Im Angriff gescheitert

[pg 339]Im Angriff gescheitertDer Plan zur Schlacht bei ReimsDie Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.[pg 340]An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.Die Schlacht bei ReimsIn den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.[pg 345]Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.[pg 347]Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.[pg 354]Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.

[pg 339]Im Angriff gescheitertDer Plan zur Schlacht bei ReimsDie Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.[pg 340]An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.Die Schlacht bei ReimsIn den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.[pg 345]Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.[pg 347]Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.[pg 354]Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.

[pg 339]Im Angriff gescheitertDer Plan zur Schlacht bei ReimsDie Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.[pg 340]An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.Die Schlacht bei ReimsIn den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.[pg 345]Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.[pg 347]Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.[pg 354]Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.

[pg 339]Im Angriff gescheitertDer Plan zur Schlacht bei ReimsDie Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.[pg 340]An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.Die Schlacht bei ReimsIn den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.[pg 345]Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.[pg 347]Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.[pg 354]Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.

Der Plan zur Schlacht bei ReimsDie Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.[pg 340]An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.

Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen mußte.

Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.

An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen wieder zu entziehen.

Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft.

Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff übergehen würde.

Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen.

Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö[pg 341]sischen und englischen Front verschoben werden. Der Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende Verhältnisse veranlaßt wurde.

Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich.

Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.

Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des[pg 342]Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.

Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.

An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern[pg 343]gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen.

Die Schlacht bei ReimsIn den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.[pg 345]Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.[pg 347]Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.[pg 354]Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.

In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.

Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zer[pg 344]trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung.

Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet.

Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unverändert.

Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.

Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag.

Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.[pg 346]Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner.

Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt werden.

Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher Vorbereitung.

Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.

In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.

Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.

Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe für durchaus ge[pg 348]wachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.

Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.

Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der[pg 349]Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.

Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.

Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um[pg 350]den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne.

Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.

Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens in die[pg 351]Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.

So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.

Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.

Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen.[pg 352]Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten.

Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.

Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.

Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und[pg 353]Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.

Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner Täuschung hingeben.

Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.

Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.

Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstört!

Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten.


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