Angriff auf Italien

[pg 259]Angriff auf ItalienTrotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war[pg 260]einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.[pg 261]Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durch[pg 262]schlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.[pg 263]So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.[pg 264]Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917Im WestenWährend wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.[pg 268]Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.Auf dem BalkanAngriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.[pg 269]In AsienIch wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig![pg 277]Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können![pg 278]Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.[pg 279]So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.Und nun zu unserer eigenen Heimat:Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.Wie steht es in England?Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.[pg 293]Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage![pg 294]

[pg 259]Angriff auf ItalienTrotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war[pg 260]einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.[pg 261]Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durch[pg 262]schlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.[pg 263]So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.[pg 264]Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917Im WestenWährend wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.[pg 268]Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.Auf dem BalkanAngriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.[pg 269]In AsienIch wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig![pg 277]Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können![pg 278]Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.[pg 279]So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.Und nun zu unserer eigenen Heimat:Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.Wie steht es in England?Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.[pg 293]Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage![pg 294]

[pg 259]Angriff auf ItalienTrotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war[pg 260]einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.[pg 261]Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durch[pg 262]schlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.[pg 263]So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.[pg 264]Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917Im WestenWährend wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.[pg 268]Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.Auf dem BalkanAngriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.[pg 269]In AsienIch wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig![pg 277]Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können![pg 278]Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.[pg 279]So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.Und nun zu unserer eigenen Heimat:Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.Wie steht es in England?Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.[pg 293]Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage![pg 294]

[pg 259]Angriff auf ItalienTrotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war[pg 260]einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.[pg 261]Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durch[pg 262]schlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.[pg 263]So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.

Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war[pg 260]einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.

Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.

Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!

Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durch[pg 262]schlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.

Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.

So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.

[pg 264]Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917Im WestenWährend wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.[pg 268]Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.Auf dem BalkanAngriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.[pg 269]In AsienIch wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig![pg 277]Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können![pg 278]Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.[pg 279]So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.Und nun zu unserer eigenen Heimat:Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.Wie steht es in England?Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.[pg 293]Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!

Im WestenWährend wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.[pg 268]Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.

Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.

Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.

Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das[pg 265]Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.

Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.

Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.

Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien[pg 266]gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.

Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.

Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl[pg 267]wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.

Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.

Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.

Auf dem BalkanAngriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.

Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.

Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.

[pg 269]In AsienIch wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig!

Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.

Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.

Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die[pg 270]Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.

Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“

War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende[pg 271]Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.

Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.

Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“

Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.

Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei[pg 272]Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.

Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.

Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.

Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden.[pg 273]Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.

Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.

General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder[pg 274]fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.

Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.

Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten,[pg 275]anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.

Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern[pg 276]zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.

Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.

Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.

Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig!

[pg 277]Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können![pg 278]Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.[pg 279]So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.Und nun zu unserer eigenen Heimat:Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.Wie steht es in England?Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.[pg 293]Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!

Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.

„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können!

Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.

So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben[pg 280]sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.

Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!

Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden,[pg 281]straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.

Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft,[pg 282]scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.

Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er[pg 283]scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!

Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder,[pg 284]daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.

Und nun zu unserer eigenen Heimat:

Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß[pg 285]wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.

Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.

Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.

Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder[pg 286]diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.

Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.

Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber[pg 287]unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.

Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.

Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.

Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.

Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland[pg 288]wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.

Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.

Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:

Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!

Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den[pg 289]Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?

Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.

Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.

Wie steht es in England?

Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort,[pg 290]es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.

Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch[pg 291]die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.

Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.

Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.

So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.

Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch[pg 292]zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“

Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:

Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.

Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.

Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“

Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!


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