Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, dehnt sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft, der tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem Zusammenwirken eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten Stückchen Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste Oel, weite Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in Hülle und Fülle – das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes, das, von den schroffaufstarrenden nackten Bergen des Mossor gegen die Bora geschützt, in ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des Beschauers ruht. Es ist dies die Bucht und das Gestade der »Sette Castelli«, so genannt von sieben alterthümlichen Burgen, die früher längs der Küste zu deren Vertheidigungerbaut waren und jetzt eben so viele Mittelpuncte von freundlichen Dörfern bilden. Und wie um in die Schönheit der Landschaft keinen Misston zu bringen, bilden auch die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten Menschenschlag, der in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, hohe und kräftige Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen hegen und pflegen dort den dankbaren Boden.
Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen, das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder und Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort gekreuzt. Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die Franzosen Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für nothwendig eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche es möglich machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen zu unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu werden. Die Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst noch immer im Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die Bemerkung ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit, während welcher das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien beinahe mehr thaten, als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun unterliess. Das Resultat dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen überlassen. Erzählt man doch inDalmatienhierüber eine bezeichnende Aeusserung des Kaisers Franz, der in den zwanziger Jahren das Land bereiste.
»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser.
»Die Franzosen, Majestät«, hiess es.
»Und wer hat diesen Garten angelegt?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»Und die Strasse?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»Und diese Seidenspinnerei?«
»Die Franzosen, Majestät.«
»So?« sagte der Kaiser, in seiner bekannten glatten Manier, »mir scheint, hier haben Alles die Franzosen gemacht, da ist es schade, dass sie nicht ein paar Jahre länger hier geblieben sind.«
Um also nun wieder auf die Strada Marmont und die veredelte Race der Sette Castelli zu kommen, so liess Marschall Marmont gerade das Stück Strasse, das sich von Traù längs der Küste der Sette Castelli bisgegen Spalato zieht, durch die Mannschaft des 72. französischen Infanterie-Regiments bauen. Die Soldaten arbeiteten des Tags, schliefen des Nachts bei den Bauern – und die Folge war eine schöne Strasse und ein prächtiger Menschenschlag – – – ernstblickende hohe und kräftige Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen.
Zwischen dem Gestade der Sette Castelli und der Stadt Spalato, eine halbe Stunde von Ersterem und eine Stunde von der Letzteren entfernt, liegen die Ruinen der einst mächtigen und blühenden Römerstadt Salona, die, theilweise von der durch zwölfhundert Jahre angesammelten Humusschicht befreit, heute noch ihre Bäder und Tempel, ihren Circus und ihr Forum in trübseliger säulenkränzter Schönheit dem Beschauer weisen. Grimmige Mauern umziehen im weiten Halbkreise das Ganze und erstrecken sich epheubewachsen bis an das Meer, auf welchem einst die Bewohner vor den herandrängenden Barbaren flüchteten. Ausserhalb dieser Ruinen liegt das Dorf Salona, durchwegs aus Säulenstücken und Steintrümmern des alten Salona erbaut. Marmorne Reliefs, römische und griechische Inschriften findet man da beinahe an jedem Hause – oft verkehrt eingemauert – und umgestürzte Marmorsarkophage dienen den Bauern als Steintische vor ihren Häusern. Aus einer Höhle des Mossor-Gebirges, kaum eine Stunde weit von dem Dorfe Salona, entspringt der Fluss Jadro, der seine krystallhellen und eiskalten Fluthen in ungestümer Eile demMeerezujagt, nachdem er im Dorfe Salona eine Anzahl Mühlen getrieben. Wiesen, die ihr saftiges Grün durch das ganze Jahr behalten, schlanke Pappeln, mächtige Buchen und rebenumrankte Maulbeerbäume säumen seine Ufer ein und zwischen dem dunkeln Laube schimmern die weissen Dächer der Mühlen hinaus in die Ferne.
Unter einer dalmatischen Mühle möge man sich nur ja nicht das mächtige Getriebe von Räderwerk und Hebeln vorstellen, aus denen in civilisirten Ländern eine Mühle zu bestehen pflegt. Die Dalmatiner sind eben ein genügsames Volk und ihre Mühlen stehen womöglich noch ein wenig weiter zurück in der Cultur als die Eingebornen selbst. Das Getreide oder der Mais wird dort auf einem Esel in die Mühle geschleppt, schlecht und recht gemahlen und auf demselben Esel wieder nach Hause befördert. Eine Absonderung des Mehles von der Kleie kommt da nicht vor, das muss Jeder zu Hause selbst vornehmen, wenn er es nicht vorzieht die Kleie mit dem Mehl zu verzehren. Der Müller bekommt einenTheil des Getreides als Mahllohn, dort »minella« genannt, betrügt dabei so viel als möglich und so sind beide Theile zufrieden. – – –
Ein Ereigniss gehört in Spalato nicht zu den häufig vorkommenden Dingen, desto grösser aber ist die allgemeine Erregtheit, wenn je einmal das tägliche Einerlei durch irgend Etwas eine angenehme Abwechslung erfährt. In Salona hatte man einen Fund gemacht. Ein Bauer hatte ausserhalb der mächtigen Umfassungsmauern von Salona die Wurzeln eines alten Weinstockes ausgraben wollen und war dabei auf etwas Hartes gestossen. Er grub weiter und fand einen Marmor, der aber zu gross und zu schwer war, als dass er ihn hätte herausheben können. Bei weiterem Nachsuchen zeigte es sich, dass es der Deckel eines Sarkophages war, und dass ein stämmiger Oelbaum, der gerade über demselben seine immergrünen Zweige mit den Reben des abgestorbenen Weinstockes verflochten hatte, die weitere Bloslegung des Sarkophages hinderte. Da schüttete der Bauer die Grube wieder zu, umseinemOelbaume nicht zu schaden und der Sarkophag hätte ruhig ein weiteres Jahrtausend ruhen können, wenn nicht der Bauer zufällig einen Process gehabt hätte und in die Gelegenheit gekommen wäre mit einem Advocaten in Spalato zu verkehren.
Wie Bauern schon sind, die niemals einen Gegenstand besprechen können, ohne bei dieser Gelegenheit von Allem und Jedem, von ihrem Vieh und Acker, vom Hause und vom Urgrossvater zu schwatzen, so kam auch dieser auf den Deckel zu sprechen, den er unter dem Oelbaume bemerkt hatte. Der Advocat veranlasste ihn, abermals den Deckel und ein Stückchen des darunter liegenden Sarkophages bloszulegen und kaufte dann Deckel und Sarkophag um fünfzig Gulden. Weil aber beide viel zu massig waren, um so leicht gehoben werden zu können, so blieben sie bis auf Weiteres an ihrem Fundorte, halb von Erde bedeckt unter den Wurzeln des Baumes.
Einige Jahre darauf – es war im Jahre 1871 – war der Professor des Obergymnasiums in Spalato, Glavinic, ein lieber Freund, den bei dieser Gelegenheit herzlich zu grüssen mir gestattet sei, Custos des in Spalato bestehenden Museums für Alterthümer. Als nun der Professor für Archäologie an der Wiener Universität, Herr Contze, auf einer Ferienreise in Spalato eintraf, führte ihn Professor Glavinic unter Anderm auch zu dem erwähnten Oelbaume bei Salona. Professor Contze sah nur den wuchtigen Deckel und den Kopf einer der Figuren, die an der Vorderseite des Sarkophages in erhabener Arbeit ausgeführt sind, und erklärte auf den erstenBlick den Letzteren für den Kopf einer Phaedra. Bei seiner Rückkunft nach Wien veranlasste derselbe, dass die Regierung den Sarkophag ankaufte; derselbe wurde durch Artilleriemannschaft mit Hilfe von Hebzeugen gehoben, auf einen starken Karren gepackt und in das Museum nach Spalato überführt. Dort steht er jetzt noch und wer von meinen Lesern einmal das freundliche Spalato besuchen will, kann ihn dort sehen.
Es ist des alten Euripides berühmte Tragödie Hippolytos und Phaedra, die auf der Vorderseite des aus einem Stücke parischen Marmors gehauenen riesigen Sarkophages dargestellt ist. Zur Linken des Beschauers ruht Phaedra von dem durch Zeltwände angedeuteten Frauengemache, während ihre Mägde beschäftigt sind, sie ihres königlichen Schmuckes, des Diadems zu entkleiden. Zur Rechten sitzt Theseus, der beleidigte Vater, im ernsten Gespräche mit seinen Freunden, von denen einer bemüht zu sein scheint, den schrecklichen Verdacht zu zerstreuen, den er dem unschuldigen blühenden Sohn gegenüber Raum gegeben. In der Mitte steht Hippolytos, völlig nackt, mit dem Speer in der Faust, zur Jagd gerüstet, in ätherischer Schönheit – zu seiner Seite das Ross, von den Göttern zum Werkzeuge seines Unterganges bestimmt, indem es ihn über die Klippen zu Tode schleifen sollte. In der einen Hand hält Hippolytos die Rolle, den Befehl des erzürnten Königs und Vaters, der ihn in die Verbannung schickt. Ein Cupido zu den Füssen Phaedra's und die alte Amme zur Seite des Hippolytos, die nach Ammenart als Kupplerin gedient, vervollständigen die Gruppe. Als der Sarkophag, von sechs Ochsen gezogen und mit grünem Reisig geschmückt, seinen Einzug in Spalato hielt, da war Alles auf den Beinen, um ihn anzustaunen und man konnte da aus der Menge des umstehenden Volkes die sonderbarsten Erklärungen über die figurenreiche Gruppe hören, die an seiner Vorderseite prangt.
Aber eine ganz eigenthümliche Anschauung sollte sich über den antiken Fund und seine Bedeutung noch im Volke verbreiten. Zur selben Zeit, als man in den Räumen desaltenSalona den Sarkophag hob und ihn nach Spalato überführte, starb in demDorfeSalona ein Müller. Weib und Kinder blieben natürlich im Besitze der Mühle und nichts hätte Anlass gegeben des Müllers Tod mit der Hebung des Sarkophages in Verbindung zu bringen, wenn nicht unmittelbar in der Nähe der Mühle eine neu auftretende oder erst jetzt bemerkte Erscheinung die Aufmerksamkeit der Leute erregt hätte.
Der Graben, in welchem das Wasser des Flusses Jadro der erwähnten Mühle zugeleitet wird, verengt sich plötzlich unmittelbar vor der Mühle und stürzt durch drei jäh abfallende Rinnen auf die Mühlräder. In einer dieser Rinnen zeigte sich nun von Zeit zu Zeit, nämlich in Zwischenräumen von einigen Minuten ein silberheller Streifen, der am Boden der hölzernen Rinne sich fortbewegend eine entfernte Aehnlichkeit mit einer Schlange hatte, die gegen den Strom des Wassers schwamm. Dann verschwand die Erscheinung, um nach Kurzem sich wieder zu zeigen. Nun ist es ein Erfahrungssatz, dass die Leute, je weniger Geist sie haben, destomehr das Bedürfniss fühlen, sich mit Geistern zu beschäftigen, daher denn auch binnen wenigen Tagen ganz Spalato, oder wenigstens ein guter Theil desselben, sowie sämmtliche Bauern in der Runde von dem »Geiste des Müllers« sprachen, der sich bei der Mühlenschleusse zeige. Auchwarumder Geist sich zeige, war bald kein Geheimniss mehr, – mir wurde es durch eine »Contessa« enthüllt.
Dass die Blüthe der alten Stadt Salona mit der Verbreitung des Christenthums in Dalmatien so ziemlich zusammen falle, davon haben Alle in jenen Gegenden eine, wenn auch nur sehr unbestimmte Ahnung. Die Meisten jedoch, – und dazu gehören nicht nur sämmtliche Bauern, sondern auch das weitverbreitete Geschlecht der Vettern und Frau Basen in Spalato, – zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sämmtliche Särge, deren man bei Salona eine grosse Menge unter der angeschütteten Erde fand und noch findet,die Särge von Heiligen seien. Nun war der Zusammenhang zwischen dem verstorbenen Müller, dem marmornen Sarkophage und der glänzenden Erscheinung im Mühlbache bald hergestellt. Die arme Seele des Müllers fand keine Ruhe und musste so lange als Schlange im Mühlbach Allotria treiben, bis der Sarg des »Heiligen«, der bei Salona gehoben, wieder an seine alte Stelle zurückgebracht sei. Die Müllerin war stolz auf den Zulauf, den ihre Mühle von den Neugierigen erfuhr, stolz auf den offenbar regen Zusammenhang zwischen ihrem verstorbenen Manne und dem unbekannten Heiligen. Die Einwohner des Dorfes Salona waren nicht minder stolz auf die mittelbar ihnen selbst wiederfahrene Ehre, dass so ein uralter Heiliger sich um ihren jüngstverschiedenen Mitbürger und Landsmann in so augenfälliger Weise kümmere und wer weiss ob nicht eine Massendeputation der guten Salonitaner die Rückverführung des Sarkophages an seine alte Stelle in mehr oder wenigerturbulenter Weise verlangt hätte, wenn nicht – das Wunder eines schönen Tages aufgehört hätte. Der Müllerbursche schlug ein neues Brett an Stelle eines schadhaft gewordenen in das Rinnsal des Mühlbaches und von diesem Augenblicke an war der Geist des Müllers verschwunden.
Ich selbst war seinerzeit eigens von Spalato nach Salona gepilgert, um das Wunder mitanzusehen und erlaubte mir gegenüber einem jungen Spalatiner Aristokraten, der mich begleitete, die schüchterne Bemerkung, dass die »silberne Schlange« wahrscheinlich aus Luft bestehe, die, von dem rasch strömenden Wasser mitgerissen, die Reflexerscheinung bildete. Mein Begleiter zuckte aber die Achseln und erklärte mit höchst verächtlicher Miene und offenbar im Bewusstsein seiner besseren Einsicht gegenüber einem »deutschen Barbaren«, dass er die Erscheinung für eine »Quecksilberquelle« halte. Dabei liess ich ihn.
Der Sarkophag aber mit dem beleidigten Theseus, der lüsternen Phaedra und dem schönen armen Hippolytos, er ruht nun in dem langen Saale des Museums von Spalato, – zu seinen Füssen steht eine schöne Statue der siegreichen Venus, welche dem Amor lächelnd den gefüllten Köcher reicht. Oft und oft standen wir, mein Freund Glavinic und ich, in Anschauung der Kunstwerke einer längstentschwundenen Zeit versunken vor den schönen, marmornen, lebensgrossen Gebilden, aber wir konnten uns nie zu der Ansicht eines Spassvogels bekehren, der in unserem Bunde der Dritte, uns immer versichern wollte, die siegreiche marmorne Venus steige des Nachts regelmässig von ihrem Piedestale herab, um mit dem armen Hippolytos einen schauderhaften Cancan zu tanzen.