morgen aufstanden, lag der Schnee ein halbes Meter hoch rings um uns, und der blendende Glanz war für unsere Augen schmerzhaft.
Ich musterte meine Leute. Man Sing fehlte noch. Er war am Abend vorher nicht angekommen, und von dem Manne, den ich auf Suche nach ihm geschickt hatte, war auch keine Spur zu sehen. Ich war um Man Sing, der eine Last Mehl, Salz, Pfeffer und fünf Pfund Butter trug, besorgt und fürchtete, daß der arme Aussätzige von einem der gefährlichen Flüsse fortgerissen worden sein könnte; und wenn auch diese Befürchtung vielleicht grundlos war, so mußte er doch draußen in der kalten Nacht allein, ohne Obdach, ohne Feuer sehr zu leiden gehabt haben!
Es war lange nach Sonnenaufgang, als ich mit Hilfe meines Fernrohrs die beiden Männer entdeckte, die auf uns zukamen. Eine Stunde später langten sie an. Man Sing war mehrere Kilometer hinter uns gefunden worden, in tiefem Schlafe neben dem leeren Buttertopfe liegend, dessen Inhalt er verzehrt hatte. Die Entdeckung dieser Missetat verursachte im Lager die größte Entrüstung, denn Fett und Butter werden von den Eingeborenen, wenn sie über diese kalten Pässe gehen, als Wärme erzeugend sehr geschätzt. Er wurde fast das Opfer einer Lynchjustiz von seiten meiner erbosten Leute, und nur mit Mühe befreite ich ihn aus ihren Klauen. Um eine Wiederholung des Vorkommnisses zu verhindern, befahl ich dem Schuldigen, in Zukunft eine schwere Last von photographischen Platten und Instrumenten zu tragen, die nicht ganz so appetiterregend sein würden.
Ich nahm mein gewöhnliches Bad in dem kalten Fluß und rieb mich über und über mit Schnee ab. Das fand ich sehr stärkend, und wenn die Reaktion eintrat, fühlte ich trotz der dünnen Kleider, die ich trug, eine behagliche Wärme durch den ganzen Körper.
Während wir lagerten, erschien eine Herde von ungefähr 600 Schafen und mit ihnen einige Tibeter. Da ich mein tibetisches Zelt aufgestellt hatte, stürzten die Tibeter darauf zu in der Erwartung, einen ihrer Landsleute zu finden. Ihre Verlegenheit war ergötzlich, als sie sich Dr. Wilson und mir gegenübersahen. Eiligst nahmen sie ihre Pelzmützen vom Kopfe, legten sie auf den Boden und machten eine komische, knicksende Verbeugung, als ob ihre Köpfe und Knie sich vermittelst einer Feder bewegten. Dann streckten sie die Zungen in ihrer ganzen Länge heraus, bis ich ihnen ein Zeichen gab, daß sie sie zurückziehen könnten, da ich einige Fragen an sie richten wollte.
Die unerwartete Begegnung mit uns hatte sie sehr erschreckt. Sie zitterten vor Furcht am ganzen Körper, und nachdem ich so viel Auskunft aus ihnen herausgebracht hatte, als überhaupt in ihnen zu stecken schien, benutzte ich die günstige Gelegenheit, einige ihrer fettesten Schafe zu kaufen. Als das Geld bezahlt war, gab es, ehe die Tibeter sich entfernten, eine neue Ausstellung von Zungen und noch großartigere Salaams, während auf unserer Seite alle Mann bemüht waren, die soeben gekauften Tiere an der Rückkehr zur Herde zu verhindern.
Auf unserm nächsten Marsche waren diese Tiere eine große Plage für uns; wir mußten sie den größten Teil des Weges zerren. Katschi, der mit der Führung eines sehr widerspenstigen, starken Tieres betraut war, das ich meinen Leuten ausdrücklich zum Mittagessen versprochen hatte, wenn sie an diesem Tage einen langen Marsch machten, geriet ganz außer Fassung, als er fand, daß das Schaf den Kopf aus der Schlinge gelöst hatte, an der er es zog, und daß es mit größter Geschwindigkeit nach der entgegengesetzten Richtung fortrannte. Nun ist es wohlbekannt, daß das Laufen in hohen Regionen für den Menschen sehr beschwerlich ist, da die dünne Luft fast zum Ersticken bringt. Trotzdem jagte Katschi hinter dem entlaufenen Tiere her, und, von dem Freudengeschrei und den Zurufen meiner Leute angefeuert, gelang es ihm nach einer aufregenden Jagd, das Tier am Schwanze zu erwischen, ein Kunststück, das leichter zu beschreiben als auszuführen ist, denn die tibetischen Schafe haben sehr kurze Stummelschwänze. Erschöpft fiel Katschi zu Boden, hielt aber mit beiden Händen den Flüchtling fest, bis das Tier an den Strick gebunden war.
Auf ziemlich welligem Boden stiegen wir allmählich zu einem Paß in 4750 Meter Höhe empor und dann folgten wir dem Kuti mit seinen hohen schneebedeckten Bergen im Westen und Osten. Die Schneelinie war in 4870 Meter Höhe. Noch immer waren rote und weiße Blumen zu sehen, wenn auch nicht in solchen Mengen wie tiefer unten, auch beobachtete ich allerliebste, kleine schwarz und weiße Schmetterlinge. Dieselbe Schmetterlingsart fand ich in Tibet sogar in noch höheren Regionen.
Wir kamen an einen merkwürdigen, flachen, kreisrunden Stein, der auf einem andern Felsen lag; er wurde mir als ein Wunder gezeigt. Nach einer unter den Schokas verbreiteten Sage hat einer ihrer Landsleute vor Jahrhunderten neben dem Felsen haltgemacht und einen Tschapati gebacken, den er auf den Stein legte. Als er sich anschickte, einen zweiten Tschapati zu machen, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß der erste sich in festen Stein verwandelt und einen ungeheuern Umfang angenommen hatte.
Verdächtige Fußtapfen.
Verdächtige Fußtapfen.
Ein paar Meter weiter wurde mir ein anderes Wunder gezeigt, eine große menschliche Hand, wie die Tibeter und Schokas das Ding nennen, die nach der Legende dem Manne mit dem Tschapati angehört habe. Mit seiner ersten Erfahrung nicht zufrieden,hatte er eine Hand auf den Felsen gelegt, wo sie versteinert und ins Riesenhafte vergrößert liegenblieb. Mit einigem Aufwand von Phantasie konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer ungeheuern Menschenhand herausfinden.
Begrüßung des heiligen Berges Kelas.
Begrüßung des heiligen Berges Kelas.
Kilometer um Kilometer marschierten wir über scharfkantige Steine; wir wateten durch ein zweites beschwerliches, reichlich anderthalb Kilometer breites Delta von acht Armen und quer über ein flaches Becken mit Kieseln und spitzen Steinen, bis wir endlich zu unserer großen Freude auf weiches Grasland kamen, eine wohltuende Erleichterung für unsere wunden Füße.
Gerade vor mir stand das letzte Hindernis, das ungeheuere Rückgrat des Himalaja. War dieses einmal überschritten, so würde ich auf jenem hohen tibetischen Plateau sein, das so zutreffend und anschaulich das »Dach der Welt« genannt wird.