Vierzehntes Kapitel.Die Grenzwachen.
Wir nahmen unsern Kurs nach Nordosten und ließen das hohe Tafelland im Westen liegen. So kamen wir bei Lama Tschokden oder Tschorden an, einem von einer tibetischen Wache besetzten Passe. Als wir uns näherten, kamen die Tibeter schnell heraus, Luntenflinten in der Hand. Sie schienen eine elende Bande zu sein und leisteten nicht nur keinen Widerstand, sondern kamen sogar, um Geld und Essen zu betteln. Sie klagten über schlechte Behandlung von seiten ihrer Vorgesetzten und gaben an, daß sie keine Bezahlung erhielten und daß ihnen selbst Nahrungsmittel nur gelegentlich nach diesem Außenposten gesandt würden. Ihre Röcke waren zerlumpt; jeder Mann trug ein Schwert im Gürtel. Auch hier hatten wir wieder Fragen nach dem jungen Sahib zu beantworten, da reitende Boten in größter Eile von Taklakot ausgeschickt worden seien, um den Offizier in Gyanema zu warnen, den Sahib nicht über den Lumpiyapaß in Hundes eindringen zu lassen, wenn er es versuchen sollte.
Ihre Beschreibung meiner Persönlichkeit, wie man sie sich dort vorstellte, war sehr ergötzlich, und als sie sagten, daß sie dem Sahib, wenn er käme, den Kopf abschneiden würden, fühlte ich mich von ihrer Güte so gerührt, daß ich einige Rupien als Backschisch unter sie verteilen wollte.
Verhandlung mit dem Tarjum von Barka.
Verhandlung mit dem Tarjum von Barka.
»Geben Sie ihnen nichts, Herr!« sagten Katschi und der Doktor. »Diese Kerle sind dicke Freunde mit den Dakoitbanden, und diese werden es bald erfahren, daß wir Geld bei uns haben, und dann werden wir Gefahr laufen, heute nacht angegriffen zu werden.«
Ich bestand darauf, ihnen etwas zu schenken.
Im Schreckenslager.
Im Schreckenslager.
»Nein, Herr,« rief Katschi außer sich, »tue es nicht, oder es wird uns unendliche Not und Unglück bringen. Wenn du ihnen vier Annas gibst, wird das reichlich genug sein.«
So wurde denn dem befehlshabenden Offizier diese große Summe in die Fläche seiner ausgestreckten Hand gelegt. Um seine Befriedigung zu zeigen, streckte er die Zunge in ihrer ganzen Länge heraus, schwenkte einige Minuten lang beide Hände gegen mich, während er sich schwerfällig verbeugte. Seine Pelzkappe hatte er schon vorher abgenommen und auf den Boden geworfen. Dies war in der Tat ein großartiger Salaam und Dank für eine Summe, die keine 40 Pfennig betrug.
Während der Doktor im Gespräch mit ihm blieb, ging ich abseits, um eine seltsame Szene zu betrachten. Die Wolken hatten sich im Norden zerstreut, und majestätisch stand der schneegekrönte heilige Berg Kelas vor uns. Einen so bezaubernden Anblick habe ich selten genossen. Dem anmutigen Dach eines Tempels nicht unähnlich, ragt der Kelas über den langen schneegekrönten Gebirgszug empor und kontrastiert in der schönen Verschmelzung der Töne mit der warmen Ockerfarbe der geringern Erhebungen der Kette. Der Kelas ist ungefähr 600 Meter höher als die andern Berge der Gangrikette und hat scharf abgegrenzte Kanten und Terrassen, die seine Gesteinsschichten bezeichnen und auf denen horizontale Schneebänder sich glänzend von den vom Eis erodierten dunkeln Felsen abheben. Die Tibeter, die Nepalesen, die Jumlis und die Hindus verehren diesen Berg, der, wie sie glauben, der Aufenthalt aller guten Götter, besonders des Gottes Siwa, ist. Der Rand um den Fuß des Kelas wird von den Hindus für den Abdruck der Stricke gehalten, die der Rakas oder Teufel benutzte, um den Thron des Gottes Siwa herunterzureißen.
Mit unbedeckten Köpfen, die Gesichter nach dem heiligen Gipfel gerichtet, murmelten meine Leute Gebete. Mit gefalteten Händen, die sie langsam zur Höhe der Stirn erhoben, beteten sie inbrünstig und knieten dann nieder, die Köpfe tief zur Erde geneigt. Mein Begleiter, der Brigant, der dicht neben mir stand, flüsterte mir eilig zu, daß ich mich diesem Gebetsakt anschließen sollte.
»Du mußt Freundschaft mit den Göttern halten«, sagte der Bandit. »Das Unglück wird dich begleiten, wenn du dem Kelas keinen Salaam gibst; das ist die Wohnung eines guten Gottes.« Dabei wies er mit der frömmsten Miene nach dem Berge.
Um ihm gefällig zu sein, grüßte ich den Berg verehrungsvollst und legte, es den andern nachmachend, einen weißen Stein auf einen der Hunderte von Tschokden oder Obo, die von Frommen an dieser Stelle errichtet worden sind. Diese Obo, rohe Steinpyramiden, findet man auf allen Wegen, die über die hohen Pässe führen, neben Seen, ja in der Tat überall, aber selten in solchen Mengen wie bei Lama Tschokden. Der Hügel vor und hinter dem Wachthause war mit diesen Haufen buchstäblich bedeckt. Jeder Vorübergehende legt einen Stein, wenn möglich einen weißen, auf einen Obo, was ihm Glück bringt oder was, wenn er einen Wunsch hat, die Chancen der Erfüllung vermehrt.
Das Wachthaus selbst war aus rohen Steinen jämmerlich aufgebaut und würde in jedem andern Lande als Tibet nicht einmal für Schweine als passende Unterkunft angesehen worden sein.
Noch waren wir unbelästigt. Als wir ein paar Kilometer weitergegangen waren und die Sonne schon dem Untergehen nahe war, suchten wir nach einem passenden Platze für unsere Zelte. Es war keine Spur von Wasser vorhanden, nur das steinige Bett eines ausgetrockneten kleinen Baches. Wir besprachen eben unsere Lage, als ein schwacher Ton wie von rauschendem Wasser unser Ohr traf. Er wurde lauter und lauter, und wir sahen klares Schneewasser auf uns zuströmen und allmählich über das Steinbett sich ergießen. Offenbar hatte der Schnee der Berge zum Schmelzen den ganzen Tag gebraucht, und das Schmelzwasser kam jetzt gerade herab. Mein Daku war in großer Aufregung.
»Wasser fließt dir zu, Sahib!« rief er, indem er die Arme ausstreckte. »Du wirst großes Glück haben! Sieh! Sieh! Du brauchst Wasser für dein Lager, und ein Strom fließt dir zu! Der Himmel segnet dich. Du mußt deine Finger in das Wasser tauchen, sobald es an dich herankommt, und einige Tropfen über deine Schultern werfen, dann wird das Glück dich auf deiner Reise begleiten.«
Bereitwillig machte ich diesen tibetischen Glauben mit, undwir tauchten alle unsere Finger ein und sprengten das Wasser über unsern Rücken. Wilson indessen, der die Sache ernsthaft nahm, sagte, das sei alles Unsinn, und wollte bei einer solchen Kinderei nicht mittun.
Die Zukunft war in der Tat unbekannt, und Glück würde mir wertvoll gewesen sein. Aber wie wenig wurde diese einfache Beschwörung in den kommenden Tagen erhört!
Vor unserm Lager war eine lange Strecke angeschwemmten Landes, das allem Anschein nach in einer entlegenen Zeit das Bett eines großen, ungefähr 18 Kilometer langen und 25 Kilometer breiten Sees gewesen ist. Mit meinem Fernrohr konnte ich im Nordosten am Fuße eines kleinen Hügels deutlich den Lagerplatz von Karko sehen. Es waren viele Zelte dort, und meine Leute schienen sehr beruhigt, als wir nach Form und Farbe derselben herausfanden, daß es die der Joharis von Milam waren, die nach diesem Platze kommen, um mit den Hunyas Handel zu treiben. Hinter Karko nach Norden zu zeigte sich eine glänzende Wasserfläche, der See von Gyanema, und hinter ihm einige verhältnismäßig niedrige Hügelzüge. In der Ferne waren wieder sehr hohe schneebedeckte Berge sichtbar.
Während unsers Weitermarsches sahen wir viele große Herden von Kiang oder wilden Eseln. Die Tiere kamen ganz dicht an uns heran. Sie sind an Gestalt und Bewegung des Körpers den Zebras sehr ähnlich; ihre Farbe war meist hellbraun. Die Eingeborenen betrachten ihre Nachbarschaft als außerordentlich gefährlich. Denn ihre scheinbare Zahmheit ist häufig trügerisch, da sie oft ganz nahe an den arglosen Reisenden herankommen, ihn dann mit einer plötzlichen Wendung am Leibe packen und ihm mit ihren gewaltigen Kiefern zuweilen furchtbare Wunden beibringen. Ihr anmutiges, kokettes Wesen ist äußerst anziehend; wir warfen gelegentlich mit Steinen nach ihnen, um sie in sicherer Entfernung zu halten, aber wenn sie zierlich davongaloppiert waren, folgten sie uns immer wieder und kamen bis auf wenige Meter heran. Es gelang mir, einige sehr gute Negative von ihnen zu bekommen, die später leider von den tibetischen Behörden vernichtet wurden.
Wir erstiegen wieder eine Hügelkette und kamen auf der andern Seite zu einer grasbedeckten Strecke ebenen Landes hinab, in derennördlichem Teil eine Wasserfläche lag. Auf einem Hügel südlich vom See stand das Gyanema Char oder Fort, ein primitives, turmartiges Bauwerk aus Steinen mit einem darüber ausgespannten Zelte, das als Dach diente; es trug eine Flaggenstange, an der zwei schmutzige weiße Lumpen flatterten. Es waren nicht die Fahnen der Tibeter, sondern nur fliegende Gebete.
Tiefer unten am Fuße des Hügels waren zwei oder drei große schwarze Zelte und eine kleine Steinhütte. Hunderte von schwarzen, weißen und braunen Jaken weideten auf der grünen Fläche.
Das Erscheinen unserer Gesellschaft erregte augenscheinlich Aufsehen, denn wir hatten uns kaum auf der Höhe des Passes gezeigt, als eine Trommel aus dem Fort zu tönen begann, die die Luft mit ihren unmelodischen, metallischen Klängen erfüllte. Ein Schuß wurde abgefeuert. Wir sahen Soldaten mit ihren Luntenflinten hin und her laufen. Sie rissen eins der schwarzen Zelte nieder und schafften es eilig in das Fort hinein, während der größte Teil der Garnison mit einer Eile, die lebhaft an wilde Flucht erinnerte, innerhalb der Mauern Schutz suchte.
Als sie sich nach einer kleinen Weile überzeugt hatten, daß wir keine bösen Absichten hatten, kamen einige der tibetischen Offiziere, von ihren Mannschaften gefolgt, uns ängstlich entgegen. Der Doktor ging unbewaffnet voraus, um mit ihnen zu sprechen, wogegen ich und mein Träger bei den Kulis blieben, zu dem doppelten Zweck, unser Gepäck im Falle eines verräterischen Angriffs zu schützen und unsere von panischem Schrecken ergriffenen Träger zu verhindern, ihre Lasten zu verlassen und auszureißen. Aber die Sache ließ sich ganz friedlich an.
Decken wurden auf das Gras gebreitet, und schließlich setzten wir uns alle nieder. Eine Stunde ermüdender Unterhandlungen mit den tibetischen Offizieren, während deren dieselben Dinge immer und immer wieder zur Sprache kamen, führte zu nichts. Sie sagten, daß sie unter keiner Bedingung irgend jemand, der aus Indien käme, gleichviel ob Eingeborener oder Sahib, erlauben könnten, weiterzugehen, und daß wir zurück müßten. Wir unsererseits gaben an, daß wir keine schlimmen Absichten hätten. Wir wären Pilger nach dem heiligen See von Mansarowar, der keine 60 Kilometer von hier lag. Wir hätten uns große Kosten undBeschwerden auferlegt. Wie könnten wir jetzt, so nahe an unserm Ziel, umkehren? Wir wollten nicht zurückgehen und hofften, daß sie uns erlauben würden, unsern Weg fortzusetzen.
Wir behandelten sie höflich und freundlich, und da sie dies wahrscheinlich fälschlich für Furcht hielten, zogen sie schnell Vorteil daraus, besonders der Magpun oder erste Offizier und Befehlshaber des Forts von Gyanema. Die ausgesprochene Unterwürfigkeit, die er zuerst zur Schau getragen hatte, schlug plötzlich in Anmaßung um.
»Ihr werdet mir den Kopf abschneiden müssen,« sagte er mit bösartiger Miene, »oder vielmehr, ich werde euern abschneiden, ehe ich euch einen Schritt weitergehen lasse.«
»Mir den Kopf abschneiden, du Schurke!« rief ich, indem ich aufsprang und eine Patrone in mein Gewehr schob.
»Mir den Kopf abschneiden!« wiederholte mein Träger und richtete sein Gewehr auf den Offizier.
»Uns die Köpfe abschneiden«, schrien der Brahmine und die beiden christlichen DienerDr.Wilsons zornig, indem sie ein Winchestergewehr und ein Paar Gurkha-Kukris (große Messer) erfaßten.
»Nein, nein, nein! Salaam, Salaam, Salaam!« stieß der Magpun mit einer Zungenfertigkeit heraus, die nur ein von panischem Schrecken ergriffener Mensch besitzt. »Salaam, Salaam«, wiederholte er und verneigte sich bis zur Erde, mit herausgestreckter Zunge, indem er in ekelhaft kriechender Weise seinen Hut zu unsern Füßen legte. »Laßt uns wie Freunde sprechen!«
Die Leute des Magpun, die nicht tapferer waren als ihr Herr, veränderten mit reizender Unverfrorenheit ihre Stellung, um im Falle unsers Schießens durch ihre Vorgesetzten gedeckt zu sein. Als sie bei näherer Überlegung fanden, daß sogar eine solche Vorsicht ihnen nur geringe Sicherheit gewährte, standen sie einer nach dem andern auf, gingen erst standhaft ein halbes Dutzend Schritte fort, um zu zeigen, daß es nicht Furcht sei, die sie zum Abgehen veranlaßte, und – rissen dann aus.
Der Magpun und die andern Offiziere, die dablieben, wurden immer demütiger. Wir sprachen und verhandelten in freundlicher Weise noch weitere zwei Stunden, aber nicht mit merklichem Erfolg. Der Magpun konnte nicht nach seinem eigenen Willen handeln.Er wolle mit seinen Offizieren Rat halten und könne uns nicht eher Bescheid geben als am nächsten Morgen. Inzwischen würde er für unsere Verpflegung sorgen und sich für unsere Sicherheit verbürgen, wenn wir neben seinem Zelte lagern wollten.
Ich wußte wohl, daß das nur ein Mittel war, Zeit zu gewinnen, um nach Barka nördlich vom Rakastal und nach den nächstgelegenen Lagern um Soldaten zu schicken. Ich äußerte ihm offen meinen Verdacht, fügte aber bei, ich wünschte mit den tibetischen Behörden zunächst auf freundlichem Fuße zu verhandeln, bevor ich zur Gewalt griffe. Ich erinnerte den Magpun wieder daran, daß wir nur friedliche Reisende seien, die nicht gekommen seien, um zu kämpfen; ich würde alles, was ich von ihm oder seinen Leuten kaufen würde, zehnfach bezahlen und würde es gern tun; aber gleichzeitig sollte sich jeder in acht nehmen, der es wagen würde, auch nur einem meiner Leute ein Haar zu krümmen. Der Magpun erklärte, er verstehe alles sehr gut. Er schwor Freundschaft und bat uns, als seine Freunde die Nacht über bei seinem Lager zuzubringen. Bei der Sonne und der Dreieinigkeit schwor er, daß uns in keiner Hinsicht Leid geschehen solle. Er verabschiedete sich dann demütig von uns.
Der Doktor und ich saßen zuvorderst, hinter uns Tschanden Sing, der Brahmine und die zwei Christen. Die Träger waren weiter hinten. Ich schaute mich nach ihnen um. Welcher Anblick! Alle miteinander jammerten sie kläglich, und jeder verhüllte das Gesicht mit den Händen. Katschi liefen die Tränen über die Wangen, Dola seufzte, während der Daku und der andere in meinen Diensten stehende Tibeter, die sich zur Vorsicht verkleidet hatten, sich hinter ihren Lasten versteckt hielten. So ernsthaft die Lage war, mußte ich doch über die entmutigten Leute lachen.
Wir schlugen unsere Zelte auf. Ich hatte schon eine Zeitlang im Zelt gesessen, meine Beobachtungen registriert und mein Tagebuch weiter geschrieben, als Katschi in augenscheinlich großer Angst hereinkroch. Er war so gänzlich außer Fassung, daß er kaum sprechen konnte.
»Herr!« flüsterte er. »Herr! die Tibeter haben einen Mann zu deinen Kulis geschickt, der ihnen befohlen hat, daß sie dich verratenoder sterben müßten. Sie müssen dich während der Nacht verlassen, und wenn du versuchst, sie zurückzuhalten, müssen sie dich töten!«
Zu derselben Zeit, als dieser Spion abgesandt worden war, um sich mit meinen Kulis zu verschwören, hatten andere Boten des Magpun große Massen trockenen Dungs für unser Feuer gebracht und mir neue Versicherungen seiner Freundschaft übermittelt. Trotzdem wurden Soldaten nach jeder Richtung ausgeschickt, um Hilfe herbeizurufen. Ich sah sie fortgehen; einer ging nach Kardam und Taklakot; ein zweiter ging nach Barka, und ein dritter galoppierte nach Westen.
Meine Träger bereiteten augenscheinlich einen Handstreich vor, wie ich durch eine Öffnung im Zelte beobachten konnte. Sie waren emsig beschäftigt, ihre Decken und Kleider von meinen Lasten zu trennen, die Vorräte unter sich zu verteilen und meine eigenen Güter beiseite zu werfen. Ich ging zu ihnen hinaus und ließ sie ruhig die Sachen wieder so verpacken, wie sie gewesen waren; dabei warnte ich sie, daß ich jeden erschießen würde, der versuchen sollte, zu meutern oder zu desertieren.
Während der Doktor und ich uns zu einer ausgiebigen Mahlzeit niedersetzten, zu unserer letzten nach den im Lager umgehenden Gerüchten, wurde Tschanden Sing mit den Vorbereitungen zum Kriege von unserer Seite betraut. Mit großem Behagen reinigte er die Flinten und machte die Munition fertig, denn er sehnte sich danach zu kämpfen.
Der Brahmine, auf dessen Treue wir uns auch verlassen konnten, blieb bei der ganzen Sache kühl und gefaßt. Er war ein Philosoph und zerbrach sich nie den Kopf über irgend etwas. Er beteiligte sich nicht aktiv an der Vorbereitung zu unserer Verteidigung, denn er fürchtete den Tod nicht. Gott allein könne ihn töten, so behauptete er, und alle Luntenflinten im Lande zusammengenommen könnten ihm keine Kugel durch den Leib jagen, wenn nicht Gott es wünsche. Und wenn dies wäre, was würde es nützen, sich gegen den Willen Gottes aufzulehnen? Die beiden Bekehrten waren als gute Christen praktischer und verloren keine Zeit, die gewaltigen Klingen ihrer Kukris zur Schärfe von Rasiermessern zu schleifen.
Unserer sechs waren wir nun bereit, der ganzen tibetischenArmee entgegenzutreten! Als die Dunkelheit kam, wurden in einiger Entfernung rings um unser Lager Wachen aufgestellt. Es war zu vermuten, daß, sobald sich Gelegenheit bieten sollte, auf unser Zelt ein gemeinsamer Überfall mit meinen verräterischen Trägern geplant war. Einer von uns hielt die ganze Nacht hindurch draußen Wache, und wir legten uns drinnen in unsern Kleidern nieder, die geladenen Flinten für den Notfall neben uns. Ich kann nicht sagen, daßDr.Wilson und ich Furcht empfanden, denn die malerischen tibetischen Soldaten mit ihren plumpen Luntenflinten, ihren langen Speeren und edelsteinbesetzten Schwertern und Dolchen flößten uns mehr Verachtung als Schrecken ein.