Chapter 10

Im Anschluß an einen Aufenthalt in Territet habenBaeyerund ich 1892 an dem internationalen Kongreß der Chemiker zur Reform der Nomenklatur der Kohlenstoffverbindungen in Genf teilgenommen. Er unterschied sich in vorteilhafter Weise von den lärmenden und verwirrenden internationalen Zusammenkünften wissenschaftlicher oder technischer Art, die in den letzten 20 Jahren stattfanden und die ich, wenn irgend möglich, vermieden habe. Der in Genf versammelte bestand aus etwa 60 Personen, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren und die wie eine große Familie mehrere Tage zusammen verlebten. Auch mehrere Damen, u. a. auch meine eigene Frau nahmen an den bescheidenen, aber behaglichen, geselligen Veranstaltungen teil.

An der Spitze des Kongresses standCharles Friedelaus Paris, ein geborener Elsässer und ein sehr sympathischer Mann; ich kannte ihn schon von einem früheren Besuch in Paris. Er begrüßte mich mit der ruhigen Freundlichkeit, die seinem Wesen eigen war. Wir haben uns lange unterhalten, weil ich ihm viel von seiner Vaterstadt Straßburg erzählen konnte, wobei er bis zu Tränen gerührt die Abtrennung seiner Heimat von Frankreich beklagte.

Auch die meisten anderen europäischen Länder waren vertreten. Eine Hauptrolle bei den Verhandlungen spielteAdolf Baeyer, der ebenfalls sich mit Nomenklaturfragen schon vielfach beschäftigt hatte und durchweg mit seinen Vorschlägen durchdrang. Über die Einzelheiten zu berichten, habe ich um so weniger Veranlassung, als die Verhandlungen ziemlich ausführlich in den chemischen Zeitschriften geschildert sind.

Von dem Ergebnis des chemischen Kongresses ist manches geblieben und wohl dauerndes Eigentum der chemischen Sprache geworden. Aberdie konsequente Durchführung einer rationellen Nomenklatur nach der chemischen Konstitution hat sich doch als unmöglich erwiesen, da sie schließlich zu Namen führte, die wegen ihrer Länge unbrauchbar sind. Auch das, was man vorzugsweise ins Auge gefaßt hatte, die Registrierung der Kohlenstoffverbindungen mit Hilfe solcher Namen, ist, wie man weiß, inzwischen abgelöst worden durch die praktische einfachere Registrierung nach der empirischen Formel, wie sie vonM. M. Richterzuerst angewandt wurde. Aber auch hier wächst die Zahl der unter gleicher Formel aufgeführten Isomeren mit erschreckender Schnelligkeit, und schon muß man daran denken, neben der empirischen Formel noch ein zweites Registrierungsmittel zu finden, um die Aufsuchung der einzelnen Stoffe zu erleichtern.

Die Tage des Genfer Kongresses werden trotzdem allen Teilnehmern in bester Erinnerung geblieben sein; denn er war in seinem harmonischen Verlauf und dem behaglichen Verkehr seiner Mitglieder ein würdiges Abbild der gemeinsamen Interessen, welche die Vertreter der Wissenschaft in allen Ländern miteinander verbinden sollte. Nach den traurigen Erfahrungen des Weltkrieges rufe ich mir diese besseren Zeiten gerne ins Gedächtnis zurück und hoffe, daß mit der Rückkehr des Friedens auch die Vernunft und das Gefühl der Solidarität bei den Gelehrten und ganz besonders bei den Naturforschern zurückkehren wird.

Während der Würzburger Periode bin ich in den Herbstferien meist nach einem Seebad in Belgien oder Holland und später nach Norderney gegangen. An einer solchen Badereise nach Scheveningen 1889 nahm auch meine Frau teil, und wir haben dort mitArthur Diltheyund seiner Frau mehrere vergnügte Wochen zugebracht und hinterher die größeren holländischen Städte besucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch meiner Frau Euskirchen und Umgebung gezeigt und sie unserer zahlreichen Familie am Niederrhein vorgestellt. Gewöhnlich aber ging sie in den Herbstferien mit den Kindern nach Ambach am Starnberger See zu ihren Eltern.

Zu der Jagd in Euskirchen, der ich früher so viel Erfrischung verdankte, bin ich seit meiner Erkrankung in Erlangen nicht mehr gekommen, weil ich mich nicht neuen Erkältungen aussetzen wollte. Statt dessen habe ich im September wiederholt die Naturforscherversammlung besucht, während der Würzburger Zeit diejenige zu Berlin 1886 und Heidelberg 1889. Letztere stand im Zeichen der Physik und Chemie; dennHeinrich HertzundVictor Meyerhielten die beiden Hauptvorträge, der erste über seine große Entdeckung der elektrischen Wellen und der andere über allgemeine Probleme der Chemie.

AuchH. von HelmholtzundWerner von Siemenskamen in Gesellschaft vonEdison, der gerade den Phonographen erfunden hatteund dieses merkwürdige Instrument durch einen Gehilfen vorführen ließ. Ferner habe ich hier den PhysikerBolzmannaus Wien zuerst sprechen hören. Er hatte die merkwürdige Gewohnheit, jeden Satz in der höchsten Stimmlage zu beginnen und im tiefsten Bariton zu beenden. Das war so anstrengend, daß ihm schon nach einigen Minuten der Schweiß über das Gesicht rann, und wir Zuhörer hatten trotz der großen Achtung vor dem Redner Mühe, unsere Heiterkeit zu verbergen.

Bunsenwar nicht anwesend. Wahrscheinlich hatte er noch genug von den Strapazen der 500-jährigen Jubelfeier der Universität Heidelberg, die einige Jahre zuvor im August 1886 stattgefunden und an der ich auch teilgenommen hatte.

In Gesellschaft vonBaeyermachte ich damals meinen ersten Besuch beiBunsen, der uns sehr freundlich und mit Bergen von Zigarren empfing, aber in der Unterhaltung wohl wegen seiner Schwerhörigkeit zurückhaltend war. Wir trafen dort SirHenry Roscoe, der von England herübergeeilt war, um seinem alten Lehrer und FreundeBunsendie Repräsentation während dieser Festtage zu erleichtern.Roscoewar ein sehr liebenswürdiger Mann, der sich uns jungen Fachgenossen schnell anzupassen wußte und uns durch die Erzählung von Schnurren aus seiner Heidelberger Studienzeit oder von seinen Erlebnissen in England viel Spaß machte. Ich habe ihn noch mehrmals in England selbst wiedergesehen und er hat mir auch einige sehr freundlich gehaltene Briefe geschickt.

Natürlich fehlte es damals in Heidelberg nicht an den üblichen Festen auf dem alten Schloß, an einem gewaltigen Kommers, dem der Großherzog in eigener Person präsidierte, und ähnlichen akademischen Veranstaltungen.

Die Naturforscherversammlung in Berlin vom Jahre 1886, die erste in der neuen Reichshauptstadt, war außerordentlich stark besucht. Sie trug einen anderen Charakter wie in Heidelberg, verlief aber für uns Chemiker auch sehr interessant; denn die Verhandlungen in unserer Sektion waren reich an wissenschaftlichem Inhalt und die einheimischen Mitglieder der chemischen Gesellschaft gaben sich alle Mühe, durch behaglichen geselligen Verkehr und Veranstaltungen von lustigen Festen, z. B. einem Bierabend der durstigen chemischen Gesellschaft unter dem Vorsitz vonC. Scheibler, den auswärtigen Fachgenossen den Aufenthalt in Berlin zu verschönern. Hier habe ichA. W. von Hofmannvon neuem kennen gelernt und seine große Gewandtheit in geschäftlichen und repräsentativen Dingen bewundert.

Die chemische Gesellschaft hatte bei dieser Gelegenheit eine Ausstellung von wissenschaftlichen Präparaten veranstaltet, zu der ich neben anderen Dingen die frisch bereiteten synthetischen Indole beisteuerte.Darunter befand sich eine stattliche Menge von ganz reinem Skatol, und der Entdecker dieses Stoffes, ProfessorBrieger, war sehr befriedigt, daß auch mein Präparat den von ihm geschilderten üblen Geruch besaß; dennA. von Baeyerhatte einige Zeit vorher mitgeteilt, daß reines Skatol nicht unangenehm rieche. Er war offenbar der nicht seltenen Täuschung zum Opfer gefallen, die durch die ganz verschiedene Wirkung von Riechstoffen in konzentrierter oder verdünnter Form auf das Geruchsorgan entstehen kann.

Im Anfang des Jahres 1890 konnte ich in den Berichten der chemischen Gesellschaft die Synthese der Mannose und Lävulose mitteilen. Die Folge davon war eine Einladung des Vorstandes, einen zusammenfassenden Vortrag über die Kohlenhydrate in Berlin zu halten. Dieser fand statt am 23. Juli 1890, und ich konnte, unterstützt von meinem Mitarbeiter Dr.J. Tafel, die wichtigsten Phasen der Untersuchung durch Experimente illustrieren. Es war das erste Mal, daß ich in der chemischen Gesellschaft sprach, und als Dank dafür erntete ich von Seiten des Vorsitzenden, HerrnA. W. von Hofmann, einige sehr freundliche Worte der Anerkennung. Hinterher fand dann, wie es Sitte war und auch geblieben ist, ein in einfachen Formen gehaltenes Abendessen zu Ehren des Vortragenden statt.

Als ich nach Würzburg zurückkehrte und meine Frau, die neugierig auf den Verlauf des Vortrages war, mich danach fragte, habe ich mir eine kleine Neckerei erlaubt und ihr gesagt, die Leute hätten bei den Hauptstellen der Rede »Au« gerufen. Darauf gewaltige Entrüstung und Vorwürfe gegen die unhöflichen Preußen, wozu sie sich als Bayerin völlig berechtigt fühlte; denn auch mich selbst hat sie zuweilen im Zorn als Preußen tituliert. Ich habe sie allerdings hinterher über den Scherz aufgeklärt, aber die gute Laune war doch verdorben.

Die erste Synthese der natürlichen Zucker hat mir auch die erste öffentliche Anerkennung von Seiten des Auslandes eingetragen; denn ich erhielt bald nachher von der Chemical Society zu London die Davy-Medaille und wurde von der wissenschaftlichen Gesellschaft zu Upsala zum korrespondierenden Mitglied gewählt.

Obschon Würzburg nicht an gerade der großen Heerstraße lag, so ist mir doch mancher liebe Besuch von Fachgenossen dort zuteil geworden; so kamEduard Hjelteines Tages als früherer Studierender der Universität, späterVictor Meyer, dannOtto N. Witt,H. W. Perkinjun. und mancher andere. Am meisten überraschte michErnst Haeckelaus Jena, der früh morgens mit der Reisetasche und in aller Eile erschien, um sich nachLudwig Knorrzu erkundigen. Aus der kurzen, aber sehr lebhaften Unterhaltung ist mir ein AusspruchHaeckelsim Gedächtnis geblieben: »Wenn Ihr Chemiker synthetischdas richtige Eiweiß macht, dann krabbelt's.«Knorrerhielt einige Monate später in der Tat einen Ruf nach Jena und ist im Herbst 1889 dahin übergesiedelt. Es sind jetzt nahezu 30 Jahre, daß er ein angesehenes Mitglied der Thüringer Hochschule bildet.

Die sonderbarsten Besuche erhielt ich aus Amerika. Eines Tages erschien ein Professor der Physiologie, der von einem reichen Mann Geld erhalten hatte, um eine Universität in Worcester U. S. A. zu gründen. Er hatte die romantische Idee, ein ganzes Schiff mit europäischen Professoren, Assistenten, Instrumenten, Präparaten und ähnlichen Dingen zu beladen und mit diesem Apparat dann seine Universität auszustatten. Die Unterhaltung mit mir eröffnete er mit der Frage: »Wollen Sie mit mir als Professor nach Amerika gehen?«, worüber ich so überrascht war, daß ich das Ganze für einen Scherz hielt, bis er sein ausführliches Programm entwickelte. Er war übrigens ein gebildeter und weitgereister Mann, der viel Interessantes zu erzählen wußte.

Bald nachher erschien eine amerikanische Dame, die sich als MissHelene Abottund Fachgenossin vorstellte. Zu ihrem besonderen Schutze hatte sie sich ein zweites weibliches Wesen mitgebracht, das sich bei näherer Besichtigung als eine Negerin entpuppte. Sie erklärte in Würzburg wissenschaftlich arbeiten zu wollen und war erstaunt, daß Frauen noch nicht zu den Vorlesungen zugelassen seien. Ich habe ihr dann das Laboratorium gezeigt und sie den jüngeren Herren,Knorr,Wislicenus,Tafelvorgestellt. Sie machte ganz verständige Bemerkungen und zeigte, daß sie keine schlechten theoretischen Kenntnisse besaß. Nach ihrem Weggang wurde Kriegsrat gehalten, ob wir ihr vom Senat der Universität den Zutritt in das Laboratorium erwirken sollten. Einzelne waren mit Begeisterung dafür, aber die bedächtigen Elemente konnten die Befürchtung nicht unterdrücken, daß sie in dem bis dahin so gut harmonierenden Kreise leicht Verwirrung anrichten könne. Entsprechend dem Majoritätsbeschluß habe ich ihr dann abgeschrieben und erhielt darauf von ihr eine zwar höfliche, aber ziemlich energisch gehaltene Antwort, worin sie die Rückständigkeit Deutschlands in bezug auf das Frauenstudium rügte. Sie ist später die Gattin vonArthur Michaelgeworden, aber sie sind, soweit ich unterrichtet bin, nach einiger Zeit wieder auseinander gegangen.

Im Frühjahr 1892 mußte ich wegen eines Anfalls von Influenza einige Tage zu Bett liegen und meine Frau las mir gerade aus den eben erschienenen Berichten der chemischen Gesellschaft den Nekrolog vonPeter Griesvor, von dem ich selbst den wissenschaftlichen Teil geschrieben hatte. Aber viel interessanter war der persönliche Teil vonA. W. von Hofmannverfaßt und mit köstlichem Humor gewürzt. Wir haben darüber gerade herzlich gelacht, als ein Telegramm vonTiemanneinlief, das den plötzlichen Tod vonHofmannmeldete. Ich konnte wegen meiner Krankheit nicht zur Beerdigung hingehen, was ich um so mehr bedauerte, da ich dem Vorstand der chemischen Gesellschaft angehörte und vonHofmannbei meinem letzten Besuch in Berlin so freundlich empfangen worden war.

Mein Gesundheitszustand war damals nicht befriedigend. Wie sich hinterher herausstellte, war ich das Opfer einer chronischen Vergiftung durch Phenylhydrazin geworden. Während manche meiner Mitarbeiter und auch einige Diener sehr empfindlich gegen die Base waren, und darauf mit nervösen Beschwerden oder mit starken Anschwellungen von Hand und Arm reagierten, schien ich sehr widerstandsfähig gegen das Gift zu sein; denn seine schädliche Wirkung hatte sich bis 1891 auf ein Ekzem der Finger und inneren Handflächen beschränkt. Um so schlimmer gestaltete sich die chronische Vergiftung, die im Herbst 1891 auftrat und in sehr lästigen Störungen der Darmtätigkeit, namentlich in nächtlichen Koliken und Durchfällen sich äußerte. Die Krankheit erreichte im Winter 1891/92 ihren Höhepunkt und spottete aller normalen ärztlichen Behandlung. Erst die Anwendung von Prießnitzumschlägen brachte mir Erleichterung und den lang entbehrten Schlaf zurück. Die Vergiftung ist zum Teil durch Dämpfe, aber wie ich später feststellen konnte, noch viel mehr durch die Haut, d. h. von den Händen aus, zustande gekommen. Ich habe darunter viele Jahre gelitten und schließlich hat sich eine Idiosynkrasie gegen Phenylhydrazin und ähnliche Stoffe herausgebildet. Es war die zweite Schädigung, die von meinem Beruf kam, und ich wäre ihr wahrscheinlich erlegen, wenn nicht die Ursache erkannt worden wäre und ich dann die Berührung mit der schädlichen Base möglichst vermieden hätte. Die Vergiftung hatte natürlich auch recht schlecht auf mein Nervensystem eingewirkt und der Aufenthalt in der Dienstwohnung des Würzburger Instituts, die fortwährend mit der Laboratoriumsatmosphäre erfüllt und außerdem ungewöhnlich heiß war, wurde mir im Sommer 1892 so unangenehm, daß ich meinen Haushalt in ein gemietetes Landhaus vor der Stadt mit großem Garten verlegte.

Hier erschien an einem schönen Junitag plötzlich GeheimratFriedrich Althoffvom Kultusministerium in Berlin. In scheinbar ganz naiver Form erzählte er mir, er habe einen zufälligen Aufenthalt in Würzburg nur benutzen wollen, unsere Bekanntschaft von der Berliner Naturforscherversammlung zu erneuern. Er sprach sich sehr erfreut über die einfache süddeutsche Lebensweise aus, über die Bescheidenheit der Professoren hierzulande, kam dann auf die Berliner Verhältnisse, das dortige chemische Institut und die Absicht des Kultusministers, für die Pflege der Chemie in Preußen möglichst viel zu tun. Es würdeihn interessieren, auch meine Ansicht darüber zu hören, worauf ich ihm freimütig erklärte, daß das vonHofmannerbaute Institut den Bedürfnissen der Gegenwart keineswegs mehr genüge. Erst zum Schluß stellte er an mich die Frage, ob ich den nötigen Neubau als Nachfolger vonHofmannnicht selbst besorgen wolle. Die Fakultät habe mich nebenKékuléundBaeyervorgeschlagen, aber den Wunsch ausgesprochen, daß mit Rücksicht auf das hohe Alter der beiden Erstgenannten ich tatsächlich berufen würde. Über das Angebot, das an und für sich ja recht ehrenvoll war und auch in so entgegenkommender Form gemacht wurde, war ich selbst keineswegs erfreut; denn nun stand ich vor der Notwendigkeit, zwischen Würzburg, wo ich mich so glücklich fühlte, und Berlin, wovor mir graute, zu entscheiden.

Mein Entschluß wäre rasch gefaßt gewesen und zugunsten von Würzburg ausgefallen, wenn ich allein gestanden hätte und nur meinem Gefühl gefolgt wäre. Aber meine Frau war ehrgeiziger und ich mußteAlthoffwenigstens das Versprechen geben, nach Berlin zu kommen, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Das geschah auch 8 Tage später. Im Ministerium zu Berlin war man in jeder Beziehung entgegenkommend. Der Minister ExzellenzBosseempfing mich wegen Zeitmangel Sonntags morgens um 8 Uhr, um mir zu versichern, daß er alles tun würde, meine Bedingungen, insbesondere auch den Neubau des Instituts zu erfüllen. Auch die Berliner Fachgenossen haben mir stark zugeredet, den Ruf anzunehmen. Dazu noch keineswegs entschlossen, fuhr ich nach München, wohin mich der dortige Minister eingeladen hatte. Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in der er mich zur Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst mußte ich 1½ Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete er, ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet, dort zu bleiben. Ich antwortete ihm, daß der Bau doch nicht mir persönlich bewilligt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja aufgeben, da er noch garnicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München etwas verstimmt nach Würzburg zurück. Inzwischen war dort mein alter Vater eingetroffen, der von dem Berliner Ruf gehört und sich sofort aufgemacht hatte, um mir zuzureden, ein so gutes Geschäft nicht leichtfertigerweise auszuschlagen. Zum zweiten Mal würde mir die Stelle in Berlin nicht mehr angeboten. Andererseits könne ich ja, wenn es mir dort nicht gefiele, jederzeit wieder wechseln.

Die Vorzüge Berlins konnte auch ich mir nicht verhehlen. Das rege wissenschaftliche Leben der Reichshauptstadt und die in Aussicht gestellten großen Mittel, die Möglichkeit, einen größeren Kreis von Schülern um mich zu versammeln, hatte in der Tat für einen Mann in meinem Lebensalter (ich war noch nicht 40 Jahre alt) viel Verlockendes.So kam ich denn nach 8-tägigem Schwanken zu dem Entschluß, meine persönliche Neigung beiseite zu setzen und den Ruf anzunehmen. Ich bin dann zum zweiten Mal und zwar in Begleitung meiner Frau nach Berlin gefahren, um eine Wohnung zu mieten, da die Dienstwohnung von Frauvon Hofmannnoch bis zum Mai 1893 besetzt war, und um im Institut eine Reihe von kleinen baulichen Änderungen zu vereinbaren, die in den Herbstferien getroffen werden sollten.

Nachdem ich nunmehr fest gebunden war, redeten schon einige Kollegen offener über die Berliner Zustände, und mein alter LehrerKundtüberraschte mich mit der Bemerkung: »NaFischer, Sie werden sich wundern über den Pack Arbeit, den man hier einem Professor aufladet.« Als ich darauf etwas erschrocken an ihn die Frage richtete, warum er mir das nicht vor 14 Tagen gesagt hätte, als ich ihn im Vertrauen auf die alte Freundschaft um Aufklärung über die Berliner Zustände gebeten hatte, erwiderte er lachend: »Ja, dann wären Sie nicht gekommen.«

Bei diesem letzten Aufenthalt genoß ich auch die erste Probe von dem geselligen Verkehr im Berliner Gelehrtenkreise; denn Frauvon Helmholtzhatte Kunde von unserem beabsichtigten Besuch in Berlin erhalten und telegraphisch meine Frau und mich zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Diese fand statt in der prächtigen Dienstwohnung der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg, und wir trafen dort einen interessanten Kreis von Leuten, darunter auch den altenWerner von Siemens, mit dem ich mich lange über technisch-elektrochemische Probleme unterhielt, und der hinterher meine Frau durch besondere Liebenswürdigkeit auszeichnete. Hier mußte ich meine erste Berliner Tischrede halten als Antwort auf einige Worte der Begrüßung, dieHelmholtzan meine Frau und mich richtete. Ausgehend von demKeppler'schen Gesetz der Planetenbewegung und ihrem Einfluß auf die Entwicklung der Physik konnte ich ein astronomisches Abbild der Gesellschaft entwickeln, in dessen Mittelpunkt Frauvon Helmholtzals Sonne kam. Scheinbar habe ich dadurch ihre Gunst gewonnen; denn sie ist mir später immer in sehr freundlicher Weise entgegengekommen.

Bei der Abreise von Berlin war ich in sehr gedrückter Stimmung, hervorgerufen durch den schlechten Zustand des chemischen Instituts und durch manche überraschende Auskunft über die Verpflichtungen, die den Nachfolger vonHofmannerwarteten. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, mein Wort zu brechen, so würde ich auf dieser Rückfahrt telegraphisch bei dem Kultusministerium in Berlin meine Zusage widerrufen haben. Aber dazu war es jetzt zu spät, besonders auch,weil ich das Gefühl hatte, daß man im Ministerium zu München über meine Annahme des Berliner Rufes verschnupft war.

Mein Vater war inzwischen von Würzburg wieder abgereist, ganz befriedigt von dem Erfolge seiner Überredungskunst. Für ihn selbst war eine Veränderung des Wohnsitzes eine Kleinigkeit; denn er hatte sich ja gerade zu der Zeit entschlossen, Euskirchen nach 56-jährigem Aufenthalt zu verlassen und nach Straßburg i. Els. überzusiedeln.

Für mich begann nun eine unbehagliche Zeit, die Vorbereitungen des Umzuges nach Berlin; denn ein Professor der Chemie wandert nicht nur mit seiner Gelehrsamkeit und den Büchern, sondern auch mit Präparaten, Apparaten und Assistenten. Als letztere folgten mir Dr.Oscar Piloty, der früher erwähnte Däne Dr.Foghund Dr.Lorenz Ach. Wislicenuswar inzwischen außerordentlicher Professor geworden und als solcher in Würzburg gebunden. Auch fürJulius Tafel, den ich gerne mitgenommen hätte, konnte in Berlin keine passende Stellung geschaffen werden. Dagegen war es mir lieb, den DienerJ. Wetzel, der sich später durch einige zweckmäßige Glasapparate bekannt gemacht hat, als Präparator nach Berlin verpflanzen zu können. Mit dem Umzug des Haushalts hatte ich nichts zu tun, weil meine Frau ihn als ihr Recht und ihre Pflicht in Anspruch nahm.

Der Abschied von der lieben Stadt Würzburg, den Kollegen und Studenten war herzlich aber kurz. Die beiden Kinder kamen zu den Großeltern an den Starnberger See und ich selbst zog mit meiner Frau und einer Köchin in ein kleines, allerliebstes Holzhaus, 10 Minuten von Berchtesgaden am Untersberg in prächtiger Umgebung gelegen. Hier haben wir wie auf der Hochzeitsreise ganz für uns gelebt und bei herrlichem Wetter 6 Wochen zugebracht. Es war die richtige Vorbereitung für die kommende Berliner Periode. Zwar hatte mir die deutsche chemische Gesellschaft für die Feier ihres 25-jährigen Bestehens im November d. J. die Gedächtnisrede aufA. W. von Hofmannübertragen. Aber es kam mir bald zum Bewußtsein, daßF. Tiemannals Freund und Schüler des Verstorbenen viel mehr für diese Aufgabe berufen und auch gerne bereit sei, sie zu übernehmen. Nach Vereinbarung mit dem Vorstande der Gesellschaft haben wir deshalb getauscht, und die Entbindung von der Rede war, offen gestanden, für mich eine angenehme Erleichterung.


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