Don Martine von Karakaschitza.

Es ist mir völlig unbekannt, von welchenGrundsätzendie Herren Bischöfe Dalmatiens sich bei der Auswahl, der Erziehung und Ordinirung der jungen Geistlichkeit leiten lassen, oder ob ihnen überhaupt dabei besondere Grundsätze vorschweben. Das ist sicher, dass der dalmatiner niedere Clerus im Grossen und Ganzen sich nicht ganz vortheilheilhaft vor jenem anderer Länder unterscheidet und selbst die italienische Geistlichkeit an Unwissenheit bedeutend überragt.

In der Nähe der Stadt Almissa, wo die Cettina sich in's Meer ergiesst, stand oder steht vielmehr heute noch eine eigenthümliche Anstalt für heranwachsende Priester, die Brieko heisst. Dort lernte man seinerzeit einfach Messe lesen. Wenn irgend ein Morlake oder sonst ein Bauer, auch schon in vorgerückten Jahren, das Bedürfniss fühlte Priester zu werden, so meldete er sich bei dem Bischof, der ihn nach Brieko steckte. Dort wurde ihm durch drei, höchstens vier Jahre lesen, schreiben, rechnen und – Messe lesen gelehrt. Natürlich Alles in slavischer Sprache. Dann wurde er ausgeweiht, erhielt eine Art Breve, das ihm gestattete, die Messe in slavischer, mit glagolitischen Buchstaben geschriebener Sprache zu lesen und kam sofort als Pfarrverweser in ein morlakisches Dorf.

Heute ist Brieko kein theologisches Treibhaus mehr, sondern eine Ablegestätte für verdorbene Gymnasiasten. Macht nämlich ein Gymnasialschüler an irgend einem Gymnasium Dalmatiens derartige Fortschritte, dass sein Aufsteigen in eine höhere Classe unmöglich wird, und gibt er die Neigung kund, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so kommt er nach Brieko, wo er gut oder übel Einiges von dem lernt, was er im Gymnasium nicht erlernen konnte; dann wird ihm am bischöflichen Seminare in Zara von der Theologie so viel eingetrichtert als eben in seinem Kopfe Platz hat und dann wird er ebenfalls Priester und liest seine Messe in slavischer Sprache. Hin und wieder macht man auch rühmenswerthe Ausnahmen.

So wurde vor einigen Jahren der Messner einer kleinen in Castel Cambio bei Spalato befindlichen Capelle in Folge Protection seines Patrons, des Conte C., zum Priester gemacht, ebenso erhielt kurze Zeit darauf der Portier des bischöflichen Knabenseminars von Spalato ohne viel Umstände die priesterliche Weihe. Der Unterschied zwischen derlei Priestern und solchen, welche ihre ordentlichen theologischen Studien in der Landeshauptstadt Zara absolvirt haben, ist der, dass die Ersteren von der Regierung nur eine kleine jährliche Bezahlung (ich glaube 80 fl.) und wenn sie dienstunfähig werden,keinePension bekommen. Ihren Unterhalt beziehen sie von der Gemeinde, deren Seelenheil ihnen anvertraut ist, in der Form von Schafen, wollenen Strümpfen und Truthühnern, die ihnen zu Ostern, Weihnachten und Pfingsten von jeder Familie gespendet werden. Die Strümpfe, Schafe und Truthühner, die der Herr Pfarrer nicht selbst aufbrauchen kann, verkauft er gelegentlich auf dem Markte irgend eines näher gelegenen grösseren Ortes und lebt, da er auch ein Stück Feld und ein Haus besitzt, ohne Sorgen und gewöhnlich umso zufriedener mit seinem Lose, als er von der Welt nichts und von ihren verfeinerten Bedürfnissen beinahe so viel als nichts kennen gelernt.

Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.

Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.

Ein frischer sonniger Herbstnachmittag hatte mich aus meiner Behausung herausgelockt in's Freie. Mit der Flinte auf der Schulter, um für den längeren Spaziergang einen Vorwand zu haben, schlenderte ich auf der von dem morlakischen Marktflecken Sign gegen Verlicca führenden Strasse und bog dann rechts in einen der holprigen Feldwege ein, die ziemlich steil aufsteigend die Abhänge der dinarischen Alpen und deren Ausläufer mit der Landstrasse verbinden. Stein und Gerölle war der Weg,der sich in einer schluchtartigen Vertiefung hinaufwand, Stein und Gerölle bildeten die Aussicht, wenn hie und da die Ränder der Schlucht eine solche gestatteten. Das einzige lebende Wesen um mich herum war mein Hund, der anfangs lustig in dem Gestein herumschnupperte, dann aber, als hätte er sich überzeugt, dass sein Suchen aufdiesemBoden unmöglich Erfolg haben könne, mit gesenkten Ohren meinen Schritten folgte.

Ich überlegte eben, ob ich nicht den Weg verlassen und querfeldein gegen meine Behausung abschwenken sollte, als ich den Weg herauf das mir wohlbekannte Getrappel eines Pferdes vernahm, das, von den Stössen der eckigen Steigbügel angetrieben und von dem scharfen Gebiss zurückgerissen, in jener eigentümlich tänzelnden und verzweifelten Gangart herankam, die, ein Mittelding zwischen Schritt, Trab und Galop, den unglücklichen dalmatiner Pferden eigenthümlich ist. Gleich darauf erschien an der letzten Krümmung des Weges eine Gestalt, die ich der blendenden Sonnenstrahlen wegen erst erkennen konnte, als sie mir näher gekommen war und mich mit rauher und lustiger Stimme anrief: »Oho, Gospodine, schön, dass Sie einmal kommen! Ein Glück, dass ich Sie treffe, sonst wäre ich beim cume Mate26abgestiegen und Sie hätten mich nicht zu Hause gefunden. Evalá27Gospodine! Wie geht's Ihnen?!«

Auf einem fuchsrothen, türkisch gezäumten, mit einem unmässig hohen Sattel versehenen Rösslein, dessen Augen unter einem krausen Busch zerzauster Haare hervorblitzten, während seine Mähnen wahrscheinlich noch nie einen Kamm gesehen, sass eine kurze stämmige Gestalt. Die hohen, plumpen, vorne mit einer Quaste versehenen Röhrenstiefel, die hellblaue Halsbinde und der dreieckige Hut bezeichneten den morlakischen Pfarrer. Ein dunkler Rock mit unmässig hohem Kragen und fürchterlich engen Aermeln liess seine mächtigen Schösse bis an die Steigbügeln flattern und von der ganzen Gestalt nichts erkennen als ein paar knochige Fäuste und ein von tausend Runzeln durchzogenes Gesicht, dessen kleine dunkle Augen von dichten stahlgrauen Augenbrauen beschattet wurden. In der linken Hand hielt der Reiter die Zügel des Pferdes und einen halblangen Tschibuk, in der rechten ruhte die kurze, derbe Peitsche. Es war – Don Martine, der Pfarrer von Karakaschitza.

Ich erwiderte den freundlichen Gruss und erstattete auf sein Befragen auch pflichtgemäss Bericht über das Befinden meiner Frau und meiner Kinder, versicherte jedoch, dass es nicht meine Absicht gewesen wäre, heute ihm einen Besuch zu machen, sondern dass ich mir dieses Vergnügen für ein anderes Mal vorbehalte. Don Martine wollte aber davon nichts wissen. In zehn Minuten wären wir bei seinem Hause, sagte er, und wenn ich es wünsche, so liesse er mich Abends, der vielen Hunde wegen, die manchmal böse wären, wenn sie eine »civil« gekleidete Person sähen, durch den Messner bis auf die Strasse begleiten – jetzt müsse ich aber mit ihm kommen, seine Schinken und seinen Wein kosten – er schnalzte dabei mit der Zunge – und einen fröhlichen Abend mit ihm zubringen. Obwohl ich ganz genau wusste, welches Bewandtniss es mit den zehn Minuten habe, da wir nach meiner Schätzung noch eine gute halbe Stunde von der Behausung des Don Martine entfernt sein mussten, so willigte ich nichtsdestoweniger ein, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, um einmal das Leben und Treiben eines morlakischen Pfarrers mir in der Nähe ansehen zu können. Don Martine trug mir an, hinter ihm als Zweiter auf sein Pferdchen aufzusitzen, was ich aber dankbar ablehnte. Und so klommen wir, er zu Pferde, ich zu Fuss, den steinigen Weg hinan, der immer steiler wurde, je mehr wir uns dem Dorfe Karakaschitza näherten.

»Jetzt sagen Sie mir,« eröffnete ich das Gespräch, »woher Sie eigentlich kommen; Sie sind ja über und über bestaubt. Wohl von Spalato, he?«

»Richtig, Gospodine,« erwiderte er, »ich ritt gestern Mittags fort und dachte schon früher heimzukehren, aber der verd… Pfarrer von Dizmo lässt Niemanden ungeschoren vorüber; so musste ich denn mit ihm ein Glas Wein trinken und komme jetzt seinetwegen erst Abends statt Mittags nach Hause.«

Er schien wirklich böse über die Verzögerung zu sein, denn er gab seinem Pferdchen einen Stoss mit beiden scharfen Bügeln, dass es plötzlich einen Satz vorwärts machte, was bei der Beschaffenheit des Bodens nicht eben ungefährlich war.

»Sachte, sachte, Don Martine! Das Glas Weinmussübrigens ziemlich tief gewesen sein, wie? Auch ist meines Wissens der Wein in Dizmo nicht schlecht, seitdem man ihn dort selbst baut.«

»Nein,« erwiderte mein Begleiter lebhaft, »der Wein aus Dizmo kann sich mit jedem andern Wein in Dalmatien messen. Die Bauern werdenreich, seitdem sie angefangen haben, ihn zu bauen und dem Pfarrer geht es, chwala bogu28, auch nicht schlecht dabei. Sehr gute Leute in Dizmo, prächtige Leute, viel besser als meine eigenen hier in Karakaschitza. Ich bin dort fremd, denn wenn ich auch jede Seele von ihnen kenne, meine Pfarrkinder sind es immerhin nicht, und doch, was glauben Sie, bringt mir der Petar Serdarich, weil ich heute im Vorübergehen sein Kind gesund gemacht habe? Zwei Barili29Wein und einen hübschen Hammel. Ho ho! wenn Sie in der nächsten Woche mich besuchen wollen, können Sie den Wein kosten und den Hammel sehen.«

»Das meine ich auch, Don Martine,« sagte ich lachend, »die Leute in Dizmo sind wahre Engel, seitdem der Wald um das Dorf niedergehauen und die Kerle nicht mehr vom Walde aus die Vorüberreisenden anfallen und ausrauben können, wie sie es früher gethan. Jetzt haben sie statt des Waldes dort eine Kaserne mit sechs tüchtigen Gendarmen und es wird Niemand mehr ausgeplündert, der durch Dizmo kommt, – was hat denn dem Kinde des Petar Serdarich eigentlich gefehlt, das Sie im Vorübergehen geheilt haben?«

Die Frage schien dem Don Martine nicht recht zu gefallen, denn er räusperte sich und stiess einige Hm! Hm! aus, ehe er die rechte Antwort finden konnte. »Wissen Sie,« sagte er endlich, »unsere Leute da sind ärger als das liebe Vieh. Da hat der Petar Serdarich in der vergangenen Woche seine Mutter begraben und, weil er ein reicher Mann ist, das halbe Dorf zum Leichenschmaus eingeladen. Ein sehr schönes Essen, wie mir mein Kamerad, der Pfarrer von Dizmo, erzählte. Wein, Branntwein und Schöpsenfleisch so viel Einer wollte und dazu weisses Brod, wie es die Herren in Spalato essen. Das dauerte drei Tage, denn der Petar Serdarich ist ein reicher Mann. Seinem Buben aber, dem Mate, der jetzt acht Jahre alt ist, dem steckten die Weiber so viel Wein, Braten und Branntwein zu, dass sich der Bursche überessen hatte und dalag wie ein halbkrepirtes Kalb. Wie mich nun der Petar Serdarich bei meinem Kameraden, dem Pfarrer von Dizmo, anhalten sieht, läuft er auf mich zu und sagt, ich möchte doch zu ihm kommen und über dem Kinde beten; der Pfarrer von Dizmo (mein Kamerad) hätte es wohl schon gethan, aber es hätte nichts geholfen. Nun, ich denke, schaden kann es nicht, reite alsohin zum Hause des Petar Serdarich, gebe ihm mein Pferd zu halten und gehe hinein. Da liegt der Bube, hat ein elendes Fieber und um ihn herum stehen eine Menge Weiber, die heulen und flennen, dass es eine Schande ist. Ich, nicht faul, bete über ihm und gebe ihm einen Zapis, dann kehre ich wieder zu meinem Kameraden, dem Pfarrer zurück, bleibe ein paar Stunden bei ihm und wie ich wieder aufs Pferd steigen will, um nach Hause zu reiten, kommt der Petar Serdarich und sagt mir, dass es dem Buben besser gehe. Und die nächste Woche kommt er und bringt mir meinen Wein und einen schönen zweijährigen Schöpsen.« Dabei gab er seinem Pferdchen wieder einen Stoss mit den beiden Bügeln.

»Was mag denn dem Buben eigentlich geholfen haben?« fragte ich, »das Beten oder der Zapis?«

»Ich glaube,« entgegnete Don Martine mit gar weiser Miene, »vor Allem der Zapis. Beten ist gewiss auch gut, aber ich sage Ihnen ja, dass der Pfarrer von Dizmo, mein Kamerad, schon über dem Buben gebetet hatte, ohne dass es geholfen hätte. Darum gab ich ihm auch den Zapis. Ich weiss schon, dass unsere gelehrten Herren Vorgesetzten und gar der Bischof nichts von dem Zapis wissen wollen. Sie mögen vielleicht auch Recht haben, und der Bischof ist ein gar braver und gescheidter Herr. Aber manchmal ist er zu streng. Und so ein Herr isst und trinkt gut und fährt in einem Wagen spazieren mit einem Kutscher und zwei Bedienten. Was meinen Sie da, woher er wissen sollte, was uns Bauern gut thut? Ich hatte mir gerade aus Spalato ein Buch Zapis geholt und zwei Pfund Ricinusöl. Ich nehme immer Ricinusöl, wenn ich nicht wohl bin; manchmal gebe ich davon auch Anderen. Auch dem Buben gab ich eine tüchtige Dosis, aber nur so – zur Vorsorge. Am besten hat ihm jedenfalls der Zapis gethan.«

Was ein Zapis eigentlich sei, will ich hier erklären. »Zapis« heisst so viel als »Etwas Geschriebenes«. In der Buchdruckerei eines gewissen G. in Spalato werden als Accidenzarbeit (wie es die Buchdrucker nennen) grosse Bogen Papier gedruckt und verkauft, welche durch Linien in kleine Quadrate abgetheilt sind. In jedem Quadrat steht ein Gebet in lateinischer, slavischer oder italienischer Sprache. Manchmal ist die Sprache gemischt und das Gebet besteht dann aus einem Gallimathias von italienischen, slavischen und lateinischen Phrasen. Die Gebete haben die verschiedensten und oft sonderbarsten Anliegen zum Vorwurfe. Da gibt es deren, die umSchutz vor Hagel und Blitz flehen, andere um Genesung von den Blattern, wieder andere um Fruchtbarkeit der Kühe oder – Weiber, dann wieder eines um Heilung von der Rinderpest, kurz alle Wünsche, die ein Morlake möglicher- und billigerweise an unsern Herrgott haben kann, finden in diesen Gebeten ihren unverblümten Ausdruck. Hat nun ein Morlake ein Anliegen an den Himmel, so geht er entweder zum Pfarrer oder in das nächste Franciscanerkloster und lässt sich einen derlei Zapis geben, der zuerst in seinem Beisein geweiht, dann in Leinwand und Schafleder eingenäht und schliesslich seinem Weibe, seiner Kuh, seinem Kinde oder dem Leithammel seiner Herde, je nach Umständen, um den Hals gehängt wird. Dafür zahlt der Morlake selten in Geld, – gewöhnlich in Schafen, Wein, Truthühner oder Getreide. Die Zapis der Pfarrer sind gut, jene der Franciscaner sind aber besser. Darum kosten sie auch mehr. So stand vor einigen Jahren ein Pater des Franciscanerklosters zu Sign in besonderem Rufe, dass er über die »Würmer« grosse Gewalt habe; wenn daher ein Morlake fand, oder zu finden glaubte, dass ihm Würmer oder Insecten auf seinem Felde grossen Schaden anrichteten, so ging er sicher oft viele Stunden weit in das Franciscanerkloster zu Sign zu dem frommen Wundermann, um sich einen Wurmzapis abzuholen.

Wir hatten uns plaudernd dem Dorfe Karakaschitza genähert und bei einer jähen Biegung des Weges lag plötzlich die roh gebaute unscheinbare Kirche und neben ihr die Wohnung des Don Martine vor unseren Augen. Vor dem kleinen ebenerdigen Hause, dessen Vorderseite von den Ranken eines mächtigen Weinstockes ganz bedeckt war, tummelten sich Hühner, Schweine, Truthühner und Enten ganz vergnüglich in dem freundlichen Elemente einiger grosser Düngerhaufen und Pfützen, während eine Stute, die mit ihrem Fohlen ganz frei neben dem Hause weidete, uns lustig entgegenwieherte. Aus dem Hause kam auf den Ruf des Don Martine ein Knecht und eine Magd, von denen der Erstere dem Don Martine beim Absteigen behilflich war, während die Letztere verschiedene Päcke in Empfang nahm, die Don Martine vom Sattel, wo sie aufgehangen waren, loshakte oder aus seinen unergründlich tiefen Rocktaschen hervorzog.

Mein Begleiter schüttelte sich förmlich vor Vergnügen und Behaglichkeit, als er sich in der gewohnten Umgebung seiner Häuslichkeit sah, und trat nach einem prüfenden Blicke über die geflügelten und ungeflügelten Insassen seines Hofes zur Thüre.

»Frisch Gospodine, jetzt sollen Sie ein Glas Wein kosten, wie ihn auch der Monsignor Bischof nicht besser hat, und dazu einen Schinken, wie ihn eben ein armer Pfarrer bieten kann. Antune! binde das Pferd an und gib ihm nichts zu saufen, bis es sich abgekühlt, und Du, Ivanizza30, bringe Wein und die zwei neuen Gläser, die mir der Gevatter Stipe31aus Spalato gebracht, und den aufgeschnittenen Schinken! Schnell! sonst … Hereinspaziert. Gospodine; Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«

Wir traten in das Haus, dessen erstes grosses Gemach zugleich das Schlaf- und Arbeitszimmer des Pfarrers zu sein schien. In einer Ecke stand ein plumpes, aus weichem Holz gezimmertes Bett mit einem riesigen Strohsacke und einigen unordentlich darüber geworfenen Decken. An der Wand hingen mehrere grell gemalte Heiligenbilder und eine Ansicht der Stadt Spalato von der Seeseite. Eine grosse vielfarbige Kiste in der anderen Ecke, ein Tisch und vier Stühle bildeten die übrige Einrichtung. Ueber dem Tische hingen zwei Jagdgewehre, eine alte Pistole und ein Handjar.

Und auf dem Lehmboden des Zimmers hockte eine Gesellschaft, bestehend aus zwei Knaben und einem Mädchen im Alter von beiläufig zehn bis zwölf Jahren, alle drei nur mit je einem langen Hemde und einem rothwollenen Leibgürtel bekleidet, um eine grosse Schüssel mit Gemüse. Neben ihnen sass, aufmerksam auf seinen Antheil wartend, ein grosser, weisser Hund.

Die Kinder assen. Sie hielten ihren hölzernen Löffel mitbeidenHänden. Sie hatten keine Finger an denselben, – ihre Hände waren unförmliche Stumpfen. Der nackte Fuss des einen Knaben war ebenso verstümmelt, ihm fehlten die Zehen.

»Um Gotteswillen, Don Martine, was ist denn das, wer sind denn diese armen Kinder und wie wurden sie so grässlich verstümmelt?«

»Ah, Sie meinen ihre Finger und Zehen, Gospodine? Ja, das kommt bei uns oft vor. Wissen Sie, da gehen die Eltern auf das Feld und lassen die Kleinen zu Hause. Da geschieht es nun, dass die Schweine – mit Respect zu sagen – aus dem Verschlag ausbrechen, weil unsere Bauern, diese verd… Hunde, – mit Respect zu sagen – sie gewöhnlich in demselben Raume halten, wo sie selbst wohnen – und dann geschieht es bisweilen, dass die Kinder von den Schweinen gefressen werden. Gewöhnlich fangendie Bestien bei den Händen oder Füssen an; da schreien die Kinder und werden manchmal gerettet, falls sie nämlich Jemand hört.«

»Darum findet man bei uns in allen Dörfern Leute ohne Finger und ohne Zehen. Die Drei, die Sie da sehen, Gospodine, gehören drei ganz miserablen Familien an, die ihnen nichts zu essen geben, vielweniger auf sie Acht geben konnten. Darum nahm ich sie zu mir, wie sie noch ganz klein waren, sonst hätte sie vielleicht später das Schwein ganz aufgefressen. Ha, ha, ha! Sind aber gute Geschöpfe und helfen im Hause, wo sie können. Da, der Aelteste, dem habe ich lesen gelernt, und er liest Ihnen, dass es eine Pracht ist. Ivanizza, faules Thier! kommt der Wein oder nicht?« – – –

Don Martine starb im darauffolgenden Jahre an den Blattern. Man hatte ihn zu dem Blatternkranken eines fremden Dorfes geholt, dem er einen Zapis umhängte. Bei dieser Gelegenheit bekam er selbst die Krankheit. Es war aber kein zweiter Don Martine da, der ihm einen wirksamen Zapis hätte geben können, und seinen eigenen Zapis wollte er nicht benützen – ganz wie es gewisse Aerzte mit ihren eigenen Recepten thun.

Ein roher, unwissender und abergläubischer Mensch ist er gewesen, der Don Martine, und vielleicht auch ein Betrüger, denn Niemand hat je erfahren können, ob er selbst an die Wirksamkeit seiner Zapis glaubte oder nicht. Aber es wäre doch möglich, dass er mit seinem gutmüthigen Lächeln jetzt zufrieden von dort oben heruntersähe auf sein altes Pfarrhaus mit den Enten, Hühnern, Pferden und Schweinen, die in den Pfützen sich gütlich thun. Und dann sind im morlakischen Dorfe Karakaschitza drei arme Wesen mit fingerlosen Händen und Klumpfüssen, drei Wesen, die er gekleidet, gespeist und erzogen hat in seiner bäuerisch rohen Weise. Und sechs Hände ohne Finger heben sich allabendlich zum Himmel, und drei verstümmelte unglückliche Wesen rufen heute noch schluchzend: »Wärest Du, ach! wärest Du doch bei uns geblieben; ach! könntest Du doch wieder kommen, Don Martine, – wir sind so sehr, so gränzenlos elend. Wir haben Hunger!«


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