Vierundvierzigstes Kapitel.In die Heimat.
Die Schokas, die hierher zum Markte gekommen waren, um ihre Waren gegen tibetische einzutauschen, waren starr vor Staunen, als sie uns sahen, und sie erkannten uns kaum.
Wir fragten natürlich sofort nachDr.Wilson, und als wir ihn sahen, fanden wir, daß auch er uns kaum mehr erkannte, so verändert sahen wir aus. Er schien über unser Aussehen tief bewegt.
Als die Nachricht von unserer Ankunft sich im Lager verbreitete, wurde uns von allen, die nicht Tibeter waren, die größte Freundlichkeit erwiesen. In einer Ecke von Wilsons Zelt befand sich eine große Quantität Kandiszucker, mehrere Pfund; ich war so verhungert, daß ich davon große Stücke schnell verschlang. Später brachten meine Schokafreunde Geschenke aller Art in Gestalt von Eßwaren herbei, aus denen des Doktors Koch ein üppiges Mahl zu bereiten hatte.
Der politische Peschkar Charak Sing erschien schleunig mit einem Anzuge zum Wechseln für mich, undDr.Wilson gab mir andere Kleidungsstücke. Mein eigener zerlumpter Anzug wimmelte buchstäblich von Läusen, denn unsere Wachen hatten uns nie erlaubt, die Kleider zu wechseln, noch je davon hören wollen, daß wir uns wüschen. Nur durch eine ganz besondere Gunst war uns damals gestattet worden, in dem heiligen Mansarowarsee zu baden.
Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.DER TARJUM VON TOKTSCHIM.
Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.DER TARJUM VON TOKTSCHIM.
Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.
Aquarellskizze von H. S. Landor.
F. A. Brockhaus, Leipzig.
DER TARJUM VON TOKTSCHIM.
Später am Tage untersuchteDr.Wilson meine Wunden und Verletzungen und sandte darüber ausführliche Berichte direkt an die indische Regierung und an verschiedene Landesbehörden.
Von Wilson und Charak Sing sorglich gepflegt und durch reichlichen Genuß guter Speisen gestärkt, belebte sich wie durch Zauber wieder mein Mut, der schon ziemlich tief gesunken war, und so seltsam es klingen mag, nach ein paar Stunden des Glückes fing ich schon an, das Ungemach und die Leiden, die ich erduldet hatte, zu vergessen. Ich blieb drei Tage in Taklakot und erhielt in dieser Zeit einen Teil meines konfiszierten Gepäcks von den Tibetern zurückerstattet. Wie man sich wohl vorstellen kann, war ich überglücklich, als ich unter den wiedererlangten Sachen mein Tagebuch, meine Notizbücher, Karten und Skizzen entdeckte. Meine Feuerwaffen, etwas Geld, der Ring, den ich schon als Geschenk meiner Mutter erwähnt habe, mehrere mathematische Instrumente, Sammlungen, über 400 photographische Negative und verschiedene andere Gegenstände fehlten zunächst, aber ich war schon froh, so viel zurückzubekommen. Glücklicherweise erlangte die indische Regierung später einige der noch fehlenden Gegenstände.
InDr.Wilsons Zelt erschienen auf dessen Wunsch der Tarjum von Toktschim, dessen Bildnis ich hier gebe, sein Privatsekretär Nerba, der eine wichtige Rolle bei meiner Folterung gespielt hatte, der Sekretär des Jong Pen und der alte Lapsang in einem schönen grünen Samtrock mit weiten Ärmeln. Die genannten tibetischen Beamten gaben vor dem politischen Peschkar,Dr.Wilson, Pundit Gobaria und vielen Schokas an, sie seien auf das, was sie getan hatten, stolz und sie gebrauchten Ausdrücke, die durchaus nicht schmeichelhaft für die britische Regierung waren, gegen die sie überdies eine absichtliche Verachtung zur Schau trugen.
Beinahe hätte ich den Peschkar und den Doktor in eine böse Ungelegenheit gebracht; denn mein Blut, so wenig ich davon noch hatte, kochte vor Wut. Aufgebracht ergriff ich ein Messer, das neben mir lag, und stürzte mich auf Nerba, den Schurken, der nach mir geschossen und mich an den Haaren gehalten hatte, als meine Augen vor der schließlich unterbliebenen Exekution geblendet wurden. Wilson und Charak Sing aber, die mich beobachtet hatten, packten mich und nahmen mir die Waffe fort. Eine allgemeine Flucht der tibetischen Offiziere folgte, und damit wurden unsere Zusammenkunft und die Unterhandlungen zu einem plötzlichen Ende gebracht. –
Hier erfuhr ich auch, auf welche Weise meine Befreiung zustande gekommen war. AlsDr.Wilson und der Peschkar die Nachricht erhalten hatten, meine Diener und ich seien enthauptet worden, waren sie über die Grenze gegangen, um Erkundigungen einzuziehen und womöglich meine Sachen wiederzuerlangen. Von Suna, dem Manne, den ich mit meiner Botschaft vom Mansarowar geschickt hatte, erfuhren sie, daß ich noch gefangen, mit Wunden bedeckt, zerlumpt und ausgehungert sei. Sie hatten nicht Leute genug, um sich ihren Weg in das Land zu erzwingen und mir entgegenzukommen, und überdies wurden sie von den Tibetern streng überwacht; in Gemeinschaft mit Pundit Gobaria machten sie aber dem Jong Pen in Taklakot ernsthafte Vorstellungen, und schließlich, als sie ihm mit dem Erscheinen eines Heeres gedroht hatten, wenn er mich nicht freiließe, hatte der widerstrebende »Herr der Festung« (tibetisch = Jong Pen) die Erlaubnis gegeben, daß ich nach Taklakot gebracht würde. Diese Erlaubnis wurde wieder zurückgezogen, durfte aber endlich doch ausgeführt werden. So habe ich es einzig den freundlichen Bemühungen und der Energie dieser beiden Herren zu verdanken, daß ich heute noch am Leben und munter, wenn auch noch nicht gesund bin.
Pundit Gobaria, der der einflußreichste Schokahändler in Bhot ist und mit den Tibetern auf sehr freundschaftlichem Fuße steht, war der Vermittler, durch den die Unterhandlungen über meine sofortige Freilassung geführt wurden; daß diese Unterhandlungen zu einem befriedigenden Ende führten, war hauptsächlich dem guten Rate zuzuschreiben, den er dem Jong Pen erteilt hatte. –
Nach einer kurzen Rast zur Wiedererlangung der nötigen Kräfte setzte ich meine Rückreise fort und befand mich, nachdem ich den Lippupaß (5115 Meter) überschritten hatte, endlich wieder auf britischem Boden. In langsamen Märschen gingen wir bis Gungi hinab, wo ich meines schwachen Zustandes wegen inDr.Wilsons Apotheke haltmachen mußte.
Wilson hatte hier einen großen Teil meines Gepäcks aufbewahrt, den ich am Anfang meiner Reise bei ihm zurückgelassen hatte. So ließ ich denn von mir und meinen beiden Dienern photographische Aufnahmen machen, die unsere Wunden und unsern traurigen Zustand zeigten.
Ich gebe auf dem Titelbild zwei Aufnahmen von mir wieder neben den andern beiden, die vor meiner Abreise gemacht worden waren. In demen faceaufgenommenen Bilde sieht man die Verletzungen an meinem linken Auge, ebenso die Spuren des glühenden Eisens auf der Haut von Stirn und Nase.
Es war wirklich wunderbar, wie bald wir unter der guten PflegeDr.Wilsons und infolge guter Ernährung und Kleidung uns wieder zu erholen begannen. Als ich mein gräßliches Gesicht zum erstenmal im Spiegel sah, fiel ich fast in Ohnmacht. Aber nachdem ich meinen seit mehrern Monaten nicht geschnittenen Bart rasiert hatte, kam ich mir wieder mehr wie ich selbst vor. Und nachdem der stets gefällige Wilson einen ganzen Nachmittag damit zugebracht hatte, mit einer stumpfen Schere als Friseur zu funktionieren, fing ich an, fast wieder zivilisiert auszusehen. Zuerst waren mir die Kleider außerordentlich lästig; aber ich gewöhnte mich bald wieder an sie.
Die Verletzungen an meinem Rückgrat waren sehr ernster Natur und machten mir viel zu schaffen. Manchmal war meine ganze linke Seite wie gelähmt. Überdies machte es mir die größte Schwierigkeit, mich zu setzen, wenn ich gestanden, und aufzustehen, wenn ich gesessen hatte. Infolge der großen Anspannung, die meine Gelenke hatten aushalten müssen, waren sie steif und geschwollen und blieben es noch monatelang. Mit dem rechten Auge konnte ich verhältnismäßig gut sehen, aber den Gebrauch des linken hatte ich gänzlich verloren.
Ich sehnte mich jetzt danach, sobald als möglich nach Europa zurückzukehren, und reiste in Begleitung des Peschkar Charak Sing nach Askot. Der Nerpanipfad war an zwei oder drei Stellen eingestürzt, und man hatte nun rohe, gebrechliche Brücken über die tiefen Abgründe gebaut.
Überall wurde uns eine herzliche Aufnahme zuteil. Besonders in Askot, wo ich als Gast des guten alten Rajiwar in seinem Garten mein Lager aufschlug, genoß ich jede nur denkbare Pflege und Aufmerksamkeit.
Da kam eines Tages Mr. J. Larkin an, den die indische Regierung eiligst abgesandt hatte, um die Untersuchung meiner Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Wenn ich auch noch viel Schmerzen zu leiden hatte, erbot ich mich doch, den Weg nachTibet noch einmal zu machen und ihn bis an die Grenze zu begleiten. In schnellen Tagemärschen erreichten wir Garbyang.
Larkin war schon vorausgegangen, als eine Deputation von Schokas, die aus Tibet zurückgekommen waren, bei mir erschien. Unter ihnen bemerkte ich mehrere der Männer, die mich verraten hatten. Da ich erfahren hatte, daß es nicht möglich sei, sie für ihren Verrat zu bestrafen, nahm ich die Gerechtigkeit selbst in die Hand und war eben dabei, ihnen mit einem dicken Stock einen Begriff von dem beizubringen, was man Treue nennt, als das ganze Dorf herbeigelaufen kam und den Versuch machte, die Burschen aus meinen Klauen zu reißen. Durch die Tibeter ermutigt, machten die Schokas einige Bemerkungen über Engländer, die mir nicht gefielen; so wurde der Kampf allgemein, bis es mir, trotzdem ich krank und allein gegen hundertfünfzig Mann war, wirklich gelang, sie in die Flucht zu schlagen.
Bald hinter Garbyang holte ich Mr. Larkin ein, und wir stiegen langsam zu den Schneefeldern empor. Wir waren nur noch einen Tagemarsch von dem Lippupaß entfernt, über den wir nach Tibet gehen wollten, um dem Jong Pen Gelegenheit zu geben, sich befragen zu lassen. Er aber weigerte sich zu kommen.
Am nächsten Tage stiegen wir über den Lippupaß, um es den Tibetern leichter zu machen. Es hatte geschneit und war sehr kalt. Ein Schoka hatte sich wenige Tage vor uns beim Versuch, über den Paß zu gehen, im Schnee verirrt und war erfroren. Auf der tibetischen Seite angelangt, warteten wir ungeduldig auf den Jong Pen oder seine Abgesandten, die vorher durch Briefe aufgefordert worden waren, uns entgegenzukommen; aber sie erschienen nicht. So sagte ich denn am 12. Oktober Tibet, dem verbotenen Lande, endgültig Lebewohl. Wir kehrten nach unserm Lager zurück, das ungefähr 30 Meter tiefer als der Paß lag. Unsere Leute, die dort geblieben waren, hatten schwer von der Bergkrankheit zu leiden gehabt.
Nachdem unsere Aufgabe erfüllt war, kehrten Larkin und ich in Eilmärschen nach Almora zurück. Es war mir eine große Genugtuung, daß Larkin imstande war, da er die amtliche Untersuchung in einer öffentlichen Gerichtssitzung geführt hatte, ein reichliches Material von Zeugenaussagen über meine Behandlung durch Schokas und Tibeter zu erhalten, über das vorschriftsmäßigeingehend an die indische Regierung sowie auch an das Auswärtige und an das Indische Amt berichtet wurde.
In Askot erinnerte mich der alte Raot, der mir Unheil prophezeit hatte, als ich ihn in seiner Hütte besuchte, an seine Prophezeiung. »Ich habe dir gesagt, wer die Wohnstätten der Raot besucht, wird Unglück haben.« Ich photographierte den Schelm auf der Stelle mit einigen seiner Stammesgenossen, die befriedigt auf ihren Propheten hörten.
Ohne Verzug gingen wir nach Almora und von dort geradeswegs nach Naini Tal, der Sommerresidenz der Regierung der Nordwestprovinzen und von Oudh, wo der stellvertretende Gouverneur eine Konferenz über meine Angelegenheit abhielt. Nachdem ich dort die überaus liebenswürdige Gastfreundschaft des Obersten Grigg, des Kommissars von Kumaon, genossen hatte, lohnte ich meinen treuen Kuli Man Sing ab und verhalf ihm zu einer Lebensstellung. Er begleitete mich nach Kathgodam, der ersten Station der Eisenbahn, und bezeigte aufrichtige Trauer, als ich mit Tschanden Sing in den Zug stieg. Und als wir dann von der Station abdampften, machte mir der brave Kuli seine Salaams. Er hatte mich gebeten, ihn mitzunehmen, wenn ich je wieder nach Tibet zurückkehren sollte. Nur müsse er das nächste Mal auch eine Büchse bekommen. Dies war seine einzige Bedingung.
Tschanden Sing, der bis heute mein Diener geblieben ist, und ich reisten nach Bombay und von dort direkt nach Florenz, dem Wohnorte meiner Eltern, die um meinetwegen mehr Angst ausgestanden hatten als ich selbst – –auf verbotenen Wegen.