[pg 48]FriedensarbeitMit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brach[pg 49]ten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug[pg 50]alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben.Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.[pg 51]Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in meine Heimatsprovinz.[pg 52]Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich[pg 53]selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr in den Generalstab brachte.Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber[pg 54]außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische Armee.Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte.Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus[pg 55]persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das sind elf Worte.Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für Humor.Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch[pg 56]hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte.Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden daher in[pg 57]Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht.Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde.In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese Veränderung auf den Umstand,[pg 58]daß mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef.So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde.Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps ritter[pg 59]lichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durchà la suite-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern.Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder Undank.Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort vielefroheStunden.Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom[pg 60]Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet.Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt.Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs[pg 61]wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief.Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes Amt niederlegte.Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen Sache, obgleich er mir im[pg 62]Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war.Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam.[pg 63]Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.[pg 64]Übergang in den RuhestandMit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat.Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor[pg 65]den Künsteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen[pg 66]Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und konnten.Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen.Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich sagte: „Ich will.“Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß[pg 67]wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen![pg 68]
[pg 48]FriedensarbeitMit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brach[pg 49]ten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug[pg 50]alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben.Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.[pg 51]Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in meine Heimatsprovinz.[pg 52]Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich[pg 53]selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr in den Generalstab brachte.Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber[pg 54]außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische Armee.Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte.Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus[pg 55]persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das sind elf Worte.Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für Humor.Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch[pg 56]hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte.Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden daher in[pg 57]Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht.Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde.In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese Veränderung auf den Umstand,[pg 58]daß mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef.So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde.Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps ritter[pg 59]lichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durchà la suite-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern.Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder Undank.Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort vielefroheStunden.Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom[pg 60]Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet.Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt.Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs[pg 61]wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief.Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes Amt niederlegte.Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen Sache, obgleich er mir im[pg 62]Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war.Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam.[pg 63]Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.[pg 64]Übergang in den RuhestandMit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat.Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor[pg 65]den Künsteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen[pg 66]Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und konnten.Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen.Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich sagte: „Ich will.“Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß[pg 67]wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen![pg 68]
[pg 48]FriedensarbeitMit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brach[pg 49]ten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug[pg 50]alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben.Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.[pg 51]Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in meine Heimatsprovinz.[pg 52]Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich[pg 53]selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr in den Generalstab brachte.Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber[pg 54]außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische Armee.Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte.Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus[pg 55]persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das sind elf Worte.Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für Humor.Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch[pg 56]hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte.Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden daher in[pg 57]Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht.Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde.In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese Veränderung auf den Umstand,[pg 58]daß mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef.So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde.Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps ritter[pg 59]lichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durchà la suite-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern.Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder Undank.Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort vielefroheStunden.Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom[pg 60]Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet.Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt.Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs[pg 61]wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief.Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes Amt niederlegte.Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen Sache, obgleich er mir im[pg 62]Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war.Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam.[pg 63]Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.[pg 64]Übergang in den RuhestandMit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat.Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor[pg 65]den Künsteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen[pg 66]Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und konnten.Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen.Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich sagte: „Ich will.“Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß[pg 67]wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen![pg 68]
[pg 48]FriedensarbeitMit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brach[pg 49]ten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug[pg 50]alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben.Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.[pg 51]Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in meine Heimatsprovinz.[pg 52]Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich[pg 53]selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr in den Generalstab brachte.Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber[pg 54]außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische Armee.Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte.Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus[pg 55]persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das sind elf Worte.Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für Humor.Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch[pg 56]hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte.Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden daher in[pg 57]Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht.Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde.In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese Veränderung auf den Umstand,[pg 58]daß mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef.So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde.Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps ritter[pg 59]lichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durchà la suite-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern.Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder Undank.Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort vielefroheStunden.Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom[pg 60]Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet.Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt.Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs[pg 61]wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief.Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes Amt niederlegte.Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen Sache, obgleich er mir im[pg 62]Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war.Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam.[pg 63]Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.
Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.
Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.
Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brach[pg 49]ten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.
Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.
Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.
Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.
Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug[pg 50]alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.
Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben.
Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.
Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.[pg 51]Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.
Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.
Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.
1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in meine Heimatsprovinz.
Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.
Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.
Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich[pg 53]selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!
Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr in den Generalstab brachte.
Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber[pg 54]außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.
An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische Armee.
Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte.
Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus[pg 55]persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.
Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das sind elf Worte.
Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für Humor.
Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch[pg 56]hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.
Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte.
Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.
Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden daher in[pg 57]Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.
Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.
Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht.
Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde.
In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese Veränderung auf den Umstand,[pg 58]daß mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef.
So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde.
Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.
Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.
So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.
Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps ritter[pg 59]lichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.
Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durchà la suite-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern.
Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder Undank.
Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort vielefroheStunden.
Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom[pg 60]Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.
Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.
Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet.
Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt.
Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.
In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs[pg 61]wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.
Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief.
Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes Amt niederlegte.
Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.
In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.
Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen Sache, obgleich er mir im[pg 62]Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.
Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war.
Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.
Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam.
Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.
Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.
Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.
[pg 64]Übergang in den RuhestandMit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat.Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor[pg 65]den Künsteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen[pg 66]Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und konnten.Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen.Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich sagte: „Ich will.“Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß[pg 67]wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen![pg 68]
Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat.
Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.
In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor[pg 65]den Künsteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.
Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen[pg 66]Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und konnten.
Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen.
Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich sagte: „Ich will.“
Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß[pg 67]wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.
Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen!