Ein ruhig sonnenheller Tag liegt über den Bergen, schimmert über die im Frühlingsschmucke prangende Küste, zittert über das weite Meer. Auf der schönen Strasse, die von Ragusa nordwärts gegen den eigentlichen Hafen, gegen Gravosa, führt, haben sich die zu beiden Seiten derselben gepflanzten jungen Bäumchen mit zarten Blättern geschmückt, am Fusse der gegen die Küste sanft zu verlaufenden Berge stehen die Gärten im Frühlingsblüthenschmuck, hohe Palmen bewegen ihre fächerartigen Zweige im Westwind, trotzige Aloën recken ihre fleischigen dornbewehrten Blätter, Rosen und wildwachsende Levkoyen blühen dazwischen, die Berge im Hintergrunde deckt der Oelbaum. Draussen aber im Hafen wiegt sich die Möve.
Es ist nicht der traute, weissgraue Vogel, der, den Matrosen heilig, in langsamen Fluge über das Meer streicht, seine Nahrung suchend und in den Wellen findend, sondern Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve«, der in Gravosa vor Anker liegt. Die schlanken kühnen Formen werden von den Wellen sanft geküsst, die mächtigen Masten ragen gegen den Himmel, die Raen und das Tauwerk heben sich fein und zart vom durchsichtigen Blau des Horizontes ab. Auf der Brücke steht der Wachoffizier, mit der schwarzgelben Feldbinde umgürtet und dem Fernrohr in der Hand. Waffen führt er keine, obwohl er im Dienste ist. Eine Schildwache mit gezogenem breiten Pallasch geht langsam auf und ab. Auf dem Vorderdecke steht eine kleine Gruppe von Matrosen, untersetzte kräftige Gestalten, in ihren kleidsamen blauen Jacken mit dem weit ausgeschlagenen Hemdkragen; sie sprechen leise zusammen.
An Bord eines Kriegsschiffes, und zwar eines österreichischen Kriegsschiffes, geschieht Alles leise. Ein kurzer Commandoruf, ein schrilles Pfeifen, vielleicht einmal ein Hornsignal, das ist Alles. Sonst thut Jeder seinePflicht, wagt sein Leben, übt, lernt, arbeitet hoch im Takelwerk, auf dem Verdeck, unten im Schiffsraume, stirbt, wenn es nothwendig ist, aber er schweigt. »Muss Sieg von Lissa heissen!« so lautet der lakonische Befehl, mit welchem Tegetthoff das tausendstimmige Brüllen der Kanonen entfesselte und das grosse markerschütternde Drama einleitete. Nur fünf Worte. Und – es hiess wirklich Sieg von Lissa!
An der Steuerbordseite der »Möve«, gegen das Land zu, durch den Schiffskörper verborgen, schaukelte das feingeschnittene schöne Gigg des Commandanten. Sechs Gasten sassen drinnen, auf ihre Riemen gestützt. Sie warteten des Commandanten und seiner Gäste, welche noch unten in der Cajüte bei einem Glase Sherry weilten. Heute, wo diese Zeilen gedruckt zu lesen, heute trennt mich bereits lange wieder Land und Meer von den lieben alten Freunden, von dem Commandanten Sr. Majestät Kriegsdampfer »Möve« und dessen zweitem Gaste, einem unserer tüchtigsten Flotten-Officiere. Und so sei es mir gestattet, ihnen hier einen freundlichen Gruss zu entbieten und ihnen Beiden die schönen Stunden in's Gedächtniss zu rufen, die wir vor Zeiten mitsammen zugebracht, die schönen Stunden, die wir zuletzt in der traulichen Commandanten-Cajüte der »Möve« zusammen verlebt und den reizenden Ausflug, den wir unternommen in das Thal der Ombla bei Ragusa. Und es sei mir auch gestattet, hier der österreichischen Marine-Officiere überhaupt zu gedenken – es ist mir ein Herzensbedürfniss – ihres freundlichen Entgegenkommens, ihrer anspruchlosen, liebenswürdigen, herzgewinnenden Bescheidenheit, ihrer still betriebenen Studien, ihres umfangreichen Wissens, ihrer Weltkenntniss und ihres wackern, durch und durch ehrenhaften Wesens. Alle Provinzen des weiten Kaiserstaates sind in dem Officiercorps der österreichischen Marine vertreten, alle Sprachen des polyglotten Oesterreich werden unter ihnen gesprochen, aber dort verschwindet jede nationale Färbung und ich habe mich niemals so sehr als Oesterreicher gefühlt als an Bord eines österreichischen Kriegsschiffes, unter dem Schatten der vom hohen Maste flatternden österreichischen Flagge!
Wir klommen von der Cajüte an Deck und bestiegen sodann das schaukelnde Gigg. Die Fallreep-Pfiffe schrillten – die Ehrenbezeugung für den das Schiff verlassenden Commandanten – am Bug des Giggs flatterte das Wimpel, am Achter die Flagge. »Stosst ab! Vorwärts!« und unter den tactmässigen Schlägen von sechs Rudern flog das leichte Boot in kühnerSchwenkung um den Körper der »Möve« herum, hinauf gegen die Mündung der Ombla.
Wenn man, vom Norden kommend, durch den Canale di Calamotta in den Hafen von Gravosa einfährt, so treten gegen Osten, gerade gegenüber der Halbinsel Lapad, die Berge, die bis dahin in ununterbrochener Reihenfolge die Küste begleiten, klaffend auseinander und bieten die Aussicht frei auf ein reizendes Thal. In der Mitte desselben strömt ein breiter Fluss von süssem, kristallhellem Wasser, tief genug, um selbst grösseren Schiffen Einlauf zu gewähren, in das Meer. Es ist die Ombla. Etwa eine Viertelstunde von der Mündung des Flusses aufwärts hat derselbe durch angeschwemmte Steine und Erdreich eine flache Insel gebildet, die, mit Binsen und Röhricht überwachsen, ein schönes gleichmässiges grünes Dreieck bildet, dessen eine Spitze gegen das Meer gekehrt ist. Zu beiden Seiten des Flusses steigen die Ufer rascher gegen die bewaldeten Berge, mit prachtvoller fremdartiger, südlicher Vegetation bedeckt. Wieder stehen da Palme und Lorbeer, Myrthe und Aloë, hochstämmiger Rosmarin, Oel- und Feigenbaum und die schlanke, dunkle Cypresse.
In der blühenden Wildniss sind längs der Ufer kleine Gruppen von bewohnten Häusern und einzelne Ruinen zerstreut. Von den letzteren stehen gewöhnlich die Mauern der oft zweistöckigen Villen gänzlich unversehrt, die Fensteröffnungen sind mit schön gearbeiteten Simsen versehen, aber das Dach fehlt, die Häuser sind ausgebrannt und mitten im Hausraume, wo einst das traute Heim glücklicher Menschen war und vielleicht fröhliche Kinder sich tummelten, wuchert jetzt Lorbeer und Rebe. Es waren die Russen im Vereine mit Montenegrinern und Herzegowinern, welche im Jahre 1806, als der französische General Lauriston die Stadt besetzt hielt, Ragusa angriffen und im ganzen Umkreise der Stadt alles verwüsteten, niederbrannten und zerstörten. Die Einwohner flüchteten damals; als aber die Russen mit ihren Verbündeten abgezogen waren, da war die Bevölkerung durch die Zerstörung ihres Besitzstandes zu arm geworden, um ihre Häuser wieder aufzubauen, und so ist heute noch ganz Ragusa mit Ruinen zerstörter Villen umgeben.
Besonders eine dieser Villen – sie ist am linken Ufer der Ombla gelegen – ist bemerkenswerth. Wir legten an der prächtigen, drei Klafter breiten Treppe an, die bis an den Wasserspiegel führt. Ein grosses, weitgedehntes Gebäude lag vor uns in mittelalterlicher Bauart. Schöne Säulenaus Marmor und Sandstein tragen die Bogen einer riesigen, gegen den Fluss offenen Halle. An den Wänden der letzteren prangen Fresken in wunderschönen, lebhaften Farben, als ob sie gestern erst vollendet worden wären. Sie stellen einzelne Scenen aus der Aeneide dar. Schon auf der Stiege hatten wir den süssen, betäubenden Geruch von Lorbeerblättern verspürt und sahen jetzt die grosse Halle mindestens zwei Fuss hoch mit trockenen Lorbeerblättern bedeckt. Mehrere Männer in der kleidsamen halbtürkischen Tracht der Bauern aus der Umgebung von Ragusa waren damit beschäftigt die trockenen Blätter in grosse Säcke zu füllen. Unter dem Thore stand ein Esel und schnupperte mit der Nase unter den vielen Lorbeerblättern, die noch nicht zum Kranz gewunden waren, und die auch diese Bestimmung offenbar nicht erwarten.
Lorbeerblätter in Säcken und ein Esel dabei! Pah – ist doch Alles nichtig in dieser Welt – selbst Lorbeern!
Auf dem einen Felde der Wand war eine schöne Dido dargestellt mit Aeneas zu ihren Füssen. Die Bauern machten uns auf das Bild aufmerksam und sagten uns, es sei eine Muttergottes mit dem heiligen Antonius von Padua; wer sie aber gemalt habe, wem das Haus gehöre mit dem schönen Parke, der sich in Serpentinen hinter dem Hause bergan zieht, das wussten sie nicht. Sie wussten nur, dass ein sehr reicher Herr der Eigenthümer des Hauses gewesen, dass die Russen und Montenegriner dasselbe zerstörten, dass der Park ober dem Hause jetzt gänzlich verwildert sei und dass das ganze Besitzthum jetzt kaum etwas abwerfe, als ein wenig Oliven und die Lorbeerblätter, die wir sahen. Dafür aber führten sie uns über eine halsbrecherische Holzstiege in das zweite Stockwerk und zeigten uns da eine merkwürdige sechseckige Badestube ganz ohne Fenster und mit einer so niederen Thür, dass man – wörtlich genommen – auf allen Vieren hineinkriechen muss.
Mädchen aus Sette Castelli.
Mädchen aus Sette Castelli.
Wir stöberten und krochen noch lange in dem alten Hause und in der blühenden Wildniss herum, von der es umgeben war, ohne von den Leuten eine weitere Auskunft über den Eigenthümer des Hauses erhalten zu können. Der Eigenthümer sei ein reicher Herr, – hiess es – und lebe nicht in Ragusa, das Haus sei verpachtet, und dessen Räume dienen jetzt nur zum Trocknen der Lorbeerblätter. Der Esel dort und noch einige Eseln tragen die Lorbeerblätter sackweise nach Ragusa und von dort aus werden sie weiter verschifft, – nach Triest.
Das musste uns genügen, wesshalb wir unser Gigg wieder bestiegen und stromaufwärts gegen die Quellen der Ombla fuhren.
Wenn man auf der Bergfahrt die Hälfte des nur eine halbe Stunde langen Flusses hinter sich hat, so verschliesst ein ungeheuerer Felsen, von welchem her die Ombla zu Thal fliesst, die Aussieht. Man fragt sich vergebens, aus welcher Schlucht denn das Becken der Ombla sich hervorwinden könne; es ist eben Alles von zackigen Felsen, die einen weiten Halbkreis bilden, eingeschlossen und nur aus der weissen Farbe des Flusses erkennt man, dass seine Wasser hier irgendwo mit Gewalt herausbrechen oder durch eine plötzlich verengte Schlucht gezwängt werden.
Es scheint, dass Beides der Fall ist. Man sagt nämlich – und ich weiss nicht, ob irgend Jemand sich darüber Gewissheit verschafft habe – dass der bosnische Fluss Trebinschizza, welcher nicht weit von der österreichisch-türkischen Grenze sich in einen Steinschlund verliert, an der Sohle des Omblathales wieder zu Tage trete. Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass es einen überraschenden Anblick gewährt, die schäumenden und tosenden Wassermassen aus tausend Ritzen und Sprüngen des nackten Felsen in gewaltiger Wucht mit schneeweissem Gischt herauskochen zu sehen, zu sehen, wie sie unmittelbar darauf in wilder Eile über die Räder der dort befindlichen Mühle stürzen um dann beruhigt und geklärt im majestätischen Laufe sich dem Meere entgegenzurollen.
Bei der Rückfahrt besuchten wir ein einsam am rechten Ufer der Ombla liegendes Franciscanerkloster. Wir mussten lange an der Thüre klopfen, bis uns ein steinalter Laienbruder öffnete, dessen übermässige Magerkeit die Vorstellung Lügen strafte, die man sich gewöhnlich von dem behäbigen Aussehen der in frommem Nichtsthun dahinlebenden Mönche macht. Er zeigte uns bereitwilligst das ganze uralte Klostergebäude, das, wie aus einer alten Inschrift ersichtlich, durch das Erdbeben des Jahres 1666 halb zerstört worden war. In dem riesigen, von einem prächtigen Säulengang umgebenen Hofe lagen und standen einzelne Capitäle und abgebrochene Säulenschafte, das Gras wucherte aus den Fugen der Steinplatten und ein in der Ecke stehender riesiger Lorbeerbaum verdeckte drei oder vier der vergitterten Fenster. Wir waren noch mit dem Lesen einiger alter auf Grabmälern angebrachter Inschriften beschäftigt, als ein zweiter Klosterbruder herabkam. Es war der Pater Guardian; er und dermagere Laienbruder bildeten zusammen die ganze »Besatzung« des ausgedehnten Klosters.
Der Pater Guardian war sehr dick und roch unangenehm nach Wein und frischen Zwiebeln. Er führte uns zuerst in ein riesiges Refectorium und dann in die ärmliche Kirche. Wenn man die winzige Kirche mit ihren wenigen Betstühlen und den engen Gängen zwischen denselben mit dem grossartig angelegten Refectorium verglich, so mochte man sich wohl die Frage stellen, wie denn die Mönche, welche ehedem das Refectorium füllten, doch in der Kirche Platz finden konnten. Ich wagte sogar eine derartige Frage an unseren dicken Guardian, der mir aber salbungsvollerwiderte, dass im Refectorium nicht nur gegessen, sondern auch gebetet wird. Damit war ich geschlagen. Im Refectorium waren weitlaufende altersschwarze Tische aufgestellt, an denen mindestens hundertfünfzig Personen Platz nehmen konnten. Dort speiste der dicke Prior und der magere Laienbruder allein – »wenn sie etwas hatten« – sagte der alte Herr. Der Laienbruder hielt sich demüthig im Hintergrunde.
In einer Ecke des Refectoriums war eine Art Fenster in der Mauer angebracht, das in eine dunkle Küche führt. Um das Fenster herum stand der wohl zu beherzigende Spruch: aequa divisio non conturbat fratres45. Ob die »divisio« auch heutzutage noch so gleichmässig sei, wollte uns schier zweifelhaft scheinen, wenn wir den dicken Guardian und den mageren Laienbruder ansahen. Der Guardian machte uns hierauf auf ein rohes alfresco-Gemälde aufmerksam, das sich ebenfalls an der Wand befand. Es stellt einen dicken Fisch vor, der bestrebt ist, einen vor ihm befindlichen mageren Fisch zu verschlingen. Wir glaubten anfangs eine allegorische Anspielung auf den dicken Guardian und den mageren Laienbruder zu sehen, wurden aber bald eines Bessern belehrt.
»Es ist eigentlich ein Wunder,« sagte der Guardian, »wenn es auch Manche nicht glauben wollen. Es war im Jahre 1589 – sehen Sie, da steht es drunter geschrieben, 1589 addi 12 Novembre – als ein Klosterbruder ausging, um Almosen zu sammeln. Es war aber ein schlechtes Jahr gewesen und die Leute hatten selbst nichts – so ging also der Bruder mit seinem leeren Esel traurig dahin am Ufer der Ombla. Da hörte er plötzlich ein Geräusch – – ein kleiner Fisch sprang an das Land –ein anderer grosser Fisch, der den kleinen fressen wollte, ihm nach. Und der Bruder fing alle beide, so dass alle Brüder zu essen hatten, denn der grosse Fisch war ein Thunfisch und wog achtzig Pfund. Darum sind beide hier aufgemalt. Jetzt sind wir nur unser Zwei im Kloster und brauchten kein so grosses Wunder – aber ein kleines Wunder thäte uns gut, denn wir haben wohl Wein und Oel für Beide, aber sonst gar wenig zu essen.«
Einer meiner Begleiter warf die Bemerkung hin, es wäre ein in der Welt ziemlich häufig vorkommender Fall, dass die kleinen Fische von den grossen gefressen werden, aber diese Betrachtung schien dem dicken Guardian zu subtil und er wiederholte nur den Wunsch, dass der liebe Gott recht bald ein Wunder zu Gunsten des Klosters und seiner »Besatzung« wirken möge.
Der magere Laienbruder seufzte.
Wir baten den Guardian, ein kleines Scherflein für die Bedürfnisse des Klosters von uns anzunehmen und empfahlen uns. Eine Minute darauf flog unser Gigg stromabwärts dem Meere zu, auf dem die schöne »Möve« im Abendsonnenschein sich wiegte.