EEs war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich vorbereitenden Natur herausfühlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren Windungen nach dem Bergdorfe D. führende Bergstraße hinaufbewegte.
Den Möbelstücken sah man es an, daß ihr Besitzer nicht gerade ein reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, daß er sich in Verhältnissen befinde, die ihn zwängen, notwendige Haushaltungsgegenstände entbehren zu müssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, ließ darauf schließen, daß viele der einzelnen Stücke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, daß einige Schränke und Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen sich doch diese schweren, harthölzernen, von ihren Erstellern scheinbar für die Ewigkeit bestimmten Möbel gegenmanche Erzeugnisse der heutigen Möbelfabrikation aus, wo alles für das Auge berechnet ist und beim ersten rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.
Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß das hier seinen Wohnsitz wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hälfte davon Liebhabereien für Blumenzucht hege. Ein ziemlich geräumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefüllt zu sein, wenigstens schauten die Blütendolden verschiedener Geranien wie verwundert in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen nickend über den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehängt, baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Föhrenzapfen verziert – wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.
Der Hausrat gehörte dem aus D. gebürtigen Zimmermann Martin Müller, der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tüchtigen Arbeiter ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleißige und sparsame Zimmergeselle wurde überall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer größern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine große Mitgift in die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und über zwei gesunde Arme und einen häuslichen Sinn verfügte. Zwölf glückliche Jahre hatten sie nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen Verhältnissen und dankten Gott, daß er sie bis jetzt vor herben Prüfungen verschont hatte.
Martin hatte seine Mutter schon früh verloren, und nun war vor einem halben Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren für die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Häusern ausführte und hie und da auch kleinere Bauten übernahm. Daneben versah er die Stelle eines Gemeindeweibels und galt überall als ein äußerstfleißiger und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so wurde der alte Müller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die kleine Haushaltung geführt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstücken. Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurückzukehren und auf eigene Rechnung ein kleines Geschäft zu gründen. Wir finden ihn heute mit seiner Familie auf dem Wege dahin.
Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und hatten einander natürlich vieles zu erzählen, besonders Martin hatte manches zu fragen über die heimatlichen Verhältnisse, in denen sich so manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte.
Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun, all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht Jahren immerfort an sie richteten. Sie saßen auf dem Kanapee, das vorn auf dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein großes Wohlgefallen an der Fahrt zu haben. Ein zehnjähriges Töchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg zu Fuß machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten Färbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe des Entzückens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebüsch erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Hütten aufmerksam.
Wir überlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns den beiden Männern zu, um zu lauschen, über was sie so angelegentlich miteinander verhandeln.
»Ja, Ja, Martin,« hub der Fuhrmann eben wieder an, »Du wirst sehen, daß wir jetzt ganz andere Verhältnisse in D. habenals früher, und namentlich Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, daß die Zustände leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.«
»Aber,« erwiderte Martin, »es ist mir doch, als ich beim Begräbnis meines Vaters war, aufgefallen, daß viele Häuser ein vorteilhafteres Aussehen haben als früher, daß auch einige neue freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wären als früher. Alles das deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so mißlichen Zuständen entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!«
»Wenn Du aus den eben angeführten Veränderungen, die bei uns stattgefunden haben, den Schluß ziehst, daß mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein größerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit noch lange nicht bewiesen ist, daß das für unsere Leute ohne weiteres einen Vorteil bedeute. Du weißt, wie einfach es früher in unserm Dorfe zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei. Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schön waren als die heutige Fabrikware, sich dafür aber durch viel größere Haltbarkeit auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tüchtig geschafft hatte, freute man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu dürfen. Die einzige Wirtschaft, die es damals bei uns gab, hätte als solche für sich allein gewiß nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden gewesen wäre. Am Werktag ging – von einigen gewohnheitsmäßigen Schnapsern abgesehen – niemand ins Wirtshaus, und auch an gewöhnlichen Sonntagen war der Zulauf kein großer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei ähnlichenAnlässen ging es etwas höher her. Seit nun aber auch bei uns alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst staunen, wenn Du im Frühling die Völkerwanderung siehst. Die jungen ledigen Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald für eine Schande, im Sommer hier bleiben zu müssen. Aber auch genug verheiratete Männer sind den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache nach im Sommer die Bevölkerung unseres Dorfes. Da werden im Frühjahr vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedüngt, überhaupt das Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit – manchmal auch ein großer Teil der Herbstarbeiten – den Frauen und alten Leuten überlassen. Auch die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, müssen tüchtig mit anfassen. Du kannst Dir denken, daß unter solchen Verhältnissen die Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur notdürftig und oberflächlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande lockern sich, und die Kindererziehung läßt vieles zu wünschen übrig.«
*) Wahl des Kreisgerichtes.
Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehört hatte, war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: »Ich weiß, daß Du es gut meinst, und daß Deine Worte aus einem für die Heimat besorgten Herzen kommen; aber es nützt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht ändern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhältnissen so gut als möglich anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt über Wasser und wird nicht Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben hat, es zu tun, so soll man sie unterstützen; denn wo diese Industrie blüht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt eine vortreffliche Absatzquelle für alle landwirtschaftlichen Produkte dar. Ich glaube, daß die besten Zustände da herrschen, wo die verschiedenenErwerbsgruppen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Freilich gehe ich mit Dir einig, daß es für unsere Verhältnisse nicht zum Nutzen ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natürlich gerade der intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und überhaupt fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, daß die Auswüchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die gesunden Elemente unserer Bevölkerung werden einsehen, daß auch manchmal das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und daß man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Betätigung ein Leben führen kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die abhängige und oft sehr aufreibende Tätigkeit in einem Hotel. Zu wünschen wäre es, daß einige Männer sich unserer Landwirtschaft annehmen und an deren Hebung arbeiten würden; das gute Beispiel würde andere hinreißen, und der Erfolg müßte ein bedeutender sein.«
»Ich sehe schon,« fiel der Fuhrmann wieder ein, »Du fassest alles von der leichten Seite auf, indessen möchte ich selbst nur wünschen, daß Du recht behalten möchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise käme. Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptsächlich auch deswegen, weil sie moralisch allmählich auf abschüssige Bahnen kommen. Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer Dorfbewohner. Wo früher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein wie früher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man früher nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere jungen Männer, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig, die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nichtim Wirtshaus gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen Jungen an Sparsamkeit und Häuslichkeit zu ermahnen, dann heißt es gleich: »Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefällt, kann ich im Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu lassen.« Aber auch viele Familienväter fühlen sich zu Hause nicht wohl; Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin das alles führen mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die Jahresstellen haben, oder den Winter in südlichen Gegenden verbringen, kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre für einige Wochen in die Heimat, um sich zu »erholen«; diese drehen dann erst recht alles auf den Kopf, sie bestimmen gewöhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die während der »Ferien« verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne sich einmal Ruhe zu gönnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe, dürfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas müsse man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten arrangiert, es gibt Bälle, Ausflüge, Kneipgelage und dergleichen mehr. Teils weil jeder Genuß ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird, teils aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus alter Freundschaft, teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den »armen Schluckern«, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen müssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufällig ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu können, nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt sogar häufig genug vor, daß Jünglinge und Männer von der Arbeit weg ins Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewiß nicht zu verwundern, wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die Unzufriedenheit mitihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei ihnen gewisse Lüste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele eine Lebensweise angewöhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst keineswegs in Einklang stehen.« So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wäre jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, hätte man sich jetzt nicht dem Dorfe genähert, welcher Umstand natürlich dem Gespräch ein Ende machte. Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, während der Fuhrmann vollständig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.
Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen über die holprige Dorfstraße fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der Müllerschen Familie mit Muße anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch reichlich ausgenützt.
Während sich die Dorfjugend in der Straße aufstellte und so von ihrem Vorrecht, sich nicht genieren zu müssen, Gebrauch machte, standen die Alten unter den Haus- oder Stalltüren, schauten zu den geöffneten oder geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhängen postiert. Die einen musterten mit kritischem Blick die Möbel, andere schienen sich für die Kinder zu interessieren, während wieder andere die Augen nur auf die Frau und ihre Kleidung gerichtet hatten.
Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte. Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit entfernt liegenden Behausung zu.
Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden; sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Möbel an, und einige Frauen zeigten sich bereit, so schnell als möglich für die leiblichen Bedürfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von dem ziemlich weiten Weg doch gewißhungrig und durstig sein müssen. Martin dankte allen für den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden könne, so lange es noch Tag sei. Für das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine Frau und die Kinder durch das Haus zu führen und dann der Einladung Folge zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen werden könne.
Elise, so hieß die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal eine geräumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser einrichten konnte als in den engen Mieträumen, auf die man vorher beschränkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstände, zusammen mit den mitgebrachten Mobilien, mußten eine Ausstattung geben, an welche die bescheidene Frau vorher nie hatte denken dürfen.
Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten Räume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen Eltern erinnerte.
Wir überlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre Habseligkeiten abzuladen und sich notdürftig einzurichten, und wollen unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden Zustände etwas näher kennen zu lernen.
D. liegt an einem Abhang nach Süden, so daß es von rauhen Nordwinden vollständig geschützt ist. Dieser glücklichen Lage ist es jedenfalls auch zu verdanken, daß trotz der bedeutenden Höhe ein ziemlich ausgedehnter Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich durch das Dorf ziehenden Hauptstraße gelegenen Häuser sind fast ganz in dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhäuser und Ställe sind meistens mit Schindeln gedeckt und gewähren in ihrer unregelmäßigen Gruppierung einen pittoresken Anblick. Die Gassen und Plätze sind nicht gerade unsauber, doch machen sich auch hie und da diebraunen Bächlein bemerkbar, die von den Düngerstätten abfließen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der Häuser lassen es deutlich erkennen, daß ihre Besitzer in der glücklichen Lage sich befinden, etwas wagen zu dürfen zur Verschönerung und Verbesserung ihrer Wohnstätten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstöcke mit entsprechenden Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht. Auch einigen größeren und kleineren Neubauten begegnen wir beim Durchschreiten der Hauptstraße. Wir vermuten, daß in diesen neuen und frisch renovierten Behausungen jene Glücklichen wohnen, denen es gelungen ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein schönes Stück Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe der großen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurückgezogen, teils aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder einmal für kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand läßt uns auch begreifen, warum die Fensterläden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, daß diese leer stehen.
Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei Röhren das geräumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast gönnen, schneiden Brot in die Futtertröge, schütten etwas Hafer aus den mitgebrachten Säcken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von weiteren Gästen nichts zu bemerken. Es herrscht überhaupt eine gewisse Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei dem schönen Wetter meistens auf dem Felde beschäftigt. Machen also auch wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu beobachten.
Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhöhe liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus, und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang führenden Rabatte blühen feurigrote Dahlien, und gelbe und weiße Winterastern beginnen ihre Blütendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemüse harrt der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schöngezogene und mit Früchten vollbehangene Zwergbäume. So gewährt denn das Pfarrhaus mit seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blüten einiger Topfgewächse zwischen den blendendweißen Vorhängen herausschauen, inmitten der freundlichen Umgebung einen höchst einladenden Anblick.
Zu äußerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gäste heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als möglich zu machen. Neben dem im Châletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und lautes Gelächter an unser Ohr dringt, als Beweis, daß auch heute eine lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt.
Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstraße einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefüllten Säcken beladen, an den Ackergrenzen stehen. Die Kühe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, daß es ihnen sehr darum zu tun ist, bei dem schönen Wettermöglichst viel auszurichten. Uns, denen die Verhältnisse fremd sind, fällt es auf, daß wir so wenige Männer an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast ausschließlich von Frauen besorgt wird. Es fällt uns aber das Gespräch zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, daß die Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der männlichen Bewohner infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung deutlich erkennen. Während einige Stücke rein von Unkraut sind, zeigen sich auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkräutern, welche durch reichlichen Samenansatz dafür gesorgt haben, daß auch für ihre Verbreitung im nächsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar für zweckmäßig, das Unkraut zuerst abzumähen, um das Ausgraben der Kartoffeln leichter vornehmen zu können.
So ist es denn über unsern Betrachtungen allmählich spät geworden, der Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dämmerung zu einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Kühe einspannen und zum Heimweg rüsten. Auch für uns wird es Zeit, zu unserer Zimmermannsfamilie zurückzukehren, die wir in ihrem neuen Heim zurückgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, daß die Verhältnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an andern Orten, daß es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwärts. Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der Ueberzeugung Raum gab, daß die Auswanderung und das Streben nach Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher und allgemein moralischer Beziehung einen ungünstigen Einfluß auf die Zustände in D. ausübe, und daß dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben werde durch die Erhöhung des Verdienstes und den Zufluß reicherer Geldquellen nach D., so müssen wir ihm ein wenig recht geben.
Im Müllerschen Hause war alles in reger Tätigkeit, besonders Frau Elise tat sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tüchtig hervor. Mit sicherem Blick ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Möbelstücke so an, daß jedes Stück gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder von einem Zimmer ins andere gebracht werden mußte. Noch bei vollständiger Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan.
Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine große Unordnung, und bis Kisten und Körbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden, waren noch einige Tage erforderlich.
Elise ließ es sich nun vor allem angelegen sein, die Küche so in den Stand zu stellen, daß es ihr möglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr nötig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, daß die verschiedenen Gegenstände leicht gefunden und sofort benützt werden konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleißig an die Hand, und bald stand auf dem Tisch eine kräftige Mahlzeit, der dann auch – zum erstenmal im neuen Heim – von allen Seiten tüchtig zugesprochen wurde. Als dann auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, daß man die Betten benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. »Es tauge nichts,« meinte Martin, »wenn man sich noch länger abmühe; es gehe dann alles viel leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe.«
So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis das ganze Haus von oben bis unten in Ordnungwar. Als auch die letzte Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhänge, beendigt war, da freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fühlten sich froher und glücklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Fürst in seinem Palaste.
Das freundliche Aussehen, das Martins Häuschen nun erhalten hatte, als auch Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz gefunden hatten, veranlaßte nicht nur manchen Vorübergehenden zu kurzem Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrüßenden Blumen, welche die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewährte, durch reiches Blühen ausnützen zu wollen schienen, sondern erregte auch – namentlich bei einigen Nachbarinnen Elisens – den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen zu dürfen in die innere Häuslichkeit der Müllerschen Familie. An Vorwänden für allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise – namentlich wenn Martin in seinen Geschäften abwesend war – häufig in Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener Angelegenheit ihre Aufwartung machten.
Elise ließ sich durch solche Visiten in ihren häuslichen Verrichtungen gewöhnlich nicht stören, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie müßte auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut hätte über das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde. Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel ihres Hauses bemerkbar machte. In der Küche glänzte und blitzte alles. Auf einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas ungleiche Geschirr so geordnet, daß dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie es Elise überhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, daß alles mehr vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserneHerd und der Fußboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar nicht gebraucht würden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut gelüfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden.
Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es sei für gewöhnliche Leute nicht notwendig, daß alles so glänze, daß man sich drin spiegeln könne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe man nicht gegessen, das müsse man den Herrenleuten überlassen, die hätten Zeit und Geld für solche unnützen Sachen. Die Elise würde es auch bald bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren müßte; aber die habe es lange gut, sie könne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem das bißchen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im Winter könne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht ausreichen, um fünf Mäuler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der Unzufriedenheit mit dem eigenen Los.
Manche der Frauen, die mit Elise in Berührung kamen und sie ganz aufrichtig wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten, ließen durchblicken, daß sie das gerne auch hätten, aber die Fülle der landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne möchten. Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und außerdem bekomme man auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die Männer und zum Teil auch die Töchter seien gezwungen, auswärts Verdienst zu suchen, weil das »Bauern« nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes Auskommen zu haben. Da müsse man sich halt nach der Decke strecken und die Verhältnisse nehmen wie sie seien.
Bei Gelegenheit solcher Gespräche hielt dann auch Elise nicht hinter dem Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, daß ihr die Verhältnisse in D. gar nicht gefallen. Sie führte dann ihre Heimat als Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, daß man im Unterland auch Landwirtschaft treibe, daß sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber es falle dort niemanden ein, den Frauen und Töchtern die schwerste Arbeit sozusagen allein aufzubürden; solche besorgen die Männer schon selbst und die Frauen seien in erster Linie zur Führung des Hauswesens da, was dann freilich nicht ausschließe, daß auch sie zu gewissen Zeiten tüchtig in Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen müssen. Daß unter Umständen die Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man dürfe nicht vergessen, daß eine tüchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr verdienen könne, als man im allgemeinen annehme. »Rechnet nur aus,« sagte sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie über diesen Gegenstand zu reden kam, »wie viel müßte ich der Schneiderin und dem Schneider geben, wenn ich die Kleider für mich und die Kinder nicht selbst anfertigen könnte. Mein Vater hat nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe, als ich einen Zuschneidekurs besuchen wollte; er wußte, daß die Zeit gut angewandt sei. Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, daß ich nichts verdiene, wenn ich nicht gerade Mist führe und Erde schaufle wie ihr andern. Mein Mann hat mir schon versprechen müssen, einen kleinen Garten anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich darin Gemüse ziehe, so daß wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind an den Genuß der verschiedenen Gartengemüse gewöhnt und haben sie als gesunde und billige Nahrungsmittel schätzen gelernt. Selbst das Putzen und Waschen trägt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes geeignet, den Krankheiten vorzubeugen undSeife und Bürsten sind viel billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein Vergnügen muß der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen gewährt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig kostet, so mag man mir dieselbe wohl gönnen.«
Diese und ähnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet, die Frauen von D. zu überzeugen, daß bei ihnen manches anders sein könnte, als es war, und sie begannen die »Unterländerliese« – wie man unsere Elise in D. kurzweg nannte – zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, daß man immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur Folge, als daß die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Männer infolgedessen manchen Vorwurf zu hören bekamen über die ungerechten Zumutungen der Männer. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen und meinten, sie wäre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu kommen und ihren Weibern die Köpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten zuletzt selbst, daß an der Sachlage nichts zu ändern sei; sie stellten, teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde über die häuslichen Verhältnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten.
Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen für Hochmut. Sie hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen hatte, etwas beitragen zu können zur Verbesserung des harten Loses vieler Frauen von D.
Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterländerliese nicht verkannte, sie vielmehr zu unterstützen trachtete, war derPfarrer. Er war in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhältnisse genau. Die sozialen Uebelstände, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit schwerem Herzen bemerkt, war aber unfähig, ihnen zu steuern, da es ihm an tatkräftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er das schöne Familienleben im Müllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich gleich, daß ein solches Beispiel nicht ohne wohltätigen Einfluß bleiben könne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mißdeutet haben, da lächelte er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhältnissen zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf einmal zu Unterländerinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu können, müsse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungünstigen Zustände entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, daß diesen mit Erfolg entgegengetreten werden könne, werde man Frauen und Männer für durchgreifende Reformen gewinnen. Er möchte ihr den Rat geben, mit allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenüber nicht als Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhältnisse seien dort zu verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide unter der großen Güterzerstückelung, dem allgemeinen Weidgang und andern ungünstigen Einflüssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart, daß es nur zu natürlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar nicht derart, daß keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld und Männer, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen gelte es, die Leute so gut als möglich an die Heimat zu fesseln, und das geschehe am bestendurch die Bande der Familie. Hier müsse man vor allen Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens Hilfe.
Martin hatte vollauf zu tun. Große Unternehmungen waren es vorderhand freilich nicht, mit denen er sich beschäftigte; denn es waren meist nur kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausführen zu lassen, weil in D. vorher kein Zimmermann ansässig war. Es waren das alles Arbeiten, die kein großes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach sein Geschäft vergrößern.
Zufrieden und vergnügt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun immer länger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemütlichen Jaß aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschützend, ihn ins Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab. Viele sahen in ihm deshalb einen erbärmlichen Pantoffelhelden, der nach der Pfeife seiner Frau tanzen müsse. Weil sie keinen Sinn hatten für das Glück einer stillen Häuslichkeit und eines durch nichts getrübten Familienlebens, hielten sie die Anhänglichkeit Martins an seine Familie für eine nicht ganz freiwillige, und während ihn einige bemitleideten, meinten andere, es geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterländerin geheiratet, er hätte eine aus der Talschaft nehmen können, dann hätte er nicht nötig gehabt, innerhalb seiner vier Wände Trübsal blasen zu müssen.
Martin, dem natürlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lächelte nur darüber; ihm war es gleichgültig, was andere Leute in dieser Beziehung über ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenüber direkt mißbilligend über Elise zu äußern,indem er sagte: »Es schaut gewiß nichts dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt, die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut für Herrenleute, die Geld genug haben, aber für einen gewöhnlichen Handwerker oder Bauer paßt das nicht; ich wenigstens möchte es mit so einer Frau nicht machen; ich wüßte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken würde, wie es die Liese tut.« Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.
»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an, »daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht, ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeitschaffen könntest, in der es Dir weit besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den Vergleich aushalten kann.«
Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen, sondern sie auch zu befolgen.
Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft, trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.
Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause aufzusuchen. So kam es nun immer mehrvor, daß am Abend oder an Sonntagen Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte, um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging, das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.
Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen, wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe. Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte, wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl, künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.
So begann sich ganz langsam, ohne daß es eigentlich jemand gewahr wurde, ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend vondem Müllerschen Hause, wo Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schönste Familienleben jene Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.
Der Winter, der diesmal seine strenge Herrschaft auch in D. geltend gemacht hatte, begann dem Frühling zu weichen. Ein lauer Föhn, im Bunde mit den kräftigen Strahlen der Märzsonne, hatte die mächtigen Schneemassen schon ein gutes Stück den Hang hinauf zum Schmelzen gebracht. Die Wiesen ob dem Dorfe begannen sich mit zartem Grün zu bedecken, in den Baumgärten blühten die Maßliebchen, und hie und da begann schon eine vorwitzige Primel ihre gelben Blüten zu entfalten. Die Zeit rückte allgemach heran, wo die Landwirte wieder ihre Arbeit draußen in Feld und Wiese aufnehmen konnten.
Unsere Liese freute sich, daß auch sie bald wieder hie und da das Haus verlassen und ihre Gartenarbeit aufnehmen könne. Schon im Herbst hatte Martin neben dem Haus zwei große, aber altersschwache Birnbäume gefällt und so einen freien und sehr günstig gelegenen Platz für einen kleinen Hausgarten gewonnen. Ebenfalls schon vor Anbruch des Winters wurde die Erde gut umgearbeitet und mit Dünger durchsetzt. Es hatte dann auch Tage gegeben, an welchen Martin seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte; da wurde dann Holz vorbereitet für einen Gartenzaun und ein Gartenhäuschen, welche jetzt beide beinahe vollständig erstellt waren. Liese hatte an einer Geröllhalde unweit vom Dorfe geeignete Steine entdeckt, die für die Wegeinfassungen paßten; diese wurden jetzt mit dem Handwagen unter Beihilfe der Kinder herbeigefahren und den Wegen entlang so aufrecht eingegraben, daß die Erde nicht in die Wege hinausfallen konnte. Dann holte Elise auch noch Sand, den der Bergbach hie und da an seinen Ufern ablagerte, um die Wege etwa fünf Centimeter hoch damit zu bedecken. Die Einteilung des Gartens war höchsteinfach ausgeführt. Rings um den Garten herum, sowohl dem Zaune, als dem Hause entlang wurde eine Rabatte angelegt, die 80 Centimeter breit war; auf dieser sollten gegen den Zaun hin allerlei Beerensträucher Platz finden. Die am Hause gelegene Rabatte, welche sehr geschützt und sonnig gelegen war, wollte Elise im Frühjahr teils als Anzuchtsbeet für frühe Setzlinge, teils zur zeitigen Aussaat von Schnittsalat, Kresse, Radieschen u. s. w. benützen. Ein Mittelweg, der von der hintern Haustüre zum Gartenhäuschen führte, teilte den Garten in zwei Hälften, während ein anderer, etwas schmälerer, rings herum führte und die Rabatte von den beiden Quartieren trennte.
Die notwendigen Sämereien hatte Liese schon beizeiten aus einer größeren Samenhandlung kommen lassen, und als nun die Erde etwas abgetrocknet und sonst alles vorbereitet war, ging es an das Umgraben und Ausebnen des Bodens; es wurden Beete abgeteilt und solche Gemüse ausgesät, die von der Kälte nicht so schnell leiden. Die Kinder mußten bei dieser Arbeit helfen, und bald lag der Garten in schönster Ordnung da. Die Sicherheit, mit welcher unserer Liese diese Verrichtungen durch die Hand gingen, ließ leicht erkennen, daß sie mit den Gartenarbeiten vertraut war. Sie hatte auch in der Tat schon als kleines Mädchen von der Mutter Anregung zu allerlei leichten Beschäftigungen im Garten erhalten, und als sie dann später an einem Gemüsebaukurs teilgenommen hatte, wurde ihr der Garten sozusagen ganz allein zur Besorgung übertragen. Auch nach ihrer Verheiratung verfügte sie über einen kleinen Hausgarten, wo sie dann erst recht nach ihrem eigenen Willen schalten und walten konnte. Ihr Gärtchen war denn auch immer ein wahres Schmuckstück gewesen; denn sie hatte nicht nur immer die schönsten Gemüse gehabt, sondern auch ihre Blumenrabatten hatten manchen der Vorübergehenden gezwungen, stehen zu bleiben und einen bewundernden Blick über den Zaun zu werfen. Hier in D. hoffte sie nun, noch bessere Erfolge mit dem Garten zu erzielen; hatte sie ja doch schonbei der Anlage auf alles ihr Wünschenswerte Rücksicht nehmen können; auch war der Garten ihr Eigentum und sie brauchte also nicht zu befürchten, denselben nach einiger Zeit wieder andern Händen übergeben zu müssen.
Freilich wußte Liese wohl, daß nicht alles, was sie aus ihrem Garten zu machen gedachte, gleich im ersten Jahre möglich war. Sie wollte sich auch gerne mit manchem gedulden und zufrieden sein, wenn sie es nur soweit brachte, daß der Garten so viel Gemüse hervorbrachte, als sie für ihre Familie das ganze Jahr über notwendig hatte.
Martin und seine Familie waren so an den Genuß von Gemüse gewöhnt, daß sie kaum erwarten konnten, bis die erste Kresse geschnitten werden konnte, und als Liese an einem Sonntag die ersten Radieschen auf den Tisch brachte, da gab es besonders bei den Kindern großen Jubel.
Der neue Garten und besonders das Gartenhäuschen beim Müllerschen Hause hatte in D. wieder viel zu reden gegeben. Daß sich der Pfarrer mit solchen Sachen abgab, das war weiter nicht aufgefallen. Immer konnte er doch nicht innerhalb seiner vier Wände sitzen, und wenn er also zum Zeitvertreib sich im Garten beschäftigte, so konnte man ihm diese Liebhaberei wohl verzeihen. Er müsse ja auch nicht streng arbeiten – hieß es – und da schade es ihm nichts, wenn er zur Abwechslung von seinem Grünzeug esse. Spare er damit etwas an seiner Lebenshaltung, so sei das für alle gut, weil es ihm dann viel weniger in den Sinn komme, auf eine Gehaltserhöhung bei der Gemeinde zu dringen.
Mit ganz andern Augen verfolgte man hingegen die Bestrebungen von Martin und Liese. Daß ein einfacher Zimmermann, von dem man wußte, daß er nicht reich war, sich den Luxus erlaubte, einen Garten anzulegen und sogar eine Laube zu erstellen, das konnte niemand recht begreifen. Man glaubte in D. allgemein, daß Martin weit über seine Mittel hinausgehe. Wenn er bis jetzt auch einen guten Verdienst gehabt habe undAnzeichen vorhanden seien, daß derselbe nicht so bald nachlasse, so dürfe er doch nicht gleich daran denken, es den Herrenleuten nachmachen zu wollen und alles aufs feinste einzurichten.
»Wenn das sein Vater selig wüßte, wie jetzt mit dem ererbten Heimwesen umgegangen wird!« meinte einer. »Was war doch der Weibelhannes für ein einfacher Mann! Nie hat er einen Rappen umsonst ausgegeben, und kaum hat nun der Martin sich ins warme Nest gesetzt, so ist ihm auch nichts mehr gut genug; er tut gerade, als wenn er in der Fremde Wunder was verdient oder erheiratet hätte, während man doch gesehen hat, daß es mitunter auch recht alter Plunder war, den er mitbrachte, so daß er recht froh sein konnte, daß der größte Teil der Möbel vom Vater auch noch da war.«
»Ich wette,« meinte ein anderer, »daß Martin auch anders wäre, wenn ihm die Unterländerliese nicht ganz den Kopf verdreht hätte. Sie will jetzt einmal ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt wird, das die Liese in ihrem Garten großzieht! Grünfutter ist gut fürs liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu können, muß einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben.«
Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, daß man das Alte ob dem Neuen vergißt, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die vermeintliche Verschwendungssucht Martins genügend breitgeschlagen und durchgeklatscht war, begann man sich allmählich zu beruhigen. Die Arbeiten in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an dem neuen Zaune vorüber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen begannen sich schon hie und da für die so regelmäßig aufgehenden Saaten zu interessieren.
Bald rückte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der größte Teil der jungen Männer, der Jünglinge und erwachsenenTöchter traten ihre gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D.
Martin hatte für zwei Neubauten die Zimmerarbeit übernommen, und es fehlte ihm deshalb nicht an Beschäftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so saß sie in der Laube bei irgend einer Näharbeit. Die Kinder, welche jetzt im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen mußten, halfen, wo sie konnten, nach Kräften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit einem leichten Wagen auf die Landstraße hinaus, um Mist zu sammeln, der dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfällen auf einen Haufen geschüttet wurde und Kompost für den Garten liefern sollte. Das gab den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und männiglich bemitleidete die »armen Buben«, welche stets barfüßig waren, und wie es schien, mit dem größten Vergnügen dem Geschäfte des Düngersammelns nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfuß zu gehen, und selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strümpfe; deshalb fiel es auf, daß Liese ihre Kinder barfuß laufen ließ, und gleich hieß es: »Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist müssen sie zusammenlesen. Es ist also bei Müllers doch nicht alles Gold, was glänzt, sonst müßten sie nicht am Notwendigsten sparen.«
Elise, der wohl hie und da von solchen abfälligen Redensarten etwas zu Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten Backen der Kinder, daß ihnen das Barfußgehen nicht schade. Mit Freuden sah sie auch ihren Komposthaufen zu immer größeren Dimensionen anwachsen. Sie betrachtete ihn als eine Sparbüchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst nutzlos auf der Straße zugrunde gehen würden.
Die Gemüse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erstdie verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blühen begannen, da dachten sogar einige der Nachbarinnen, daß so ein Gärtchen doch unter Umständen eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses, bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen, wie dem Martin die Gemüsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie hörten, daß er sich ja längst daran gewöhnt habe, und ohne Gemüse gar nicht mehr sein könnte. Freilich, erklärte ihnen Elise, müssen alle Gemüse auch gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene der Frauen in die Küche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der Gartengewächse bekannt oder ließ sie die fertigen Gerichte probieren. Sie zeigte ihnen auch, wie sie Gemüse in Gläser einmache, um auch Vorräte für den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen kleinen Garten zu wünschen.
Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke Gärtchen und seine Produkte aufmerksam.
Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten Gemüse in dem Müllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen; er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemüsen mangle. Er sehe sich genötigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und müsse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete ihm, daß sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; daß sie aber ein anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemüse bauen könne, und wenn er ihr Aussichten auf Absatzeröffne, so werde sie das auch ausführen. Der Herr war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hübschen Blumenstrauße beschenkt hatte, fuhr er von dannen.
Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, daß Elise ob den andern Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht vergaß. Als sie im Frühjahr einmal in der Stadt war, hatte sie beim Gärtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prächtig und blühten zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen großblumigen Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubünden in einigen Talschaften in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehört, nie aber welche gesehen hatte. Elise besaß schon vorher einige hübsche, wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei Fenster gegen die Straße, wo die Sonne nicht so heiß hinbrannte, mit ihren Nelkenstöcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine große Liebhaberei für diese Blumen gehabt. Als dann aber die Blütezeit herannahte, sah sie sich auch reichlich für alle Mühe entschädigt. Die Pflanzen waren in Laub und Blüte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen Nelken zu sehen.
Da geschah es eines Tages, daß eine reiche Familie aus Deutschland nach D. kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstöcke. Ganz verwundert blieben sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie gesehen. Die junge Frau äußerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen.
Elise war gerade in der Küche mit Konservieren von Gemüse beschäftigt und erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr erstaunt aber war sie, als sie hörte, daß sie einen ihrer Nelkenstöcke verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklärte sie denn auch, daß sie diese Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe. Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zögerte, 15 Fr. für eine der großblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hörte, meinte sie doch, es wäre eine Sünde, eine solche Einnahme von der Hand zu weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter sämtlichen Pflanzen diejenige auszuwählen, welche ihr am besten gefalle. So war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und während der Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur möglichst viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewiß nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm bekannten Blumenhändler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, daß dieser dann auch allerlei andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschließen könne, einen solchen Auftrag zu übernehmen. Diese dankte ihren Gönnern für das bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache überlegen zu wollen; es sei ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht imstande wäre, mit Gemüse- und Blumenzucht ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Sie erzählte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und wie sie darauf den Vorsatz gefaßt habe, nächstes Frühjahr mit der Zucht von Gemüsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu können, so würde es vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die Fremden versprochen hatten, Eliseim nächsten Sommer wieder zu besuchen, nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften Nelkenstock noch bis zum Wagen.
Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte, im kommenden Jahr einen kleinen Gemüseversand einrichten zu wollen. Er meinte, das verursache im Verhältnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit, und es sei ja nicht notwendig, daß sich Liese über Gebühr anstrenge wegen einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen mochte er wohl Angst haben, daß Elise die Hausgeschäfte vernachlässige, wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstürme, und denken, daß es dann um die Gemütlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und suchte das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.
Als ihm nun aber Elise die 15 Fr. für die Topfnelke aufzählte, da meinte er nun doch: »Ja, wenn solche Preise die Regel wären, würde ich Dir selbst raten, die Sache in etwas größerem Maßstabe zu probieren. Ueberhaupt glaube ich, daß bei der Blumenzucht mehr herausschauen dürfte, als beim Gemüsebau.« »Aber schau Martin,« entgegnete Elise, »ich kann ganz gut das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mußt Du bedenken, daß die Kinder größer werden und manches zu helfen imstande sind. Auch wirst Du verstehen, daß ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen Angelegenheit befassen würde, wenn ich denken müßte, deswegen auch nur das Kleinste der notwendigen Hausgeschäfte vernachlässigen zu müssen.« So ward denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgültig der Beschluß gefaßt, nächstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der erzielten Produkte an die Hand zu nehmen.
Der zweite Winter war für die Familie Müller wieder so ruhig verlaufen wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr vorgearbeitet. Fürs erste hatte sie sich mit allerlei Näharbeiten, mit Strümpfestricken und dergleichen derart beflissen, daß sie sich damit im Sommer – von etwa nötig werdenden Ausbesserungen abgesehen – nicht zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon für das notwendige Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei größere und kleinere Körbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte sie passende Kistchen für den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte Packleinwand zum Uebernähen der Gemüsekörbe erhielt sie dort für billiges Geld.
Auch Martin war in seiner freien Zeit für das Gartengeschäft tätig. Im Herbst schon hatte er an einer geschützten Stelle im Garten einen Frühbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefüllt und gegen Frost gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer Vollendung entgegen. Aus Gipslättchen wurden Schattengitter hergestellt, welche bei Aussaaten ins Frühbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhölzer zum Bezeichnen der verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frühlingszeichen mit dem Aussäen beginnen zu können.
Der Winter war dieses Mal ungewöhnlich streng und schneereich gewesen; als aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese nicht mehr länger warten zu dürfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde abgetrocknet war, säete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und überhaupt allerlei Setzlinge, welche sie früh haben wollte. So folgten dann in kurzen Abständen mehrere Aussaaten aufeinander, undals im März die Sonne und der Föhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frühbeet waren schnell auch zum Auspflanzen groß genug, und bald prangte der Garten wieder im schönsten Grün. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker, wo Liese namentlich solche Gemüse gepflanzt und gesät hatte, welche einer weniger sorgfältigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag zu geben. War also in Bezug auf die Gemüse alles in bester Ordnung, so berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.
Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur möglich durch Stecklinge und Ableger vermehrt hatte, so besaß sie jetzt über hundert Stück, die mehr oder weniger Blütenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern natürlich nicht für so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in größere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden. Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus Samen gezogen hatte, und die nun hauptsächlich billigere Schnittblumen liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhändler keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt.
Als Ende Juni die Fremdensaison allmählich in Gang kam, konnte endlich der Versand der Gemüse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit abgeschnittenen Nelken nach F. ab.
Es ist natürlich, daß sich das ganze Geschäft nur in sehr kleinem Rahmen bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte lieferte, nämlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste Aufmunterung zum Gemüseversand gegeben, und der Blumenhändler, welchem der deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand vollzogwar sehr einfach. Liese machte wöchentlich zwei Sendungen, bald größere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles verwenden konnten, sobald es nur schöne, vollwertige Ware war. Daran ließ es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz, für ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Für alles, was nicht von erster Qualität war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung, und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch unreelle Lieferung zu verscherzen.
Gerade der gewissenhaften und pünktlichen Bedienung war es zuzuschreiben, daß Liese für ihre Produkte einen schönen Preis erzielte. Trotz des verhältnismäßig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch bis zum Herbst eine ganz hübsche Einnahme erzielt – die Nelkenblumen allein brachten ihr einen Erlös von über hundert Franken.
Nun lachte auch niemand mehr in D. über Lieses Liebhaberei für den Gartenbau; alles mußte vielmehr lobend anerkennen, daß sie es verstanden hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel für den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschönern, sondern Gemüse- und Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.
Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen beschäftigt, so nannte man sie jetzt nur die »Blumenliese«, und diesen Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.
Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie die Blumenliese ein Gärtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wünsche eine bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der Männer, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, daß ein Garten nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen habe. Einige der Männer kamen denn wirklich auch den Frauenschon auf halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der Blumenliese.
Wenn die Anlage von verschiedenen Gärten nicht sofort an die Hand genommen wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, daß niemand etwas von der Sache verstand. Man bestürmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natürlich, daß es ihr so schnell gelungen, die Leute für den Gartenbau zu begeistern, und ließ es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen sah sie ein und äußerte sich gelegentlich darüber, daß es gewiß nicht gut werde, wenn jetzt alles über Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau stürze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte sich doch vorerst die allernötigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf Grund derselben zielbewußt vorgehen.
Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es müsse etwas geschehen, um einerseits die gegenwärtige Begeisterung nicht unbenützt vorübergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mißerfolg zu bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er wußte, daß er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wäre am besten, in D. einen Gemüsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die Leute Gelegenheit hätten, sich über die verschiedenen Fragen klar zu werden und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre Praxis aufzubauen imstande wären. Er selbst wolle sich der Sache annehmen, eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter tun lasse.
Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich, daß eine genügende Anzahl von Frauen und Töchtern – sogar einige Männer hatten sich angemeldet – bereit waren, an einem Gartenbaukurs teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem Ansuchenauch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.
Als im Frühjahr die günstige Zeit herangerückt war, erschien der von der Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den Boden bearbeite, ihn verbessere und dünge, wie man säen und pflanzen solle, sondern wies auch auf die eigenartigen Verhältnisse in D. hin, Belehrungen anknüpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausnützen könne. Er hob besonders hervor, daß es in erster Linie gelte, für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen. An den Verkauf könne man erst denken, wenn man durch die Praxis die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um Gemüse erster Qualität zu ziehen; denn nur mit solchen könne der Verkauf andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, daß D. Hauptproduktionsgebiet von Gemüsen für die benachbarten Kurorte werden könne, seien vorhanden. Indessen dürfe man nicht meinen, daß es sofort alle der Blumenliese gleichtun können. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren finde alles, daß sich in hiesiger Gegend der Gemüsebau nicht rentiere. Der Gemüsebau zum Verkauf könne, so wie die Verhältnisse liegen, nur dann ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert werde, d. h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung ermögliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens große Quantitäten liefern zu können und drittens auch dem kleinsten Gartenbesitzer die Möglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.
Solche und ähnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer für die Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Gärten an die Hand nehmen.
Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. Inden neuen Gärtchen keimte und grünte es, daß es eine Freude war. Da und dort war schon der Spinat zum Schneiden groß genug, hie und da sah man schon ziemlich entwickelte Salatköpfe, und in einem Garten streckten schon die Erbsen ihre jungen Schötchen aus den abwelkenden Blüten hervor. Bald kam also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas »Grünes« auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glücklichen Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn erstens beschlich manche ein banges Gefühl, wenn sie an die Zubereitung der Gemüse dachte. Andere aber fragten sich: »Was werden wohl die Männer dazu sagen?« Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemüse in den meisten Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Töchter bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemüse zu üben. Den Männern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem Verkauf ihrer Gemüse erzielte. Als es aber hieß, man müsse vorläufig im eigenen Haushalt den Genuß der Gemüse einführen, da waren sie unzufrieden, und gerade die älteren Männer, welche im Sommer daheim geblieben, waren sehr hartnäckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an das »Grünfutter« gewöhnen, wie sie das Gemüse verächtlich nannten.
Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mußte mit ihren Ratschlägen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u. s. w. richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer Neugierde auch die Männer die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein Zeichen, daß sie sich schnell daran gewöhnt hatten.
Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der neugebackenen Gärtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese wurde nämlich mit Bestellungenüberhäuft und um manchmal einen guten Auftrag nicht zurückweisen zu müssen, kaufte sie da und dort schöne Gemüse zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemüseexport aus D. ein.
Der Gemüsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhältnissen begonnen hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemüseversandes in größerem Maßstabe gegründet. Diese Gründung wurde besonders dadurch ermöglicht, daß ein junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von dem was in einem Hotel gebraucht wird, besaß, die Leitung und den Verkauf der von den Genossenschaftern erzielten Produkte übernahm. Auch die Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf den heutigen Tag der Verkauf sämtlicher Gemüse nur durch eine Hand, nämlich durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die ärmste Frau, die nur ein kleines Gärtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kümmern und der Preis wird nicht durch zu große Konkurrenz herabgedrückt.
Als man den großen Erfolg mit dem Gemüsebau sah, blieb man selbstverständlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit Glück in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau könnte jedenfalls auch noch viel einträglicher gemacht werden, wenn er etwas intensiver betrieben würde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen Bibliothek Bücher, holte sich auch persönlich von Fachleuten Belehrung, verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und brachte dann durch rationelle Düngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu so reichen Erträgen, daß ihm viele nachzuahmen begannen.