Litteraten zur Moseszeit.

Litteraten zur Moseszeit.

Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken, erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues zuzuführen.

Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes, ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene Wirklichkeit oder einenur eingebildete phantastische berühren. Die Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.

Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen, durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und Urbegriffen zurück.

Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen. Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen, kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung desSchriftstellers und sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung und Bildung bedingt. Allein vondiesemStandpunkte aus darf sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen und die Nachlebenden ist die Schrift.

Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet, das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial, auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz, die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen: „Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.

Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot, des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten Schriftentums, wie es in den „Häusern der Bücherrollen“ oder den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen Bibliothek zu Berlin „Nutrimentum spiritus“ von Friedrich dem Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten Glauben schenken darf.

Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines „Schreibers“,scriptor, oder schriftkundigen Mannes, und empfing seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „göttlichen Dingen“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welchenach der Versicherung des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde, die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die Kunst und die Musik.

Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt, deren Thor Ali ist.“

In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des Schicksals des Menschentritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.

Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v. Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“ fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem „Hören“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereiendes menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm und Ehre ein und — wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten zu setzen — er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser, zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu warnen.

Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete, besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten von elegantem Stil“. Man rühmt die „Süßigkeit“, das heißt die Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward. Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück ist allzu zusammengestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen; ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern. Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten, das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen Namen stinkend gemacht.“

In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine wahre Sucht nachdem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden Wörtern, deren Anwendung demgebildetenLitteraten unerläßlich schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.

An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel. Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v. Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher, und die geschichtlichen Lückendurch romanhafte Erzählungen und Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein wenig vorher fällt.

Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ, so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.


Back to IndexNext