Gymnasialzeit.
Begleitet von meinem Vater fuhren VetterErnstund ich anfangs Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des Gymnasiums anmeldete.Ernstwurde auf Grund seines Abgangszeugnisses von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr sogar Primus der Untersekunda.
Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der MathematikerElstermann. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe, mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen, geradezu mit Leidenschaft betrieb.
Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen: »Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.
Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe,genoß wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester seine Gunst, weil er mit dem VetterErnstin der Prima Differenzen gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß, daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das Geheimnis blieb gewahrt.
Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug. Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.
VetterErnstund ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer. Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig-Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle. Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.
Die Kontrolle unserer Lebensweise von seiten der Schule war nicht allzu streng. Man besuchte sich gegenseitig auf den sogen. »Buden« und unser Haus bildete von je her einen beliebten Versammlungsort. Leider war die Mehrzahl der Mitschüler, mit denen ich verkehren mußte, erheblich älter als ich; denn es befanden sich darunter viele Bauernsöhne, die erst im reiferen Alter zum Studieren bestimmt worden waren. Einer davon, der noch in unserer Klasse saß, zählte schon 21 Jahre. Die Gewohnheiten dieser jungen Männer waren natürlich anders, alssie für einen Knaben von 13 Jahren paßten. Ihre Gesellschaft war deshalb nicht gerade vorteilhaft für mich. Man bemühte sich, mir möglichst bald das Tabakrauchen, Biertrinken und Skatspielen beizubringen und die übliche Unterhaltung war auch in der Regel auf einen rohen und unanständigen Ton abgestimmt. Das alles ist gewiß nicht ohne Einfluß auf meine von Hause aus recht gute Gesundheit gewesen und ich fürchte, daß der Grund zu meiner späteren Magenkrankheit schon damals durch Unmäßigkeit im Rauchen und Trinken gelegt worden ist.
Glücklicherweise bot die Musik ein Gegengewicht gegen die so ungünstigen Einflüsse. VetterErnstwar musikalisch ungewöhnlich begabt und hatte eine Zeitlang sogar die Absicht, Musiker von Beruf zu werden. Auf dem Klavier war er für unsere Begriffe schon ein halber Virtuose, aber außerdem spielte er Geige, Violoncell und Flöte. Ich selbst war gegen ihn ein Stümper, hatte es aber durch fleißige Übung auf dem Klavier soweit gebracht, daß ich Sonaten von Haydn, Beethoven und Mozart usw. leidlich spielen konnte. Infolgedessen wurde ich vom VetterErnstauch beim Zusammenspiel zugelassen, und da sich noch einige Andere musikalische Mitschüler fanden, so haben wir häufig Trio und Quartett auf unserem Zimmer gespielt. Unsere Musik war so gut, daß manche Leute in der Nachbarschaft freudigen Anteil daran nahmen. Den Ansprüchen der Schule konnten VetterErnstund ich ohne große Mühe Genüge leisten. Eine für uns ganz erwünschte Unterbrechung erfuhr der Schulbetrieb im Sommer 1866 durch den Krieg Preußens mit Oesterreich und den Süddeutschen Staaten. Der preußische Kreis Wetzlar war damals ganz umgeben von feindlichen Staaten d. h. von Hessen-Darmstadt und Nassau.
Nachdem die preußischen Truppen ausgerückt waren, blieben wir infolge der Unterbrechung des Eisenbahn- und Postdienstes für mehrere Wochen ganz abgeschnitten, und dann kam noch ein viel wichtigeres Ereignis, die Invasion feindlicher Truppen. Es war, wenn ich nicht irre, eine Badische Division, die aus der Umgegend von Gießen in den Kreis einrückte. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, trieb uns die Neugier diesen feindlichen Kriegern entgegen, und ich selbst mit einigen Mitschülern genoß das Vergnügen, von einer Feldwache gefangengenommen zu werden. Wir wurden regelrecht verhört und dann wieder weggeschickt. Zu unserer ungewöhnlichen Freude ging es aber dem unbeliebten Religionslehrer des Gymnasiums viel schlechter. Er hatte sich ebenfalls die fremden Soldaten ansehen wollen, die aber gleich in ihm die Spionnatur, die wir Schüler so fürchteten, erkannten und ihn mehrere Tage festhielten. Einige Tage später rückten die Feinde auch in die Stadt Wetzlar ein und belegten die öffentlichen Gebäude,zu unserer Freude auch das Gymnasium. Wir hatten also etwa 8 Tage unerwartete Schulferien und dadurch Muße genug, uns mit den feindlichen Truppen zu beschäftigen.
Die Kriegführung war damals gemütlicher als heute. Die badischen Soldaten ließen sich zwar gut auf Kosten der Stadt verpflegen, betrugen sich aber sehr anständig, und das Verhältnis zwischen ihnen und den Bürgern der Stadt und namentlich uns Gymnasiasten war recht freundlich. Sie zogen wieder ab, weil inzwischen die preußischen Truppen durch kräftige Schläge bei Kissingen und am Main das Hauptheer der süddeutschen Staaten besiegt hatten. Die nächsten Soldaten, die in die Stadt einzogen, waren leider nur Verwundete, meist Preußen und Bayern, denen wir aufrichtige Teilnahme schenkten; dann kam auch alte preußische Landwehr, die in den benachbarten hessischen und nassauischen Dörfern als sogen. Fresskompagnie zur Beruhigung der etwa rebellischen Bevölkerung verteilt wurde. Durch die siegreichen Schlachten in Böhmen ging der Krieg bald zu Ende und der Schulunterricht wurde nun mit verdoppelter Strenge bis zu den Ferien wieder aufgenommen.
Die Herbstferien dieses Jahres wurden mir völlig verdorben durch die Konfirmation, die in Flamersheim stattfand; denn ich mußte in etwa 4 Wochen den ganzen Heidelberger Katechismus und eine Reihe von Kirchenliedern auswendig lernen, da ich vorher an dem Konfirmandenunterricht nicht teilnehmen konnte. Das gelang mir infolge meines guten Gedächtnisses, aber es trug nicht dazu bei, meinen kirchlichen Glauben, der schon vorher durch den Einfluß meiner älteren Mitschüler in Wetzlar, durch das Lesen des Lebens Jesu vonDavid Straußgrößtenteils verloren gegangen war, zu kräftigen. Tatsächlich bin ich als Freigeist, aber doch mit einem gewissen Gefühl der Beschämung an den Tisch des Herrn getreten, und ich habe den positiven Glauben, den ich in der frühen Jugend besaß, niemals wieder gewonnen. Dagegen bin ich in späteren Jahren wieder zu der Überzeugung gekommen, daß die Religion ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur ist und daß der christliche Glaube dem einzelnen Menschen großen sittlichen Wert und inneres Glück geben kann. Meine eigene Mutter und manche der katholischen Mitschüler oder Studiengenossen lieferten den Beweis dafür, und ich habe später in Berlin bei meinen eigenen Söhnen bedauert, daß der Einfluß der Großstadt und leider auch die Atmosphäre der Berliner Schulen der Pflege religiösen Gefühls so wenig günstig sind.
Ein zweites Jahr in Wetzlar verlief ohne politische Störung und brachte schließlich dem VetterErnstdas Zeugnis der Reife und mir die Versetzung nach Prima. Ich hatte aber inzwischen Wetzlar sattbekommen und verließ deshalb mit dem Vetter die Schule. Als Erinnerungen an den Wetzlarer Aufenthalt sind mir geblieben die landschaftlichen Schönheiten, die altertümliche Bauart der alten, an einem Bergabhang gelegenen Stadt und die zahlreichen, auch von uns mit Ehrfurcht gepflegten Goethe'schen Überlieferungen. Werthers Leiden war selbstverständlich ein viel gelesenes Buch, ohne daß wir aber von der krankhaften Stimmung des Helden beeinflußt worden wären. Mit den Schulkameraden aus dieser Zeit bin ich niemals wieder in Berührung gekommen und auch die Stadt habe ich nicht wieder gesehen.
In den Herbstferien, die ich gewöhnlich zu Hause verbrachte, wurde als Schule für mich zunächst das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Cöln in Aussicht genommen. Mein Vater machte auch die nötige Meldung bei dem Direktor, einem ProfessorJäger, der als Verfasser einer Weltgeschichte bekannt geworden ist, und der als ausgezeichneter Schulmann aus Württemberg nach Cöln berufen worden war. Die Schule war wegen der guten Leitung überfüllt. Trotzdem hatte mich der Direktor für die Prima vorgemerkt, weil er meinem Onkel, dem Chirurgen, für die Errettung seiner Frau aus schwerer Lebensgefahr sich zu besonderem Danke verpflichtet fühlte. Aber in der brieflichen Antwort, die er meinem Vater schickte, war meine Aufnahme nicht klar ausgesprochen und die Überfüllung der Schule so stark betont, daß wir das Gefühl der Ablehnung unseres Gesuches hatten.
30 Jahre später habe ich den Direktor auf der zweiten Schulkonferenz im Kultusministerium zu Berlin kennen gelernt. Dabei wurde das Mißverständnis über die vermeintliche Ablehnung meiner Anmeldung aufgeklärt, und der alte joviale Herr knüpfte daran die scherzende Bemerkung: »Was hätte aus Ihnen werden können, wenn Sie unter meinen Bakul gekommen wären«. Durch die Verhandlungen in Cöln war viel Zeit verloren gegangen. Das Schuljahr hatte schon begonnen und ich mußte nun schleunigst sehen, anderswo unterzukommen. Die Wahl fiel auf das Gymnasium zu Bonn, wo ich auch richtig an meinem 15. Geburtstage Aufnahme fand. Mein Einzug in die Schule vollzog sich unter scheinbar wenig erfreulichen Auspizien. Es war gerade die Stunde der Mathematik und als der alte Lehrer, ProfessorZirkel, der Vater des bekannten Leipziger Professors der Mineralogie, mich erblickte, frug er mich zornig nach Namen und Herkunft und erklärte dann, meine späte Ankunft wäre eine Rücksichtslosigkeit; denn jetzt sei er genötigt, seine Liste wieder zu ändern. Bald darauf klopfte es an der Klassentür und der Schüler, der zum Nachsehen hinausgeschickt wurde, kam lachend zurück. Draußen sei der Vater des neuen Primaners und lade seinen Sohn ein, heute Mittag um 1 Uhr zum Essen im Gasthof Stern zu erscheinen. Das brachteden Zorn des Lehrers von neuem in Wallung und er wurde zum Jubel der ganzen Klasse in seinen Vorwürfen so heftig, daß ich im Begriff war, die Schule wieder zu verlassen und jede Antwort auf seine weiteren Fragen verweigerte. Da merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er änderte den Ton, und um mich zu versöhnen, frug er nach Euskirchen und dem Flamersheimer Walde, den er wohl kannte. Nun wurde mir erst klar, daß er im Grunde ein gütiger Mann war, und da er bald mein Interesse für Mathematik entdeckte, so sind wir die besten Freunde geworden. Wenn er sich über die anderen Primaner, von denen manche nicht sehr ehrerbietig gegen ihn waren, geärgert hatte, so pflegte er den Rest der Stunde mit mir allein mit Rechnungen an der Tafel zu verbringen.
Das Gymnasium war im allgemeinen, was den Unterricht anbetraf, der Schule in Wetzlar nicht ebenbürtig. Das lag zum Teil an dem Übergewicht, das der Religionslehrer, ein katholischer Geistlicher besaß. Er übte eine wahre Tyrannei aus, worunter allerdings wir Protestanten nicht litten, wodurch aber der wissenschaftliche Unterricht sicherlich geschädigt wurde. Der zweite Grund waren das Alter und die Krankheit des Direktors. Er besaß von früher her als Philologe und besonders als Horaz-Übersetzer einen recht guten Ruf. Aber zu meiner Zeit war er kaum mehr arbeitsfähig, und ist bald nachher gestorben. Auch seinem Nachfolger, einem kleinen Geist, gelang es nicht, die Schule zu neuer Blüte zu bringen. Von den Lehrern war der tüchtigste ein HerrDeiters, der später in das Provinzialschulkollegium zu Coblenz berufen wurde; aber wir haben ihn wegen seines Sarkasmus und seiner Strenge gefürchtet. Nächst dem MathematikerZirkelwar der Lehrer des Deutschen ProfessorRemaclydie originellste Persönlichkeit. In lebhafter Erinnerung ist mir auch der Ordinarius geblieben, ein klassischer Philologe, der infolge seiner außerordentlichen Kurzsichtigkeit große Mühe hatte, die Schuldisziplin aufrecht zu erhalten. Als Liebhaberei betrieb er das Sammeln von alten Münzen und man konnte ihm durch Lieferung römischer Münzen, die damals im Rheinland vielfach gefunden wurden, die größte Freude bereiten. Seine Neigung, alle Stücke, die man ihm zur Prüfung vorzeigte, als Eigentum zu behalten, gab eines Tages Anlaß zu einem übermütigen Schabernack. Zwei Spaßvögel aus unserer Klasse hatten Hosenknöpfe, die den Namen eines Bonner Schneiders »Hannes« trugen, durch geschickte mechanische und chemische Behandlung in einen Zustand versetzt, der sie stark verwitterten römischen Münzen ähnlich machte. Diese Kunstprodukte wurden dann dem Herrn Ordinarius als merkwürdige Fundstücke überliefert. Er war aber Kenner genug, um nach einigen Studien die Fälschung festzustellen und gab dann seiner berechtigtenEntrüstung einen sehr energischen Ausdruck. Auch für römische Inschriften besaß er großes Interesse, und er brachte uns die Kunst bei, Abdrücke davon in Pappe zu machen. Es hat mir Freude bereitet, diesen Mann, dessen wissenschaftliche Bemühungen mir Achtung einflößten, Abdrücke von einigen römischen Inschriften aus der Gegend von Zülpich, dem angeblichen Tolbiacum der Merovinger Zeit, und Weingarten bei Euskirchen, wo sich die Überreste eines römischen Kastells befanden, zu liefern.
Auf der Bonner Prima habe ich zum erstenmal einen Religionsunterricht genossen, der mich wirklich interessierte, denn der Lehrer, der gleichzeitig protestantischer Pastor in Bonn war, ließ uns das neue Testament in griechisch lesen und wußte die handelnden Personen so lebendig und im Zusammenhang mit den großen historischen Ereignissen jener Zeit zu schildern, daß ich einen Begriff bekam nicht allein von der großen sittlichen Kraft der christlichen Lehre, sondern auch von der gewaltigen geistigen, sozialen und politischen Bewegung, die sie ausgelöst hat. Aus den Schilderungen dieses Mannes waren mir die alten christlichen Gebräuche, die Katakomben zu Rom und ähnliche Dinge längst bekannt, ehe ich sie im Original gesehen habe.
Außerhalb der Schule war ich in Bonn sehr gut aufgehoben; denn ich wohnte bei einer FamilieKempin der Bonngasse, wenige Schritte vom Gymnasium entfernt, wo es eine vortreffliche Verpflegung gab. Außer mir wohnte dort noch ein OberprimanerFischenich, der Sohn eines Landwirtes aus der Nähe von Flamersheim, recht musikalisch und ein guter Kamerad. Es hat mich gefreut, daß mein SohnHermannmit dem Sohn dieses alten Schulkameraden an der Schlachtfront in Lothringen bekannt wurde und ihn etwa vor einem Jahre als Gast in Berlin mir zuführte. Dann gab es noch zwei viel jüngere Gymnasiasten der unteren Klassen. Wir alle waren bei den Mahlzeiten mit der Familie und den Angestellten des Geschäfts versammelt. Der Wirt betrieb mit seinem Sohn unter der Firma »Paul Kemp & Sohn« ein einträgliches Geschäft in Galanteriewaren, studentischen Artikeln jeder Art, in Pelzwaren und sogar zur Faschingszeit in Maskenanzügen. Das brachte einen großen Verkehr und viele lustige Ereignisse ins Haus, und ich habe dort zwei wirklich heitere Jahre verlebt. Mein VetterErnst Fischerstudierte zur selben Zeit in Bonn Medizin, und obschon seine Bude in einem anderen Hause lag, so haben wir doch manchmal zusammen musiziert.
Selbstverständlich wurden wir auch in Bonn mit dem studentischen Leben, seinen berechtigten und unberechtigten Eigentümlichkeiten, vertraut und ich habe schon damals mit Eifer Unterricht im Säbelfechtenauf dem Universitätsfechtboden genommen. Die Folge davon war, daß ich später als Angehöriger der Universität an diesen Dingen kein Interesse mehr besaß.
Im August 1869 bestand ich in Bonn das Abiturientenexamen, und das Abgangszeugnis beweist, daß ich kein schlechter Schüler gewesen bin. Trotzdem habe ich zu meinem eigenen Bedauern dem Gymnasium kein freundliches Gedenken bewahren können. Ich halte mich für verpflichtet, das hier auszusprechen, weil ich das Gefühl habe, daß das humanistische Gymnasium die Anforderungen nicht erfüllt, die man an es stellt, und nicht, wie meist behauptet wird, seinen Zöglingen die allgemeine geistige Reife gibt, die zum Besuch der Hochschule nötig ist. Ich spreche hier nicht als Naturforscher, der es immer beklagen mußte, auf der Schule einen ungenügenden mathematischen Unterricht genossen zu haben. Mein Urteil bezieht sich auch auf den sprachlichen Unterricht, der in der jetzigen Form mit der unmäßigen Betonung grammatikalischer Kenntnisse sicherlich verkehrt ist. Wieviel kostbare Zeit haben wir auf das unsinnige Auswendiglernen von Regeln verwenden müssen! Die seltensten Ausnahmen von einer Deklination oder Konjugation, die selbst dem Berufsphilologen in der Praxis kaum vorkommen, mußte man wissen, um ein guter Schüler zu sein. Von den Schönheiten der klassischen Literatur, von ihrem engen Zusammenhang mit der bewundernswerten allgemeinen griechischen Kultur war beim Unterricht fast nie die Rede. Ich bin fest überzeugt, hätten unsere Lehrer auf solche Dinge den Hauptnachdruck gelegt, die meisten von uns wären ihnen mit Begeisterung gefolgt, während wir so den Geschmack am klassischen Altertum geradezu verloren haben und froh waren, mit dem Abiturium diese Studien aufgeben zu können.
Zur Feier des Schlußexamens konnte ich die ganze Klasse in den Garten meines Wirtes einladen, denn mein Vater hatte zu diesem Zweck ein stattliches Faß Bier aus der Dortmunder Brauerei gestiftet.
Im Alter von 16¾ Jahren stand ich nun vor der Wahl des Berufes. Nach meinem Geschmack wäre ich am liebsten Mathematiker und Physiker geworden, aber mein Vater hielt diese Wissenschaften für zu abstrakt und die Möglichkeit für zu gering, sich mit ihnen eine materiell gesicherte Existenz zu schaffen. Er pflegte deshalb seinen Rat in die Worte zu kleiden: »Wenn du durchaus studieren willst, so wähle die Chemie«, deren praktisch nützliche Seite ihm von seinen geschäftlichen Unternehmungen her bekannt sei. Im geheimen mag er aber wohl immer noch die Hoffnung gehabt haben, daß ich mich zu einer kaufmännischen Tätigkeit entschließen würde, da ich der einzige Sohn war und er mich begreiflicherweise gern als Nachfolger in seinem Geschäft gehabt hätte. Da ich zudem noch recht jung warund der unmittelbare Besuch einer Universität für mich keinen besonderen Reiz mehr bot, so machte er mir den Vorschlag, auf 1 bis 2 Semester in ein kaufmännisches Geschäft einzutreten. Damit war ich einverstanden und kam deshalb im Oktober 1869 in das Holzgeschäft meines SchwagersMax Friedrichszu Rheydt und gleichzeitig als Pensionär zu meiner SchwesterFanny, seiner Frau.
Nach den strengen Regeln des Geschäfts wurde ich als unterster Lehrling betrachtet und behandelt. Zu meinen Funktionen gehörte das Abholen der Post, das Zukleben der Briefe und dergl. und zur Übung mußte ich ein kleines Geschäftsjournal, aber nur zu meiner Belehrung ohne Gültigkeit für das Ganze führen. Hier und da wurde ich auch mit einem kleinen Auftrage zu den Kunden, die zum großen Teil kleine Tischler waren, geschickt.
Auf dem Holzplatz hatte ich nichts zu sagen, durfte aber den verschiedenen Arbeiten, Sägen, Hobeln, dem Transport der Stämme, dem Verpassen des Bauholzes usw. zuschauen. Dieses Technische, das damals noch sehr unvollkommen war und meistens mit der Hand gemacht wurde, hat mich mehr interessiert, wie die pedantischen Kontorarbeiten. Aber das Ganze war doch für meinen Geschmack so langweilig, daß ich schon nach wenigen Wochen auf Rat eines Lehrers der höheren Schule zu Rheydt mirStöckhardtsSchule der Chemie mit den dazu gehörigen Apparaten anschaffte und in einem leerstehenden Zimmer des Geschäftsgebäudes ein winziges Laboratorium einrichtete. Die Versuche waren natürlich höchst stümperhaft, endigten mit einigem Gestank oder beschmutzten und verbrannten Fingern, und wurden dem Geschäftsinhaber wegen der Feuersgefahr recht unbequem. Die Abende verbrachte ich mit Klavierspielen oder im Gasthaus mit Biertrinken, Tabakrauchen und Billardspielen.
Der Schwager war mit meinen Leistungen sehr unzufrieden, erklärte mich für den schlechtesten Lehrling, den er je gehabt, und ließ sich einmal im ärgerlichen Unwillen anderen Mitgliedern der Familie gegenüber zu der Bemerkung hinreißen: »Aus dem Jungen wird nie etwas«. Er ist später wegen dieses Urteils viel geneckt worden, aber allmählich kam auch mein Vater zu der Überzeugung, daß die kaufmännische Laufbahn für mich nicht das Richtige sei. Er drückte diese Meinung drastisch aus in dem Satze: »Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren«.
Inzwischen hatte ich bei dem erwähnten Lehrer der Chemie einige Privatstunden genommen, und mir dabei eine ganz oberflächliche Kenntnis der Atomtheorie angeeignet. Ich kann aber nicht sagen, daß ich davon besonders ergriffen worden wäre. In der Form, wie sie mir dargestellt und wie ich sie auch aus einem kurzen Lehrbuchder Chemie kennen gelernt hatte, erschien sie mir gegenüber den abgerundeten Lehren der Physik zu dürftig und unsicher.
Im Frühjahr 1870 hatte ich das Unglück, mir, wahrscheinlich durch Erkältung, einen Magenkatarrh zuzuziehen, der infolge von Vernachlässigung und ungenügender ärztlicher Behandlung in einen chronischen Zustand überging. Vorbereitet war vielleicht das Leiden durch das unsinnige Rauchen und Biertrinken, das ich schon in jungen Jahren in Wetzlar begonnen und seitdem dauernd beibehalten hatte. Der akute Ausbruch der Krankheit erleichterte mir den Abschied von Rheydt und ich kehrte nach Euskirchen zurück, um mich auszukurieren. Aber der chronische Magenkatarrh war in der Familie etwas ganz Unbekanntes, und auch die Ärzte verstanden damals von der Behandlung desselben recht wenig. Mit den schönen Methoden der Jetztzeit hätte ich in 4 bis 6 Wochen meine volle Gesundheit wieder erlangen können. So aber habe ich trotz der Ratschläge meines sonst als Arzt so ausgezeichneten Onkels in Cöln fast 2 Jahre mich mit der Krankheit herumgeschlagen, und der Verdauungstraktus ist niemals wieder so kräftig geworden, wie er zuvor gewesen. Den Sommer 1870 verbrachte ich in Euskirchen, beschäftigte mich viel im Garten und soweit es möglich war, auf der Jagd. Auf Anraten der Ärzte ging ich Mitte Juli, am Tage der preußischen Mobilmachung mit meiner Mutter nach Bad Ems, um das dortige alkalische Wasser als Heilmittel für den Magen zu trinken. Es herrschte damals eine begreifliche Unruhe im Rheinland, da man glaubte, daß Frankreich sich für den Krieg längst vorbereitet habe und seine Truppen alsbald in die preußischen Rheinlande schicken würde. Mein Vater hatte sich schon darauf vorbereitet, meine unverheirateten Schwestern, sowie Geld, Wertpapiere und andere leicht transportable Gegenstände auf das rechte Rheinufer zu bringen. Um so merkwürdiger berührte es meine Mutter und mich, daß wir auf der Fahrt nach Ems, wobei wir die Festung Coblenz passierten, gar keine militärischen Vorbereitungen beobachteten. Der einzige Soldat, den wir von der Eisenbahn aus in der Festung sahen, war ein Offiziersbursche, der einen Kinderwagen schob. Aber im Stillen war der preußische Mobilisierungsapparat schon im vollen Gange, und 8 Tage später sah man überhaupt fast nur noch Soldaten. Dann begannen auch die großen Truppentransporte, von denen wir in Ems viel zu sehen bekamen, da es an einer Haupteisenbahnlinie von Ost nach West gelegen ist. Anfangs August fanden die siegreichen Schlachten bei Weißenburg, Woerth, Saarbrücken statt, und in Deutschland hatte man sofort das Gefühl, daß die Gefahr einer feindlichen Invasion beseitigt sei. Zwei Tage vor meiner Ankunft in Ems war König Wilhelm von dort abgefahren und von den Erinnerungen an ihn, sowie an die Verhandlungenmit dem französischen Botschafter war in der Kurgesellschaft noch viel die Rede. Obschon die Zahl der Gäste stark abgenommen hatte, nahm doch das Kurleben seinen ungestörten Fortgang.
Nach 4 Wochen konnten wir ohne das geringste Hindernis nach Hause zurückkehren, da der Eisenbahnverkehr sich wieder in normalem Zustande befand. Für die aktive Teilnahme am Krieg war ich noch zu jung und auch damals nicht gesund genug, da die Kur in Ems ohne Erfolg geblieben war.
Im Nebenhause waren die 3 ältesten Söhne schon dienstpflichtig und deshalb eingezogen. Von ihnen hat aber nur der eine, VetterLorenz, kriegerische Lorbeeren gesammelt. Als Einjährigfreiwilliger in einem Jägerbataillon nahm er teil an den Schlachten bei Metz. Bei Belagerung der Festung erkrankte er an Ruhr, kehrte nach Deutschland zurück, ging aber bald — noch nicht ganz wieder hergestellt — freiwillig von neuem ins Feld, wo er an den Kämpfen des Generals Werder gegen die Armee Bourbaki bei Dijon beteiligt war. Er wurde im Felde zum Offizier ernannt. Aber das kriegerische Leben, das ganz seinen Neigungen entsprach, ist ihm später zum Unglück geworden; denn es hat mit dazu beigetragen, seine Neigung, dem Bacchus zu huldigen, ins Übermaß zu steigern, so daß er schon im Alter von etwa 35 Jahren gestorben ist.
Vorsichtiger war der VetterHeinrich, ein gedienter Artillerist; er kam nicht ins Feld, sondern blieb bei einem Ersatzbataillon in Coblenz.
VetterErnst, der bereits das erste medizinische Examen bestanden hatte, trat freiwillig als Unterarzt in das Heer ein und hatte in dieser Eigenschaft, wie er später gern erzählte, besonders in der Umgegend von Orléans ein recht vergnügtes und wenig anstrengendes Feldleben geführt. Kurzum, der Krieg 70 ist nach allen Schilderungen seiner Teilnehmer ein ganz anderer, als der jetzige gewesen. Die Verluste auf deutscher Seite waren verschwindend gering, sind doch nicht mehr als 28000 Mann auf unserer Seite gefallen. Auch die Kriegführung war sehr viel humaner. Ein Teil der Truppen hat sogar mit der französischen Bevölkerung auf ganz gutem, fast freundschaftlichem Fuße gestanden. Dazu kam die rasche Beendigung des Krieges und als schönster Lohn für Deutschland seine politische Einigung im deutschen Reiche.
Den Sieg von Sedan verlebte ich in Euskirchen. Ich erfuhr die Nachricht bei der Rückkehr von der Hühnerjagd. Man meinte damals allgemein, der Krieg sei nun zu Ende. Das war aber ein Irrtum, da die Republik unter Gambetta ihn hartnäckig fortzusetzen suchte. Aber die Widerstandskraft Frankreichs war doch gebrochen, nur dauerte das kriegerische Leben auch bei uns auf dem linken Rheinufer mit Truppenbewegung, Einquartierung fort bis zum Waffenstillstand.
Mein Gesundheitszustand hatte sich inzwischen kaum geändert und mein Onkel in Cöln lud mich deshalb ein, im November zu ihm zu kommen und in seinem Hause einige Zeit zu wohnen, damit er mich dauernd beobachten könne. Seine liebe Frau, die durch besondere Güte ausgezeichnete TanteMathilde, nahm sich des kranken Neffen in der liebenswürdigsten Weise an. Ich bekam besonders zubereitete Speisen und durfte dazu auf Rat des Onkels so viel guten Bordeaux-Wein trinken, wie ich glaubte vertragen zu können.
Wohltuend wirkte auf mich die gleichmäßige Wärme des Hauses, das schon eine Zentralheizung besaß, was man damals als ungewöhnlichen Luxus ansah. So bin ich den ganzen Winter in Cöln geblieben und nur während des Weihnachtsfestes auf 8 Tage nach Hause zurückgekehrt. Ich habe mich in meinem späteren Leben immer mit großer Dankbarkeit gegen den Onkel und die Tante an diese Zeit erinnert; denn damit trat eine Besserung in meinem Zustande ein.
In Cöln war auch in geistiger Beziehung leichter Anregung zu finden, als in Euskirchen. Ich habe hier Theater und Konzerte besucht. Vor allen Dingen wurde mir aber Gelegenheit geboten, bei einem Engländer Unterricht in der englischen Sprache zu nehmen. Da ich nichts anderes zu tun hatte, so war es mir nicht schwer, in 2½ Monaten so weit zu kommen, daß ich kleine englische Aufsätze schrieb und mich mündlich leidlich ausdrücken konnte. Leider habe ich diese Übungen später nicht fortgesetzt und auch niemals längeren Aufenthalt in England nehmen können, so daß ich die wichtige Sprache nie vollkommen beherrschen lernte.
Selbstverständlich bin ich in Cöln auch den Kindern meines Onkels näher getreten. Die ältesteMariewar schon an HerrnEugen Coupiennein Mülheim a. d. Ruhr verheiratet, kam aber öfter mit Mann und Kind zum Besuch nach Cöln. HerrCoupiennebrachte bei dieser Gelegenheit nicht selten gefangene französische Offiziere, die in Cöln sich frei bewegen durften, als Gäste in das Haus meines Onkels. Es machte dann meinem Onkel besonders Freude, die französische Sprache, die er in Paris recht gut gelernt hatte, wieder zu gebrauchen.
Die zweite KusineHelene, ein schönes wohlgenährtes Mädchen, die den Beinamen »Dick« trug, und mir von verschiedenen Besuchen in Euskirchen her wohl bekannt war, ist bald nachher ihrer Schwester gefolgt und hat einen Tabakfabrikanten,Carl von Eicken, ebenfalls aus Mülheim, geheiratet. Sie lebt noch jetzt zusammen mit ihrem Gemahl in Hamburg, in sehr glücklichen Verhältnissen, und ist die Stammmutter von 4 blühenden Kindern und einer ganzen Anzahl von Enkeln geworden. Ihr SohnKarl, jetzt ordentlicher Professor der Ohren- und Nasenheilkunde in Gießen, war als Student öfters Gastin meinem Hause zu Berlin, und ich hatte gleich den Eindruck, daß er die Eigenschaften eines guten Arztes vom GroßvaterFischergeerbt habe.
Die TochterHelenelebt mit ihrem Mann Dr.Kroehnkeund 4 hoffnungsvollen Söhnen in Zehlendorf und ist eine durch Liebreiz und Güte ausgezeichnete Frau geworden.
Eine zweite Tochter des Ehepaaresvon Eickenist in Hamburg verheiratet und der zweite Sohn, ein großer Sportsmann, führt zusammen mit dem Vater das bedeutende Tabakgeschäft. Er ist verheiratet mit der einzigen Tochter meines VettersJulius Fischer.
Die dritte Cölner Kusine, »Tönn« genannt, war klug und wissbegierig und erhielt in der Schule die besten Zeugnisse. Sie hat später einen Fabrikanten HerrnVorsteraus Mülheim a. d. Ruhr geheiratet und ist Schwiegermutter des bekannten MalersPetersenin Düsseldorf geworden.
Der einzige SohnFritz, von den Schwestern nur »der Fischer« genannt, wurde von ihnen viel geneckt, war 4 Jahre jünger wie ich und deshalb noch Gymnasiast. Er war der Liebling des Vaters und pflegte sich sehr viel in dessen Studierstube aufzuhalten. Wie leicht begreiflich, ist er in die Fußstapfen des Vaters getreten, hat Medizin studiert und zwar in Straßburg, wo ich wieder viel mit ihm zusammentraf. Er wurde auch an der dortigen Universität außerordentlicher Professor der Chirurgie, starb aber verhältnismäßig früh im Alter von etwa 50 Jahren. Er war verheiratet mitAnnigeb.Stinnesaus Mülheim a. d. Ruhr und hat einen SohnOttohinterlassen, der wiederum Medizin studiert und z. Zt. als Unterarzt im Felde steht. Er ist in den letzten Jahren meinem lieben SohnAlfrednäher getreten, der von der Tante in Straßburg viele Freundlichkeiten erfahren hat.
Während meines Aufenthaltes in Cöln hatte der Onkel seinen Kindern den strengen Auftrag gegeben, den kranken Vetter in keiner Weise zu ärgern und ihm womöglich nicht zu widersprechen, selbst wenn er in seiner etwas aufgeblasenen Gelehrsamkeit gewagte Behauptungen aufstelle. So schwer das auch den mundfertigen Kusinen wurde, so haben sie sich doch alle Mühe gegeben, mir den Aufenthalt in Cöln angenehm zu machen. Mit dem Vetter stand ich selbstverständlich als früherer Gymnasiast auch auf gutem Fuße. So steht der Winteraufenthalt in Cöln bei mir in bester Erinnerung und dem trefflichen Onkel, der mir nicht allein in seiner ärztlichen Kunst, sondern auch als vornehmer Charakter und als origineller Mensch stets ein Vorbild geblieben ist, sowie der herzensguten Tante habe ich mich Zeit meines Lebens zu warmem Danke verpflichtet gefühlt.
Im Frühjahr 1871 war meine Gesundheit soweit wieder hergestellt, daß ich die Universität beziehen konnte, um Chemie zu studieren. Das Leben im Gasthause war mir allerdings noch nicht zuträglich, aber ich wurde in freundlicher Weise wieder aufgenommen in meinem alten Gymnasiastenquartier. Dort waren inzwischen einige persönliche Veränderungen vor sich gegangen. Das alte EhepaarKemphatte sich zurückgezogen und das Geschäft dem Sohn übergeben. Der hatte inzwischen die zu meiner Zeit als Verkäuferin im Geschäft tätige FräuleinMariegeheiratet und die junge, liebenswürdige Frau erklärte sich sofort bereit, die Verpflegung für mich ganz nach meinen Wünschen einzurichten. Das ist auch in gewissenhafter Weise geschehen. Ich lebte also so weiter, wie ich es in der Familie meines Onkels gewohnt war, und der Hausherr, der sich bei seinem früheren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika infolge von Malaria und übermäßigem Chiningenuß den Magen verdorben hatte, lernte von mir die für solche Zustände angemessene Diät. Er wurde in der Tat auf diese Weise auch wieder gesund und hat mir später wiederholt für die guten Ratschläge gedankt.
Im Sommersemester 71 habe ich mich in Bonn nicht überanstrengt, sondern in aller Behaglichkeit Vorlesungen über Physik, Botanik und nur wenig Chemie gehört. Das botanische Kolleg von ProfessorHansteinfand schon morgens um 7 Uhr im Schloß zu Poppelsdorf statt, war sehr populär und nur auf die Bedürfnisse eines Mediziners zugeschnitten. Systematik und Anatomie standen im Vordergrund und die Physiologie, die mich viel mehr interessiert hätte, spielte nur eine geringe Rolle.
Die Physik wurde von dem berühmten ThermodynamikerClausiusgelesen, war recht langweilig und in experimenteller Beziehung geradezu dürftig. Meine alte Vorliebe für die Physik ist dadurch etwas gedämpft worden und erst als ich später in Straßburg den glänzenden Vortrag und das gute Praktikum vonKundtbesuchte, wurde mir erst wieder klar, welch herrliche Wissenschaft sie ist.
Das gerade Gegenteil vonClausiuswar der ChemikerAugust Kékulé, ein ausgezeichneter Redner, guter Experimentator und eindrucksvolle Persönlichkeit. In dem Sommersemester las er allerdings nur ein zweistündiges Kolleg über organische Chemie, aber in dem darauf folgenden Winter habe ich auch seine große Vorlesung über anorganische Experimentalchemie besucht.
Nachdem ich in den Herbstferien 71 zusammen mit dem VetterLorenz, der inzwischen aus Frankreich zurückgekehrt und noch ganz von den Erlebnissen des Feldzuges erfüllt war, das Seebad Blankenberghe bei Ostende besucht hatte, war mein Gesundheitszustand wiederso gut, daß ich im Winter 71/72 mit voller Kraft an das Studium herantreten konnte. Zu den Vorlesungen kamen jetzt auch die praktischen Übungen im Laboratorium. Das Institut lag in Poppelsdorf, war 1864/65 vonHofmannerbaut und machte äußerlich einen pompösen Eindruck. Viel weniger schön waren die inneren Einrichtungen, z. B. Raumverteilung und Beleuchtung. Besonders die Ventilation ließ sehr zu wünschen übrig. Der Direktor hielt die großen Vorlesungen und leitete die praktischen Arbeiten in der organischen Abteilung. Der analytische Unterricht war dem außerordentlichen ProfessorEngelbachanvertraut. Ohne irgendwelche Vorbereitung in der Anstellung von Experimenten wurde man sofort vor die Aufgabe gestellt, nach den Tafeln vonWilleine qualitative Analyse auszuführen. Dazu war ich nicht imstande und hatte gegenüber den anderen Praktikanten, die meistens Apotheker waren, einen schweren Stand, denn diese pflegten meist auf illegitimen Wege die Aufgaben zu lösen, während ich ohne jede Anleitung viele Fehler beging und dann unbarmherzig zur Wiederholung angehalten wurde. Dazu kam, daß die Vorlesung über analytische Chemie, die ich pflichteifrig besuchte, äußerst trocken und langweilig gehalten wurde. Mein Eintritt in die Wissenschaft vollzog sich also unter ziemlich ungünstigen Verhältnissen, die mich sehr niederdrückten. Und als ich im darauffolgenden Sommer an die quantitative Analyse herankam, wurde die Sache noch schlimmer.Engelbachwar inzwischen gestorben und Th.Zinke, der bisherige erste Assistent in der organischen Abteilung und gleichzeitig Privatdozent, wurde sein Nachfolger. Er war gewiß ein geschickter und auch schon verdienter Chemiker, aber der Unterricht in der analytischen Chemie lag ihm nicht besonders nahe, und wenn er sich auch große Mühe gab, und mir manchmal einen guten Rat erteilte, so war es doch auch für ihn schwer, die Hindernisse zu beseitigen, die der Ausführung einer guten quantitativen Analyse im Bonner Institut entgegen standen. Schon allein die Ungenauigkeit der Waagen war groß genug, um das Innehalten der üblichen Fehlergrenzen bei den Analysen unmöglich zu machen. Der Gebrauch der Wasserluftpumpe, die schon längst vonBunsenerfunden war, fand in Bonn eine ungünstige Beurteilung und man begnügte sich noch immer mit der alten primitiven Wäsche der Niederschläge auf einem gewöhnlichen Filter. Das waren harte Geduldsproben. Als ich schließlich einen Niederschlag von Aluminium- und Eisenhydroxyd, der wohl nicht unter den richtigen Vorsichtsmaßregeln gefällt war, 8 Tage lang gewaschen hatte, ohne die Mutterlauge ganz verdrängen zu können, war ich so verzweifelt, daß ich die Chemie aufgeben und mich wieder der Physik zuwenden wollte. Daß ich es nicht getan habe, ist wohl hauptsächlich dem Einfluß meinesVettersErnstzuzuschreiben, der mir riet, es in einem anderen Institut nochmals zu versuchen.
Inzwischen war auch VetterOttomit der Schule fertig geworden, hatte ebenfalls das Studium der Chemie in Berlin begonnen und war dann auch nach Bonn gekommen. Er nahm die Schwierigkeiten keineswegs so tragisch wie ich, trotzdem gefiel auch ihm der Gedanke, die Hochschule zu wechseln, nicht allein der Studien halber, sondern um in der Welt sich umsehen zu können. So kam es, daß wir am Ende des Sommersemesters 1872 Bonn verließen und dann halb durch Zufall nach Straßburg i. E. kamen. Das war für uns beide ein rechtes Glück, denn wir sind so mitAdolf Baeyerin Berührung gekommen, und ich wüßte nicht, was mir Besseres hätte passieren können, um die chemische Experimentierkunst zu lernen. Den Aufenthalt im Straßburger Laboratorium habe ich versucht in einem kleinen Aufsatz zu schildern, denBaeyerseiner Selbstbiographie eingefügt hat. Auf diese Art ist er in der Einleitung zuBaeyersgesammelten Abhandlungen zum Druck gelangt. Ich habe ihm nur wenig zuzufügen, um noch ein Bild von unserer Lebensweise und dem Freundeskreise außerhalb des Laboratoriums zu geben.
Im ersten Semester wohnte ich mit VetterOttozusammen bei zwei sehr alten Frauen in einem ebenso alten Hause, wie denn überhaupt die ganze Stadt damals einen recht alten und verkommenen Eindruck machte. Verschärft wurde dieser durch die starken Verwüstungen, die von der Belagerung herstammten. So lag das sogen. Steinviertel noch größtenteils in Trümmern.
Mein Magenkatarrh war inzwischen geheilt, aber er hatte doch eine Empfindlichkeit des Organs hinterlassen, die mir eine gewisse Vorsicht in der Diät auferlegte. Die gute Straßburger Küche und der noch bessere, in großen Vorräten vorhandene französische Wein kamen mir zugute, und ich habe im Wintersemester im badischen Hof nach Verabredung mit dem sehr verständigen Wirt ein stattliches Faß ausgezeichneten Burgunder konsumiert, war dadurch in einen recht guten Ernährungszustand gekommen, so daß ich von den Professoren unter dem Titel »der dicke Fischer« von dem Vetter unterschieden wurde.
Bei dem nächsten Besuch während der Osterferien erregte mein Aussehen bei der Mutter große Freude, während der erfahrene Vater mich mit den Worten begrüßte: »Du hast einen ziemlich vertrunkenen Kopf gekriegt.« Infolgedessen habe ich das Burgundertrinken aufgegeben und mich dem guten aber viel unschuldigeren Elsasser Landwein zugewandt. Auch die Mehrzahl der Kollegen, die vielfach aus dem Rheinland stammten, besuchten die Weinhäuser. Zwar gab es auch Bier in mannigfaltiger Qualität, sowohl einheimisches, in dem Orte Schiltigheimgebraut, wie auch bayerisches, aber diese Häuser pflegten wir nur im Sommer zu besuchen, der in Straßburg ungewöhnlich heiß ist und deshalb zum Bierverbrauch anregt.
Das studentische Leben, wie es auf anderen deutschen Hochschulen üblich ist, war zu unserer Zeit wenig entwickelt. Es gab zwar einige Corps, aber sie spielten keine große Rolle, weil ihnen der Resonanzboden in der Bevölkerung und der ganzen Tradition der Stadt fehlte. Dagegen war der zwanglose Verkehr der Studenten in den Gasthäusern und auch in den Vorlesungen sehr angenehm. Die vielen fremdländischen Elemente, Russen, Polen und andere Ausländer störten denselben nicht. Die Elsässer hielten sich anfangs zurück, kamen aber doch in den späteren Semestern in die Institute. Es waren darunter manche fein gebildete junge Männer mit sehr angenehmen Umgangsformen. Mit den gebildeten Familien in Straßburg sind wir nicht in Berührung gekommen, wohl aber habe ich das Volk und speziell auf mancherlei Ausflügen in die Vogesen die Landbevölkerung kennen gelernt und einen recht guten Eindruck erhalten. Mit Ausnahme vom Südelsaß, wo die Tuchindustrie sehr entwickelt und in ihren geschäftlichen Interessen auf das übrige Frankreich angewiesen war, verriet sich in der Bevölkerung durchweg die alte deutsche Abstammung. Die Leute sprachen ihr Elsasser Deutsch, vermischt mit französischen Brocken, waren aber zum erheblichen Teil garnicht imstande, französisch zu sprechen. Sie waren zwar nichts weniger als deutsch-freundlich und schimpften gerne auf die »Schwoben«. Aber wenn man die Politik beiseite ließ, so konnte man mit ihnen recht gut auskommen. Es ist mir ein Rätsel, daß die deutsche Verwaltung es nicht fertiggebracht hat, in 40 Jahren bei dieser im Grunde gutmütigen, allerdings demokratisch gesinnten Bevölkerung mehr Sympathie zu erwerben.
In Straßburg selbst waren noch manche Überreste französischer Einrichtungen und Sitten geblieben. In öffentlichen Tanzlokalen belustigte man sich noch am Cancan, und es war drollig anzusehen, wie selbst auf dem Lande beim sonntäglichen Tanz einzelne Bauernburschen die beim Cancan üblichen Sprünge versuchten, aber selten einen durchschlagenden Erfolg erzielten. Auch im sittlichen Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern herrschte für deutsche Begriffe eine zu freie Form.
Der Verkehr zwischen Studenten und Professoren, die fast alle noch im jugendlichen Alter standen, war behaglicher und anziehender als auf irgendeiner anderen Hochschule. Besonders profitierten davon die Naturforscher und die Mediziner. Da auch die Institute von der deutschen Regierung reichlich mit Geld ausgestattet wurden und die Zahl der Studierenden in den ersten Jahren gering blieb, so war derpraktische Unterricht ausgezeichnet und gab sich auch bald in den wissenschaftlichen Leistungen kund. Dieser Vorzug von Straßburg übte allmählich seine Anziehungskraft aus, und wenn nicht die Stadt als so teuer verschrieen gewesen wäre, so würde auch bald die Studentenzahl derjenigen der altdeutschen Universitäten gleichgekommen sein.
Unsere Schilderungen von dem akademischen Leben an der jungen Universität in der alten Reichsstadt haben auch in der eigenen Familie ihre Werbekraft ausgeübt. Schon nach einigen Semestern kam der VetterErnst Fischerdorthin, nachdem er das medizinische Staatsexamen bestanden und einige Zeit als Assistent in der chirurgischen Abteilung des Cölner Bürgerhospitals tätig gewesen war. Er besuchte in Straßburg nicht allein die chirurgische Klinik, die unter Leitung von ProfessorLueckestand, sondern interessierte sich auch für Studien auf der Anatomie beiWaldeyerund auf der pathologischen Anatomie beivon Recklinghausen. Bei dieser Gelegenheit hat er eine kleine Erfindung gemacht, mit der sein Name wohl dauernd verbunden bleiben wird, und die ich erwähnen will, weil ich dazu die Anregung geben durfte. Damals war das Färben von anatomischen Präparaten, das von meinem SchwiegervaterJosef von Gerlachmit der Anwendung des Carminrots in die Wissenschaft eingeführt wurde, schon allgemein üblich. Aber die Zahl der benutzten Farbstoffe war gering. Als ich davon durch den VetterErnsthörte, riet ich ihm, das Eosin zu versuchen, das kurz zuvor vonBaeyerundCaroentdeckt worden war und das ich bei meiner Doktorarbeit über Fluorescein nicht allein als chemisches Präparat, sondern auch an meinen Händen als prächtiges Färbemittel für tierische Gewebe kennen gelernt hatte. Die Versuche vom Vetter fielen dann auch so gut aus, daß er den Farbstoff in die anatomische Praxis einführen konnte, worin er sich bis jetzt erhalten hat.
Nebenher interessierte er sich besonders für die Antisepsis in der chirurgischen Praxis, die durch denLister'schen Verband schon eine hohe praktische Bedeutung erlangt hatte. Er bemühte sich, diesen zu verbessern und war schon damals der Ansicht, daß der Antisepsis in der Chirurgie die Asepsis folgen würde. Zunächst bemühte er sich aber, anstelle der Carbolsäure unschuldigere Antiseptica zu finden und so kam er auf das Naphtalin, dessen Giftigkeit für Ungeziefer man schon kannte. Er hat für den medizinischen Gebrauch dieses Kohlenwasserstoffes Propaganda gemacht und es auch bei der damals in Frankreich so stark wütenden Phylloxera (Reblaus) empfohlen, ohne aber in der Praxis durchzudringen.
An diese Bemühungen knüpfte sich eine andere Erfindung, deren Zustandekommen wie eine Anekdote anmutet. Infolge der Empfehlung des Naphtalins als Antiseptikum vonErnst Fischerkamen 2 Assistentender Klinik für innere Medizin zu Straßburg auf den Gedanken, den Kohlenwasserstoff zur Desinfektion des Darms im krankhaften Zustande zu verwenden. Sie bestellten das Mittel bei einer Straßburger Drogenhandlung mit dem Bemerken, daß es ganz rein sein müsse, und sie erhielten dann auch ein Präparat, vom dem das Geschäft behauptete, es sei so rein, daß es keinen Geruch mehr habe. Als sie nun dieses Mittel bei fiebernden Darmkranken anwendeten, beobachteten sie das rasche Sinken der Temperatur. Glücklicherweise war der eine Mediziner, ein Bruder des ChemikersEduard Hepp, auch chemisch gut gebildet, und er kam bald zu der Überzeugung, daß das von ihnen angewendete Mittel kein Naphtalin sei. Die chemische Untersuchung durchEduard Heppergab dann auch, daß es sich um Acetanilid handelte, welches der Drogist offenbar durch Verwechselung der Flaschen als Naphtalin geliefert hatte. So ist das Acetanilid unter dem Namen Antifebrin ein bekanntes und noch jetzt namentlich in Ostasien viel gebrauchtes Fiebermittel geworden. In Europa wurde es verdrängt durch das Phenazetin, das im wesentlichen ein modifiziertes Antifebrin ist, und die gleiche fieberstillende Atomgruppe besitzt.
Es scheint mir nützlich, solche Zusammenhänge zu schildern, nicht allein aus historischen Gründen, sondern auch als neues Beispiel dafür, daß häufig der Zufall bei Erfindungen mitspielt.
VetterErnsthat sich später wieder ausschließlich der Chirurgie zugewandt, ist Privatdozent und außerordentlicher Professor an der Universität geworden und besaß eine chirurgische Privatklinik in der Küfergasse, von der früher schon die Rede war. Er starb während des Krieges an Typhus und Lungenentzündung. Bald nachher ist sein einziger Sohn an der Westfront gefallen. Zwei von seinen Töchtern sind in Frankreich verheiratet. Seiner Frau und seinen Kindern zuliebe istErnstzum Katholizismus übergetreten. Daß dabei religiöse Überzeugung mitgewirkt hat, glaube ich nicht; denn ich habe ihn nur als vollkommenen Freigeist gekannt.
Etwas später kam noch ein zweiter VetterFritz Fischer, Sohn des Chirurgen in Cöln als Student der Medizin nach Straßburg. Gleich nach Beginn seiner Studien erkrankte er nicht unbedenklich an Scharlachfieber, wahrscheinlich infolge einer Infektion auf der Anatomie. Wie schon erwähnt, ist er ebenfalls dort geblieben und auch als außerordentlicher Professor der Chirurgie gestorben.
Von den sonstigen studentischen Bekannten muß ich noch erwähnenJosef von Mering, mit dem zusammen ich später mehrere chemisch-medizinische Arbeiten ausgeführt habe. Er war schon damals ein Original, als echter Sohn Cölns ein Freund des Humors, mit ungewöhnlicher Körperkraft ausgestattet und als gefährlicher Säbelfechter gefürchtet.
Die Sommermonate waren in Straßburg ungewöhnlich heiß und brachten infolge der durch Ill und Rhein stark versumpften Umgebung eine recht lästige Mückenplage. In diesem Sumpf gediehen auch die Frösche ausgezeichnet und diese waren zweifellos wieder die Vorbedingung für die Existenz der zahlreichen Störche, die auf den hohen Giebeln der alten Häuser ihre Nester angelegt hatten. Es war ein drolliger Anblick, wenn man von der Plattform des Straßburger Münsters auf die Stadt herabschaute und in das Getriebe von Hunderten von Storchnestern Einblick erhielt. Die warmen Sommer und die Lage der Stadt im Rheintal zwischen Schwarzwald und Vogesen brachten auch ungewöhnlich schwere Gewitter mit sich, und ich habe oft von meiner Wohnung in der Kalbsgasse, die ganz nahe beim Münster lag, das elektrische Wechselspiel zwischen dem Blitzableiter am Münsterturm und den Gewitterwolken bewundert. An solchen heißen Tagen fuhren wir gerne nach Kehl, um dort im Rhein zu baden und später in einem guten Gasthaus badischen Landwein zu trinken. Hier haben wir Chemiker auch im Juli 1875 ein kleines Abschiedsfest für ProfessorBaeyerveranstaltet, bei dem ich meine erste Tischrede hielt und glücklich stecken blieb. Das erregte großen Jubel, war aber für mich eine Mahnung, bei späteren Gelegenheiten mich besser vorzubereiten.
Das Baden im Rhein war übrigens keine ungefährliche Sache; denn die Strömung betrug in der Mitte des Stromes 3 m in der Sekunde und das Geschiebe der schweren Kieselsteine am Boden war so stark, daß man es im Wasser leicht belauschen konnte.
Im Sommer verlockte die schöne Umgebung Straßburgs verführerisch zu Ausflügen. Wir haben sie meistens nach dem Badischen ausgeführt. Schwarzwald und Odenwald sind mir auf diese Weise früh bekannt geworden. Zweimal führte mich der Weg auch nach der Schweiz. Die eine Reise, die ich mit VetterJuliusunternahm, ist früher geschildert. Ein Jahr zuvor hatte ich aber schon zusammen mit VetterOtto Fischerund einem Studierenden der Pharmazie aus Bayern eine lustige Tour durch das Berner Oberland gemacht. Den Schluß dieser Rundfahrten in der Süd-Westecke Deutschlands machte ein Besuch der südlichen Vogesen in Gesellschaft von VetterErnst Fischer. Wir sind dabei auf dem Kamm des Gebirges, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet, marschiert und kamen schließlich in die Schlucht beim großen Belchen, wo sich ein sehr gutes Gasthaus gleichen Namens befand. Hier war eine große, rein französische Gesellschaft versammelt, die einen Ausflug über die Grenze gemacht hatte. Bei Tisch blieben wir ziemlich isoliert. Die Unterhaltung mit der Nachbarschaft beschränkte sich auf einige höfliche Phrasen. Aber plötzlich erkrankte eine Dame der Gesellschaft an einer Unterleibsblutungund man verlangte dringend nach einem Arzt. Da kein anderer in der Gesellschaft zugegen war, so bot VetterErnstseine Hilfe an und hatte rasch die Gefahr beseitigt. Von nun an war die Stimmung der Gesellschaft gegen uns wie umgewandelt. Man lud uns ein, an den Spielen teilzunehmen und überbot sich in Liebenswürdigkeiten gegen uns. Aber bald mußten wir uns verabschieden, um unser Ziel, die Stadt Mülhausen, noch am gleichen Tage zu erreichen.