Chapter 17

Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.

Senecas großes Bankinstitut — so können wir es nennen; es war gleichsam eine Reichsvorschußzentrale — gab Darlehen durch alle Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische Provinz geworden war, eine Anleihevon 10 Millionen Sesterz bei ihm gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht einlaufen[347]. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte fordern sollen[348]. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht. Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich, um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus.

Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als leuchtendes Vorbild galt[349]. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts herausfällt“[350]. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja, Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm.

In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht. Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe. Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken[351]. Wenn nur dieser Nero ihm ferner gefügig blieb!

Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes[352], ungefähr wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes sagen: der Kaiser Roms warOberpontifex; er war der Papst des Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet, willenlos hinnehmen und nicht ändern können[353].

Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm fehlte der Wille[354]. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war er nicht.

Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte, von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin durch drei Jahre namenloser Erregung[355]. Aber Senecas Philosophie, sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste, unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten davon[356]; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt[357].

Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.

Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit,munera aeterna[358]. Der beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca; Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung, die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung zurück[359]. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca zum Kaiser gewählt“[360]. So führt die Höhenlinie der großen römischen Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel.

Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus, „die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert[361].

Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5. Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten worden.

Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen.

Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils[362]und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso daran fest, daß seine wichtigstenSchriften keine Schulabhandlungen oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu retten war.

Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des Kaisers Augustus.

Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will hier noch den Zusammenhang verkennen[363]? Aber auch sonst hatte Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der besten Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen aus und verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit Hochdruck. Es war ihm bitter ernst damit[364]. Erst durch diese Parallele wird Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie war in ihren wichtigsten Teilen ein Produkt deractio, nicht dercontemplatio. Seine Schriften sind Regierungshandlungen, Erzeugnisse der Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen Herzen kommen, mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: Laß dich überzeugen! Der Guten sind zu wenige[365]. Werde gut, lerne Menschenliebe, lebe dem Staat und stütze das Ganze. Denn die menschliche Gesellschaft ist wie ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein Stein muß dem anderen Halt geben, ein gegenseitiges Tragen: sonst bricht das Ganze zusammen[366].

An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, dasvetus praeceptum, das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: Folge Gott!deum sequere[367].

Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemikgegen den Aberglauben —de superstitione—, in der er weitausholend und in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig auch der jüdischen bekämpft hat[368]von dem Grundsatz aus, daß der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist[369]. Auch über das Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert[370]. Hier steht Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so viele Namen wie Gaben,“ sagt er[371], d. h. der Polytheismus ist nur eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der äußerlichen Gebärden verfiel.

Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit seiner Reichsverwaltung geschrieben hat[372]?


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