Chapter 5

* * *Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.[pg 60]Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.[pg 61]Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:„die Jugendliebe“von Wilbrandt,„das erste Mittagessen“von Görlitz und„die Hochzeitsreise“von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so guten Zweck herzugeben.Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“Das war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.„Nein, meine Liebe,“sagte z. B. Frau So und So,„das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“[pg 62]„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen herum,“gab Ilse zur Antwort.„Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt?“„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“Inwiefern das„etwas andres“war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten ja nachher sagen:„Gnädige Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“„O,“erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte,„Sie brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“erwiderte die junge Frau pikiert.„Ich will mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.[pg 63]Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal anders.Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.„O, was ist sie verrückt,“sagte Nellie laut lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut,darling,“tröstete sie.Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt,„ein älteres junges Mädchen“zu werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde„das Kind“genannt.„Das Kind“hatte eine schöngeistig angelegte[pg 64]Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, selbst –„mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“sagte Ilse draußen zu Nellie, während das„alte Fräulein“drinnen bereits mit der jungen Frau in der„Hochzeitsreise“liebäugelte und die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der„tauben Tante“nahte.Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da[pg 65]die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein„Ja“oder„Nein“, und die Sache war abgemacht.Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und Requisitenmeister.Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die„taube Tante“in der„Jugendliebe“wurde mit Entrüstung von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende Backfischrolle der Adelheid in der„Jugendliebe“gegeben wurde.„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“sagte Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften[pg 66]„Betty“in der„Jugendliebe“passe ihr auch nicht recht und wäre doch zu kurz.Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.„Ja, meine Damen,“hatte er gesagt,„wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht blamieren.“Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im„ersten Mittagessen“geben, Nellie die in der„Hochzeitsreise“; die beiden Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker sein.Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.„Was gibt’s denn schon wieder?“fragte er ärgerlich über die Störung.„Da, hier lies,“rief Ilse.„Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später[pg 67]wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“jammerte sie.Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.„Herrlich, herrlich,“rief Leo,„und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“meinte Nellie.„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das übernehmen?“fragte Leo.„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“sagte Ilse plötzlich.„Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“sagte Nellie.„Kann ich nicht das Mädchen spielen?[pg 68]Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch wohl nicht?“Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der„Jugendliebe“zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das„Kind“war in der Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die„taube Tante“flog wie ein Fangball zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer solchen Rolle sei denn das„Kind“doch noch zu jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.Das„Kind“erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die„taube Tante“von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.„O,“rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,„mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und[pg 69]hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“„Einen Prolog?“fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die„taube Tante“mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause[pg 70]gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.„Mutter, laß mich mitgehen,“bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal[pg 71]selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über das„hinter den Kulissen“blieb doch die Wirkung des gewissen„Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen sah sie in das leere Haus!Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff[pg 72]saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das„Kind“überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.„Lauter, lauter,“rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, das„Kind“fing an, wie ein Kind zu weinen.Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes[pg 73]Fräulein, warum weinen Sie denn?“redete ihr Ilse zu.„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“gab das Kind außer sich zur Antwort.„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“sagte sie nervös zu ihm.„Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“gab er eilig zur Antwort.„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus[pg 74]einandersetzungen, denn die Probe zur„Jugendliebe“sollte im Augenblick beginnen.Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das„Kind“auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der„tauben Tante“in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das„Kind“auf einmal an, die„taube Tante“sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.Ob nun der Stumpfsinn der„tauben Tante“die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas[pg 75]lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.„O, wie soll das werden!“sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.Die Liebesszene zwischen„Adelheid“und„Ferdinand von Bruck“fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“,[pg 76]er verbesserte sich schnell und sagte:„wir so spielen, blamieren wir uns.“Die„taube Tante“zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beidenSchmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das„Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.Das„Kind“war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.„Ach, weine doch nicht, Erika,“redete Mietze Schmidt ihr zu,„wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung.„Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,[pg 77]wenn ich dran komme,“meinte Erna Schmidt.„Das kann heute noch gut werden.“„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“fuhr Ilse erregt dazwischen;„wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte.„Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie„nicht mitspielen“,„rücksichtslos“usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,[pg 78]daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.[pg 79]Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im„ersten Mittagessen“so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der„Hochzeitsreise“ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt[pg 80]zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.„O,darling, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“beruhigte Nellie;„an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige[pg 81]Absagebriefchen,“sagte Ilse,„und was machen wir dann?“Leo lachte sie aus.„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born,„das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte.[pg 82]Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.[pg 83]„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“fuhr sie fort;„mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“Das„nur gut“und„wenigstens“brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte:„Ihr kommt doch auch?“„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.Das„Kind“hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der[pg 84]ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.Sogar Fräulein Born hatte sich mit der„tauben Tante“etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der„schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.[pg 85]Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das„Kind“saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.„Unsre arme Schwester ist so erregt,“sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen.„Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“

* * *Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.[pg 60]Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.[pg 61]Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:„die Jugendliebe“von Wilbrandt,„das erste Mittagessen“von Görlitz und„die Hochzeitsreise“von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so guten Zweck herzugeben.Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“Das war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.„Nein, meine Liebe,“sagte z. B. Frau So und So,„das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“[pg 62]„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen herum,“gab Ilse zur Antwort.„Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt?“„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“Inwiefern das„etwas andres“war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten ja nachher sagen:„Gnädige Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“„O,“erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte,„Sie brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“erwiderte die junge Frau pikiert.„Ich will mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.[pg 63]Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal anders.Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.„O, was ist sie verrückt,“sagte Nellie laut lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut,darling,“tröstete sie.Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt,„ein älteres junges Mädchen“zu werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde„das Kind“genannt.„Das Kind“hatte eine schöngeistig angelegte[pg 64]Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, selbst –„mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“sagte Ilse draußen zu Nellie, während das„alte Fräulein“drinnen bereits mit der jungen Frau in der„Hochzeitsreise“liebäugelte und die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der„tauben Tante“nahte.Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da[pg 65]die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein„Ja“oder„Nein“, und die Sache war abgemacht.Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und Requisitenmeister.Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die„taube Tante“in der„Jugendliebe“wurde mit Entrüstung von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende Backfischrolle der Adelheid in der„Jugendliebe“gegeben wurde.„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“sagte Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften[pg 66]„Betty“in der„Jugendliebe“passe ihr auch nicht recht und wäre doch zu kurz.Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.„Ja, meine Damen,“hatte er gesagt,„wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht blamieren.“Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im„ersten Mittagessen“geben, Nellie die in der„Hochzeitsreise“; die beiden Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker sein.Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.„Was gibt’s denn schon wieder?“fragte er ärgerlich über die Störung.„Da, hier lies,“rief Ilse.„Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später[pg 67]wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“jammerte sie.Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.„Herrlich, herrlich,“rief Leo,„und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“meinte Nellie.„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das übernehmen?“fragte Leo.„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“sagte Ilse plötzlich.„Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“sagte Nellie.„Kann ich nicht das Mädchen spielen?[pg 68]Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch wohl nicht?“Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der„Jugendliebe“zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das„Kind“war in der Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die„taube Tante“flog wie ein Fangball zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer solchen Rolle sei denn das„Kind“doch noch zu jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.Das„Kind“erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die„taube Tante“von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.„O,“rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,„mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und[pg 69]hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“„Einen Prolog?“fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die„taube Tante“mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause[pg 70]gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.„Mutter, laß mich mitgehen,“bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal[pg 71]selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über das„hinter den Kulissen“blieb doch die Wirkung des gewissen„Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen sah sie in das leere Haus!Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff[pg 72]saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das„Kind“überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.„Lauter, lauter,“rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, das„Kind“fing an, wie ein Kind zu weinen.Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes[pg 73]Fräulein, warum weinen Sie denn?“redete ihr Ilse zu.„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“gab das Kind außer sich zur Antwort.„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“sagte sie nervös zu ihm.„Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“gab er eilig zur Antwort.„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus[pg 74]einandersetzungen, denn die Probe zur„Jugendliebe“sollte im Augenblick beginnen.Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das„Kind“auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der„tauben Tante“in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das„Kind“auf einmal an, die„taube Tante“sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.Ob nun der Stumpfsinn der„tauben Tante“die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas[pg 75]lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.„O, wie soll das werden!“sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.Die Liebesszene zwischen„Adelheid“und„Ferdinand von Bruck“fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“,[pg 76]er verbesserte sich schnell und sagte:„wir so spielen, blamieren wir uns.“Die„taube Tante“zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beidenSchmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das„Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.Das„Kind“war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.„Ach, weine doch nicht, Erika,“redete Mietze Schmidt ihr zu,„wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung.„Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,[pg 77]wenn ich dran komme,“meinte Erna Schmidt.„Das kann heute noch gut werden.“„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“fuhr Ilse erregt dazwischen;„wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte.„Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie„nicht mitspielen“,„rücksichtslos“usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,[pg 78]daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.[pg 79]Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im„ersten Mittagessen“so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der„Hochzeitsreise“ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt[pg 80]zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.„O,darling, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“beruhigte Nellie;„an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige[pg 81]Absagebriefchen,“sagte Ilse,„und was machen wir dann?“Leo lachte sie aus.„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born,„das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte.[pg 82]Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.[pg 83]„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“fuhr sie fort;„mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“Das„nur gut“und„wenigstens“brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte:„Ihr kommt doch auch?“„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.Das„Kind“hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der[pg 84]ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.Sogar Fräulein Born hatte sich mit der„tauben Tante“etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der„schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.[pg 85]Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das„Kind“saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.„Unsre arme Schwester ist so erregt,“sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen.„Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“

* * *

Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.[pg 60]Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.

Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden:„die Jugendliebe“von Wilbrandt,„das erste Mittagessen“von Görlitz und„die Hochzeitsreise“von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.

Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so guten Zweck herzugeben.

Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.

Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.

„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“Das war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.

„Nein, meine Liebe,“sagte z. B. Frau So und So,„das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“

„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen herum,“gab Ilse zur Antwort.„Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt?“

„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“

Inwiefern das„etwas andres“war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.

Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten ja nachher sagen:„Gnädige Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“

„O,“erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte,„Sie brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“

„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“erwiderte die junge Frau pikiert.„Ich will mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“

„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal anders.

Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.

„O, was ist sie verrückt,“sagte Nellie laut lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.

„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut,darling,“tröstete sie.

Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt,„ein älteres junges Mädchen“zu werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde„das Kind“genannt.„Das Kind“hatte eine schöngeistig angelegte[pg 64]Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, selbst –„mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.

„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.

„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“sagte Ilse draußen zu Nellie, während das„alte Fräulein“drinnen bereits mit der jungen Frau in der„Hochzeitsreise“liebäugelte und die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.

Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der„tauben Tante“nahte.

Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.

Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da[pg 65]die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein„Ja“oder„Nein“, und die Sache war abgemacht.

Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und Requisitenmeister.

Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?

Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die„taube Tante“in der„Jugendliebe“wurde mit Entrüstung von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende Backfischrolle der Adelheid in der„Jugendliebe“gegeben wurde.

„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“sagte Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften[pg 66]„Betty“in der„Jugendliebe“passe ihr auch nicht recht und wäre doch zu kurz.

Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.

„Ja, meine Damen,“hatte er gesagt,„wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht blamieren.“

Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im„ersten Mittagessen“geben, Nellie die in der„Hochzeitsreise“; die beiden Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker sein.

Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.

„Was gibt’s denn schon wieder?“fragte er ärgerlich über die Störung.

„Da, hier lies,“rief Ilse.„Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später[pg 67]wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“jammerte sie.

Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.

Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.

„Herrlich, herrlich,“rief Leo,„und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“

„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“meinte Nellie.

„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das übernehmen?“fragte Leo.

„Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stück,“sagte Ilse plötzlich.„Die Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; daß ich daran nicht gleich gedacht habe!“

„O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett sein,“sagte Nellie.„Kann ich nicht das Mädchen spielen?[pg 68]Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch wohl nicht?“

Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm das Dienstmädchen.

Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.

Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der„Jugendliebe“zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.

Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!

Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden älteren Schwestern empfangen, das„Kind“war in der Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. Die„taube Tante“flog wie ein Fangball zwischen beiden Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, zu einer solchen Rolle sei denn das„Kind“doch noch zu jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.

Das„Kind“erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die„taube Tante“von sich, indem sie erklärte, überhaupt nicht mitspielen zu wollen.

„O,“rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,„mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und[pg 69]hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.“

„Einen Prolog?“fragte Fräulein Born einlenkend, und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige für sie!

Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die„taube Tante“mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.

Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.

Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause[pg 70]gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.

„Mutter, laß mich mitgehen,“bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.

Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –

Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal[pg 71]selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über das„hinter den Kulissen“blieb doch die Wirkung des gewissen„Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen sah sie in das leere Haus!

Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff[pg 72]saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.

Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das„Kind“überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.

„Lauter, lauter,“rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:

„Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!“

Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.

Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, das„Kind“fing an, wie ein Kind zu weinen.

Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.

So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.

„Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes[pg 73]Fräulein, warum weinen Sie denn?“redete ihr Ilse zu.

„Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert werde?“gab das Kind außer sich zur Antwort.

„Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut,“tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.

„Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man alle Lust.“

Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.

In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.

„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“sagte sie nervös zu ihm.„Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“

„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“gab er eilig zur Antwort.

„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“

„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus[pg 74]einandersetzungen, denn die Probe zur„Jugendliebe“sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das„Kind“auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.

Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der„tauben Tante“in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie„muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.

„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das„Kind“auf einmal an, die„taube Tante“sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der„tauben Tante“die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas[pg 75]lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.

„O, wie soll das werden!“sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.

Die Liebesszene zwischen„Adelheid“und„Ferdinand von Bruck“fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das„Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.

„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“,[pg 76]er verbesserte sich schnell und sagte:„wir so spielen, blamieren wir uns.“

Die„taube Tante“zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beidenSchmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das„Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.

Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.

Das„Kind“war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.

„Ach, weine doch nicht, Erika,“redete Mietze Schmidt ihr zu,„wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“

„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung.„Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“

„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,[pg 77]wenn ich dran komme,“meinte Erna Schmidt.„Das kann heute noch gut werden.“

„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“fuhr Ilse erregt dazwischen;„wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“

„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte.„Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“

Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie„nicht mitspielen“,„rücksichtslos“usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,[pg 78]daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.

Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.

„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.

Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.

Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im„ersten Mittagessen“so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der„Hochzeitsreise“ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.

Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt[pg 80]zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.

Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.

Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.

Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.

Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.

„O,darling, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“beruhigte Nellie;„an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“

Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.

„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige[pg 81]Absagebriefchen,“sagte Ilse,„und was machen wir dann?“

Leo lachte sie aus.

„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born,„das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte.[pg 82]Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.

„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.

„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“fuhr sie fort;„mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“

Das„nur gut“und„wenigstens“brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte:„Ihr kommt doch auch?“

„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“

Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.

Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.

Das„Kind“hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.

Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der[pg 84]ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.

Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.

Sogar Fräulein Born hatte sich mit der„tauben Tante“etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der„schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.

So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.

Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.

Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.

Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!

In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das„Kind“saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.

„Unsre arme Schwester ist so erregt,“sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen.„Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“


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