Verlagswesen im Altertum.

Verlagswesen im Altertum.

Es gibt Laien und auch Gelehrte, die meinen, daß unser Buchhandel und Verlagswesen etwas wesentlich Modernes ist, das etwa erst in den Zeiten Gutenbergs oder Luthers und Huttens sich ausgebildet habe; und in der Tat weiß das Mittelalter mit seinen schwerfälligen Pergamentkodizes vom Verlagswesen nichts, und den Buchhandel hat es nur spärlich entwickelt. Aber nicht aus dem Mittelalter, aus dem klassischen Altertum stammt unsere Kultur. Die Griechen und Römer, die uns so viel anderes vorweg nahmen, Theater und Konzerte und Volksbäder, dazu das höhere Schulwesen bis zur Universität mit ihren Studentenverbindungen und Kneipkomment, auch den ganzen Sport bis zum Fußballspiel, dieselben Griechen und Römer haben auch schon den Buchhändler und Sortimenter gekannt, der das Publikum mit dem modernsten Lesestoff versorgte und den Verfassern ihre Manuskripte abnahm, um sie herauszugeben.

Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar?

Schriftsetzer und Druckmaschine waren allerdings den Alten unbekannt. Es wurde alles mit der Hand geschrieben. Aber wenn Caesar seinBellum Gallicum, Horaz seine Satiren oder Ovid seine „Kunst zu lieben“ herausgab, so wurden doch gleich 500 Exemplare, ja vielleicht das Doppelte, das Dreifache in den Handel gegeben. Das pikante Ovidgedicht wurde von der flotten Damenwelt, das Caesarwerk von den Politikern, die Horazsachen von den Ästheten und Witzbolden verschlungen. Wie aber stellte man so viele Exemplare her? Durch Diktat. Ein „Diktator“ mag sonst etwas Übles sein; in der Literatur war er unentbehrlich. Der Diktierende sprach lautstimmig den Text; etwa hundert Schreiber — rühriges, kluges Arbeiterpersonal — hockten in Reihen an der Erde und schrieben nach. Die Hände flogen; die Feder kratzte nie; denn das Schreiben war ein Malen. Hübsch ausgestattet kamen die Buchrollen dann in den Verkaufsladen. Der Buchhändler hatte alle Borte und Kisten voll davon. An die Außenpfosten seiner Budikenagelte er das Neueste, um die Straßenbummler anzulocken, und er nahm gewaltig hohe Preise. Die Literatur war damals ein gewaltiger Luxus. Eine Rolle von 40 Seiten stellte sich nach modernem Geldwert auf etwa 16 Mark. Wer also den ganzen Livius kaufen wollte, hatte über 1500 Mark zu zahlen. Das Geld kassierte der Verleger oder zunächst der Sortimenter ein; denn die Verlagsartikel wurden aus Rom oder Alexandria in alle anderen Städte verschickt und dort von Sortimentern vertrieben.

Und was bekam der Autor selbst? Wurde etwa wirklich, wie man geglaubt hat, kein Honorar gezahlt? Lebten die Schriftsteller von der Luft? Begnügte sich der Poet im Geist mit den Musen auf dem Helikon zu schwärmen, indes der Buchhändler mit seinen oft epochemachenden Versen einen gedeihlichen Handel trieb? Und vor allem die anderen Literaten — soll Sallust, der doch sonst auf seinen Vorteil bedacht war, seinen herrlichen „Jugurthinischen Krieg“ ruhig und selbstlos den Händlern in die Hand gedrückt haben, daß sie damit ihr Geschäft machten? Die Sache wäre zu töricht; im Märchen wäre so etwas möglich, nicht unter ausgewachsenen Menschen der Wirklichkeit. Der Römer bestand doch sonst auf Recht und Eigentum, und der Grieche auch.

In der Tat: so spärlich auch unsere Nachrichten über diese Dinge sind und sein müssen, so läßt sich doch das Gegenteil leicht erweisen[200]. Die Sache wird schon deutlich, wenn uns Seneca sagt: „Wir sprechen von Büchern Ciceros; der Buchhändler Dorus aber nennt sie trotzdem sein Eigentum, und beides ist richtig; dem einen gehören sie, sofern er sie schrieb, dem anderen, sofern er sie sich käuflich erwarb.“ Der Buchhändler zahlte also auf alle Fälle, in diesem Fall mutmaßlich an Ciceros Erben; er kaufte; ohne das verfügte er über die Werke nicht, konnte sie also auch nicht verkaufen.

Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren.

Und der Autor oder seine Erben hatten demnach wirklich Vorteil und Gewinn. Achten wir zuerst auf die Theaterstücke. In Rom tanzt der allbeliebte Solotänzer Paris; er stellt imTanz mythologische Szenen dar, wie den König Pentheus, der von seiner Mutter Agaue in der Raserei umgebracht wird. Der Tänzer braucht dazu Musik, auch einen begleitenden Chorgesang, und dazu ist wieder ein Textbuch nötig; dies Textbuch lieferte ihm Statius, und Paris bezahlte dem Statius seine Textbücher so glänzend, daß Statius damit groß dastand und nebenher auch noch Epen schreiben konnte, die ihm nichts einbrachten. Vom alten Dichter Plautus gingen an die hundert Lustspiele um; manche davon rührten gar nicht einmal von ihm selbst her. Man sagte aber, Plautus habe so viel geschrieben, um reich zu werden; denn er verkaufte seine Stücke und war auf die Einnahme versessen; ob die Stücke nachher auch gefielen oder nicht, war ihm ziemlich gleichgültig. An den Götterfesten wurde Theater gespielt; der Staatsbeamte, der Aedil, der das Fest ausstattete, brauchte dazu jedesmal ein neugeschriebenes Stück, und er kaufte es vom Dichter. In anderen Fällen war auch der Chef der Schauspieltruppe der Käufer. Gewaltig hohe Summen, die die Dichter Terenz und Varius für ihre Dramen einkassierten, werden uns wirklich genannt. Tantiemen bei Wiederaufführungen gab es nicht[201]; das erklärt sich aus dem Gesagten. Um so berechtigter war die Höhe der Summen.

Denn das so verkaufte Lustspiel gehörte alsdann eben dem Dichter nicht mehr. Sollte ein Stück wie derMiles gloriosusoder die Adelphen nach seinen Bühnenerfolgen nun aber auch als Lesedrama und in Buchausgabe in den Handel kommen, so mußte der Buchhändler — sagen wir sachgemäß der Verleger — das Manuskript vom Aedilen oder vom Schauspieldirektor, der es jetzt rechtlich besaß, nicht aber vom Dichter kaufen, der sein Eigentumsrecht abgegeben hatte.

Es ist auch heute so: Theatersachen bringen am meisten ein. Man denke an „Alt-Heidelberg“ und ähnliches. War auch nureineOperette ein Schlager, so können Komponist und Dichter gleich ihre Dachstube verlassen und sich in bester Gegend eine Villa bauen. Wer dagegen etwa Moltkes oder Mörikes Briefe herausgibt, wer ein Buch über das antike Buchwesen schreibtoder gar mit seinen ersten lyrischen Versuchen hervorkommt, ist bei uns in seinen Erwartungen und Ansprüchen sehr bescheiden. Und so war es auch im Altertum. Trotzdem hat ein Mann wie Cicero ganz gute Schriftstellereinnahmen gehabt, zwar nicht mit seinen philosophischen Versuchen, den Tusculanen u. a., wohl aber mit seinen berühmten Reden, die tatsächlich jedesmal ein Ereignis für Rom waren und wie Pamphlete wirkten. Man bedenke, daß es damals noch keine Zeitungen gab, die heutzutage die Parlamentsreden in jedes Haus tragen.

Um sich die Sache klar zu machen, sei Apollinaris Sidonius benutzt. Dies war einer der reichsten, vornehmsten Herren in der Römerwelt des 5. Jahrhunderts n. Chr., der zeitweilig sogar mit dem Kaiserhof in nächster Verbindung stand. In seiner vielköpfigen Dienerschaft oder Klientel hat der Mann auch einen eigenen Buchhändler, und dieser Buchhändler muß nun helfen, als Sidonius seine eleganten Schriften herausgeben will; aber er überläßt diesem nun nicht etwa das Geschäft selbst mit den anfänglichen Geschäftsunkosten und dem hernach erzielten Gewinn, sondern er zahlt ihm nur jährlich ein Fixum, und dafür muß der Angestellte den Vertrieb besorgen, was eben voraussetzt, daß er den Gewinn an den Herrn selbst abzuliefern hat; denn anderenfalls hätte das Fixum keinen Sinn. Dieser Angestellte heißt deshalb „besoldeter Buchverkäufer“ (mercennarius bibliopola). Vielleicht hatte dieser Mann in verschiedenen Städten eigene Verkaufsbuden, wo er die Sachen vertrieb; er konnte sie auch gegen Zahlung an verschiedene andere seinesgleichen, d. i. also an Sortimenter, verschicken und weitergeben.

Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb d. erhab. Dichtwerke.

Dies Verfahren ist Selbstverlag, und es ist das Verfahren, das alle großen und wohlmögenden Herren, die sich mit Schriftstellerei abgaben, eingehalten haben müssen, z. B. der große Rechtsgelehrte Ulpian, der in Rom Gardepräfekt und der mächtigste Mann neben dem Kaiser war. Die Fülle seiner juristischen Schriften, die nur in Fachkreisen Verständnis fanden, kann Ulpian nur in dieser Weise selbst vertrieben haben; nicht anders aber auch Cicero. Jedoch wurde die Sache dem Cicero,der für einen viel größeren Leserkreis arbeitete, bald unbequem, und sein ausgezeichnet geschäftskundiger Freund Atticus kam ihm zum Glück zur Hilfe. Der vornehme Geldmann Atticus ist der großartigste Verleger des Altertums, den wir kennen. Er hielt sich ein besonders zahlreiches Abschreiberpersonal und gab mit dessen Hilfe in trefflicher Ausstattung berufsmäßig griechische und römische Autoren in Fülle heraus. Da sehen wir nun, wie Cicero ihm seine neuen Arbeiten, die gleichsam noch warm und kaum gar vom Ofen kommen, zuschickt, und wie dann in den Abschriften, die Atticus herstellt, doch gelegentlich ein Fehler sich einstellt und rasch etliche Schreiber heran müssen, um, ehe es zu spät ist, den Schaden aus allen Exemplaren zu beseitigen; denn in dem Werk, wenn es einmal heraus ist, läßt sich nichts mehr korrigieren:nescit vox missa reverti. Als Atticus im Jahre 46 v. Chr. auch Ciceros Rede pro Ligario vertrieben hat — offenbar riß sich sogleich alles darum —, da ruft der Verfasser voll Entzücken: „Du hast meine Rede mit so großartigem Erfolge verkauft: hinfort sollst du von allem, was ich schreibe, den Vertrieb haben,“ woraus folgt, daß Atticus vor dem genannten Jahre keineswegs alle Sachen Ciceros verlegte. Vor allem aber sehen wir, daß Cicero sich an dem Verkauf freut; er hatte persönlich Gewinn davon.

Aber wir hören mehr. Nichts wird so gern gekauft wie die Witzliteratur, die sich bei den Alten vor allem in der „Satire“ auslebte. Die Satire war das humoristische Feuilleton der Alten. Vom Satiriker Menipp hören wir nun zufällig einmal ausdrücklich, daß er seine prickelnden Schriften mit großem Geldgewinn abgesetzt hat. Wie? wird nicht gesagt. Uns genügt zu wissen, daß auch er als Verfasser eine Einnahme, und dazu eine gute, erzielt hat.

Aber auch von den Spottdichtern, die nur kurze Gedichte und Epigramme zum besten gaben und dabei wie die „Wespen“ stachen, erfahren wir dasselbe. Über einen solchen wird einmal, weil er zu viel Geld verdient, mit Entrüstung hergefallen,und da heißt es von ihm: „Du verkaufst deine Witzverse (Jamben) wie der Kaufmann sein Öl; was hast du für Verdienste um unser Gemeinwohl, daß du mit deinem Schimpfen so viel Geld machst?“ Es ist also auch hier so: der Schriftsteller hat seinen guten Vorteil.

Eine angesehene Verlagsanstalt in der Zeit des Kaisers Augustus waren die „Gebrüder Sosii“; sie waren die Verleger der Oden des Horaz, und damit erhebt sich die wichtige Frage, die noch übrig bleibt: konnten auch solche Dichter, die nicht für die Bühne, sondern nur für das lesende Publikum schrieben, und die dabei sich auf den erhabenen Stil beschränkten, auf das gleiche rechnen? konnten sie von ihrer Kunst leben? Hier liegt die Sache in der Tat anders, und wer dem sorglich nachgeht, erhält einen interessanten Einblick in die eigenartigen gesellschaftlichen Verhältnisse der Antike; es wäre verfehlt, diese Verhältnisse nach den unsrigen zu beurteilen.

Der Betrieb der Gebrüder Sosii war genau so, wie wir es nach allem, was ich vorausschickte, erwarten müssen; denn über sie wird uns wörtlich mitgeteilt: „Sie erwarben sich gute Werke durch Kauf und hatten dann beim Verkauf großen Gewinn, indem sie Vorräte von ihnen herstellten.“

Also auch sie „kauften“ die Manuskripte, ehe sie verkauften. Das versteht sich von selbst. Gleichwohl war die Sachlage für die Dichter doch höchst ungünstig, und insofern können wir unsere Gegenwart zunächst noch ganz wohl zum Vergleich heranziehen. Denn auch heute kann, wer ein Epos oder gar lyrische Gedichte macht, froh sein, wenn er sein Werk überhaupt gedruckt sieht; er zahlt womöglich noch etwas zu und jauchzt auch dann noch, wenn er das erste fertige Exemplar in die Hand bekommt. So sagt denn auch Seneca von den Dichtern erhabenen Stils: „Sie dichten nicht um Gewinn, sondern sind zufrieden, wenn sie nur Dank ernten.“ Sie sind also von vornherein bescheiden; es fragt sich aber immerhin, worin der „Dank“ bestand, auf den sie rechnen.

Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung.

Horaz hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zehn kleineBücher fertig gebracht, die heute zusammen nur ein einziges schmächtiges Bändchen von etwa 250 Druckseiten ergeben. Wie hätte er davon dreißig Jahre lang (in den Jahren 40–8 v. Chr.) leben können, wenn die Gebrüder Sosii ihm auch wirklich für jedes der zehn Büchlein ein gewisses Sümmchen ausgezahlt hätten? An den ersten fünf seiner Bücher schrieb der Dichter zehn volle Jahre lang, von 41–31 v. Chr.; für jedes derselben hätte er vom Verleger also eine Einnahme, die für volle zwei Jahre reichte, ausgezahlt erhalten müssen: was undenkbar ist.

So steht es denn auch sonst. Die Dichter sind die Sorgenkinder der Muse; denn das Talent pflegt arm zu sein. „Ihr lest meine hübschen Produkte,“ scherzt der arme Martial, „aber mein Geldsack weiß nichts davon“ (nescit sacculus ista meus). Ein reicher Nabob und Konsular wie Silius Italicus, der mochte immerhin sein langweiliges Epos über Scipio aus eigenem Vermögen mit Hilfe des Selbstverlags ins Publikum bringen; der arme Dichter dagegen geht so vor, daß er sein Werk einem vornehmen Mannewidmet. Der Vornehme legte auf solche Widmung den höchsten Wert; denn von Dichtern rühmend genannt zu werden, galt für mehr als alle Verewigung durch Inschriften[202]; und er setzt also, um sich erkenntlich zu zeigen, seinen Ehrgeiz darein, den Dichter, an dessen Talent er glaubt, nun auch materiell sicher zu stellen; er schafft ihm sorgenfreie Muße; denn nur in solcher freien Muße läßt sich Bedeutendes schaffen. Er geht dann gelegentlich auch weiter und stellt dem Dichter selbst seine großen Aufgaben, wie sie dem Zeitbedürfnis entsprechen[203]. So hat sich Mäcenas durch seinen Klienten Horaz, wie jeder weiß, seinen unvergänglichen Namen erworben.

Wie aber war alsdann das Verfahren der Herausgabe der Gedichte? wie stand Horaz geschäftlich zu seinem Verleger? Die Antwort lautet: er hatte gar keine Beziehung zu ihm; sein reicher Gönner trat ganz für ihn ein.

Hier gilt es vom Wesen der „Widmung“ zu handeln. Heutzutage ist das Widmen nichts als ein Ausdruck „hochachtungsvollsterVerehrung“; der Jüngling schreibt vor seine Liebesverse „meiner angebeteten Klotilde“, der Doktorand bringt seine lateinisch geschriebene Doktorschrift seinen Eltern dar, die gar kein Latein verstehen. Was hatte Anton Springer davon, wenn er sein Buch über mittelalterliche Baukunst dem Herrn Boisserée, was Mommsen, wenn er seine Römische Geschichte seinem Kollegen Moritz Haupt widmete? Er erntete dafür ganz gewiß nichts weiter als ein Wort wärmsten Dankes, der Jüngling von seiner Geliebten vielleicht überdies einige Zärtlichkeiten. Das ist alles.

Dies Dedizieren haben wir zwar von den Alten gelernt; im Altertum hatte es aber einen ganz anderen Zweck, eine andere und höchst praktische Bedeutung. Es gab zwei Arten von Widmungen. Der alte Cato richtete seine Lehrschriften an seinen Sohn; derartiges geschah oft, und da liegt der bloße Lehrzweck zutage. Cato war Senator, Konsul, war Zensor in Rom und brauchte sich durch seine Schriften keine Gönner zu erwerben. Wer aber zu den wirtschaftlich Schwachen zählt, wendet sich mit seiner Gabe an die Größen der Börse, an fürstliche Personen, an die Könige und Kaiser selbst, und das „Dedizieren“ (dedicare) ist alsdann ein Schenken (donare) in eigentlichstem Wortsinn gewesen; als Schenkung wird es uns ausdrücklich bezeichnet; d. h. es war völlige Eigentumsübertragung, ganz ebenso wie das Verkaufen, und der Empfänger der Widmung ist fortan Eigentümer des Originalmanuskriptes mit allen Folgen, die das in sich schließt, ganz so, wie wenn heute ein Student dem anderen einen Spazierstock oder ein schönes Bierglas „dediziert“; er hat alsdann an der Sache gar kein Recht mehr, und der Empfänger kann hinfort damit machen, was er will.

Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der röm. Kaiser.

Der Dichter hat also an seiner Dichtung alle Rechte preisgegeben, und wollte nun ein Buchhändler das Werk vertreiben und in Verlag nehmen, so mußte er es zwar selbstverständlicherweise käuflich erwerben, aber nicht vom Dichter, sondern von dem vornehmen Manne, dem es jetzt gehörte. Die Sache liegtjust so wie bei den Lustspielen des Plautus. Damit war der Poet allen Verlagssorgen enthoben; sein Werk war ihm entzogen; aber er rechnete auf den „Dank“ seines Gönners, der ihn fortan wirtschaftlich sicherstellte und für ihn sorgte durch jährliche Unterstützung. Das nannte mansalarium. Er wurde gefüttert wie eine gezähmte und eingefangene Nachtigall. So erklärt sich die eigentümliche Erscheinung, daß es der Empfänger der Widmung ist, der entscheidet, ob das Werk überhaupt in den Handel kommen soll oder im Kasten bleibt (wohl viele Werke sind uns so entgangen); ja, er ist es, der Verbesserungen im Text anordnet und endlich auch für eine anständige oder pomphafte Ausstattung sorgt. Der Dichter aber hat sich damit eine Sinekure verschafft. So sitzt Horaz bei Tivoli auf dem Land, verpachtet den größeren Teil seines Gütchens, speist als echt frugaler Epikureer seine „Oliven, Cichorien und Malven“ und meißelt dabei aus dem spröden, dunklen Marmor der lateinischen Sprache seine Oden, nur etwa jeden Monat eine.

In dieser Weise hat die Poesie fast hundert Jahre lang in Rom geblüht. Daher sagt Martial: So lange es Mäcene gibt, gibt es auch Vergile! Dann aber gingen die Protektoren ein. Das Angebot an Versen wurde zu groß, und man hatte allmählich von Orest und Thyest genug gehört. Seitdem die hohen Herren den Hunger nach Dichtkunst verloren, verhungerte schließlich die Dichtkunst selbst. Juvenal singt in seiner siebenten Satire ihr krächzendes Grablied. Die Poeten darbten jetzt bei ihrer Öllampe unterm Dach im fünften Stock, und erst etwa zwei Jahrhunderte später ist die Poesie in der lieben „Mosella“ des Ausonius an unserer Mosel zu einer bescheidenen Nachblüte neu entstanden.

Die Verdienste der römischen Kaiser um die Wissenschaft sind noch gar nicht genug gewürdigt worden. Ich rede hier nicht von den vielen Schulbüchern, die hübsch gemeinverständlich abgefaßt wurden; die brauchten zu ihrer Verbreitung keiner höheren Fürsorge; denn sie konnten von vornherein auf reichen Absatz rechnen. Die Lehrer trieben mit ihren Lehrschriften regelmäßigenHandel; die Schüler mußten sie kaufen, und so sieht sich denn auch gelegentlich der Verfasser eines solchen Buches gedrängt zu versichern, daß er es „nicht um des Gewinnes willen“ schreibe. Solche Bücher waren also „lukrativ“. Dagegen hatten es die Gelehrten mit ihren streng wissenschaftlichen Arbeiten, die dazu meistens noch sehr umfangreich waren, oft schwer, ans Tageslicht zu treten. Heute ehrt es unsere Verleger, wenn sie Werke so schweren Kalibers wirklich drucken und auflegen; sie bringen damit oft ein rühmliches Opfer. In jenen Zeiten aber haben nicht selten die Kaiser selbst geholfen; dafür war das Hofamt „für gelehrte Dinge“ (a studiis) da. Ich erinnere nur an Kaiser Mark Aurel, dessen Zeitgenosse, der Philologe Herodian, ein epochemachendes Werk über die Betonung der Silben im Griechischen und über die Akzentschreibung schrieb, das ganze 21 Buchrollen füllte. Dem Mark Aurel widmete er die Rollen, und wir wissen jetzt, was das bedeutete; der Kaiser, der die Widmung annahm, veranlaßte ihre „Edition“, ihre Vervielfältigung und Verbreitung, so wie bald danach auch der Sohn Mark Aurels, der Kaiser Commodus, für das gelehrte Lexikon des Pollux die Fürsorge übernahm. Es nützte freilich in beiden Fällen wenig; die Werke waren mit Stoff allzu überladen; das gelehrte Dickicht schien zu undurchdringlich; man machte Auszüge daraus, und nur diese Auszüge liegen uns heute noch vor, aber sie sind uns immer noch eine reichliche Quelle der Belehrung.

Die Kaiser waren die eigentlichen Besitzer der öffentlichen Bibliotheken Roms, die Bibliothekare waren ihre Angestellten, und man konnte sicher sein, daß sie in den Schränken dieser großen kaiserlichen Büchereien selbst, die jedem zur Benutzung offen standen, gute Abschriften niederlegen ließen, und das war das wichtigste. Vespasian und Titus eroberten Jerusalem; der Jude Josephus erlebte als Freiheitskämpfer die Katastrophe mit; er wurde aber von den Römern gefangen und huldigte jetzt den Kaisern, die ihn für seine Gesinnungslosigkeit ehrten, ihm die Freiheit schenkten, Gehalt zahlten, ja, in Rom im kaiserlichenPalast wohnen ließen. Es ist begreiflich, daß Josephus, als er nun seine jüdische Geschichte schrieb, damit das Interesse dieser beiden Kaiser gewann, das sich auch auf das beste bewährt hat. Wir sind glücklich, die Bücher des Josephus noch heute zu lesen.

Soziale Stellung des unbemittelten Autors.

Auf die sozialen Verhältnisse aber fällt aus dem, was ich hier besprochen habe, ein grelles Schlaglicht. Es handelt sich um das Genie ohne Geld. Der unbemittelte Schriftsteller, wie anders als heute stand er damals in der Gesellschaft! Es war die Zeit der Mäcene. Der Dichter lebte allerdings im Grunde ein höchst bequemes Leben; er brauchte durchaus nicht sehr produktiv zu sein; niemand zwang, niemand hetzte ihn. Aber er war zeitlebens abhängig von der Gunst und Laune der Großen. Heute wissen wir zum Glück von Patronen und Klienten nichts mehr; unsere Schriftstellerei ist frei, und jeder Autor wählt sich selbst seinen Verlag. Gewiß. Aber man wird vielleicht bemerken, daß sich unsere buchhändlerischen Verhältnisse doch neuerdings den antiken mehr und mehr analog entwickeln. Unsere großen modernen Verlagsanstalten wachsen an Macht und stehen im Literaturleben der Gegenwart vielfach schon wie die Patrone da; sie kreieren Autoren, begünstigen sie und stellen ihnen ihre Aufgaben und haben vor allem auch wie die Patrone des Altertums die Entscheidung in der Hand, die gegebenenfalls die Veröffentlichung eines Werkes für lange Zeit oder für immer verhindert. Dazu kommt der Geldpunkt. Gemurrt wird wohl heute genug; es wäre nicht erwünscht, wenn es dazu käme, daß wir uns nach den Verhältnissen der Zeiten des Augustus und Nero zurücksehnen müßten.

Im Altertum sind die Verleger indes schwerlich zu großen Reichtümern gelangt. Jener Atticus mit seinem Riesenverlag, von dem ich berichtete, war augenscheinlich ein Idealist, aber er war zugleich Großkapitalist und konnte das Risiko tragen. Warum war der Beruf der Verleger wenig ergiebig? Kaum hatten sie ein Werk herausgebracht, so fiel das Publikum rücksichtslos darüber her. Rechtsschutz gab es nicht; wer nicht kaufenwollte, machte sich eigenhändig eine Abschrift, und dem Bücherverkauf wurde dadurch die empfindlichste, ja eine ganz unerhörte Konkurrenz gemacht. Es war eine Ausplünderung, viel ärger als der Nachdruck, der noch in unserem 18. Jahrhundert die Verleger so gröblich schädigte. Von dem ersten besten guten Bekannten borgte man sich ein Buchhändlerexemplar und kopierte es nach Belieben. Das war billig; es kostete nur etwas Zeit und Papier; aber man nahm meistens schlechtes Papier dazu, die Rückseite von alten Aktenbogen und ähnlichen; wir haben davon noch viele Proben erhalten. Tausendfach und ständig ist das geschehen, und diese „Privatabschrift“ hat — besonders in der christlich gewordenen Welt — den Verlag und Buchhandel des Altertums schließlich geradezu ertötet. Vollends kam sie in den Schreibstuben der Klöster zum Sieg. Die Mönche kauften grundsätzlich nicht vom Buchhändler. Daß im Altertum ein Buch, es mochte noch so vortrefflich sein, viele „Auflagen“ erlebte, war daher ausgeschlossen.


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