Vierundzwanzigstes Kapitel.Die Lamas.

Vierundzwanzigstes Kapitel.Die Lamas.

Ehe ich das Kloster verließ, richteten die Lamas, die jetzt ziemlich vertraut geworden waren, viele Fragen an mich, Indien und die medizinische Wissenschaft betreffend. Beide schienen Gegenstände großen Interesses für sie zu sein. Sie fragten mich auch, ob ich vielleicht gehört habe, daß ein junger Sahib mit einem großen Heere über die Grenze gekommen sei und daß der Jong Pen von Taklakot dasselbe geschlagen und den Sahib mit den vornehmsten Mitgliedern der Expedition enthauptet habe.

Ich gab vor, von diesen Tatsachen nichts zu wissen, was auch wahr war, obgleich mich natürlich die Art und Weise sehr ergötzte, in der der Jong Pen von Taklakot über das Bärenfell verfügte, ehe er den Bären gefangen hatte. Die Lamas hielten mich für einen Hindudoktor, dank der Farbe meines Gesichts, das von der Sonne verbrannt und lange nicht gewaschen war, und glaubten, ich sei auf einer Pilgerfahrt zur Umwanderung des Mansarowarsees begriffen. Sie schienen begierig zu erfahren, ob in Indien die Krankheiten durch Geheimwissenschaften oder nur mit Arzneien geheilt würden. Ich, der ich im Gegenteil mehr Interesse daran hatte, Mitteilungen zu erhalten als solche zu machen, lenkte die Unterhaltung auf die Lamas selber.

Natürlich wußte ich, daß es Sekten von roten und gelben Lamas gibt, von denen die roten die ältern, jetzt aber an Zahl geringern sind. Die herrschende religiöse Sekte sind die gelben Lamas, die Gelukpa, die auch in politischer Beziehung die mächtigsten sind. Außerdem gibt es im Lande noch spärliche Reste des ursprünglichen Glaubens, der schamanistischen Bon-Religion, die auch als die schwarze Religion bezeichnet wird. Die Lamasereiensind gewöhnlich sehr reich, denn die Tibeter sind ein sehr frommes Volk, und die Lamas stehen nicht zurück in der Kunst, unter allen möglichen Vorwänden Geld von den unwissenden Gläubigen zu erpressen. Neben der Besorgung ihrer religiösen Funktionen betätigten sich die Lamas auch als Händler im großen, indem sie ein schlaues Geldverleihgeschäft betreiben und sehr hohe Zinsen verlangen, die jeden Monat fällig sind. Wenn diese unbezahlt bleiben, wird der ganze Besitz des Schuldners konfisziert, und wenn dieser sich als nicht genügend erweist, das Darlehen zu decken, wird der Schuldner Sklave des Klosters. Wenn man die wohlgenährten Gesichter der Lamas betrachtet, ist es auf den ersten Blick zu erkennen, daß sie sich trotz ihrer gelegentlichen körperlichen Entbehrungen in keiner Weise etwas abgehen lassen, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie ein ruhiges und behagliches Dasein in verhältnismäßigem Luxus führen, der häufig in Laster und Verderbtheit ausartet.

Die größern Lamasereien erhalten von der Regierung einen jährlichen Zuschuß, und durch die Opfergaben der Gläubigen werden beträchtliche Summen angesammelt, während andere Gelder durch Mittel und Wege erlangt werden, die in jedem andern Lande als Tibet kaum als ehrenhaft und oft sogar als verbrecherisch betrachtet werden würden.

Von den größern Städten abgesehen, lebt fast das ganze tibetische Volk mit Ausnahme der Briganten und der Lamas in großer Armut, während die Mönche selbst und ihre Agenten von dem Fette des Landes leben und gedeihen. Das Volk wird in vollkommener Unwissenheit erhalten, und selten findet man einen Laien, der schreiben oder wenigstens lesen kann. So muß alles durch die Hände der Lamas gehen.

Die Lamasereien und die Lamas, sowie das Land und Eigentum, das ihnen gehört, sind von allen Steuern und Abgaben frei, und jeder Mönch wird durch eine bestimmte Lieferung von Tsamba, Ziegeltee und Salz unterhalten. Sie rekrutieren sich aus allen Klassen, und gleichviel, ob sie ehrliche Leute oder Diebe und Schwindler sind, werden sie alle bereitwilligst angenommen, um in die Bruderschaft einzutreten. Ein oder zwei männliche Mitglieder jeder tibetischen Familie treten in die Mönchsorden ein. Auf diese Weise erlangen die Mönche eine große Macht über jedesHaus und Zeltlager. Es ist kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, die Hälfte der männlichen Bevölkerung in Tibet besteht aus Lamas.

In jedem Kloster findet man neben den Lamas, d. h. den eigentlichen, fertigen Mönchen, die alle Weihen empfangen haben, noch zwei Klassen von Mönchen, die zwar auch glattrasierte Köpfe und zum Teil dieselbe Tracht wie ihre Obern haben, aber niedern Grades sind und natürlich auch keinen tätigen Anteil an der Politik der Lamaregierung nehmen: die Schabi und die Getsul. Die Schabi sind die Novizen. Sie treten sehr jung – im 7. oder 9. Lebensjahr – in die Lamaserei ein und bleiben mehrere Jahre hindurch Schüler. In dieser Zeit, während der sie auch die harte Arbeit des Klosters verrichten müssen, sind sie beständig in der Lehre und unter der Aufsicht des Lamas, dem sie zur Erziehung übergeben worden sind. Nach vollendetem 15. Lebensjahre erhalten sie die zweite Weihe und treten damit in die Klasse der Getsul über, eine Art Unterpriester, die noch nicht alle Rechte, dafür aber auch nicht alle Pflichten der eigentlichen Mönche haben. Nach fünf weitern Jahren und nach Empfang der dritten Weihe werden sie endlich wirkliche Lamas, welches Wort »Oberer« bedeutet.

Die Schabi und Getsul übernehmen untergeordnete Rollen in den seltsamen religiösen Zeremonien, bei denen die Lamas, in Felle und gräßliche Masken verkleidet, singen und mit außerordentlichen Verrenkungen tanzen, begleitet von einer unheimlichen Musik von Glocken, Hörnern, Flöten, Zimbeln und Trommeln.

Jedes große Kloster hat an seiner Spitze einen »Groß-Lama«. Dieser gehört zwar zur höhern Geistlichkeit, aber nicht immer zu deren höchster Stufe, den »wiedergeborenen Heiligen«. Während jene sozusagen den Verdienstadel des hierarchischen Systems darstellt, bilden diese, die Wiedergeborenen, seinen Geburtsadel; denn nach dem lamaistischen Dogma leben in ihnen die Seelen der alten Heiligen, die sich ihren Leib noch im Mutterleibe zum Wohnsitz auserwählt haben; sie sind also inkarnierte Götter. Durch eine solche ununterbrochene Inkarnation pflanzt sich namentlich der Papst von Tibet, der Dalai-Lama zu Lhasa, fort.

Mit Ausnahme des Großlamas, der ein Zimmer für sich allein hat, essen, trinken und schlafen die Lamas in dem Klosterzusammen. Immer zwei Monate des Jahres, 15 Tage in jedem Vierteljahr, halten sie sich in strenger Abgeschlossenheit, die sie dem Gebete widmen und während welcher Zeit sie nicht sprechen dürfen. Sie fasten vierundzwanzig Stunden hintereinander bei Wasser und Buttertee; sie essen an jedem Fasttag nur so viel als gerade nötig ist, um am Leben zu bleiben, und entsagen allem andern, sogar dem Schnupftabak und dem Ausspucken, den beiden am meisten verbreiteten Gewohnheiten der tibetischen Männer.

Die Lamas machen große Ansprüche auf Unfehlbarkeit, und auf Grund dieser erlangen sie die Verehrung des Volkes, von dem sie erhalten, genährt und gekleidet werden. Ich fand sie in der Regel sehr intelligent, aber unmenschlich, grausam und ehrlos. Ich sage dies nicht allein aus eigener Erfahrung, ich hörte dasselbe auch von den unterdrückten Eingeborenen, die sich nichts Besseres wünschen als eine Möglichkeit, ihr Joch abzuschütteln.

Die gänzliche Unwissenheit benutzend, in der sie das Volk mit Erfolg erhalten, üben die Lamas in großem Umfange geheime Künste aus, durch welche sie vorgeben, Krankheiten zu heilen, Morde und Diebstähle zu entdecken, Ströme am Fließen zu verhindern und in einem Augenblick Stürme zu erregen. Gewisse Beschwörungen vertreiben, wie sie sagen, die bösen Geister, welche Krankheit verursachen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Lamas in hypnotischen Experimenten bewandert sind, vermittelst deren sie es fertigbringen, die unter ihrem Einflusse stehenden Individuen Dinge sehen zu lassen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Dieser Macht sind die häufigen Berichte über Erscheinungen Buddhas zuzuschreiben, die gewöhnlich von einzelnen Individuen gesehen werden, und auch die Visionen von Dämonen, deren Schilderungen allein schon die einfältigen Leute erschrecken und sie veranlassen, alle ihre Sparpfennige als Opfergaben für das Kloster herzugeben.

In strömendem Regen.

In strömendem Regen.

Auch der Mesmerismus oder tierische Magnetismus spielt eine wichtige Rolle in ihren Zaubertänzen, bei denen sie außerordentliche Verrenkungen ausführen und seltsame Stellungen annehmen und wobei der Körper des Tänzers schließlich in einen Zustand der Starrsucht gebracht wird, in dem er lange Zeit verbleibt.

Die Mönche legen bei ihrem Eintritt in die Lamaserei das Gelübde der Ehelosigkeit ab; sie halten aber diesen Eid nicht immer.

»Ich bin nur ein Abgesandter.«

»Ich bin nur ein Abgesandter.«

Alle größeren Lamasereien unterhalten einen oder mehrere Lamabildhauer, die den ganzen Distrikt bereisen und an die unzugänglichsten Stellen gehen, um in Felsen, Steine oder Hornstücke die ständige Inschrift »Om mani padme hum« einzuschneiden, die man überall im Lande sieht. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es mir, zwei von diesen sehr schweren Inschriftsteinen ungesehen fortzubringen; sie sind noch in meinem Besitz.

Zeltaltar.

Zeltaltar.

Unheimliche und malerische Orte, wie die höchsten Punkte auf Bergpässen, gigantische Felsblöcke, Felsen in der Nähe von Flußquellen oder irgendein Platz, wo eine Manimauer existiert, sind die Stellen, die gewöhnlich von diesen Künstlern gewählt werden, um die magische Formel einzugraben, die auf die Wiederfleischwerdung des Bekehrers von Tibet, Avalokiteschwaras, aus einer Lotosblume gedeutet wird.

Auch die berühmten Gebeträder, jene mechanischen Geräte, durch die die Tibeter vermittelst Wasser-, Wind- und Handkraft zu ihrem Gotte beten, werden von Lamakünstlern angefertigt.

Die größern durch Wasser getriebenen Gebettrommeln werden neben oder über einem Strome erbaut, und die gewaltigen Zylinder, auf denen das ganze tibetische Gebetbuch eingegraben ist, werden durch fließendes Wasser gedreht. Die durch Windkraft getriebenen sind den bei den Schokas angewendeten, die ich schon beschrieben habe, ähnlich, unterscheiden sich aber von diesen darin, daß die Tibeter oft Gebete auf die Zeugstreifen drucken. Die kleinern, die mit der Hand gedreht werden, gibt es in zwei verschiedenen Arten; sie sind entweder aus Silber oder aus Kupfer gemacht. Die für den Gebrauch im Hause bestimmten sind Zylinder von ungefähr 15 Zentimeter Höhe. Innerhalb derselben dreht sich auf Zapfen nach dem Prinzip eines Kreisels die Gebetrolle, die der Gläubige vermittelst eines über die Maschine hinausragenden Knopfes in Bewegung gesetzt hat. Durch eine viereckige Öffnung in dem Zylinder kann man die Gebete sich innen drehen sehen. Bei den in Tibet zum täglichen Gebrauch am meisten verbreiteten Gebeträdern hat der Zylinder zwei bewegliche Klappen,zwischen die die Gebetrolle fest hineinpaßt. Eine Handhabe mit einem Eisenstabe wird durch die Mitte des Zylinders und der Rolle gesteckt und vermittelst eines Knopfes in ihrer Lage erhalten. Ein Ring, der den Zylinder umgibt, befestigt sie an eine kurze Kette mit Gewicht; diese dient dazu, wenn sie durch einen Ruck mit der Hand angezogen wird, eine drehende Bewegung hervorzubringen, die nach Vorschrift von links nach rechts gehen muß und für unbestimmte Zeit im Gange gehalten wird, wobei die Worte »Om mani padme hum« oder einfach »Mani, mani« wiederholt werden, bis die Drehung wieder aufhört.

Bei den ältern Rädern waren die Gebete geschrieben und wurden in einem kleinen, schwarzen Beutel aufbewahrt. An dem Gewichte und der Kette, die dem Rade die drehende Bewegung geben, sind oft Amulette sowie Ringe von Malachit, Nephrit, Knochen oder Silber befestigt.

Diese Gebetmaschinen findet man in jeder tibetischen Familie, und fast jeder Lama besitzt eine. Sie bewahren sie sehr eifersüchtig, und es ist sehr schwer, solche zu bekommen. Ich war glücklich, während meiner Reise nicht weniger als zwölf kaufen zu können, von denen zwei sehr alt waren.

Außer dem Rosenkranz, den die Lamas in derselben Weise wie die Katholiken beständig gebrauchen, haben sie noch ein messingnes Gerät, das Gebetzepter (Dordsche oder Wadschra), das sie zwischen den Handflächen drehen, während sie ihre Gebete sprechen; dieses wird ausschließlich von Lamas gebraucht und gehört zu ihrer Ausrüstung. Es ist 6 oder 7 Zentimeter lang und abgerundet, so daß man es leicht in beiden hohlen Händen halten kann.

Es gibt in Tibet wie in andern buddhistischen Ländern außer den Lamasereien auch Nonnenklöster. Auch die meist gar nicht anziehenden, nicht sehr angesehenen Nonnen scheren sich die Köpfe und betreiben Zauberei. In einigen dieser Nonnenklöster wird strenge Klausur aufrechterhalten, aber in den meisten von ihnen ist den Lamas freier Zutritt gestattet, mit dem gewöhnlichen Resultate, daß die Nonnen die Konkubinen der Lamas werden. Hiervon ganz abgesehen sind die Frauen in den Klöstern ebenso unmoralisch wie ihre Brüder in den Lamasereien, und im besten Falle sind auch sie nur ein niedriger Typus der Menschheit. DenLamas ist zu gewissen Zeiten des Jahres eine ungewöhnlich große Freiheit hinsichtlich der Frauen erlaubt.

Die Priester betreiben auch die Kunst, Musikinstrumente und Eßgeräte aus Menschenknochen zu machen. Der Schädel wird zur Herstellung von Bechern, Tsambaschalen und einfachen oder Doppeltrommeln verwendet, und die Schulter-, Ober- und Unterschenkelknochen werden in Trompeten und Pfeifen verwandelt. Die Lamas sollen, wie man erzählt, gern Menschenblut genießen, das sie aus Bechern trinken, die aus Menschenschädeln gemacht sind.


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