Angelus Silesius

Rein wie das feinste Gold,steif wie ein Felsenstein,Ganz lauter wie Kristall,soll dein Gemüte sein.

Die Demut ist der Grund,der Deckel und der Schrein,In dem die Tugendenstehn und beschlossen sein.

Die Tugenden sind soverknüpfet und verbunden:Wer ein' alleine hat,der hat sie alle funden.

Wann ich die Lauterkeitdurch Gott geworden bin,So wend ich mich, um Gottzu finden, nirgends hin.

Die Braut verdient sich mehrmit einem Kuß um Gott,Als alle Mietlingemit Arbeit bis in Tod.

Die Liebe, wenn sie neu,braust wie ein junger Wein,Je mehr sie alt und klar,je stiller wird sie sein.

Lieb üben hat viel Müh:wir sollen nicht alleinNur lieben, sondern selbst,wie Gott, die Liebe sein.

Fragst du, was Gott mehr liebt,ihm wirken oder ruhn?Ich sage, daß der Mensch,wie Gott, soll beides tun.

Das Wort, das Gott von diram allerliebsten höret,Ist, wann du herzlich sprichst:Sein Wille sei geehret.

Gott ist nur eigentlich:er liebt und lebet nicht,Wie man von mir und dirund andren Dingen spricht.

Gott ist des Lebens Buch,ich steh in ihm geschriebenMit seines Lammes Blut:wie sollt er mich nicht lieben.

Gott ist so viel an mir,als mir an ihm gelegen,Sein Wesen helf ich ihm,wie er das meine, hegen.

Gott hat nicht Unterscheid,es ist ihm alles ein:Er machet sich so vielder Flieg als dir gemein.

Ich weiß, daß ohne michGott nicht ein Nu kann leben,Werd ich zu nicht, er mußvon Not den Geist aufgeben.

Gott mag nicht ohne michein einzigs Würmlein machen:Erhalt ichs nicht mit ihm,so muß es stracks zukrachen.

Ich bin so groß als Gott:er ist als ich so klein;Er kann nicht über mich,ich unter ihm nicht sein.

Gott ist ein Ackersmann,das Korn sein ewig Wort,Die Pflugschar ist sein Geist,mein Herz der Säungsort.

Gott wohnt in einem Licht,zu dem die Bahn gebricht;Wer es nicht selber wird,der sieht ihn ewig nicht.

Gott opfert sich ihm selbst:Ich bin in jedem NuSein Tempel, sein Altar,sein Betstuhl so ich ruh.

Gott ist ein lauter Nichts,ihn rührt kein Nun noch Hier:Je mehr du nach ihm greifst,je mehr entwird er dir.

Gott gibet niemand nichts,er stehet allen frei:Daß er, wo du nur ihnso willst, ganz deine sei.

Gott ist in mir das Feur,und ich in ihm der Schein:Sind wir einander nichtganz inniglich gemein?

Daß Gott so selig istund lebet, ohn Verlangen,Hat er sowohl von mir,als ich von ihm empfangen.

Gott liebt mich über sich:lieb ich ihn über mich,So geb ich ihm so viel,als er mir gibt aus sich.

Ich bin so reich als Gott,es kann kein Stäublein sein,Das ich (Mensch, glaube mir)mit ihm nicht hab gemein.

Gott ist ein Wunderding:er ist das, was er will,Und will das, was er ist,ohn alle Maß und Ziel.

Gott ist unendlich hoch(Mensch, glaube das behende),Er selbst findt ewiglichnicht seiner Gottheit Ende.

Gott gründt sich ohne Grundund mißt sich ohne Maß!Bist du ein Geist mit ihm,Mensch, so verstehst du das.

Gott ist nicht hoch, nicht tief:wer endlich anders spricht,Der hat der Wahrheit nochgar schlechten Unterricht.

Gott ist mir Gott und Mensch:ich bin ihm Mensch und Gott:Ich lösche seinen Durst,und er hilft mir aus Not.

In Gott wird nichts erkannt:er ist ein einig Ein.Was man in ihm erkennt,das muß man selber sein.

Gott macht kein neues Ding,obs uns zwar neue scheint:Für ihm ist ewiglich,was man erst werden meint.

In Gott ist alles Gott:ein einzigs Würmelein,Das ist in Gott so vielals tausend Gotte sein.

Gott gibt sich ohne Maß:je mehr man ihn begehrt,Je mehr und mehr er sicherbietet und gewährt.

Gott, der bequemt sich uns,er ist uns, was wir wollen:Weh uns, wenn wir ihm auchnicht werden, was wir sollen.

Gott ist noch mehr in mir,als wann das ganze MeerIn einem kleinen Schwammganz und beisammen wär.

Ich weiß Gotts Konterfei:er hat sich abgebildtIn seinen Kreaturn,wo dus erkennen willt.

Gott hat sich nie bemüht,auch nie geruht, das merk:Sein Wirken ist sein Ruhnund seine Ruh sein Werk.

Gott tut im Heilgen selbstalls, was der Heilge tut:Gott geht, steht, liegt, schläft, wacht,ißt, trinkt, hat guten Mut.

Gott gleicht sich einem Brunn:er fleußt ganz mildiglichHeraus in sein Geschöpfund bleibet doch in sich.

Werd Gott, willst du zu Gott:Gott macht sich nicht gemein,Wer nicht mit ihm will Gottund das was er ist sein.

Gott ist ein ewger Geist,der alls wird, was er will,Und bleibt doch, wie er ist,unformlich und ohn Ziel.

Gott ist nicht's erste Malam Kreuz getötet worden,Denn schau: er ließ sich jain Abel schon ermorden.

Wer saget, daß sich Gottvom Sünder abgewendt,Der gibet klar an Tag,daß er Gott noch nicht kennt.

Gott zürnet nie mit uns,wir dichtens ihm nur an:Unmöglich ist es ihm,daß er je zürnen kann.

Gott wohnet in sich selbst,sein Wesen ist sein Haus:Drum gehet er auch nieaus seiner Gottheit aus.

Was Gott ist, weiß man nicht:Er ist nicht Licht, nicht Geist,Nicht Wahrheit, Einheit, Eins,nicht was man Gottheit heißt,Nicht Weisheit, nicht Verstand,nicht Liebe, Wille, Güte,Kein Ding, kein Unding auch,kein Wesen, kein Gemüte.

Gott ist ein Geist, ein Feur,ein Wesen und ein Licht,Und ist doch wiederumauch dieses alles nicht.

Gott ist noch nie gewestund wird auch niemals seinUnd bleibt doch nach der Welt,war auch vor ihr allein.

Mein Gott, wie groß ist Gott!Mein Gott, wie klein ist Gott!Klein als das kleinste Dingund groß wie alls von Not.

Gott liebt und lobt sich selbst,so viel er immer kann:Er kniet und neiget sich,er bet't sich selber an.

Gott ist das, was er ist:ich bin das, was ich bin:Doch kennst du einen wohl,so kennst du mich und ihn.

Ich bin nicht außer Gott,und Gott nicht außer mir,Ich bin sein Glanz und Licht,und er ist meine Zier.

Christ, es ist nicht genug,daß ich in Gott nur bin:Ich muß auch Gottessaftzum Wachsen in mich ziehn.

Nimm, trink, so viel du willstund kannst, es steht dir frei:Die ganze Gottheit selbstist deine Gasterei.

Ich bin die Reb im Sohn,der Vater pflanzt und speist,Die Frucht, die aus mir wächst,ist Gott der heilge Geist.

Die Gottheit ist mein Saft:was aus mir grünt und blüht,Das ist sein heilger Geist,durch den der Trieb geschieht.

Wer mir Vollkommenheit,wie Gott hat, ab will sprechen,Der müßte mich zuvorvon seinem Weinstock brechen.

Daß Gott allmächtig sei,das glaubet jener nicht,Der mir Vollkommenheit,wie Gott begehrt, abspricht.

Ich auch bin Gottes Sohn,ich sitz an seiner Hand:Sein Geist, sein Fleisch und Blutist ihm an mir bekannt.

Der Abgrund meines Geistsruft immer mit GeschreiDen Abgrund Gottes an:sag, welcher tiefer sei?

Der Geist, den Gott mir hatim Schöpfen eingehaucht,Soll wieder wesentlichin ihm stehn eingetaucht.

Ich lasse mich Gott ganz:will er mir Leiden machen,So will ich ihm so wohlals ob den Freuden lachen.

So bald durch Gottes Feurich mag geschmelzet sein,So drückt mir Gott alsbaldsein eigen Wesen ein.

Dann wird das Blei zu Gold,dann fällt der Zufall hin,Wann ich mit Gott durch Gottin Gott verwandelt bin.

Ich bin Gotts ander Er,in mir findt er allein,Was ihm in Ewigkeitwird gleich und ähnlich sein.

Man redt von Zeit und Ort,von Nun und Ewigkeit:Was ist dann Zeit und Ortund Nun und Ewigkeit?

Zeit ist wie Ewigkeitund Ewigkeit wie Zeit,So du nur selber nichtmachst einen Unterscheid.

Man kann den höchsten Gottmit allen Namen nennen,Man kann ihm wiederumnicht einen zuerkennen.

Denkst du den Namen Gottszu sprechen in der Zeit?Man spricht ihn auch nicht ausin einer Ewigkeit.

Was Cherubin erkennt,das mag mir nicht genügen,Ich will noch über ihn,wo nichts erkannt wird, fliegen.

Ich bin nicht Ich noch du:du bist wohl Ich in mir:Drum geb ich dir, mein Gott,allein die Ehrgebühr.

Mir dient die ganze Welt,ich aber dien alleinDer ewgen Majestät:wie edel muß ich sein!

Nichts ist, als Ich und du:und wenn wir zwei nicht sein,So ist Gott nicht mehr Gottund fällt der Himmel ein.

Wie ist mein Gott gestalt't?Geh, schau dich selber an,Wer sich in Gott beschaut,schaut Gott wahrhaftig an.

Ich bin Gotts Kind und Sohn,er wieder ist mein Kind:Wie gehet es doch zu,daß beide beides sind!

Ist Gottes Gottheit mirnicht inniglich gemein,Wie kann ich dann sein Kindund er mein Vater sein?

Ich bete Gott mit Gottaus ihm und in ihm an:Er ist mein Geist, mein Wort,mein Psalm und was ich kann.

Nichts dünkt mich hoch zu sein:ich bin das höchste Ding,Weil auch Gott ohne michihm selber ist gering.

Gott ist mein Stab, mein Licht,mein Pfad, mein Ziel, mein Spiel,Mein Vater, Bruder, Kindund alles, was ich will.

Ich bin ein ewig Licht,ich brenn ohn Unterlaß:Mein Docht und Öl ist Gott,mein Geist, der ist das Faß.

Ich trage Gottes Bild:wenn er sich will besehen,So kann es nur in mir,und wer mir gleicht, geschehen.

Dafern mein Will ist tot,so muß Gott, was ich will:Ich schreib ihm selber vordas Muster und das Ziel.

Gar unausmeßlich istder Höchste, wie wir wissen,Und dennoch kann ihn ganzein menschlich Herz umschließen!

Ruh ist das höchste Gut:und wäre Gott nicht Ruh,Ich schließe für ihm selbstmein Augen beede zu.Wir beten: es gescheh,mein Herr und Gott, dein Wille:Und sieh, er hat nicht Will:er ist ein ewge Stille.

Schau, alles, was Gott schuf,ist meinem Geist so klein,Daß es ihm scheint in ihmein einzig Stüpfchen sein.

Eh ich noch etwas ward,da war ich Gottes Leben:Drum hat er auch für michsich ganz und gar ergeben.

Fragst du, mein Christ, wo Gottgesetzt hat seinen Thron?Da, wo er dich in dirgebieret, seinen Sohn.

Soll ich mein letztes Endund ersten Anfang finden,So muß ich mich in Gottund Gott in mir ergründenUnd werden das, was er:ich muß ein Schein im Schein,Ich muß ein Wort im Wort,ein Gott im Gotte sein.

Ich selbst bin Ewigkeit,wann ich die Zeit verlasse,Und mich in Gott und Gottin mich zusammenfasse.

Niemand redt wenigerals Gott ohn Zeit und Ort:Er spricht von Ewigkeitnur bloß ein einzigs Wort.

Wer in sich selber sitzt,der höret Gottes Wort,Vernein es, wie du willst,auch ohne Zeit und Ort.

Nicht du bist in dem Ort,der Ort, der ist in dir!Wirfst du ihn aus, so stehtdie Ewigkeit schon hier.

Du sprichst: Versetze dichaus Zeit in Ewigkeit.Ist dann an Ewigkeitund Zeit ein Unterscheid?

Gott ist die ewge Sonn,ich bin ein Strahl von ihme,Drum ist mirs von Natur,daß ich mich ewig rühme.

Freund, so du etwas bist,so bleib doch ja nicht stehn:Man muß aus einem Lichtfort in das andre gehn.

Die Einfalt ist so wert,daß, wann sie Gott gebricht,So ist er weder Gott,noch Weisheit, noch ein Licht.

Schleuß mich so streng du willstin tausend Eisen ein,Ich werde doch ganz freiund ungefesselt sein.

Der Vogel in der Luft,der Stein ruht auf dem Land,Im Wasser lebt der Fisch,mein Geist in Gottes Hand.

Die Seel ist ein Kristall,die Gottheit ist ihr Schein:Der Leib, in dem du lebst,ist ihrer beider Schrein.

Zwei Augen hat die Seel;eins schauet in die Zeit,Das andre richtet sichhin in die Ewigkeit.

Wer sich nicht drängt zu seindes Höchsten liebes Kind,Der bleibet in dem Stall,wo Vieh und Knechte sind.

Begehrst du was mit Gott,ich sage klar und frei,(Wie heilig du auch bist)daß es dein Abgott sei.

Wann du die Dinge nimmstohn allen Unterscheid,So bleibst du still und gleichin Lieb und auch in Leid.

Wie mag dich doch, o Mensch,nach etwas tun verlangen,Weil du in dir hältst Gottund alle Ding umfangen?

Wer Gott um Gaben bitt't,der ist gar übel dran:Er betet das Geschöpfund nicht den Schöpfer an.

Das Wort, das dich und michund alle Dinge trägt,Wird wiederum von mirgetragen und gehegt.

Ein Mensch, der seine Kräftund Sinne kann regieren,Der mag mit gutem Rechtden Königstitel führen.

Mein höchster Adel ist,daß ich noch auf der ErdenEin König, Kaiser, Gott,und was ich will, kann werden.

Das größte Wunderdingist doch der Mensch allein:Er kann, nach dem ers macht,Gott oder Teufel sein.

Wer in sich Ehre hat,der sucht sie nicht von außen.Suchst du sie in der Welt,so hast du sie noch draußen.

Ich weiß nicht was ich bin,ich bin nit was ich weiß:Ein Ding und nicht ein Ding:ein Stüpfchen und ein Kreis.

So viel du Gott geläßt,so viel mag er dir werden,Nicht minder und nicht mehrhilft er dir aus Beschwerden.

Wer Gott will gleiche sein,muß allem ungleich werden,Muß ledig seiner selbstund los sein von Beschwerden.

So du das ewge Wortin dir willst hören sprechen,So mußt du dich zuvorvon Unruh ganz entbrechen.

Dem Gottsbegierigenwird dieser Punkt der ZeitViel länger als das Seinder ganzen Ewigkeit.

Willst du den Perlentauder edlen Gottheit fangen,So mußt du unverrucktan seiner Menschheit hangen.

Gott ist dir worden Mensch:wirst du nicht wieder Gott,So schmähst du die Geburtund höhnest seinen Tod.

Mensch, wann du noch nach GottBegier hast und Verlangen,So bist du noch von ihmnicht ganz und gar umfangen.

Mensch, wirst du nicht ein Kind,so gehst du nimmer ein,Wo Gottes Kinder sind:die Tür ist gar zu klein.

So du aus Mißvertraunzu deinem Gotte flehestUnd ihn nicht sorgen läßt:schau, daß du ihn nicht schmähest.

Daß du nicht Menschen liebst,das tust du recht und wohl,Die Menschheit ists, die manim Menschen lieben soll.

Du bist die Babel selbst:gehst du nicht aus dir aus,So bleibst du ewiglichdes Teufels Polterhaus.

Der Zufall muß hinwegund aller falscher Schein:Du mußt ganz wesentlichund ungefärbet sein.

Mensch, wo du Tugend wirkstmit Arbeit und mit Müh,So hast du sie noch nicht,du kriegest noch um sie.

Wer unbeweglich bleibtin Freud, in Leid, in Pein,Der kann nunmehr nit weitvon Gottes Gleichheit sein.

Wer nichts begehrt, nichts hat,nichts weiß, nichts liebt, nichts will,Der hat, der weiß, begehrtund liebt noch immer viel.

Mensch, so du etwas liebst,so liebst du nichts fürwahr:Gott ist nicht dies und das,drum laß das Etwas gar.

Nichts ist, das dich bewegt,du selber bist das Rad,Das aus sich selbsten läuftund keine Ruhe hat.

Mensch, deine Seligkeitkannst du dir selber nehmen,So du dich nur dazuwillst schicken und bequemen.

Halt an, wo läufst du hin,der Himmel ist in dir:Suchst du Gott anderswo,du fehlst ihn für und für.

Mensch, wo du deinen Geistschwingst über Ort und Zeit,So kannst du jeden Blicksein in der Ewigkeit.

Der Weise, welcher sichhat über sich gebracht,Der ruhet, wenn er läuft,und wirkt, wenn er betracht't.

Mensch, liebete sich Gottnicht selbst durch sich in dir,Du könntest nimmermehrihn lieben nach Gebühr.

Wenn du aus Sodom gehstund dem Gericht entfliehest,So steht dein Heil darauf,daß du nicht rückwärts siehest.

Mensch, was du liebst, in daswirst du verwandelt werden,Gott wirst du, liebst du Gott,und Erde, liebst du Erden.

Mensch, Gott gedenket nichts.Ja, wär'n in ihm Gedanken,So könnt er hin und her,welch's ihm nicht zusteht, wanken.

Je mehr du Gott erkennst,je mehr wirst du bekennen,Daß du je wenigerihn, was er ist, kannst nennen.

Wann du dich über dicherhebst und läßt Gott walten,So wird in deinem Geistdie Himmelfahrt gehalten.

Die heilge Majestät,(willst du ihr Ehr erzeigen,)Wird allermeist geehrtmit heilgem Stilleschweigen.

Die Einsamkeit ist not,doch, sei nur nicht gemein,So kannst du überallin einer Wüsten sein.

Die Welt, die hält dich nicht:du selber bist die Welt,Die dich in dir mit dirso stark gefangen hält.

Ein wesentlicher Menschist wie die Ewigkeit,Die unverändert bleibtvon aller Äußerheit.

Mensch, gibst du Gott dein Herz,er gibt dir seines wieder:Ach, welch ein werter Tausch!du steigest auf, er nieder.

Mensch, werde wesentlich:denn wann die Welt vergeht,So fällt der Zufall weg,das Wesen, das besteht.

Mensch, solltest du in dirdas Ungeziefer schauen,Es würde dir für dirals für dem Teufel grauen.

Das Brot ernährt dich nicht:was dich im Brote speist,Ist Gottes ewigs Wort,ist Leben und ist Geist.

Schaut doch das Wunder an!Gott macht sich so gemein,Daß er auch selber willder Lämmer Weide sein.

Je mehr du dich aus dirkannst austun und entgießen:Je mehr muß Gott in dichmit seiner Gottheit fließen.

Mensch, wo du noch was bist,was weißt, was liebst und haßt,So bist du, glaube mir,nicht ledig deiner Last.

Wo dich noch dies und dasbekümmert und bewegt,So bist du noch nicht ganzmit Gott ins Grab gelegt.

Mensch, in dem Ursprung istdas Wasser rein und klar,Trinkst du nicht aus dem Quell,so stehst du in Gefahr.

Wer ist, als wär er nichtund wär er nie geworden:Der ist (o Seligkeit!)zu lauter Gotte worden.

Mensch, so du Gott noch pflegstum dies und das zu danken,Bist du noch nicht versetztaus deiner Schwachheit Schranken.

Das Kreuz zu Golgathakann dich nicht von dem Bösen,Wo es nicht auch in dirwird aufgericht't, erlösen.

Wird Christus tausendmalzu Bethlehem geborenUnd nicht in dir: du bleibstnoch ewiglich verloren.

Berührt dich Gottes Geistmit seiner Wesenheit,So wird in dir gebor'ndas Kind der Ewigkeit.

Freund, glaub es oder nicht:ich hör in jedem Nu,Wann ich bin taub und stumm,dem ewgen Worte zu.

Wer stets alleine lebtund niemand wird gemein,Der muß, ist er nicht Gott,gewiß vergöttet sein.

Entwachse dir, mein Kind:willst du zu Gott hinein,So mußt du vor ein Mannvollkommnes Alters sein.

Kein Ding ist auf der Weltso hoch und wert zu achten,Als Menschen, die mit Fleißnach keiner Hochheit trachten.

Mensch, geh nur in dich selbst!denn nach dem Stein der WeisenDarf man nicht allererstin fremde Lande reisen.

Der Mensch hat eher nichtvollkommne Seligkeit,Bis daß die Einheit hatverschluckt die Anderheit.

Das edelste Gebetist, wenn der Beter sichIn das, für dem er kniet,verwandelt inniglich.

Verwirf nicht, was du hast.Ein Kaufmann, der sein GeldWohl anzulegen weiß,den lobet alle Welt.

Du findest, wie du suchst:wie du auch klopfest anUnd bittest, so wird dirgeschenkt und aufgetan.

Es ist zwar wahr, daß Gottdich selig machen will:Glaubst du, er will's ohn dich,so glaubest du zu viel.

Kein Würmlein ist so tiefverborgen in der Erden,Gott ordnets, daß ihm dakann seine Speise werden.

Laß doch nicht ab von Gott,ob du sollst elend sein:Wer ihn von Herzen liebt,der liebt ihn auch in Pein.

Mensch, rede recht von Gott:er haßt nicht sein Geschöpfe(Unmöglich ist es ihm),auch nicht die Teufels-Köpfe.

Das Wesen Gottes machtsich keinem Ding gemeinUnd muß notwendig dochauch in den Teufeln sein.

Mensch, des Gerechten Schlafist mehr bei Gott geacht't,Als was der Sünder bet'tund singt die ganze Nacht.

Der Punkt der Seligkeitbesteht in dem allein,Daß man muß wesentlichaus Gott geboren sein.

Räum weg und mache Luft,das Fünklein liegt in dir,Du flammest es leicht aufmit heilger Liebsbegier.

Mein Christ, du mußt dich selbstdurch Gott vom Schlaf erwecken,Ermunterst du dich nicht,du bleibst im Traume stecken.

Die Sinnen sind im Geistall' ein Sinn und Gebrauch:Wer Gott beschaut, der schmeckt,fühlt, riecht und hört ihn auch.

Wer Gott so leicht entbehrn,als leicht empfangen kann,Der ist auf allen Fallein rechter Heldenmann.

Du sprichst, du wirst noch wohlGott sehen und sein Licht:O Narr, du siehst ihn nie,siehst du ihn heute nicht.

Mensch, alls, was außer dir,das gibt dir keinen Wert:Das Kleid macht keinen Mann,der Sattel macht kein Pferd.

Weil die Geschöpfe garin Gottes Wort bestehn:Wie können sie dann jezerwerden und vergehn?

Das Ende krönt das Werk,das Leben ziert den Tod:Wie herrlich stirbt der Mensch,der treu ist seinem Gott.

Man wünschet ihm den Todund fliehet ihn doch auch:Jen's ist der Ungeduldund dies der Zagheit Brauch.

Gott kann nichts Böses woll'n:wollt er des Sünders TodUnd unser Ungelück,er wäre gar nicht Gott.

Mensch, stirbest du nicht gern,so willst du nicht dein Leben:Das Leben wird dir nichtals durch den Tod gegeben.

Zum Himmel ist die Erd'ein einzigs Stäubelein:O Narr, wie kann in ihrdann etwas großes sein?

Die Meinungen sind Sand,ein Narr, der bauet drein,Du baust auf Meinungen,wie kannst du weise sein?

Du sprichst: die Heiligensind tot zu unsrer Not:Der weise Mann, der spricht:den Narren sind sie tot.

Gott sieht nicht über sich,drum überheb dich nicht:Du kommst sonst mit Gefahraus seinem Angesicht.

Mensch, die Figur der Weltvergehet mit der Zeit,Was trotz'st du dann so vielauf ihre Herrlichkeit?

Ich sag, es stirbet nichts:nur daß ein ander Leben,Auch selbst das peinliche,wird durch den Tod gegeben.

Kein Tod ist herrlicher,als der ein Leben bringt,Kein Leben edler, alsdas aus dem Tod entspringt.

Gott selber, wenn er dirwill leben, muß ersterben:Wie denkst du ohne Todsein Leben zu ererben?

Ich sterb und leb auch nicht:Gott selber stirbt in mir:Und was ich leben soll,lebt er auch für und für.

Ich sterb und lebe Gott:will ich ihm ewig leben,So muß ich ewig auch,für ihm den Geist aufgeben.

Ich glaube keinen Tod:sterb ich gleich alle Stunden,So hab ich jedesmalein besser Leben funden.

Der Tod, aus welchem nichtein neues Leben blühet,Der ists, den meine Seelaus allen Töden fliehet.

Indem der weise Mannzu tausendmalen stirbet,Er durch die Wahrheit selbstum tausend Leben wirbet.

Tod ist ein selig Ding:je kräftiger er ist,Je herrlicher darausdas Leben wird erkiest.

Ich mußMARIAseinund Gott aus mir gebären,Soll er mich ewiglichder Seligkeit gewähren.

Ach, könnte nur dein Herzzu einer Krippe werden!Gott würde noch einmalein Kind auf dieser Erden.

In einem Senfkörnlein,so du's verstehen willt,Ist aller oberenund untren Dinge Bild.

Kein Stäublein ist so schlecht,kein Stüpfchen ist so klein:Der Weise siehet Gottganz herrlich drinne sein.

Nichts ist dem Nichts so gleichals Einsamkeit und Stille,Deswegen will sie auch,so er was will, mein Wille.

Wo Gott ein Feuer ist,so ist mein Herz der Herd,Auf welchem er das Holzder Eitelkeit verzehrt.

Man sagt, Gott mangelt nichts,er darf nicht unsrer Gaben;Ists wahr, was will er dannmein armes Herze haben?

Ich nah mich, Herr, zu dirals meinem Sonneschein,Der mich erleucht't, erwärmtund macht lebendig sein:Nahst du dich wiederumzu mir als deiner Erden,So wird mein Herze baldzum schönsten Frühling werden.

Mein Herz ist ein Altar,mein Will ist's Opfergut,Der Priester meine Seel',die Liebe Feur und Glut.

Ich bin der Tempel Gotts,und meines Herzens SchreinIsts Allerheiligste,wann er ist leer und rein.

Ein Herze, welches sichvergnügt mit Ort und Zeit,Erkennet wahrlich nichtsein Unermeßlichkeit.

Gott, Teufel, Welt und allswill in mein Herz hinein:Es muß ja wunder schönund großes Adels sein!

Du sprichst, im Firmamentsei eine Sonn allein:Ich aber sage, daßviel tausend Sonnen sein.

Ein Weiser, wann er redt,was nutzet und behagt,Ob es gleich wenig ist,hat viel genug gesagt.

Mein Geist, kommt er in Gott,wird selbst die ewge Wonne:Gleich wie der Strahl nichts istals Sonn in seiner Sonne.

Gott siehet nichts zuvor:Drum lügst du, wenn du ihnMit der Vorsehung mißtnach deinem blöden Sinn.

Die Ewigkeit ist unsso innig und gemein:Wir wolln gleich oder nicht,wir müssen ewig sein.

Im Fall dich länger dünktdie Ewigkeit als Zeit,So redest du von Peinund nicht von Seligkeit.

Das Licht gibt allem Kraft:Gott selber lebt im Lichte;Doch, wär er nicht das Feur,so würd es bald zunichte.

Du selber machst die Zeit:das Uhrwerk sind die Sinnen;Hemmst du die Unruh nur,so ist die Zeit von hinnen.

Daß dir im Sonnesehnvergehet das Gesicht,Sind deine Augen schuldund nicht das große Licht.

Wem seine Sonne scheint,derselbe darf nicht gücken,Ob irgendwo der Mondund andre Sterne blicken.

Ich selbst muß Sonne sein,ich muß mit meinen StrahlenDas farbenlose Meerder ganzen Gottheit malen.

Wer in der Sonnen ist,dem mangelt nicht das Licht,Das dem, der außer ihrverirret geht, gebricht.

Dem Heilgen geht nichts ab:er hat schon in der ZeitAn Gottes Wohlgefallndie ganze Seligkeit.

Gott ist ja nichts als gut:Verdammnis, Tod und Pein,Und was man böse nennt,muß, Mensch, in dir nur sein.

Was klagst du über Gott?Du selbst verdammest dich!Er möcht es ja nicht tun,das glaube sicherlich.

Trinkst du des Herren Blutund bringest keine Frucht,So wirst du kräftigerals jener Baum verflucht.

Kannst du dich auf den Geistin deinem Heiland schwingen,So wird er dich mit sichin seine Wüste bringen.

Freund, wer den Himmel nichterobert und bestürmt,Der ist nicht wert, daß ihnsein Oberster beschirmt.

Das Himmelreich wird leichterobert und sein Leben;Belagre Gott mit Lieb:er muß dir's übergeben.

Man wirft das Weizenkornauf Hoffnung in die Erden:So muß das Himmelreichauch ausgestreuet werden.

Der Teufel ist so gutdem Wesen nach als du.Was gehet ihm dann ab?Gestorbner Will und Ruh.

Der Weise, wann er stirbt,begehrt in'n Himmel nicht:Er ist zuvor darinn,eh ihm das Herze bricht.

Die Liebe fürcht't sich nicht,sie kann auch nicht verderben:Es müßte Gott zuvorsamt seiner Gottheit sterben.

Die Lieb ists schnellste Ding:sie kann für sich alleinIn einem Augenblickim höchsten Himmel sein.

Christ, flieh doch nicht das Kreuz:du mußt gekreuzigt sein.Du kommst sonst nimmermehrins Himmelreich hinein.

Alls Zeitlich' ist ein Rauch.Läßt du es in dein Haus,So beißt es dir fürwahrdes Geistes Augen aus.

Lauf nach dem Ehrenpreis,du mußt der erste sein,Du trägest nichts davon,kriegst du ihn nicht allein.

Gewalt geht über Recht.Wer nur Gewalt kann üben,Von dem wird auch die Türdes Himmels aufgetrieben.

Ein Kampfplatz ist die Welt.Das Kränzlein und die KronTrägt keiner, der nicht kämpft,mit Ruhm und Ehrn davon.

In Gott lebt, schwebt und regtsich alle Kreatur:Ists wahr, was fragst du dannerst nach der Himmelspur?

Der Himmel senket sich,er kommt und wird zur Erden:Wann steigt die Erd emporund wird zum Himmel werden?

Ach, Mensch, versäum dich nicht,es liegt an dir allein,Spring auf durch Gott, du kannstder größt' im Himmel sein.

Verzweifle nicht, mein Christ,du kannst in'n Himmel draben,So du nur magst darzuein männlich Herze haben.

Christ mein, wo läufst du hin?der Himmel ist in dir.Was suchst du ihn dann erstbei eines andren Tür?

Christ, so du kannst ein Kindvon ganzem Herzen werden,So ist das Himmelreichschon deine hier auf Erden.

Es dünkt mich leichter sein,in Himmel sich zu schwingen,Als mit der Sünden Mühin Abgrund einzudringen.

Nicht Gott gibts Himmelreich:du selbst mußts zu dir ziehnUnd dich mit ganzer Machtund Eifer drum bemühn.

Der Himmel ist in dirund auch der Höllen Qual:Was du erkiest und willst,das hast du überall.

Mensch, in das Paradeiskommt man nicht unbewehrt:Willst du hinein, du mußtdurch Feuer und durch Schwert.

Mensch, bist du Gott getreuund meinest ihn allein,So wird die größte Notein Paradeis dir sein.

Wer nirgends ist gebornund niemand wird bekannt,Der hat auch in der Höllsein liebes Vaterland.

Die Hölle schadt mir nichts,wär ich gleich stets in ihr:Daß dich ihr Feuer brennt,das lieget nur an dir.

Könnt' ein Verdammter gleichim höchsten Himmel sein,So fühlet' er doch stetsdie Höll und ihre Pein.

Die Zuversicht ist gutund das Vertrauen fein:Doch, bist du nicht gerecht,so bringt es dich in Pein.

Die Hoffnung ist ein Seil:könnt ein Verdammter hoffen,Gott zög ihn aus dem Pfuhl,in dem er ist ersoffen.

Wer Gott vereinigt ist,den kann er nicht verdammen,Er stürze sich dann selbstmit ihm in Tod und Flammen.

Wer in der Hölle nichtkann ohne Hölle leben,Der hat sich noch nicht ganzdem Höchsten übergeben.

Der Zorn ist höllisch Feur:wann er in dir entbrennt,So wird dem heilgen Geistsein Ruhbettlein geschändt.

Die Rachgier ist ein Rad,das nimmer stille steht:Je mehr es aber läuft,je mehr es sich vergeht.

Eröffene die Tür,so kommt der heilge Geist,Der Vater und der Sohndreieinig eingereist.

Wie, daßIgnatiusvon Tieren wird zerbissen?Er ist ein Weizenkorn,Gott wills gemahlen wissen.

Die Furcht des Herren istder Weisheit Anbeginn,Ihr End ist seine Lieb,ihr Mittel kluger Sinn.

Lieb ist der Weisen Stein:sie scheidet Gold aus Kot,Sie machet Nichts zu Ichtsund wandelt mich in Gott.

Gott sind die Werke gleich;der Heilge, wann er trinkt,Gefället ihm so wohl,als wann er bet't und singt.

Liebst du Gott über dich,den Nächsten wie dein Leben,Was sonst ist, unter dir:so liebst du recht und eben.

Die Tugend, die dich kröntmit ewger Seligkeit(Ach halte sie doch fest!),ist die Beharrlichkeit.

Die Hoffnung höret auf,der Glaube kommt zum Schauen,Die Sprachen redt man nicht,und alles was wir bauenVergehet mit der Zeit:Die Liebe bleibt allein –So laßt uns doch schon jetztauf sie beflissen sein.

Wo Gott mich über Gottnicht sollte wollen bringen,So will ich ihn dazumit bloßer Liebe zwingen.

Es ist kein Vor noch Nach:was morgen soll geschehn,Hat Gott von Ewigkeitschon wesentlich gesehn.

Mensch, alles was du willst,ist schon zuvor in dir:Es lieget nur an dem,daß du's nicht wirkst herfür.


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