Lektion 9.Honigbienen.
Honigbienen finden sich in unseren Gärten so häufig, daß ich fürchte, die meisten Leute denken, sie kennen sie ganz genau und beachten sie deshalb wenig. Dies ist schade, weil die Bienenzucht sehr interessant ist, und Landleute leicht Geld damit verdienen könnten und zugleich diese fleißigen kleinen Insekten lieben lernen würden.
Wenn alle Bienen im Stock jedesmal beim Herausnehmen der Honigwaben getötet werden müßten, so würden wir uns kaum über unsere Bienen freuen können. Aber jetzt kann jedermann Bienenstöcke mit beweglichen Waben haben, die man leicht herausnehmen kann, ohne die kleinen Freunde, die sie für uns füllen, zu vernichten.
Die Honigbiene ist ein wunderbares Insekt. Sie hatdrei Paar Beine und zwei Paar Flügel, gerade wie eine Wespe. Aber das hintere Beinpaar ist länger als die anderen, und die Biene hat eine vertiefte Stelle auf der Außenseite der Hinterschienen, das sogenannte Körbchen. Da hinein packt sie Blütenstaub und trägt ihn dann nach Hause, um Bienenbrot für ihre Larven daraus zu bereiten. Man kann oft eine Biene in den Stock kriechen sehen, deren Hinterbeine schwer mit klebrigem Blütenstaube beladen sind. Es scheint ein Rätsel, wie sie denselben in das Körbchen bekommt, aber wenn man das Bein genauer ansieht, wird man finden, daß es mit Haaren bedeckt ist, die eine kleine Bürste bilden. Wenn sie aus einer Blüte kommt, ist ihr behaarter Körper mit Blütenstaub bedeckt; diesen bürstet sie mit einem Beine ab, macht einen kleinen Klumpen daraus und packt ihn in das Körbchen des anderen Beines.
Hinterbeine der Biene. 1. Außenseite, 2. Innenseite mit Bürste.
Hinterbeine der Biene. 1. Außenseite, 2. Innenseite mit Bürste.
Der Mund der Biene ist zu einem sehr nützlichen Werkzeuge ausgebildet, um Honig zu erlangen. Wenn sie nicht saugt, so ist der Rüssel unter die starken Kiefer zurückgezogen. Aber sobald sie nach Honig sucht, wird dieser Rüssel, dessen wichtigster Teil eine Verlängerung der Unterlippe mit einer behaarten Zunge im Inneren bildet, in die Blüte gestoßen und saugt den Blumennektar empor, den sie hinunterschluckt. Er gelangt in einen erweiterten Teil der Speiseröhre, den Honigmagen, der vor dem eigentlichen Magen der Biene liegt.
Dann fliegt sie nach dem Bienenstock zurück. Hier nehmen andere Bienen beim Hineinkriechen den Blütenstaub aus den Körbchen; sie selbst kriecht weiter zu den Zellen und füllt sie mit dem mitgebrachten Honig. Ein Teil desselben wird gebraucht, um die Bienenlarven zu füttern, und das übrige, um die Honigwaben für den Winter zu füllen.
Junge Bienen, die noch nicht ausfliegen, erzeugen das Wachs zum Aufbau der Zellen. An der Bauchseite von vier Hinterleibsringen tritt das Wachs in Form kleiner Schüppchen hervor. Über diesen Stellen liegen im Innern des Hinterleibes die Wachsdrüsen, die mit dem Alter der Tiere immer niedriger werden und dann, wenn die Bienen erst ausfliegen und Honig einsammeln, kein Wachs mehr ausscheiden. Die alten und die jungen Bienen teilen sich also in die Arbeit: jene tragen Honig ein, und diese bereiten Wachs. Mit den Füßen werden die Wachsschüppchen abgenommen und in warmem Zustande, wo das Wachs recht leicht zu formen ist, zum Bau der Zellen verwandt.
Unterseite der Biene mit den 4 Paar Wachstaschen.
Unterseite der Biene mit den 4 Paar Wachstaschen.
In der Zeit, wo die Bienen Honig und Blütenstaub sammeln, sind sie dem Gärtner sehr nützlich. Ihr erinnert euch, daß die Kürbisse nicht wachsen können, wenn die Bienen nicht Blütenstaub von einer Blüte zur anderen tragen. Unsere Pflanzen haben zahlreichere Samen und unsere Obstbäume tragen mehr Früchte, wenn die Bienenhin- und herfliegen und Blütenstaub von einer Blume zur anderen tragen.
Aber wenn die Biene den Honig, wie es der Zufall bringt, von einer Art Blume zu einer anderen, d. h. fremden Art trüge, so würde dies von geringem Nutzen sein, denn der fremde Blütenstaub würde die Samenanlagen nicht zum Wachsen bringen. Beobachtet man aber eine Biene, so wird man finden, daß sie selten mehr als eine Blumenart an demselben Tage besucht. Sie pflegt von einem Veilchenbeet zu einem anderen oder von einem Apfelbaum zu einem anderen zu fliegen. Aber sie wird während eines Ausfluges nicht von einem Apfelbaum zu einem Birnbaum oder von einem Veilchen zu einer Primel fliegen. Wir wissen nicht, warum sie es so macht, aber sie nützt uns auf diese Weise sehr, und jeder Gärtner sollte die Bienen in seinem Garten schützen.
Bienenstock mit einem Aufsatz aus Holzrähmchen auf dem oberen Teile und einem Glasfenster in der Seite.
Bienenstock mit einem Aufsatz aus Holzrähmchen auf dem oberen Teile und einem Glasfenster in der Seite.
Wollt ihr nun Bienen züchten, so müßt ihr einige einfache Regeln beobachten. Ihr müßt immer sehr sanft und ruhig mit ihnen umgehen. Sie werden euch bald kennen lernen und merken, daß ihr euch nicht vor ihnen fürchtet.
Ein Bienenstock aus Stroh sollte ungefähr 45cmbreit und 25cmhoch sein; oben ist er flach und muß eine Öffnung (s.S. 53) haben, in der ein Pflock steckt. Man setzt diesen Bienenstock an eine warme geschützte Stelle des Gartens auf eine hölzerne Bank ungefähr einen halben Meter über dem Boden. Im Mai kauft man dann einen Bienenschwarm, der gerade aus dem Stock eines Nachbars gekommen ist. Man kann den eigenen Bienenstock im Innern mit Zucker bestreichen und hält ihn unter den Zweig, an welchem der Schwarm hängt. Man schüttelt nun sanft am Zweige, bis die Bienen in den Korb fallen, den man dann umdreht und am Abend vorsichtig an die Stelle trägt, wo er bleiben soll. Am nächsten Morgen werden die Bienen fleißig bei der Arbeit sein. Die großen schwerfälligen Drohnen kriechen faul umher, aber die kleineren Arbeiter werden ausfliegen und Honig sammeln oder sich im Stock aufhängen, bis sie Wachs in ihren Drüsen haben (sieheS. 50) und anfangen können, die Honigwabe zu bauen.
Wenn der Schwarm, den ihr eingebracht habt, der erste war, der den Stock verließ, so wird die alte Königin, die sich in seiner Mitte befand, bald beginnen, Eier in die Zellen zu legen: sie legt täglich ungefähr 200. Aber ein zweiter Schwarm wird von einer jungen Königin geführt, und diese wird mit den Drohnen ausfliegen, ehe sie im Stocke Eier legt.
Tafel VIIFliegen.1. Blaue Schmeißfliege,a) Eier,b) Larven,c) Puppen. 2. Rinderbiesfliege (Dasselfliege). 3. Magenbremse des Pferdes. 4. Bremse. 5. Kohlschnake.
Tafel VII
Fliegen.1. Blaue Schmeißfliege,a) Eier,b) Larven,c) Puppen. 2. Rinderbiesfliege (Dasselfliege). 3. Magenbremse des Pferdes. 4. Bremse. 5. Kohlschnake.
Nun müssen die Arbeiterinnen sehr geschäftig sein. In zwei oder drei Tagen kommen die ersten Eier aus und eine Anzahl der Arbeiterinnen füttern die Larven mit Honig und Blütenstaub, den die anderen Bienen einbringen. Inungefähr fünf oder sechs Tagen schließen sie die Öffnungen der Zellen und die Bienenlarve spinnt ihren seidenen Kokon, in dem sie sich in zehn weiteren Tagen zu einer Biene entwickelt. Dann kriecht sie aus und arbeitet mit den übrigen.
Die leere Zelle wird bald mit Honig gefüllt sein; aber er ist braun, nicht weiß und rein wie der Jungfernhonig, mit dem die Zellen gefüllt werden, in denen noch keine Brut herangezogen wurde. Nach ungefähr sechs Wochen legt die Königin einige Eier in größere Zellen, aus denen männliche Bienen oder Drohnen auskriechen. Dann legt sie ungefähr alle drei Tage ein Ei in eine fingerhutförmige Zelle am Rande der Wabe. Die Larve darin wird mit besonders guter Nahrung gefüttert, und wird eine Königin.
Bienen.1. Königin. 2. Arbeiterin. 3. Drohne.
Bienen.1. Königin. 2. Arbeiterin. 3. Drohne.
Wenn ihr keinen Bienenstock mit einem Glasfenster habt, könnt ihr alles dies nicht beobachten. Aber man kann annehmen, daß gegen Anfang Juni der Stock voll von Bienen und Honigwaben ist. Dann ist es Zeit den Pflock am oberen Ende herauszunehmen und einen Aufsatzkasten, der mit Rähmchen versehen ist (sieheS. 51), oben aufzusetzen. In diese werden die Bienen Waben bauen, die man fortnehmenkann. Man muß ein kleines Stückchen Wabe hineintun, um die Bienen zum Bauen zu veranlassen, und dann muß man das Ganze mit einem Strohkorb oder alten Tüchern bedecken, um es warm, trocken und dunkel zu halten.
In ungefähr einem Monat wird man den Aufsatzkasten voll von Honigwaben finden und kann ihn abnehmen. Der Honig in den Zellen dieser Waben ist rein und klar, und man kann ihn fortnehmen, ohne eine einzige Biene zu töten.
Im Juli bekommt man dann einen oder mehrere neue Schwärme, und wenn dann der September naht, muß man den Aufsatz fortnehmen und die Öffnung des Bienenstockes für den Winter verschließen. Aber man muß bedenken, daß man einen großen Teil des Futtervorrats der Bienen fortgenommen hat, und muß sie während der kalten Jahreszeit mit Honig und Zucker füttern.
Untersuche drei Bienen, Männchen, Weibchen und Arbeiterin. Untersuche Rüssel und Hinterschienen der Arbeiterinnen. Nimm ein Stück brauner Honigwabe mit Überresten von Bienenbrot und jungen Bienen und vergleiche es mit einer reinen Wabe. Beobachte eine Biene unter den Blumen. Suche eine Honigwabe mit fingerhutähnlichen Zellen am Rande.