Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser stellte er den Erfolg seiner Kur gewöhnlich schon in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.
Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof gegeben.
Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefühl, als wäre ein Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich aber schon am nächsten thöricht. Wie lange konnte sie es denn noch verbergen? Ueber kurz oder lang mußte es zu Tage kommen, selbst wenn die Mutter blind wäre.
Wilhelm wich ihr gänzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annäherung versucht, ihm auf der Straße aufgepaßt. Aber er hatte es ja so leicht, sie von seinem Bock aus zu übersehen, sie, schneller fahrend, hinter sich zu lassen.
Wollte er sich von ihr zurückziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr getrieben?
Ihr schwindelte bei dem Gedanken.
Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu können.
Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keineHeldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfenUebersichergehenlassen.
Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemächtigte sich ihrer eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.
Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verändertes Wesen nicht entgehen, die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens nicht verborgen bleiben.
Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend, beobachtend verhielt.
Lulu, mit der Feinfühligkeit des schlechten Gewissens, merkte es derMutter wohl an, daß diese sie erraten hatte.
Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?
Es drängte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob immer wieder Einsprache, unterstützt durch die Feigheit.
Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuß gestanden, daß sie nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfühlen, Verständnis, erwarten und beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegönnt, und sollte sich nun so vor ihr demütigen.
Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos beklagte, daß Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.
"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafür kaufe."
Im Grunde aber ärgerte sich die Kleine sehr über Beuthien, dessen Benehmen sie sich nicht zu deuten wußte. Sie hatte sich etwas darauf eingebildet, daß er sie bisher überhaupt beachtet hatte. Es war ihr heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er über sie hinweg, wie über jedes andere Schulmädchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich verschüchtert zurückzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer Entdeckungen.
"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequält. "Was gehtDich Beuthien an."
Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu können, daß diese keine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Beuthien hatte.
Um so größer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drängte sich das Geständnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurück. Und doch, irgend jemand mußte sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es nicht mehr tragen.
Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, dasMädchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthinAndeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstützig."
Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schämte sie sich denn nicht, sich so gemein mit dem Dienstmädchen zu machen?
Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung aus der Hand nahm.
Frau Behn war ihrer Sache gewiß geworden und konnte nicht länger schweigen.
Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.
Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach in Thränen aus.
"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.
Lulu schwieg. Die Mutter schüttelte sie heftig am Arm.
"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"
Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mußte sie sich schelten lassen?
Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau plötzlich über die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten Groll der Mutter die Riegel öffnete. Sie bebte vor Zorn.
"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."
Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.
"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.
"Was ist gemein?" Die Mutter rückte ihr fast auf den Leib. "Was ist gemein? Du, Du!"
Ein tiefes Erblassen, ein röchelndes Nachatemringen, ein unsicheres Umhertasten mit den Händen, und schwer sank Lulu an dem neben ihr stehenden Stuhl hin zu Boden.
Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"
Sie riß die Thür auf und rief nach Minna und nach Wasser.
Das Mädchen brachte das Verlangte erstaunt.
"Is Fräulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmächtige auf den kleinen Lederdivan betten.
"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Füer nich utgahn, hörst Du?"
Und Minna sah nach dem Herdfeuer, während Frau Behn der sich erholendenLulu sanft über Stirn und Scheitel strich.
"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmemHerzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."
Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesöhnt, hatten sich wieder gefunden.
Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem, unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost erwacht.
Frau Caroline war sehr besorgt.
Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.
Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben. Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer an.
Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.
Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.
"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht.Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."
Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu, den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.
"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter."Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."
"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete dieKranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."
"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett. Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."
Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichenFrau nicht zu reden war.
Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. VaterBeuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam undHelfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, einekleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zurKorpulenz.
Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.
Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu Flecken vergrößern.
Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl schnell zu Ende gehen.
Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben würde.
Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.
Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.
Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuenFräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.
"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder rauskriegen. Sei man ruhig."
"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch die schönsten Tage.
Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren unfreundliche, fast herbstliche Tage.
Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen, gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.
Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.
Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.
So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte, namentlich mit Lulu.
Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.
Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal etwas von ihr gehört.
Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt, hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.
Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie daran.
Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie jetzt übrig gehabt haben.
Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.
Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei, seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht: wenn du nun stirbst?
Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen, und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe Stimmung aufkommen ließ.
Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.
Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie, um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.
"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."
"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.
Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."
"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.
"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge ja wohl alles zu Grunde."
"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht mehr dauern", tröstete Therese.
"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht, lege ich mich auch noch hin."
Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven und Glieder der Tante beruhigt.
Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn sofort seine Kur und reiste zurück.
Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. DieBegrüßung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzählen, dieFrau hatte in ihrem Brief mit genügender Ausführlichkeit berichtet.
Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Straße hinausgestarrt, das untrügliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm, als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"
"In ehr Stuv, Johannes."
"Ik will se nich sehn", stieß er hervor. "Nich vor Ogen."
Wie tief auch die Geschichte an ihm fraß, so war es doch fast mehr noch die soziale, als die moralische Seite, worüber er nicht hinwegkommen konnte.
Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen, den ehemaligen Schulkameraden überflügelt zu haben, er, der Umhertreiber und Thunichtgut von damals, den fleißigen, ordentlichen Musterschüler.
Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel aufgestellt worden, wie oft hatte es geheißen. Das wird noch mal ein tüchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.
Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und Umsicht, während Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.
So waren sie allmählich auseinander gekommen. Jeder mied den andern, geniert durch das Mißverhältnis der Lebensstellungen.
Nun mußte so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.
Wilhelm mußte seine Pflicht gegen Lulu erfüllen, da gab es keinen Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es ward ihm schwer, furchtbar schwer.
Er hatte sich für Lulu einen andern gewünscht, als diesen Kutscher, diesen Liebling der Dienstmädchen.
Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?
Wenn der Bursche sich nun weigern würde, sein Vergehen zu sühnen, was dann? Unmöglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber so weit würde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann und würde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.
Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.
Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang, wie einem furchtsamen Schuljungen.
Und er hätte doch im Zorn die Straße hinunterstürmen und alles kurz und klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan hätte, wenn er beim Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wäre.
Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigenStockwerk über der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeöffneteStallthür, Wilhelm beschäftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.
Der Anblick des Sünders weckte seinen Grimm. Am liebsten hätte er sich gleich auf ihn gestürzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen, ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.
Heftig stieß er oben die Thür auf, gegen die rasselnde Schutzkette.
Tante Tille, in altmodischer weißer Haube, die sie nur des Nachts ablegte, ein Butterbrot in der Hand, öffnete ihm.
"Meine Güte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se sünd fort?"
Er fragte nach Beuthien.
"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.
Der alte Beuthien saß auf dem kleinen, abgenutzten Roßhaarsofa vor dem mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und ließ sich es anscheinend gut schmecken.
Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich möbliert, in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die großgeblümten, mit selbstgehäkelten Spitzen eingefaßten Kattungardinen und der niedrige, braune Kachelofen gaben dem Raum etwas höchst gemütliches. Der frisch gescheuerte Fußboden zeugte von größter Reinlichkeit. Auch die beiden billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels, fügten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der abgeblätterten Vergoldung und dem großen Spliß in der untern linken Ecke des Glases, störte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.
Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu einer imponierenden Erscheinung aufrichten.
Erstaunt empfing ihn Beuthien.
"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.
"Sünd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurück.
"Ja, wat is?"
Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloß die Thür wieder."Wat is, Behn?"
Kurz, heftig, stieß Behn seine Anklage heraus.
Beuthien war starr.
"Din Lulu?"
Einen Augenblick saßen sich die beiden Männer stumm gegenüber.
Beuthien stand auf.
"He sall kamen, gliek."
Behn hielt ihn zurück.
"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.
"Ne, ne, he sall man kamen."
Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wußte er sofort, was seiner wartete. Aber er war nicht feige.
Er grüßte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.
"Segg em dat sülfst", sagte sein Vater.
"He weett't woll all", bebte Behn, wütend über Wilhelms Ruhe.
"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemütlich zu werden.
"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fäusten.
Wilhelm wich nicht zurück.
"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.
Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend, der aber schleuderte sie heftig zurück.
"Du büst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der kreideweiß wurde.
"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden."Woans hest Du Din Fru kregen?"
"Dat is wat anners", keuchte Behn.
"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."
Wilhelm erklärte, er wüßte was recht wäre, aber er könnte seine Pflicht nicht thun.
"Wat?" rief Behn.
"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.
"Du kannst nich?"
"Ne, ik kann nich."
"Is se Di nich god nog mehr?" höhnte Behn bitter.
Wilhelm zögerte lange mit der Antwort.
"Ik häw all 'n Kind", stieß er endlich hervor.
Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frühere Behnsche Mädchen, war dieMutter seines Kindes.
Behn hatte es übernommen, dieser ihre älteren Rechte auf Wilhelm abzukaufen.
Er fand das Mädchen in einem Keller bei Hökersleuten einquartiert, in einem engen, dumpfigen Raum. In einem großen Wäschekorb lag das erst vierzehn Tage alte Kind, häßlich, klein, eine Frühgeburt.
Anna schämte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hörte, um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.
Lulu, der hochmütigen, gönnte sie ihr Unglück. Sie trug ihr noch immer die Mißhandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten? Nie!
Aber schließlich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe zufrieden zu stellen.
Die Rücksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das ohne sorgfältigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.
Welch ein Vermögen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch gezählt, zehn Hundert Markscheine.
So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier bekommen, als Wilhelm war.
Dieser war froh, daß alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn durchaus heiraten, so war ihm Lulu natürlich lieber, als Anna.
Lulu erfuhr durch ihre Mutter, daß Beuthien sie heiraten werde.
"Vadder hätt sik vel Möh geben", setzte die einfältige Frau hinzu."Dusend Mark hätt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."
"Für Geld?" rief Lulu.
"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie. Und dann erzählte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte mit Anna.
Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.
Also Anna hätte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande bewahrt blieb. Und das Mädchen wußte natürlich nun alles, empfand Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.
Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrückte die Gewißheit, daß Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern gehalten hatte, als er sie ins Unglück riß.
Wer sagte ihr, daß Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte sie zeit ihres Lebens verbunden sein.
Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letztenTage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.
Alle seine Fehler, seine Roheiten drängten sich plötzlich in ihr Bewußtsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich verloren.
Sie kam sich wie besudelt vor.
Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Küche der Nachbarhäuser sehen.
Jene Köchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper Geschäftigkeit auf dem Fensterbrett den Mörser handhabte, wie oft mochte sie in seinen Armen gelegen haben.
Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht vielleicht alle schon mit seinen Zärtlichkeiten bedacht?
Es war ihr, als sähen alle zu ihr herüber, in ihr Fenster hinein, höhnisch, vertraut: Wir gehören zusammen, Fräulein.
Sicher sprach man jetzt überall von ihrer Schande. Würde Anna schweigen,Anna, die sicher noch ihren alten Haß hegte?
Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen.Hieß das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?
Mochte Beuthien doch das Mädchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, für sich, für das Kind, oder sterben.
Es war das erste Mal, daß der Gedanke an den Tod ihr kam.
Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, dieReue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.
Natürlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber nachher, hat man es nicht mehr ertragen können, dann weinen sie ihre Heuchelthränen.
Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung in die Alster, und alles ist gut.
Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.
Sie kühlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.
Bei dem Blinken des Wassers mußte sie immer an die Alster denken.
Ein Sprung in die Alster.
Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr vor Augen. Sie schüttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf. Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.
Als die Mutter sie so müde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas in die Luft zu gehen. Sie müsse sich Bewegung machen, auch des Kindes wegen.
Lulu wehrte ab.
Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte sie begleiten, meinte die Mutter.
Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein, nickte Lulu.
"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.
Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen, als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nächste dazu".
Frau Caroline stellte sich völlig auf den Standpunkt der Moral. Sie verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich für eine anständige Frau geziemte, und hätte sicher an beiden kein gutes Haar gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre sittliche Entrüstung etwas gemildert hätte.
Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu über die Achseln angesehn gefühlt. Nun rückte sie jener gegenüber gar in den Rang einer Schwiegermutter auf.
Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior würde es nun heißen.
Meine Schwiegertochter Lulu.
Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht nannte Lulu sie gar Mama.
"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glück, daß noch alles so gut abläuft."
Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden Kräfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wußte sie, daß sie sterben würde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah wiederholt an der Zimmerdecke Mäuse.
Das bedeutete den nahen Tod.
Therese wollte sonst nicht für abergläubisch gelten. Kartenlegen, Besprechen und anderen Altweiberunsinn belächelte und verspottete sie. Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her ehrfurchtsvollen Schauder abgenötigt. So weit erstreckte sich ihre Aufklärung nicht. Daß der Tod entfernter Personen sich oftmals ankündigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren, geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis für erwiesen.
Die Tante, der sie ihren Traum erzählte, hatte erst ein ganz bestürztes Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn" auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an dergleichen Vorbedeutungen glaubte.
Hermann gegenüber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal, gesprächsweise machte sie doch Andeutungen.
"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand, streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und gesund, Resi."
Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, sagte er wiederholt "Unsinn,Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.
Das sagte ihr genug.
Aber sie blieb ruhig und heiter.
Sie hätte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, daß sie den Tod so ruhig erwarten könnte. Kein Zagen, kein Graun.
Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen wiederkommen zu können erklärte, war ihr auf einmal so bange geworden, so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als würde sie ihn nie wiedersehen, als müßte sie ihn mit Gewalt zurückhalten.
Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alleHoffnung genommen worden war, glaubte, Therese würde die "Krisis"überstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klareVorstellung davon zu machen.
Vielleicht würde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewußtsein gekommen sein, wenn nicht ihre persönlichen Angelegenheiten sie gar so sehr in Anspruch genommen hätten.
Die geschäftlichen Obliegenheiten lagen thatsächlich fast allein auf ihren Schultern, da Fräulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.
Dazu kamen die Heiratsgedanken.
Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die "leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.
Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mädchen, die in ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren. Sie stand ja als so nahe Verwandte des Sünders mitten in der Aktion, und von je her war sie nie glücklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit dazu gehörte."
Als künftige Schwiegermutter der ins Unglück geratenen, bewahrte sie natürlich allen Ausfragern gegenüber die nötige Zurückhaltung, und half durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier abenteuerlicher Gerüchte um diesen pikanten Vorfall zu weben.
Wie erschrak sie, als Mutter Behn früh morgens, um sechs Uhr, mit der ängstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.
"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."
"Meine Güte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts passiert?"
Die Gemüsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hürt? Behns ehr Lulu is furt."
Ein Dienstmädchen aus der Gärtnerstraße wollte "man bloß mal auf'nAugenblick einsehen".
"Nu is se ja woll utrückt", meinte sie. "Wat'n Upstand."
Auch der alte Beuthien kam ganz verstört.
"Line, Line, wat'n Stück—wat'n Stück."
Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hörte sie.
Fräulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glühenden Wangen immer neben der Wittfoth.
"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.
"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die Schürzen gesäumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig sein."
Damit schüttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.
Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.
"Dod?" fragte die Wittfoth.
Beuthien gab mit dem Daumen über die rechte Schulter hinweg die Richtung an: "In'n Kanal."
"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muß ich mich erst mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."
Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.
"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll.Was sie nu wohl wieder hat."
Damit haftete sie über den Korridor, steckte aber im Vorübereilen denKopf durch die Thür des Arbeitszimmers:
"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und man ja nicht zu breit, hören Sie?"
Der alte Behn saß in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, dieEllbogen aufgestützt, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
Schon geraume Zeit saß er so da.
Es war eine schwüle Luft in dem kleinen Raum.
Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich vielfarbig in den Kristallflächen des Tintenfasses und des Briefbeschwerers.
Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen dieFensterscheiben flog, war das einzige Geräusch in der drückenden Stille.
Draußen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedämpfte Stimmen, einGeräusch, als würde ein schwerer Gegenstand transportiert.
Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.
Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.
Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flüsternde Sprechen, dasKlingen der Korridorthür, und wieder die dumpfe Stille.
Noch immer saß Behn in unveränderter Stellung, wie schlafend.
Da wurde leise die Thür geöffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn rief nach ihm.
Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust desMannes, aber er rührte sich nicht.
Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.
"Johannes!"
Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuztenFäuste, und der große starke Mann schluchzte wie ein Kind.
"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.
Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schämte er sich seiner Thränen.
Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch, den Tintenwischer, die Sandbüchse, tastete an sich herum, als suche er etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der geduldigen Frau.
"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechteZimmer eintreten wollte.
Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie die Eltern die beste Stube betraten, mit flüchtigem Blick einen Teil des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.
Sie beugte sich nachher zum Schlüsselloch hinunter, sah aber nichts, als den breiten Rücken des Vaters.
Ihre Gedanken waren in großer Erregung. Lulu tot. Unfaßbar schien es ihr.
Es war das erste Mal, daß der Tod Paula so nahe trat.
Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thränen abgepreßt.Seine Augen waren noch rot und heiß vom Weinen, eine trockene, stechendeHitze in den Lidern.
Jetzt, nach dem ersten Gefühlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihremRecht.
Paula hätte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter wollte es nicht leiden.
Wenn der Vater sich doch nur mal rühren wollte, dachte sie, am Schlüsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen konnte.
Ob wohl viele Kränze kommen würden? Sie sah immer in Gedanken den ganzenPomp eines Begräbnisses vor sich.
Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nächstenSonntag war.
Ob man ihn wohl feiern würde?
Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf eingeladen. Clara würde ihr eine Papeterie schenken, das wußte sie schon.
Wie häßlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag würde.
Plötzlich fuhr sie vom Schlüsselloch zurück. Die Thür ward hastig aufgestoßen, und der Vater, blaß, zitternd, trat schnell heraus.
"Water, flink, Water", ächzte er.
Minna stürzte aus der Küche und stieß unsanft mit Paula zusammen.
Doch der alte Behn war schon in der Küche, ehe die Mädchen recht begriffen, was er wollte.
Die Stirn gegen die Wand gestützt, kämpfte er mit einem erstickendenWürgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrücken den kaltenSchweiß von Stirn und Backen wischend.
So traf ihn der Briefträger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt durch die nachlässig geschlossene Thür in die Wohnung gelangt war.
Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.
"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.
"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Briefträger. "So gewitterig heute."
Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.
"Is di beter, Johannes?"
Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.
"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung för dat Klaveerstimmen."
Der Briefträger, noch ohne Ahnung von dem Unglück, das die Familie betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Straße, durch ein Mädchen des Nachbarhauses.
Er hatte auch für Frau Caroline Wittfoth einen Brief.
Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut."Briefträger!"
Er mußte noch ein zweites Mal rufen, bevor Fräulein Frieda erschrocken erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen balancierend.
Beide ausgestreckten Hände zur Höhe der Ohren erhebend, bedeutete sie ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.
"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.
"Unser Fräulein is tot."
"Fräulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"
"Schwindsucht", flüsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvollesVerbrechen.
Mit bedauerndem Kopfschütteln entfernte er sich.
Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.
Fräulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach dasGewünschte zu finden war, und holte die Wittfoth.
Frau Caroline erschien, verweint, mit geröteter Nase, das Taschentuch in der Hand.
"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzählte sie auf den fragenden Blick der Käuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hände voll zu thun. Ich weiß auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."
"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehört hatte. "Mit so'nKrankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."
"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sögg Se den Unnerrock rut."
Zwei Tage später hielten zwei Leichenwagen an der Ecke desDurchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.
Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel vier Kränze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kränze frisch besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf den Blättern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblüten und dem dunklen Grün der Kranzgewinde.
Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.
Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen, das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wäscheschatzes, in der Hand.
Nachdem sie alles Nebensächliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu kommen pflegte, überwunden hatte, die Störung ihres Hauswesens, die Beeinträchtigung des Geschäftes, die Wahl eines Trauerkostümes, ob Crépe oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.
Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag zurücklegte, den Fräulein Frieda öffnete.
Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur eine schwarze Moiré-Schürze angelegt, die Frau Caroline für diesen Zweck noch in letzer Mintute dem Schürzenkasten entnahm.
"Der Leute wegen."
Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu entfernen.
"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fräulein", flüsterte sie aus der Droschke heraus dem Mädchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock kommt, wissen Sie ja Bescheid."
Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzemGehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rötliche schillerndemCylinder.
In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt, damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.
Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wäre.
"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringtUnglück. Gewöhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne geradeZahl, das ist besser."
Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, dieSchwächen seiner Tante zu schonen.
War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschüttert. Er hatte alle seine freie Zeit der Tante zur Verfügung gestellt und ihr alle Vorbereitungen und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.
Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufällige Entdeckung, daß er dem Herzen der Verstorbenen näher gestanden haben mochte, als sie ihn hatte merken lassen.
Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem Nähkörbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat, ein Geschenk, das er ihr ungefähr vor einem Jahre gemacht hatte.
"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklärte die Tante. "Und noch etwas für Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es zum Geburtstag haben."
Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkränzte MonogrammHermanns.
Gerührt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begräbnis noch in die Wohnung der Tante zurückzukehren.
Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus dem Behnschen Hause den reichgeschmückten Sarg hinaus.
Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen überströmte dieStraße, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.
In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Straße hinauf.
Nur wenige, flüchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens.Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begräbnis.
Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.
Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenüberhäuftem Sarg aus, der Zauber des Gräßlichen, der Reiz des Unglücks umstrickte die Seelen.
Der Wind warf den Staub unter die Menge, über den Sarg, über die Kränze, trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief herabhängenden Trauermäntel der Pferde wie Segel auf.
Die zwölf Träger, in ihren althergebrachten Pompgewändern, mit weißer Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zügel, und der Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor über den linken Arm tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung setzte.
Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine plötzliche Verkehrsstörung wieder zum Halten zwang.
Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.
Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglücklicher Zufall, ließ das leichte Gefährt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoßen. Das zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker stand in größter Verlegenheit bei dem gestürzten Fuchs, der wild ausschlagend, alle Bemühungen, ihn aufzurichten, vereitelte.
Daneben stand, blaß, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in derAngst den kühnen Sprung von ihrem gefährlichen Wagensitz gewagt hatte.
Hermann hatte aus seinem Coupé heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen vermeint.
Schnell zog er sich in den schützenden Versteck des tiefen Fonds zurück.Keine Erinnerung hätte ihm heute peinlicher sein können als diese. Siebrachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmütige Stimmung.Die Augen schließend, träumte er in der langsam über das stoßendePflaster holpernden Droschke von jenem Frühlingsabendgang zwischen denWeißdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Küssen.
Mit schrillem Mißklang intonierte in einer Nebenstraße eine Drehorgel einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.
Hermann schrak aus seinem Brüten auf.
Wie gemein waren diese Klänge.
Ein Straßenjunge sang im höchsten Diskant zu den Melodien des Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis zur nächsten Straßenecke hörte Hermann den Gesang des Bengels.
Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehört? War es damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.
Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie, summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im Walzerrhythmus:
"Meine Liebste ist in Bremen,Ist 'ne Selterwasserdirn."