Neunundzwanzigstes Kapitel.Auf dem Boden Gottes.
In fast nördlicher Richtung gingen wir über die Ebene, bis wir an einen Hügelzug kamen, den wir überschritten. Dann stiegen wir, indem wir unsern Kurs nach Nordost änderten, mehrere Hügel hinab und hinauf und befanden uns endlich in dem grasigen geschützten Tale des großen Gunkyosees, der sich von Südost nach Nordwest ausdehnt. Der See war von außerordentlicher Schönheit. Die hohen, schneebedeckten Gangriberge erhoben sich fast unmittelbar aus seinen Fluten und bildeten auf der Südseite einen wilden, malerischen, aber über alle Beschreibung kahlen und öden Hintergrund. Am andern Ende des Sees, im Nordwesten, schlossen niedrigere Berge das Wasser ein.
Wir lagerten in 5015 Meter Höhe, und die Soldaten schlugen ihr Lager etwa 50 Meter von uns entfernt auf.
Am Abend kamen die Tibeter nach meinem Lager herüber und machten sich angenehm, indem sie launig über alle möglichen Gegenstände sprachen. Sie halfen uns Brennmaterial herbeischaffen und brauten mir Tee nach tibetischer Art. Sie schienen anständige Burschen, schlau, wenn man will, doch mit mehr guten als bösen Eigenschaften. Sie erklärten, daß sie die Lamas, die Beherrscher des Landes, haßten, und gaben ihnen mit besonderem Vergnügen Namen, die kaum zu wiederholen sind. Ihrer Behauptung nach besaßen die Lamas alles Geld, das ins Land kam, und es war niemand außer ihnen gestattet, welches zu haben. In den Mitteln, die sie anwendeten, um ihr Ziel zu erreichen, seien sie nicht wählerisch; sie seien grausam und ungerecht. Jeder Mann in Tibet, sagten sie, sei im Falle der Not Soldat und jeder ein Diener der Lamas. Die Soldaten des stehenden Heeres erhielten eine bestimmte Menge Tsamba, Ziegeltee und Butter;dies sei alles, da keine Löhnung in barem Gelde gegeben werde. Gewöhnlich jedoch erhielten sie ein Pferd zum Reiten, und wenn sie Reisedienst hätten, hätten sie das Recht, Relaispferde auf Poststationen und in Dörfern zu bekommen, wo sie auch berechtigt wären, Ergänzungen ihres Proviants, Sättel oder alles andere zu verlangen, dessen sie bedurften, um damit bis zur nächsten Niederlassung auszureichen. Die Waffen (Schwert und Luntenflinte) gehörten gewöhnlich den Leuten selbst und blieben immer in der Familie; aber gelegentlich, besonders in den größern Städten, wie Lhasa und Schigatse, beschafften die Lamas solche. Pulver und Kugeln würden ausnahmslos von den Behörden geliefert. Die Waffen würden meist in Lhasa und Schigatse angefertigt. Obgleich die Tibeter mit der großen Treffsicherheit beim Schießen mit ihren Luntenflinten prahlten, die hölzerne Gabeln hatten, um dem Schützen ein sicheres Zielen zu ermöglichen, habe ich nie das Vergnügen gehabt, selbst von den Meisterschützen des Landes das Ziel treffen zu sehen. Freilich benutzt der tibetische Soldat zu Sportzwecken und aus Sparsamkeit fast niemals Bleikugeln oder Schrot, sondern zieht es vor, den Lauf mit kleinen Steinen zu füllen, die kaum geeignet sind, ihn zu verbessern. Überdies war das Pulver so knapp, daß sie nur sehr selten Gelegenheit hatten zu üben; daher die geringe Fertigkeit.
Bei Sonnenaufgang war der Anblick des Gunkyosees großartig. Der Schnee auf den Bergen war in rote und goldene Tinten getaucht, und das kleinste Detail der Gipfel spiegelte sich in den Fluten des Sees wider. Wir beluden unsere Jake, wobei die Tibeter uns hilfreiche Hand leisteten, und machten uns auf den Weg nach dem Maiumpaß, indem wir im ganzen eine ostsüdöstliche Richtung an dem Flusse hinauf verfolgten, der sich in den Gunkyosee ergießt.
Das Tal war sehr eng und zog sich in beständigem Zickzack hin; aber obgleich die Höhe sehr groß war, gab es Gras im Überfluß, und das Grün war für die vom Schnee, den rötlichen kahlen Bergen und den wüstenartigen Strecken Landes ermüdeten Augen sehr wohltuend. Wir kamen an ein Becken, wo auf dem gegenüberliegenden Ufer des Flusses ein großer tibetischer Lagerplatz mit einer hohen Mauer von Steinen sich befand. Hinter ihr konnte ich Rauch aufsteigen sehen.
Unsere tibetischen Freunde baten mich, hier anzuhalten, um zu plaudern und Tee zu trinken. Ich sagte, daß ich von beiden genug gehabt hätte und weitergehen wolle.
»Wenn du weitergehst, werden wir dich töten«, sagte einer der Soldaten, der zornig wurde und unsere Höflichkeit gegen ihn und seine Genossen mißbrauchte.
»Nga samgi ganta indah.Wie du willst«, antwortete ich mit studierter Höflichkeit.
»Wenn du noch einen Schritt gehst, werden wir dir den Kopf abschneiden oder du mußt unsere abschneiden«, riefen zwei oder drei andere, indem sie mir ihre nackten Hälse entgegenstreckten.
»Taptih middu.Ich habe kein kleines Messer bei mir«, erwiderte ich ganz ernsthaft und mit erheucheltem Verdruß, während ich nach tibetischer Art meine Hand in der Luft herumwirbelte.
Die Tibeter wußten nicht, was sie aus mir machen sollten. Sie schienen ganz verblüfft, und als ich nach dem Passe, auf dem Hunderte von fliegenden Gebeten in der Luft flatterten, ging, nachdem ich ihnen in der anerkannt besten tibetischen Form mit ausgestreckter Zunge und vor der Stirn geschwenkten, die Flächen nach oben gerichteten Händen höflich Lebewohl gesagt hatte, nahmen sie ihre Mützen ab und grüßten uns, indem sie sich auf die Knie niederließen und die Köpfe dicht an den Boden brachten.
Wir überschritten die Ebene und stiegen langsam zum Passe hinauf. Nahe am Gipfel kamen wir an die Straße von Ladak nach Lhasa über Gartok, die an der nördlichen Seite des Rakastal-, des Mansarowar und des Gunkyosees entlang führt. Auf dem Passe selber waren Stangen aufgepflanzt, die durch Stricke miteinander verbunden waren, an denen fliegende Gebete lustig im Winde flatterten. Auch Obo oder Hügel von Steinen waren hier aufgerichtet. Sie waren gewöhnlich weiß und trugen vielfach die Inschrift »Om mani padme hum«. Neben diesen Obo waren Schädel und Hörner von Jaken sowie von Ziegen und Schafen niedergelegt, auf denen dieselben Worte in die Knochen eingegraben und mit dem Blute der getöteten Tiere rot gefärbt waren.
Diese Opfergaben werden von den Tibetern, wenn sie einen hohen Paß überschreiten, den Göttern dargebracht, namentlich wenn ein Lama dabei ist, der dieses Ereignis feiert. Das Fleisch des getöteten Tieres wird von den anwesenden Leuten gegessen,und wenn die Gesellschaft groß ist, folgen Tanz und Gesang auf das Mahl. Diese Obo finden sich über das ganze Land verstreut; sie bezeichnen die Pässe und die Berggipfel, und kein Tibeter geht an einem von ihnen, und wäre er noch so klein, vorbei, ohne einen weißen Stein auf ihm niederzulegen. Dadurch werden die Götter in freundlicher Stimmung erhalten, und es werden sich auf der Reise keine Unfälle ereignen.
Die Höhe des Maiumpasses beträgt 5335 Meter. Hier war ich schon weiter in das verbotene Land vorgedrungen, als irgendeinem andern Engländer von dem Punkte aus gelungen war, wo ich Tibet betreten hatte. Aber damit war ich noch nicht zufrieden. Der Maiumpaß ist eine wichtige Landmarke in Hundes; denn nicht nur entspringt auf seinen südöstlichen Abhängen eine der Quellen des großen Tsangpu oder Brahmaputra, sondern er trennt auch die ungeheuern Provinzen von Nari-Chorsum, die sich westlich von dem Maiumpasse ausdehnen und das gebirgige, seenreiche Gebiet bis Ladak hin umfassen, von Yu-tsang, der Zentralprovinz von Tibet, die sich östlich von dem Passe an dem Tale des Brahmaputra entlang erstreckt und Lhasa, die Hauptstadt des Landes, enthält.
Das Wort Yu bedeutet im Tibetischen Mitte und wird auf die Provinz angewendet, da diese in der Mitte von Tibet liegt. Nördlich von dem Maiumpaß liegt die große Provinz Doktol.
Ich hatte einen Rekognoszierungsgang nach einem andern, nordöstlich von uns gelegenen Passe unternommen und war eben zu meinen Leuten auf den Maiumpaß zurückgekehrt, als mehrere der tibetischen Soldaten, die wir hinter uns gelassen hatten, auf uns zugeritten kamen. Sie schienen sehr aufgeregt und machten uns Zeichen, auf sie zu warten. Natürlich taten wir dies.
»Dort auf der andern Seite des Passes ist das Gebiet von Lhasa,« sagte der erste Reiter und wies auf das Tal unter uns; »wir verbieten euch, es zu betreten.«
»Ich habe nie Befehlen gehorcht,« erwiderte ich, »und werde es auch nie tun.«
Damit trieb ich die beiden Jake vor mir her und betrat, von Tschanden Sing und Man Sing gefolgt, die heiligste aller heiligen Provinzen, den »Boden Gottes«.
Schnell stiegen wir auf der Ostseite des Passes hinab. Die Soldaten blieben bestürzt oben stehen und sahen uns nach. Es war ein hübsches Bild, als sie sich zwischen den Obo gegen den Himmel abzeichneten und die Sonne auf ihre juwelenbesetzten Schwerter und die roten Fahnen ihrer Luntenflinten schien, während über ihren Köpfen Reihen von fliegenden Gebeten im Südostwinde flatterten.
Wir setzten unsern Abstieg fort, und als ich bald danach den Kopf umwandte, um zu sehen, was die Soldaten anfingen, waren sie verschwunden.
Eine kleine, kaum 15 Zentimeter breite Wasserader rann zwischen Steinen in der Mitte des Tales hinab und wurde bald durch andere Rinnsale vergrößert, die sich auf den Bergen zu beiden Seiten aus schmelzendem Schnee bildeten. Es war eine Quelle des großen Brahmaputra, eines der größten Flüsse der Welt. Die andere Quelle besuchte ich auf meiner Rückreise.
Ich muß gestehen, daß ich stolz war, der erste Europäer zu sein, der diese Quelle erreicht hatte, und ich empfand ein kindliches Vergnügen, mich über diesen heiligen Strom zu stellen, der, weiter unten von so ungeheuerer Breite, hier von einem Manne mit den Beinen bequem überspannt werden konnte. An der Ursprungsstelle tranken wir von seinem Wasser, dann setzten wir, einem Fußpfade folgend, unsern Abstieg auf einer sanften Abdachung durch ein grasiges Tal fort.
Der Unterschied zwischen dem Klima auf der westlichen und dem auf der südöstlichen Seite des Maiumpasses ist sehr bedeutend. Auf der westlichen Seite hatten wir nichts als heftige Hagel-, Regen- und Schneestürme, und die Feuchtigkeit in der Luft machte es selbst während des Tages recht kalt. Der Boden war ungewöhnlich sumpfig, und es war nur sehr wenig Brennmaterial und Gras zu finden. Sowie der Paß überschritten war, befanden wir uns in einem milden, angenehmen Klima mit einem lieblichen dunkelblauen Himmel über uns und einer Menge von Gras für die Jake, wie auch niedrigen Büschen für unser Feuer, so daß wir nach allen unsern Leiden und Entbehrungen fühlten, daß wir in der Tat den »Boden Gottes« betreten hatten. Trotzdem ich erwartete, daß uns früher oder später großes Ungemach treffen werde, bedauerte ich durchaus nicht, daß ich den Befehlen derSoldaten nicht gehorcht hatte und in das verbotene Gebiet eingedrungen war.
Der Brahmaputra nahm drei kleine schneegespeiste Nebenflüsse auf, die reißend schnell von den steilen Bergen zu unsern beiden Seiten herabkamen. Wo der Hauptstrom sich scharf nach Südsüdost wandte, kam noch ein vierter bedeutender Nebenfluß, der sehr große Wassermassen führte, aus nordnordöstlicher Richtung durch eine Schlucht zu ihm herab.
Nahe dem Vereinigungspunkte dieser Flüsse schlugen wir auf dem rechten Ufer des Hauptstromes in einer Höhe von 5070 Meter das Lager auf. Von dem Maiumpasse aus läuft eine Fortsetzung des Gangrigebirges zuerst in südöstlicher, dann in genau östlicher Richtung fast parallel mit der höhern südlichen Kette des Himalaja und bildet eine weite, vom Brahmaputra durchschnittene Ebene. Auf der südlichen Seite des Flusses sieht man kleinere Hügelzüge zwischen dem Flußlaufe und dem großen Gebirgszuge mit seinen majestätischen, schneebedeckten Gipfeln und den prächtigen Gletschern. Die nördliche Kette läuft in einer fast parallelen Linie mit der größern südlichen Kette, und wenn auf ihr auch keine Berge von sehr beträchtlicher Höhe zu finden sind, so ist sie dennoch von geographischer Bedeutung, da ihr Kamm bis nach Lhasa hin die Wasserscheide des heiligen Brahmaputra bildet.
Das zwischen den beiden parallelen Ketten eingeschlossene Tal ist das am dichtesten bevölkerte Tal in Tibet. Gras und Brennholz sind im Überfluß vorhanden; deshalb sieht man auch in der Nähe der vielen tibetischen Lager längs des Brahmaputra und seiner hauptsächlichen Nebenflüsse Tausende von Schafen und Ziegen weiden.
Die Handelsstraße, auf der die Karawanen von Ladak nach Lhasa ziehen, läuft in diesem Tal entlang, und da ich nach Tibet gekommen war, um die Tibeter zu studieren, schlug auch ich diese Straße ein, die noch nie von einem Europäer betreten worden war. Meine Leute und ich waren uns der Gefahr, die wir liefen, wohl bewußt, aber dies machte uns die Reise nur um so interessanter.