Chapter 20

I, 89:Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,Cinna, was jeder hören darf im Kreise,Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!

I, 89:Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,

I, 89:

Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,

Cinna, was jeder hören darf im Kreise,

Cinna, was jeder hören darf im Kreise,

Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,

Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,

Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.

Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.

Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,

Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,

Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!

Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!

Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt:

X, 43:Es ist fast übertrieben:Der reichen Frauen siebenHat Phileros bis jetztIm Erdreich beigesetzt.Gewiß ein harter Schlag.Allein der Ärmste kann sich sagen:Das Erdreich bringt Ertrag.Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.

X, 43:Es ist fast übertrieben:

X, 43:

Es ist fast übertrieben:

Der reichen Frauen sieben

Der reichen Frauen sieben

Hat Phileros bis jetzt

Hat Phileros bis jetzt

Im Erdreich beigesetzt.

Im Erdreich beigesetzt.

Gewiß ein harter Schlag.

Gewiß ein harter Schlag.

Allein der Ärmste kann sich sagen:

Allein der Ärmste kann sich sagen:

Das Erdreich bringt Ertrag.

Das Erdreich bringt Ertrag.

Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.

Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.

Und der frostige Redner Aulus:

III, 25:Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.

III, 25:Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,

III, 25:

Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,

Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,

Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,

Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.

Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.

So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.

So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.

Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält:

VIII, 79:Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,Fabulla. Stets nur garstige FrauenzimmerSind deine Freundschaft, und du schleppst ohn GnadeSie ins Theater mit, zur PromenadeUnd zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.

VIII, 79:Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,

VIII, 79:

Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,

Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer

Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer

Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade

Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade

Sie ins Theater mit, zur Promenade

Sie ins Theater mit, zur Promenade

Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,

Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,

Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.

Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.

Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in milderer Beleuchtung als einst bei Horaz:

I, 19:Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweitenSahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.

I, 19:Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.

I, 19:

Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.

Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.

Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.

Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten

Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten

Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.

Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.

Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.

Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.

Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.

Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.

Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt. Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben[418]. Hier eine zweite:

X, 77:Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.

X, 77:Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,

X, 77:

Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,

Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.

Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.

Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.

Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.

Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.

Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.

Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt; leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter:

XII, 17:Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das FieberDich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen.Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner,Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum,Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das FieberFliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?

XII, 17:Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das Fieber

XII, 17:

Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das Fieber

Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?

Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?

Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen.

Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen.

Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,

Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,

Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner,

Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner,

Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,

Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,

Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum,

Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum,

Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.

Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.

Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das Fieber

Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das Fieber

Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?

Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?

Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechenserhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm angeredet:

III, 52:Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt.Da hat es sich gleich in Asche verwandelt,Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen.Doch deine Freunde traten rasch zusammen,Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht.Du stehst, Verehrter, im Verdacht:Damit man dir so den Schaden deckt,Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.

III, 52:Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt.

III, 52:

Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt.

Da hat es sich gleich in Asche verwandelt,

Da hat es sich gleich in Asche verwandelt,

Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen.

Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen.

Doch deine Freunde traten rasch zusammen,

Doch deine Freunde traten rasch zusammen,

Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht.

Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht.

Du stehst, Verehrter, im Verdacht:

Du stehst, Verehrter, im Verdacht:

Damit man dir so den Schaden deckt,

Damit man dir so den Schaden deckt,

Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.

Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.

Da sieht man, wie unsere moderne Feuerversicherung im alten Rom ersetzt wurde. Geschäftsfreunde bildeten ein Konsortium, und dem Betroffenen wurde geholfen. Es lag aber auch damals schon nahe, diese Hilfe zu mißbrauchen.

Aber nun endlich Issa, und genug der Alltagsmenschen. Auch zu Issa, dem Hündchen, beugt sich unser Dichter herab. Bei seinem Freund Publius hat er das Tier gesehen. Dies sei das letzte Stück meiner Auslese.

I, 109:Die Issa will ich heute singen.Von Issa soll mein Lied erklingen.Sie ist drolliger, als der Sperling war,Den einst Catull geliebet,Ist wonniger als das Taubenpaar,Das sich im Schnäbeln übet,Einschmeichelnder als die liebste Maid,Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid.Das ist Issa, des Publius Hündchen.Betrachten wir es ein Stündchen.Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir:„So Lust wie Leid, das teilen wir,“Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will.Keinen Atem hörst du. Es liegt so still.Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken,Kein Tröpfchen macht es auf die Decken,Kratzt nur mit der Pfote flehentlich:„Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“Auch keusch ist die kleine Hündin sehr,Flieht alle Liebeleien.Wo ist auch der Hund, der würdig wär’,Um unsre Issa zu freien?Doch ach! doch ach! auch dieses HündchenHat dermaleinst sein Sterbestündchen.Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,Mit eigner Hand gemalt: so treu!Man weiß nicht, welches die Issa sei,Das Tier selbst? oder das Konterfei?

I, 109:Die Issa will ich heute singen.

I, 109:

Die Issa will ich heute singen.

Von Issa soll mein Lied erklingen.

Von Issa soll mein Lied erklingen.

Sie ist drolliger, als der Sperling war,

Sie ist drolliger, als der Sperling war,

Den einst Catull geliebet,

Den einst Catull geliebet,

Ist wonniger als das Taubenpaar,

Ist wonniger als das Taubenpaar,

Das sich im Schnäbeln übet,

Das sich im Schnäbeln übet,

Einschmeichelnder als die liebste Maid,

Einschmeichelnder als die liebste Maid,

Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid.

Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid.

Das ist Issa, des Publius Hündchen.

Das ist Issa, des Publius Hündchen.

Betrachten wir es ein Stündchen.

Betrachten wir es ein Stündchen.

Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir:

Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir:

„So Lust wie Leid, das teilen wir,“

„So Lust wie Leid, das teilen wir,“

Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will.

Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will.

Keinen Atem hörst du. Es liegt so still.

Keinen Atem hörst du. Es liegt so still.

Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken,

Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken,

Kein Tröpfchen macht es auf die Decken,

Kein Tröpfchen macht es auf die Decken,

Kratzt nur mit der Pfote flehentlich:

Kratzt nur mit der Pfote flehentlich:

„Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“

„Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“

Auch keusch ist die kleine Hündin sehr,

Auch keusch ist die kleine Hündin sehr,

Flieht alle Liebeleien.

Flieht alle Liebeleien.

Wo ist auch der Hund, der würdig wär’,

Wo ist auch der Hund, der würdig wär’,

Um unsre Issa zu freien?

Um unsre Issa zu freien?

Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen

Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen

Hat dermaleinst sein Sterbestündchen.

Hat dermaleinst sein Sterbestündchen.

Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,

Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,

Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,

Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,

Mit eigner Hand gemalt: so treu!

Mit eigner Hand gemalt: so treu!

Man weiß nicht, welches die Issa sei,

Man weiß nicht, welches die Issa sei,

Das Tier selbst? oder das Konterfei?

Das Tier selbst? oder das Konterfei?

Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten[419]; in den meisten seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer wieder eifrige Nachahmer gefunden hat.

Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.

Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog.Anthologia latina, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen[420]. Offenbar war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen Riesenweitsprung, der demFlug gleichkam[421], vollführte da ein junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; „nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“

Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf das Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was diese Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was das Altertumnichtsagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger als das!

Plautus hatte einst denMiles gloriosusgeschrieben. Da wurde der dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und Rekruten, auch der Legionär und derTribunus militumwerden gewiß ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten als die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal bringt Martial das zahme Distichon:

II, 80:Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?

II, 80:Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.

II, 80:

Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.

Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?

Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?

Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.

Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück „Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und widerwärtig wie eine angemalte Wand[422]. Das war Afranius, und das ist alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt[423].

Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, von der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch nichts abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während der heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand anlegten. So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester,Pontifex maximus, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine anspruchsvolle Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den Spott oder Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es noch nicht.

Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit seinem Hohn verfolgt[424], deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes Wort[425].

Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum — um von den überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen —, alle diese Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Weraber mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig.

Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial eine angreifende Wendung[426]. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig[427]. Wo er auf der Gasse jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort[428], wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, der ihn angegriffen hat, verteidigen[429]. Ärgerlich war es, daß die römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter nicht verschweigen[430].

So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir ihm wohl nicht verargen[431]. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei Nacht:

VIII, 75:Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race.Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen StraßeWill er nach Haus. Da stolpert er im Lauf.Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf.Was soll der Riese tun, um hochzukommen?Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen.Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne.Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne.Da war’s, als ob man Hilfe brächte:Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte,Wie man die Verbrecher ohne Weh und AchIn die Gruben hinausschafft tausendfach.Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei.Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach obenWird schon der Riese hochgehoben,Liegt da schon schwer in seinem FettAuf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett.Vom Totengräber sah er sich zuletztAuf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[432].

VIII, 75:Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race.

VIII, 75:

Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race.

Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße

Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße

Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf.

Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf.

Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf.

Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf.

Was soll der Riese tun, um hochzukommen?

Was soll der Riese tun, um hochzukommen?

Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen.

Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen.

Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne.

Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne.

Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne.

Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne.

Da war’s, als ob man Hilfe brächte:

Da war’s, als ob man Hilfe brächte:

Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte,

Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte,

Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach

Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach

In die Gruben hinausschafft tausendfach.

In die Gruben hinausschafft tausendfach.

Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei.

Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei.

Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“

Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“

Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben

Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben

Wird schon der Riese hochgehoben,

Wird schon der Riese hochgehoben,

Liegt da schon schwer in seinem Fett

Liegt da schon schwer in seinem Fett

Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett.

Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett.

Vom Totengräber sah er sich zuletzt

Vom Totengräber sah er sich zuletzt

Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[432].

Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[432].

Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.

So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst im Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große römischeSatire, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir auch sie noch zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; die Lehre beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns bisher umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in die Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an die religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von tugendhaften Lehrsätzen genügteihr nicht; sie rief auch dabei wieder den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer.

Ich sehe hier von der wichtigen Aufklärungsarbeit der griechischen Philosophen ab und halte nur auf Rom, das Zentrum der Welt, das Auge gerichtet. Da hatte dereinst schon der Dichter Ennius im 2. Jahrhundert v. Chr. kaltsinnig an dem alten Götterglauben gerührt und für die Entstehung der Vorstellungen von Jupiter und den anderen Nationalgöttern trivial-euhemeristische Erklärungen vorgetragen, die sich wie ein amüsanter Roman für die Halbbildung lesen. Das übermütig freche Volkstheater, der sog. Mimus, wirkte überdies schon lange ganz im gleichen Sinne. In den Schwänken, die es da gab, wurde Jupiter, der höchste Gott, wie ein alter Onkel hübsch begraben, die Göttin Diana machte ihr Testament, und ähnliche Scherze mehr, wobei immer das Sündhafteste dem Publikum gerade das liebste war. Dann kam Varro, der Philologe, mit schwerstem Geschütz, der in einem dicken Sammelwerk den ganzen bunten Götterglauben des Altertums mit seinen tausend Namen redlich buchte, aber diesen Glauben dabei als nichtig nachwies und nur die Naturkräfte im All noch als göttliche und heilige Mächte gelten ließ. Derselbe Varro schrieb aber auch Satiren, z. B. einen „gefälschten Apoll“, in denen er von den Göttern handelte und die Volksvorstellungen nur deshalb bestehen ließ, um possierlich mit ihnen zu spielen[433]. Gleichzeitig mit Varro wirkte dann auch Cicero, und er machte diese freien Ansichten populär; Ciceros berühmte Schrift „Über die Natur der Götter“ ist das erste große Aufklärungswerk gewesen, das durchschlug. Der Staatskultus mit seinem reichen Tempeldienst bestand freilich ungeschmälert weiter, aber jeder Gebildete dachte dabei hinfort, was er wollte. In Wirklichkeit haben sich damals alle, die nachdachten, auf die stoische Religion zurückgezogen, die von den Philosophen ausging und deren Lehre sich mehr und mehr und immer deutlicher zum geistigen Monotheismus hindurchrang.Die Frage war nur, was aus den herkömmlichen Göttern schließlich werden sollte.

Persius. Seneca. Juvenal.

Wundervoll geläutert sind schon die Vorstellungen, die Persius zu Kaiser Neros Zeit in seinen Satiren vortrug. Es handelt sich um das Gebet; albern und gottlos, sagt Persius, sind die Menschen, die sich Bargeld und sonstige angenehme Dinge wünschen und mit solchen Bitten die hohen Götter behelligen. Gott ist gütig, und er weiß selbst am besten, was uns not tut. Und neben Persius stand nun auch schon Seneca, der endlich die Axt an die Wurzel legte, indem er sich gegen den herrschenden Gottesdienst selbst, gegen den Ritus mit seinen Opfern und Zeremonien wandte. Gott ist ein Geist; er bedarf dieser menschlichen Armseligkeiten nicht. „Über den Aberglauben“,de superstitione, betitelte Seneca sein umstürzendes Buch, von dem wir gewisse Abschnitte unbedingt zur Satirenliteratur rechnen; denn die beißendste Satire war darin seine Waffe. So wie die Satire immer das Extreme aufsucht, so hat hier Seneca gerade die lächerlichsten Auswüchse der sog. Frömmigkeit, die ihm als Aberglaube gilt, geschildert, und wir lesen seine Schilderung mit Staunen. Es handelt sich an der einen Stelle, die uns vorliegt, um das vornehmste Gotteshaus der altrömischen Trinität Jupiter, Juno und Minerva: „Ich kam auf das Kapitol. Man muß sich schämen über die Tollheit, die sich da öffentlich zeigt, und wozu sich eine sinnlose Schwärmerei verpflichtet hält. Einer legt da dem Gott das Hauptbuch (über die Verwaltung des Tempelvermögens) vor, ein anderer meldet dem Jupiter, wieviel Uhr es ist; einer steht als Lictor oder Platzmacher herum; wieder einer ist des Gottes Einsalber und tut mit einer zwecklosen Armbewegung so, als salbte er ihn wirklich ein. Auch an Personen, die der Juno und Minerva das Haar machen, fehlt es nicht; aber sie stehen von den Götterbildern, ja sogar vom Tempel selbst weit ab und bewegen nur so die Finger, als frisierten sie sie. Andere halten den Spiegel dazu. Dann kommen welche, die (in eigener Prozeßsache) die drei Götter zu einer Bürgschaftsleistung einladen, ihnen ihreAnklageschrift bringen und ihren Fall vortragen. Auch einen Schauspieldirektor von guter Schule, aber schon alt und verlebt, sah ich da, der täglich auf dem Kapitol sein Rollenfach mimte, als könnten die Götter an ihm, den kein Mensch sich mehr ansehen mochte, noch Vergnügen haben. Und so sind da alle Sorten von Künstlern oder Kunststückmachern vertreten, die ihre Zeit damit vergeuden, die unsterblichen Götter zu ehren. Alle diese Leute tun nun gewiß, was überflüssig ist, allein sie entehren sich doch nicht selber; aber auch Weiber, die meinen, sie könnten mit Jupiter in Liebesverkehr treten, hocken auf dem Kapitol, und nicht einmal der Anblick Junos schreckt sie ab, die ja doch, wenn die Dichter recht haben, sehr leicht in Zorn gerät.“

Jetzt wissen wir, wie es da zuging. Diese Schilderung Senecas gibt uns endlich das, was Martial verschweigt: eine köstliche Ergänzung zur Kenntnis des römischen Stadtvolks, besonders in seinen unteren Schichten. Leider ist uns aus Senecas Schrift sonst fast nichts erhalten; der Kirchenvater Augustin hat nur eben dies daraus ausgezogen, weil es seiner christlichen Tendenz besonders zu Hilfe kam. Wir würden gerne auch das Weitere und Gewichtigere lesen.

Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter.

Auf Seneca aber endlich folgtJuvenal, der letzte und wuchtigste der Satiriker. In machtvoller Breite rollen seine Predigten daher. Die Gesellschaft sittlich zu heben, die Herzen zu reinigen, das war auch Juvenals Zweck; was aber Seneca schon geschrieben hatte, brauchte er nicht zu wiederholen. So wandte er denn seinen Zorn gegen ein anderes drohendes Gespenst, den religiösen Fanatismus, der im Orient seit langem sich regte. Nach Ägypten kehrte er seine Augen; da war unlängst Ungeheuerliches geschehen, und er beschloß dies erschreckende Beispiel in grausiger Schilderung aller Zukunft zur Warnung hinzustellen. Es ist Juvenals 15. Gedicht.

Zwei ägyptische Nachbarstädte, Omboi und Tentyra, waren es. Beide haben andere Götter, und sie hassen sich deshalb bis zur Raserei. Bei den Ombiten ist gerade Festtag, undsie begehen ihn mit rauschendem und berauschendem Gottesdienst. Da werden sie von den Leuten aus Tentyra überfallen, eine Rauferei beginnt; sie zerschlagen sich erst nur die Gesichter. Dann wird schon mit Steinen geworfen; dann greift man zum Messer, bis die Angreifer fliehen; einer der Fliehenden aber wird ergriffen und von der siegreichen Menge zerrissen und in unerhörtem Kannibalismus verspeist. Alle sättigen sich an der Mahlzeit. Der letzte, der nichts abbekam, leckt gierig noch das Blut von den Fingern des Opfers. Gott, der Weltenschöpfer, sagt Juvenal, erhob den Menschen über das Tier, indem er uns die Menschenliebe und den Trieb gab, daß einer dem anderen helfe. Wo aber ist die Bestie, die ihresgleichen frißt? Die religiöse Wut, der Haß gegen die Götter des Nachbarn bringt das fertig.

Ob hier Juvenal übertrieben hat? Jedenfalls ist klar, welchen Standpunkt er im Hader der Religionen einnahm, und um so wohltuender berührt es uns, daß er in all seinen Dichtungen kein hämisches, wegwerfendes Wort gegen das Christentum findet. Um das Jahr 130 konnten dem Juvenal die stark angewachsenen Christengemeinden nicht unbemerkt bleiben; denn das Evangelium scholl schon vernehmlich über die Gasse in den Griechenquartieren Roms. Juvenal, dieser energische Ethiker und Volkserzieher, lebte ganz in der stoischen Sittenlehre, die der christlichen tatsächlich so nahe stand. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß er eben darum zu satirischen Angriffen gegen die neue Völkerlehre keinen Trieb und keinen Anlaß fand.

Anders das Christentum selbst. Kaum war Juvenal verstummt, so erhob das Christentum selbst seine Stimme zur Polemik, und die große Satire der christlichenKirchenväterim Kampf mit den heidnischen Göttern hob an. Denn auch dies war Satire. Den Ton bittersten Spottes und grenzenloser Entrüstung entlehnten die Kirchenautoren dabei von Juvenal, aber von vornherein sind sie viel siegesgewisser als er. Denn ihre Aufgabe war leicht; sie konnten ja ihre Argumente von den aufgeklärten Heiden selbst entnehmen, und sie nahmen sie wirklichgetreu aus Varro, Cicero und Seneca. Aber auch im römischen Volkstheater waren die Götter ja, wie wir sahen, längst entheiligt und zu lustigen Figuren gemacht. Auch dies bot den Christen die willkommenste Hilfe. „Erröten müßt ihr über eure Götter,“ so hebt einmal Tertullian an[434]. „Ich weiß nicht, soll ich lachen über eure Torheit oder auf eure Blindheit schelten.“ Da haben wir also das Lachen; es ist das Lachen des Satirikers. Und dann geht es weiter: Der alte Gott Saturn soll Sohn des Himmels sein; Himmel heißtcaelumauf Latein;caelumaber ist ein Neutrum. Wie kann ein Neutrum Kinder erzeugen? Saturn soll ferner schon eine Sichel besessen haben; eine Sichel setzt das Schmieden voraus, aber der Schmiedegott Vulkan, der das Schmieden erfand, war doch erst Saturns Enkel! Wie konnte also Saturn schon eine Sichel haben? Weiter hat man den Herkules zum Gott gemacht, weil er so viele wilde Tiere erschlug; warum aber nicht lieber den Pompejus, der all die Piraten beseitigte? Denn die unzähligen Piraten waren viel schlimmer als die paar wilden Tiere. Besonders lachhaft sind die unzähligen kleinen Stadtgötter im Land; denn jedes kleine Nest hat einen anderen; „ich lache über diese göttlichen Magistrate, deren Ansehen nicht weiter als bis zu ihrer Stadtmauer reicht. Und was soll man weiter zu Romulus sagen, der Rom gründete und dabei seinen Bruder totschlug? Wenn alle Stadtgründer gleich Götter werden sollen, dann kann es freilich viele geben!“[435]

Und so rollt die Polemik weiter. Nicht anders wie Tertullian redeten hernach auch noch die Späteren, Arnobius, Lactanz, Augustin; und wer sollte ihnen da widersprechen? Gepriesen sei die Zeit, wo das Christentum nur mit solchen Waffen, mit den Waffen der klugen Rede, focht und siegte! Es sollte die Zeit kommen, wo es zu anderen griff. Juvenal hatte umsonst gewarnt. Die Zeit kam, wo der Fanatismus aufs neue zum Schwert griff und das Blut floß. Es war der Fanatismus des Christentums und seiner erstarkten Kirche.

Wozu daran erinnern? Die Religionskriege liegen ja gottlobweit hinter uns. Der schöne Gedanke des Altertums, daß der Polytheismus nur eine Vielnamigkeit Gottes, daß die vielen Götter der Erdenvölker also nur viele Versuche sind, den Einen zu nennen, und die religiöse Duldung, die in diesem freundlichen Gedanken wurzelt, hat allmählich auch unsere Gegenwart erobert, und wir hoffen, daß sie einmal voll und ganz siegen wird. Schlimmer steht es heut mit dem Rassenhaß, dem Völkerhaß, der Entzweiung der Völker Europas. In dem Weltkrieg, der in den letzten Schreckensjahren unseren Weltteil zerfleischte, schlugen nicht nur die Waffen, die Vulkan geschmiedet, aufeinander; auch das Wort kämpfte wieder, aber völlig entartet, und die gemeinste Schmähsucht war losgelassen. Mit den niedrigsten, verlogensten Beschimpfungen fielen die Völker, die unsere Vernichtung beschlossen hatten, über uns Deutsche her, weil unser Volk den unerhörten Mut hatte, sich innerhalb seiner Grenzen selbständig und kraftvoll auszuleben. Aller Witz der Rede, aller Feinsinn, alle Grazie erstickte dabei in geschmacklosester Karikatur und häßlich kreischender Verleumdung. Das verrät einen sittlich kulturellen Tiefstand der Gegenwart, der Europa weit, weit hinter das Zeitalter des Horaz und Juvenal zurückwirft und uns mit völlig hoffnungsloser Trauer erfüllt. Denn die Völker, von denen ich sprach, lebten ja schon damals; sie alle sind die gemeinsamen Erben der Zivilisation von Rom und Hellas. Damals zwang die Römerherrschaft die hochbegabten Nationen, die sie umfaßte, zur Eintracht, zum Fleiß und dauernd glücklichem Dasein. Wird jetzt der geplante „Völkerbund“ wirklich alle Nationen friedlich umfassen? oder müssen wir wünschen, daß wieder wie einst ein Zwingherr ersteht, der die Welt in seine starke Hand und sichere Verwaltung nimmt? Beklagenswert die Welt, die zu ihrem Glück, zur Wahrung ihrer Würde, gezwungen sein will. Denn Glück ist nur in der Freiheit, und der wahre Beruf der Völker ist, in freier Einigung die reine Menschheit in sich darzustellen.


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