Viertes Kapitel.Die ersten Schokas.
Von Chela nach Hundes oder Tibet führen zwei Hauptstraßen, die eine durch das Tal des Doli oder Darma, die andere längs des Kali und über den Lippupaß.
Die Handelsstraße durch das Darmatal wird weniger benutzt als die über den Lippu, aber sie ist trotzdem wichtig, da über sie ein gewisser Teil des Handels zwischen Südwesttibet und Indien durch die Vermittelung der Darma-Schokas läuft. Die Hauptartikel dieses Handels sind Borax, Salz, Wolle, Häute, Tuch und Werkzeuge, wogegen die Tibeter Silber, Weizen, Reis, Satu, Ghur, Kristallzucker, Pfeffer, Glasperlen aller Art sowie Manufakturwaren indischer Herkunft eintauschen. Für einen Gebirgsweg und in Anbetracht der großen Höhen, zu denen er sich erhebt, ist der Darmaweg verhältnismäßig gut und sicher, trotzdem der schmale Pfad, der sich immer dicht am Doliflusse hinaufzieht, an vielen Stellen an tiefen Schluchten und Abgründen entlang führt.
Der Doli entspringt aus einer Reihe ziemlich kleiner Gletscher im Nordosten eines Gebirgszuges, der ein Ast der höhern Himalajakette ist und sich in südöstlicher Richtung bis zum Vereinigungspunkte der beiden Flüsse hinzieht. Er nimmt in seinem reißenden obern Laufe viele kleine, durch Schneewasser genährte Nebenflüsse auf, von denen die aus den Schneefeldern von Katz und vom Nuigletscher kommenden die bedeutendsten sind.
Die Gletscher im Nordosten und Osten sind zahlreicher als die im Westen, doch gibt es hier einen sehr bedeutenden, der in seinen verschiedenen Teilen die Namen Kala Baland, Schun Kalpa und Tertscha führt. Längs der nördlichsten 28 Kilometer desBergzuges, südlich von dem Punkte, wo er sich mit der Himalajakette vereinigt, befinden sich andere Gletscher von beträchtlicher Größe und Bedeutung; doch konnte ich ihre Namen nicht feststellen, mit Ausnahme des Lissar Sewa, des nördlichsten von allen, der die Quelle des Lissar bildet.
Das Zwischengebirge zwischen dem Lissar und Gori ist geographisch von großer Bedeutung, und zwar nicht nur, weil es die Grenze zwischen Darma und Johar, den beiden Teilen von Bhot, bildet, sondern auch wegen seiner prachtvollen Berggipfel, die im Bambadura eine Höhe von 6328 Meter erreichen.
Westlich von dem erwähnten Bergrücken findet sich noch eine zweite, bedeutendere Kette, die mit jenem parallel laufend von dem Kamme des großen Himalajasystems sich abzweigt. Diese zweite Kette enthält die höchsten Berge des britischen Reiches, den Nanda Dewi von 7820 Meter, mit seinem zweiten Gipfel von 7430 Meter, ferner den Trisul mit 7134 Meter, den östlichen Trisul mit 6815 Meter und Nanda Kot mit 6867 Meter Höhe. Dieser Bergzug und seine Verzweigungen trennen die Täler des Gori, das Pargana von Johar, von dem westlichsten Teile von Bhot, dem Pargana von Painchanda.
Die drei alpinen Parganas, Painchanda, Johar und Darma (Darma, Tschaudas und Bias), werden von Volksstämmen bewohnt, die mit denen des eigentlichen Tibet eng verbunden und verwandt sind. Das ganze Gebiet wird mit dem gemeinsamen Namen Bhot bezeichnet, obgleich diese Bezeichnung von den Eingebornen Indiens speziell nur für den Teil des Landes gebraucht wird, der Darma, Bias und Tschaudas umfaßt und im Südosten als natürliche Grenze den Kalifluß hat, der ihn von Nepal trennt, im Nordosten dagegen die große Himalajakette, die sich von der Lissarspitze ungefähr in Ostsüdost hinzieht.
Das Wort Bhot, auch Bod, Pote, Tüpöt oder Taipöt, das der Name dieser interalpinen Region ist, bedeutet Tibet. In der Tat ist Tibet nur korrumpiert aus Tüpöt. Die hochgelegenen »Pattis« von Darma, Bias und Tschaudas sind, dem Namen nach, ein Teil des britischen Reiches und unsere geographische Grenze gegen Nari Chorsum oder Hundes (Groß-Tibet), indem die Hauptkette des Himalaja die Wasserscheide zwischen den beiden Ländern bildet. Trotz des tatsächlichen Besitzrechtsfand ich, daß man den Eingeborenen in der Ansicht recht geben muß, daß das britische Prestige und der britische Schutz in diesen Gegenden nur Mythe sind, daß tibetischer Einfluß allein herrschend ist und tibetisches Gesetz aufgezwungen wird und gefürchtet ist. Die Eingeborenen zeigten den Tibetern gegenüber unwandelbare, tiefste Unterwürfigkeit und knechtischen Gehorsam, während sie zu gleicher Zeit von diesen gezwungen wurden, gegen die britischen Beamten tatsächliche Nichtachtung zur Schau zu tragen. Man zwang sie sogar, die Mehrzahl bürgerlicher und krimineller Vergehen vor die tibetischen Behörden zu bringen, anstatt sie vor einem britischen Gerichtshofe verhandeln zu lassen.
In der Tat beanspruchen die Tibeter offenkundig den Besitz der »Pattis« an der Grenze von Nari Chorsum, und um unsern Eingeborenen noch augenfälliger mit ihrer der britischen überlegenen Macht zu imponieren, kommen sie zum Überwintern auf unsere Seite herüber und machen sich in den wärmern Tälern und in den größern Märkten ganz heimisch. Sie bringen ihre Familien mit und treiben Tausende und aber Tausende von Schafen vor sich her, um sie auf unsern Weideplätzen grasen zu lassen. Sie zerstören allmählich unsere Waldungen in Bias, um das südwestliche Tibet mit Brennholz für die Sommermonate zu versorgen, und dafür bezahlen sie nicht nur gar nichts, sondern unsere eingeborenen Untertanen müssen sogar dieses Holz ohne jeden Lohn über die hohen Pässe transportieren. Natürlich entblöden sich so gewissenlose Eindringlinge nicht, unter allen Vorwänden Nahrungsmittel, Kleider und alles, was sie sonst noch erhalten können, von den Eingeborenen zu erpressen. Einige von ihnen gehen alljährlich weit nach Süden, bis Lucknow, Kalkutta und Bombay.
Das sind die sanften Tibeter! Ein Volk von Eremiten, das in einem verschlossenen Lande wohnt! –
***
Tschanden Sing, stets bemüht, höflich und hilfreich zu sein, wollte nichts davon hören, daß ich meine Skizzen- und Notizbücher, wie ich es stets gewohnt gewesen, selber trüge. Er bestand darauf, dies für mich zu tun.
»Hum pagal neh, ich bin kein Narr,« sagte er mit der Miene einer tiefgekränkten Seele, »ich werde gut auf sie achtgeben.«
Nachdem wir zuerst bis zum Doliflusse hinabgestiegen waren, der 240 Meter tiefer als Chela liegt, und den Fluß auf einer hölzernen Brücke überschritten hatten, stiegen wir einen steilen Weg hinauf. Das Zickzack bergaufwärts schien kein Ende zu nehmen. Hin und wieder löschten wir unsern Durst an dem kristallklaren Wasser einer Quelle, die hochwillkommen war bei diesem langweiligen Aufstieg unter glühender Sonne. Elf Kilometer hinter Chela waren wir schon wieder zu 2171 Meter Höhe emporgelangt. Von hier aus wurde der Aufstieg weniger ermüdend. Doch stiegen wir noch 3½ Kilometer weiter bis zu 2272 Meter, wo wir in Pungo im Schatten herrlicher alter Bäume eine Frühstücksrast machten.
Hier kamen wir in das erste bewohnte Dorf der Schokas, die gewöhnlich, aber fälschlich Botiya genannt werden. Der Teil ihres Landes, in dem ich mich jetzt befand, führt den Namen Tschaudas.
Eine angenehme Überraschung erwartete mich hier. Ein schmuck aussehender Bursche in halb europäischer Kleidung trat ungeniert vor mich hin, streckte mir die Hand entgegen und schüttelte lange Zeit die meine recht jovial und freundschaftlich.
»Ich bin ein Christ«, sagte er.
»Das konnte ich mir nach der Art deines Handschüttelns denken.«
»Ja,« fuhr er fort, »ich habe etwas Milch, etwas Tschapati (Brot der Eingeborenen) und einige Nüsse für dich bereit; bitte, nimm sie an.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »du scheinst kein schlechter Christ zu sein. Wie heißt du?«
»G. B. Walter, mein Herr. Ich unterrichte in der Schule.«
Eine Menge Schokas hatte sich inzwischen zugesellt. Als ihre erste Schüchternheit überwunden war, zeigten sie sich höflich und freundlich. Die Naivität und das anmutige Benehmen der Schokamädchen fiel mir bei dieser meiner ersten Bekanntschaft mit ihnen besonders auf. Viel weniger scheu als die Männer, kamen sie näher, scherzten und lachten, als ob sie mich ihr Leben lang gekannt hätten. Ich schickte mich an, zwei oder drei der hübschesten von ihnen zu zeichnen.
»Wo ist mein Skizzenbuch, Tschanden Sing?« fragte ich meinen Träger.
»Hazur hum mallum neh!Ich weiß es nicht, Herr«, lautete seine melancholische Antwort, während er seine leeren Taschen durchsuchte.
»So, du Schurke! Paßt du so auf meine Tagebücher und Skizzen auf! Was hast du mit ihnen gemacht?«
»O, Sahib, als ich am Doli Wasser trank, hatte ich das Buch noch in der Hand. Ich muß es auf einem Stein haben liegen lassen, als ich mich bückte, um zu trinken«, erklärte der arme Kerl.
Selbstverständlich wurde Tschanden Sing schleunigst nach der angegebenen Stelle zurückgeschickt, mit der strengen Weisung, sich ohne das Buch nie wieder vor mir sehen zu lassen.
Ich brachte zwei angenehme Stunden damit zu, mir die primitiven Webstühle der Schokas, ihre Art des Spinnens und der Herstellung von Stoffen erklären zu lassen. Die Webstühle der Schokas gleichen in jeder Hinsicht den bei den eigentlichen Tibetern üblichen.
Der Lehrer von Pungo.
Der Lehrer von Pungo.
Ihre Konstruktion ist einfach. Der Zettel wird in sehr starker Spannung gehalten, und der Baum, auf den das fertige Gewebe aufgerollt wird, liegt während des Webens auf dem Schoße der Weberin. Tretschemel, vermittelst deren die beiden Lagen der Fäden nach dem jedesmaligen Durchgange des Einschlagfadens gehoben oder niedergedrückt werden, befinden sich an dem Webstuhle der Schokas nicht, die ganze Arbeit wird mit der Hand getan. Der Einschlagfaden wird mit einem schweren Holzstück von prismatischer Form durchgezogen.
Das zum Weben verwendete Material ist Jak- oder Schafwolle, die entweder in ihrer natürlichen Farbe gelassen oder in den Grundfarben rot, blau und gelb und nur in einer einzigen Mischfarbe, grün, gefärbt wird. Blau und rot werden fast in gleichem Maße verwendet, dann grün. Gelb wird sehr sparsam benutzt.Der Faden ist gut gezwirnt und wird vor dem Spinnen keiner Aufbereitung unterzogen, so daß der festgewebte Stoff etwas fettig ist, wodurch er wasserdicht wird.
Die Schokafrauen sind in dieser alten Kunst sehr erfahren und sitzen geduldig Tag für Tag im Freien, damit beschäftigt, mit mehrern Sätzen von Einziehnadeln höchst verwickelte, kunstvolle Muster zu weben. Diese farbigen Gewebe, mit Ausnahme der einfachern blaugrundig gestreiften, die zu Frauenkleidern gebraucht werden, sind gewöhnlich sehr schmal, während die weniger sorgfältig gearbeiteten, wie z. B. der weiße Stoff, aus dem Männerkleider gemacht werden, ungefähr 40 Zentimeter Breite haben.
Die Muster der mehrfarbigen Gewebe werden aus dem Kopfe gearbeitet; sie enthalten weder Bogenlinien noch Kreise, sondern weisen nur aus geraden Linien zusammengesetzte Ornamente auf, Zusammenstellungen von kleinen Rauten und Quadraten, die durch lange, dreifarbige parallele Streifen voneinander getrennt sind und die Hauptideen der Schokas in der Ornamentik der Weberei darstellen.
Die begabtern unter den jungen Schokaweibern besitzen viel Geschick im Weben von Teppichen oder vielmehr groben Wolldecken. Das Vorbild dazu haben sie von alten chinesischen Decken genommen, die über Lhasa ihren Weg hierher gefunden haben. Wenn das Gewebe der Schokas bei genauerer Prüfung auch in Güte und Arbeit beträchtlich von jenen abweicht, so sind die Decken doch hübsch anzusehen. Sie werden auf groben, geflochtenen Zwirnmatten gewebt, die farbigen Fäden vertikal eingelassen. Die weiche Oberfläche der Decke ist im Aussehen dem der persischen Teppiche nicht unähnlich, aber sie fühlt sich nicht so angenehm an wie diese.
Nach und nach wurde ich bei dem Gedanken an das verlorene Buch doch sehr besorgt, da es ja alle meine Reisenotizen enthielt. Der Gedanke, daß es auf einen Felsen gelegt worden war, der vom reißenden Wasser bespült wurde, daß es hinuntergeglitten und fortgerissen sein konnte, versetzte mich in einen Zustand größter Aufregung.
Endlich sah ich eine taumelnde Gestalt näherkommen; es war Tschanden Sing, der das Buch triumphierend in der Luft schwenkte. Er war den viele Kilometer langen Weg zum Flusse hinab und wieder zurück so schnell gelaufen, daß er völlig erschöpftwar, als er bei mir anlangte. Er händigte mir das Buch ein, und dann brachen wir wieder auf, von Walter und der ganzen Gemeinde den steilen Abhang nach dem Flusse hinunter begleitet. Hier ergriffen einige der Schokas meine Hände und legten sie an ihre Stirn, indem sie sich feierlich verneigten. Andere umschlangen meine Füße, während das Weibervolk mir das übliche hindostanische »Atscha giao!Gehe gut!« zurief.