Die sieben Hungerjahre.

Die sieben Hungerjahre.

Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag. Selbst einVoltairefühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen, daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben, der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias dereinst hervorgehen sollte.

Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung, der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der ProphetMohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen Offenbarungen widmete.

In der zwölftenSuredes erwähnten Buches, überschrieben: „Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht aufmerksam gewesen.“

Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt, woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat. Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu schaffen habe.

Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen versucht.

„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.

„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich ihnen!

„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern ein verehrungswürdiger Engel!“

„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich so getadelt.“

In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.

Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander. Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber, einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden senkt.

Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollteals eine Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph, die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!

Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus mit den Angaben der Denkmäler decken.

Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.

Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring (Tabacat) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und kleidete ihn mit weißer Seide (schesch, nach Luther, richtiger: in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“

Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es dieDenkmäler in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch in der altägyptischen Sprache mit dem Wortetabacatbezeichnet, wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus feinster Byssosleinewand (sches) und die unvermeidliche „goldene Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.

Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven asiatischer Abkunft verleiht.

Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihnZaphnathpaneach, was freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch „heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache zusammengesetzte Name: „Es sprach Gott: Er lebe.“

Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine, welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände. Josephs Ernennung zumAb— Luther hat das ägyptische Wort für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten — ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen und häufig aus gekauften Sklaven (den modernenMamelucken) bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel der heutigenAbdarin den Palästen der orientalischen Fürsten die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung der „Beschließer“, und zwar mit demSiegel Pharaos, den Wert eines Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.

Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zumAdonvon ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen Sinn schließt das wiederum echt ägyptische WortAdonin sich, des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“. Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein denn du.“

So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel desHri-piroder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.

Der ägyptische Name Josephs: „Zaphnathpaneach“ und die zweimal in der heiligen Schrift wiederkehrenden EigennamenPotipharundPotiphera, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale imneunten Jahrhundertv. Chr., also etwa volle Tausend Jahrenachden in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.

Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die vorhandenen schriftlichen Überlieferungen,deren ältere und jüngere Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet, wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten Standpunkte aus behandelt hat.

Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung, unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.

Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen, in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des vierten ägyptischen KönigsUenephesoderVenephisin der manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der Frage, die mich beschäftigt.

Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.

Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modernägyptischen Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.

Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen Standort.

In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann — ein wenig stark als eine bloße Garnison auf der schmalen Insel — die unter dem ersten Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer Truppenkörper.

Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi, die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte. Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären. Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Worttopazinerklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen Sprache des Nubatabe-sunden Sinn von so viel als „du suchtest“ besitzt.

Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.

In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein König Ägyptens in altertümlicher pharaonischer Tracht, welcher drei Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.

Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis, welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren. Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“

Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann.

„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft des Königs zu teil.

„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht eingetreten ist.

„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an seinem Nächsten.

„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einherund die Alten, ihre Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen.

„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden war, ist aufgezehrt.“

Der Brief des Königs an den Fürsten von ElephantineMadiroderMatir, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie das Volk zu Pharao um Brot.“

In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet, daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit.

„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an derselben und wie ist seine Gestalt?“

Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten. Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es ist die erste Stadt und der ersteGau, nach dem Negerlande Wawa zu, der Anfang des ägyptischen Reiches.

„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte.

„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste, welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“

Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit auf.“

In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach aufgeführt.

Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich aus, nachdem ich solches gehört habe.“

Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in Demut an. SeinAuge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine Seele ein.‘“

Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen (d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“

Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der eigentliche Zweck der ganzen Inschrift.

„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“

„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis, dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als Dank für das, was du mir thun wirst.‘“

Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln zu den üblichen Festopfern und zurstandesgemäßen Ernährung der Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.

In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen, Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges, sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit, aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem Priestertume an.

König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.

Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.

Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein, Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte. Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet, die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer, unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung derBeamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen Personen spielt.

Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz. Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist, wie es früher der Fall gewesen war.“

Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten.

Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte, dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen beiden. Joseph weilte etwa um 1800–1700 v. Chr. an den Ufern des Niles, während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt.

Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schriftstil, da beide einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts entzogen waren.

Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen.


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