Zwanzigstes Kapitel.Der Teufelssee und der Heilige See.
Während unserer Nachtmärsche, die uns an Bergen von beträchtlicher Höhe hinauf- und hinabführten, hatten wir natürlich Abenteuer aller Art, die viel zu zahlreich waren, um hier in allen Einzelheiten erzählt zu werden.
Unter beständigen Schneestürmen überschritten wir Gebirgszug nach Gebirgszug, wanderten während der Nacht und verbargen uns am Tage, lagerten in sehr großen Höhen und erduldeten harte Entbehrungen. Ich führte meine Leute auf den Rakastal, den Teufelssee, zu. Eines Tages, als wir zu 5350 Meter Höhe emporgestiegen waren, hatten wir eine prachtvolle Aussicht auf die beiden großen Wasserflächen, den Lafan-tscho und Mafan-tscho, oder die Seen Rakastal und Mansarowar, unter welch letztern Namen sie außerhalb Tibets gewöhnlich bekannt sind.
Nördlich von den Seen erhebt sich der prachtvolle Tize oder heilige Berg Kelas, der die andern Schneegipfel der von Nordwesten nach Südosten laufenden Gangrikette um mehr als 600 Meter überragt. – Wir konnten von dieser Stelle aus deutlicher als von Lama Tschokden den Streifen um den Fuß des Berges sehen, der der Sage nach durch den Strick des Rakas oder Teufels gebildet wurde, als dieser versuchte, diesen Thron der Götter niederzureißen.
Der Kelas, der große heilige Berg, ist infolge seiner eigentümlichen Gestalt von fesselndem Interesse. Sie gleicht dem Riesendache eines Tempels, aber meiner Meinung nach fehlt ihr die Anmut der sanft geschwungenen Bogenlinien, wie man sie am Fujijama in Japan findet, dem vom künstlerischen Standpunkte schönsten Berg, den ich je gesehen habe. Der Kelas ist eckig, unangenehm eckig, möchte ich sagen, und trotzdem seine Höhe, dielebhafte Färbung seiner Basis und die Schneemassen, die seine Abhänge bedecken, ihm einen eigentümlichen Reiz geben, fiel er mir doch als äußerst unmalerisch auf, wenigstens von dem Punkte aus, von dem ich ihn sah und von wo er ganz sichtbar war. Wenn Wolken um ihn spielten und seine Formen milderten, erschien er für das Auge des Malers am vorteilhaftesten. So habe ich ihn besonders bei Sonnenaufgang wunderschön gesehen, wenn die eine Seite von dem aufsteigenden Tagesgestirn rot und gelb gefärbt war und seine Felsmasse sich majestätisch von einem Hintergrunde leuchtenden Goldes abhob, während hoch oben sein Gipfel emporragte, von einer Menge runder Wölkchen umkränzt, die sich phantastisch über den sonst klaren Himmel ausbreiteten. Mit meinem Fernrohr konnte ich, besonders an der Ostseite, deutlich den Engpaß sehen, durch den die Anbeter die Runde um den Fuß des Berges machen.
Die Pilgerfahrt rund um den Kelas nimmt gewöhnlich drei Tage in Anspruch; einige führen sie in zwei Tagen aus, und unter günstigen Umständen ist sie sogar in einem Tage zu machen. Es ist bei den Pilgern Brauch, unterwegs Gebete herzusagen und Opfer darzubringen. Die Fanatischern unter ihnen legen den Weg kriechend wie Schlangen zurück, indem sie sich platt auf den Boden legen; andere wieder gehen auf Händen und Knien, und noch andere gehen rückwärts.
Der Tize oder Kelas hat eine Höhe von 6650 Meter und der Nandi Phu westlich von ihm 6230 Meter.
Die Tier- und Pflanzenwelt schien reichlich vertreten zu sein, denn während ich das Panorama vor mir zeichnete, sprang ein Schneeleopard auf und setzte anmutig an uns vorüber; auch schoß ich ein- oder zweimal auf Gemsen, und wir sahen eine Anzahl von Kiang. Wir fanden Rhabarber, der in der bedeutenden Höhe von etwa 5200 Meter gut zu gedeihen schien, und an derselben Stelle eine Menge gelber Blumen.
Als wir uns den Seen näherten, schien die Atmosphäre mit Feuchtigkeit gesättigt, denn kaum war die Sonne untergegangen, als starker Tau fiel, der unsere Decken und Kleider durchnäßte. Wir waren 5050 Meter hoch in einem schmalen, sumpfigen Tal, in das wir von dem letzten Gebirgszuge steil hinabgestiegen waren. Von dem Gipfel des Gebirges aus hatten wir vieleRauchsäulen gesehen, die aus der Umgebung des Rakastal emporstiegen, und wir schlossen daraus, daß wir wieder mit großer Vorsicht vorwärts gehen müßten.
Wir kochten unser Essen, verlegten zu größerer Sicherheit mitten in der Nacht unser Lager in nordwestlicher Richtung auf die Höhe des Plateaus und setzten am Morgen unsern Marsch hoch über der prachtvollen blauen Wasserfläche des Teufelssees mit seinen hübschen Inseln fort.
»Sahib, siehst du jene Insel?« rief der Mann aus Kuti, indem er auf einen kahlen, aus dem See hervorragenden Felsen wies. »Auf ihm«, fuhr er fort, »lebt ein Lama-Einsiedler, ein heiliger Mann. Er ist dort seit vielen Jahren allein, und ihm wird von den Tibetern große Verehrung erwiesen. Er lebt fast ausschließlich von Fischen und gelegentlich von Schwaneneiern; nur im Winter, wenn der See gefroren ist, wird eine Verbindung mit dem Ufer eingerichtet und Vorräte werden ihm gebracht, denn es gibt weder Boote auf dem Rakastal noch irgendeine Möglichkeit, Flöße anzufertigen, wegen des Mangels an Holz. Der Einsiedler schläft in einer Höhle, kommt aber gewöhnlich ins Freie, um zu Buddha zu beten.«
Während der folgenden Nacht, als alles still war, trug eine leichte, aus Norden wehende Brise uns von Zeit zu Zeit schwach und undeutlich das Geheul des Einsiedlers zu.
»Was ist das?« fragte ich die Schokas.
»Es ist der Einsiedler, der zu Gott spricht. Jede Nacht klettert er auf den Gipfel des Felsens und richtet von dort seine Gebete an Buddha, den Großen.«
»Wie ist er gekleidet?« fragte ich.
»In Felle.«
Am Nachmittag hatten wir einen ergötzlichen Zwischenfall.
Wir kamen an einen Bach, an dem weiter abwärts eine Anzahl von Männern, Frauen und Hunderte von Jaken, Schafen und ungefähr dreißig Pferde waren. Die Schokas wurden ängstlich und sagten sofort, die Leute seien Räuber. Ich behauptete das Gegenteil. Katschi stellte die Behauptung auf, die einzige Art, Räuber von ehrlichen Leuten zu unterscheiden, sei, sie sprechen zu hören, weil die Räuber, wenn sie sich unterhielten, gewöhnlich schrien, so laut sie könnten, und eine Sprache führten, die durchaus nicht gewählt sei, während wohlhabende Tibeter sanftund gebildet sprächen. Ich hielt es daher für das einzig Richtige, hinzugehen und uns den Leuten vorzustellen, wobei wir dann durch den Ton ihrer Stimme ihre Beschäftigung herausfinden würden. Dies paßte jedoch meinen Schokas nicht; wir befanden uns daher in einer etwas schwierigen Lage. Denn um weiterzugehen, mußten wir entweder an dem tibetischen Lager vorbei oder südwärts um einen Berg herum, was bedeutende Mühe und Zeitverlust verursacht haben würde. Wir warteten, bis die Nacht kam, und beobachteten unbemerkt die Tibeter. Wie es bei ihnen gebräuchlich, zogen sie sich bei Sonnenuntergang in ihre Zelte zurück.
Meine Leute zurücklassend, kroch ich während der Nacht in ihr Lager und blickte verstohlen in eins ihrer Zelte. Die Männer kauerten auf dem Boden rund um ein Feuer, auf dem zwei Gefäße mit Tee dampften. Ein alter Mann mit scharfmarkierten mongolischen Gesichtszügen, die noch verstärkt wurden durch die tiefen Schatten, die der Schein des Feuers über seine eckigen Backenknochen und die vortretende, gefurchte Stirn warf, drehte emsig sein Gebetrad von links nach rechts und wiederholte mechanisch das gewöhnliche »Om mani padme hum«. Diese Worte stammen aus dem Sanskrit, beziehen sich auf die Wiederfleischwerdung Buddhas aus einer Lotosblume und bedeuten wörtlich: »Om, das Kleinod in dem Lotos! Amen.« Zwei oder drei Männer, deren Gesichter ich nicht sehen konnte, da sie sich sehr tief bückten, waren damit beschäftigt, Geld zu zählen und verschiedene Gegenstände indischer Herkunft zu prüfen, die ohne Zweifel den Schokas geraubt worden waren. Es war ein Glück, daß sie keine Hunde im Lager hatten.
Als ich den besten Weg entdeckt hatte, um unbemerkt an ihnen vorbeizukommen, ging ich zu meinen Leuten zurück und führte sie mitten in der Nacht an dem Lager vorüber. Wir gingen etwa zwei Kilometer über dieses Lager hinaus, und nachdem wir eine gutgeschützte Stelle gewählt hatten, wo wir ohne Furcht vor Entdeckung ruhen konnten, legten wir unsere Lasten nieder und versuchten ein paar Stunden zu schlafen. Bei Sonnenaufgang erwachten wir und waren sehr erschreckt, uns von einer Bande Dakoit umringt zu finden. Es waren unsere Freunde von der vergangenen Nacht, die unsern Spuren gefolgt waren und, da sie uns für Schokahändler hielten, jetzt eine kleine Plünderungvorhatten. Bei ihrer Annäherung erhielten sie einen etwas warmen Empfang, und ihr sofortiger Rückzug war mehr eilig als würdevoll.
Wir setzten unsern Weg zum Teufelssee fort. Um unser Essen zu kochen, hielten wir ungefähr ein Kilometer vom Ufer des Sees.
Ich hatte meine Instrumente, mit denen ich Längenbestimmungen und Höhenmessungen vornahm, eben wieder eingepackt und lag lang ausgestreckt in der Sonne in einiger Entfernung von meinen Leuten, als es mir vorkam, als sähe ich etwas sich bewegen. Ich sprang sofort auf, und siehe, ein kräftiger Tibeter kroch nur wenige Meter von mir auf dem Boden entlang, ohne Zweifel in der Absicht, sich meiner Flinte zu bemächtigen, ehe ich Zeit haben könnte, ihn zu entdecken. Zum Unglück für ihn war er nicht schnell genug, und so war alles, was ihm sein Versuch eintrug, eine tüchtige Tracht Prügel mit dem Kolben meines Mannlicher.
Es war einer der Räuber, die wir am Morgen gesehen hatten. Zweifellos waren sie uns gefolgt und hatten uns den ganzen Weg über beobachtet. Als der Kerl seine erste Überraschung überwunden hatte, forderte er uns mit einer ergötzlichen erheuchelten Unschuldsmiene auf, sie zu besuchen und die Nacht in ihrem Zelt zuzubringen. Sie wollten uns königlich bewirten, sagte er. Da uns aber die Art der Gastfreundschaft der Dakoit wohlbekannt war, lehnten wir die Einladung höflichst ab. Der Räuber ging etwas enttäuscht weg, und wir setzten unsern Marsch am Ufer des Teufelssees fort. Auf der ganzen Strecke zeigten sich deutliche Spuren, daß das Niveau des Sees in einer frühern Epoche viel höher gewesen sein mußte, als es jetzt war.
Wir begegneten vielen Tibetern. Wenn sie uns näherkommen sahen, rissen sie gewöhnlich aus, ihre Schafe und Jake vor sich her treibend. Wir trafen auch zwei tibetische Weiber, die sehr schmutzig waren und ihr Gesicht mit schwarzer Salbe beschmiert hatten, die die Haut vor dem Aufspringen in dem scharfen Wind bewahren soll. Sie waren in lange Schaffellgewänder gekleidet, die jedoch schäbig und schmutzig waren, und ihre Haare waren so unrein, daß sie einen ekelhaften Geruch ausströmten. Ich rief ihnen zu, uns nicht zu nahe zu kommen; denn obgleich diese Weiber keinen Anspruch auf Schönheit machen konnten und, soweit ich sah, keinerlei Reiz besaßen, da die eine alt und zahnlos war, die andere eine Haut wie eine Eidechse hatte,versuchten sie doch, uns in ihre Zelte zu locken, jedenfalls damit wir von ihren Männern ausgeplündert würden. Meine Leute schienen jedoch von ihren komischen Reden und Gebärden wenig angezogen, und ich eilte vorwärts, um dieses gefährliche Pack möglichst bald loszuwerden.
Vier Tibeter, die den Versuch machten, Tschanden Sing die Flinte aus den Händen zu reißen, erhielten von ihm eine tüchtige Tracht Prügel. Hiernach wurden wir zum Glück den übrigen Teil des Tages hindurch in Ruhe gelassen. Abends schoß Tschanden Sing auf einen schwarzen Wolf, der dicht an das Lager herankam, und ich entdeckte ungefähr 30 Meter über dem Spiegel des Sees ein in die Bergwand eingebettetes Lager von gigantischen Fossilien. Es tat mir sehr leid, daß es wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes unmöglich war, sie auszugraben und mitzunehmen.
Da wir fast sicher waren, daß wir die ganze Zeit von den zahlreichen Jogpas, denen wir begegneten, beobachtet würden, mußten wir versuchen, sie zu täuschen, indem wir taten, als lagerten wir uns vor Sonnenuntergang, wobei wir ein Feuer anzündeten. Später entfernten wir uns und gingen, im Dunkeln tappend, mehrere Kilometer, bis wir hoch oben am Berghang einen Platz fanden, wo wir uns für ganz sicher hielten. Während der Nacht fiel starker Schnee, und wie gewöhnlich erwachten wir mit Eiszapfen, die an Bärten, Augenwimpern und Haaren hingen; dennoch fühlten wir uns trotz der ungewöhnlichen Beschwerden, die wir täglich zu erdulden hatten, verhältnismäßig wohl.
Ich vermochte von vielen Punkten aus festzustellen, daß, wie die AbbildungS. 129zeigt, der Rücken zwischen dem Rakastal und dem Mansarowarsee ununterbrochen fortläuft, und daß keine Verbindung zwischen den beiden Seen besteht. Mit Ausnahme einer kleinen Senkung ungefähr in der Mitte hat der Rücken auf der ganzen Strecke eine durchschnittliche Höhe von 300 Meter, eine Tatsache, die die Annahme, daß beide Seen eigentlich nur ein einziger sind, für immer beseitigen muß. Ich erfuhr auch von den Eingeborenen, daß keinerlei Zusammenhang zwischen den beiden großen Wasserbecken besteht, obgleich die Senkung in dem Rücken es wahrscheinlich macht, daß in einer sehr fernen Periode ein solcher bestanden hat. Der tiefste Punkt in dieser Depression liegt mehr als 100 Meter über dem Seespiegel.