Der Feldzug in Polen

[pg 100]Der Feldzug in PolenAbschied von der achten ArmeeAnfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...[pg 101]Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:13. September 14.„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“Also doch! – –Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt![pg 104]Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.Der VormarschWir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.[pg 109]Der RückzugWas wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.Unser GegenangriffDer neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.[pg 115]Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

[pg 100]Der Feldzug in PolenAbschied von der achten ArmeeAnfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...[pg 101]Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:13. September 14.„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“Also doch! – –Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt![pg 104]Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.Der VormarschWir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.[pg 109]Der RückzugWas wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.Unser GegenangriffDer neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.[pg 115]Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

[pg 100]Der Feldzug in PolenAbschied von der achten ArmeeAnfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...[pg 101]Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:13. September 14.„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“Also doch! – –Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt![pg 104]Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.Der VormarschWir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.[pg 109]Der RückzugWas wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.Unser GegenangriffDer neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.[pg 115]Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

[pg 100]Der Feldzug in PolenAbschied von der achten ArmeeAnfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...[pg 101]Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:13. September 14.„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“Also doch! – –Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt![pg 104]Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.Der VormarschWir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.[pg 109]Der RückzugWas wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.Unser GegenangriffDer neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.[pg 115]Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

Abschied von der achten ArmeeAnfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...[pg 101]Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:13. September 14.„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“Also doch! – –Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt![pg 104]Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.

Anfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.

Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:

Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:

„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“

Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.

Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:

„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...

Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:

13. September 14.

„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“

Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.

Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:

„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.

Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...

Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“

Also doch! – –

Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten[pg 102]kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!

Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.

Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewähr[pg 103]tes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.

Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:

Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!

Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.

Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.

Der VormarschWir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.

Wir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“

Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“

Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“

Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.

Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt[pg 105]quartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.

Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.

Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als[pg 106]besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.

Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.

Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches[pg 107]Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.

Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!

Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich[pg 108]von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.

War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Malein praxiunmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.

Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.

[pg 109]Der RückzugWas wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.

Was wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher ge[pg 110]schützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.

Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.

Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das[pg 111]reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.

Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die[pg 112]Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.

An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.

Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.

Unser GegenangriffDer neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.[pg 115]Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

Der neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine[pg 113]ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.

Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte,[pg 114]wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.

Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.

Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!

Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.

In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!

Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.

Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche[pg 116]mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.

Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?


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