Eine Blitzstudie.

Eine Blitzstudie.

Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.

Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ, um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.

Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhundertsin einem zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden weiter entwickelt.

Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte, Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das „Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.

Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz verschont geblieben war.

Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen. Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber manging noch weiter und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt sind.

Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in die Erscheinung trat.

Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun verabsäumt hatte.

Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag, an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage — wer denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? — und daß man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen bestätigten, anerkennen zu müssen.

Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen,dürfen als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.

Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S. 169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination (das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises. Die Blitzschauer (Fulguratoren) beschäftigten sich mit Erforschung der Blitze, demHerabziehenund demAbwendenderselben. — So entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher Gewitterbeobachtungen.“

Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die Etrusker den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord — Ost — Süd — West — Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile gespalten. Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie dielinkeSeite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten die östlichen Weltteile als dielinke), die acht aus der entgegengesetzten Seite befindlichen Teile dierechteSeite. Die Blitze zur Linken sah man als glückbringend an, die Blitze zur Rechten, im Nordwesten, als Unheil verkündigend. Blitze aus anderen Himmelsrichtungen galten als indifferent.

Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter ein dreifacher Blitz zugeschriebenwurde, so daß im ganzen elf Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen, von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.

Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die Fulguratoren vorgeblich den Blitzherabzuziehenvermochten. In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz undleitendenMetallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur dieeinzigeAngabe beimKtesiasaufzufinden vermocht.

Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon) und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt, Gewölk, Hagel undBlitzstrahlen abwendeten. Er habe, so fügt er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen Augen das Experiment gemacht.“

Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden des Blitzes spricht, mit größter Deutlichkeit auf die Kenntnis der Blitzableitungstheorie auf Grundleitender Metallehin.

Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu beweisen.

Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.

In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete. Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter- oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.

Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt, wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben. Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beidenauf rechteckiger Grundlage ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind 31½ Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine Seitenbreite von 12 Ellen oder 61⁄3Meter.

Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.

Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.

Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die Zahl derselben sich aufvierbeschränkte und daß die Stofferot,weiß,blauundgrüngefärbt waren, mit anderen Worten, daß es vorgeschrieben war, den vierheiligenFarben den Vorzug zu geben. Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß auch im ebräischen Kultus, wie es aus alttestamentlichen Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur allein die vier heiligen Farbenrot,blau,karmesinundweißfür die Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von Jerusalem gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.

In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben, wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus (des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem Platze,um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden. Zeugstoffe in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an ihrer Spitze.“

An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus demAschholze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum Himmelsgewölbe und sindmit Kupfer des Landes beschlagen.“

Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der deutlich ausgesprochenen Absicht,die Ungewitter zu schneiden, konnten nichtsanderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte, welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren Blitzableiter erklärt haben.

Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare, deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.

Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21¼ Meter, wie alle Obelisken endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem WorteBenbenbezeichnen.

Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich: „Er (der König) hatzwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten, hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen Überzug ausvergoldetem Kupfer. Diese Vermutung findet nämlich durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.

Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken, also in einer Höhe von über 60 Fuß, einekupferne Kappeüber dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus einem Edelmetall, sondern ausreinstem Kupferbestand, das eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.

Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen nach dem Nilthale zuströmte, ist eskaum anzunehmen, daß die Könige so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen, besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und Außergewöhnlichen aufzudrücken.

Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber, daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum, bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.

Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte (II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man, besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit, sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die Erscheinung treten dürften.

Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheimlichen Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben, Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes, Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:

Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.

Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.

Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,

Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.

Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.

Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.

Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König der Tempelwelt wachen.“


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