[pg 199]Meine Stellung zu politischen FragenÄußere PolitikDie Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?Die FriedensfrageMitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.Innere PolitikDen Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
[pg 199]Meine Stellung zu politischen FragenÄußere PolitikDie Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?Die FriedensfrageMitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.Innere PolitikDen Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
[pg 199]Meine Stellung zu politischen FragenÄußere PolitikDie Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?Die FriedensfrageMitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.Innere PolitikDen Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
[pg 199]Meine Stellung zu politischen FragenÄußere PolitikDie Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?Die FriedensfrageMitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.Innere PolitikDen Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
Äußere PolitikDie Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?
Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk[pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.
Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:
„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“
Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.
Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.
Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.
Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von[pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.
Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns insich.Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.
Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland[pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.
Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.
Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.
Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete[pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.
Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.
Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.
Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.
Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.
Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:
Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.
Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.
In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.
Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.
Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.
Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung[pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.
Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.
Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.
Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.
Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.
Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?
Die FriedensfrageMitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei[pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.
Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.
Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der[pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.
Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als[pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.
Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem[pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.
Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
Innere PolitikDen Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.
Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.
Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.
Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.
An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der[pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.
Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung[pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.
So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!